Deutschlands Mitte - Kleine Orte, große Zentren

Das Bauhaus in Dessau zeigt, dass auch die Wiege der Moderne in Mitteldeutschland stand.

15.01.2011

Deutschlands Mitte

Kleine Orte, große Zentren

Eckhard Fuhr

Es gibt verschiedene Methoden, den geografischen Mittelpunkt eines Landes zu bestimmen. Deshalb beanspruchen auch mehrere Orte in Deutschland, dieser Mittelpunkt zu sein. Sie liegen allerdings nicht allzu weit voneinander entfernt. Weil wir unser mathematisches Vorstellungsvermögen nicht überfordern wollen, entscheiden wir uns für die simpelste Methode und bilden das Mittel der Koordinaten des nördlichsten, des südlichsten, des westlichsten und des östlichsten Punktes Deutschlands. Wir kommen so zu einem Ort, dessen Koordinaten 51 Grad, 10 Minuten nördlicher Breite und 10 Grad, 27 Minuten östlicher Länge lauten. Er liegt etwa 500 Meter nördlich der Gemeinde Niederdorla im thüringischen Unstrut-Hainich-Kreis. Im Deutschen Reich in den Grenzen von 1937 lag dieser so berechnete Mittelpunkt in Spremberg in der Niederlausitz, also jener Gegend, von der aus heute die Wölfe das Land wieder erobern. Die Mitte der alten Bundesrepublik befand sich in Rennerod im Westerwald, die der DDR in Belzig im südbrandenburgischen Fläming.

Mit der Vereinigung von Bundesrepublik und DDR liegt also der geografische Mittelpunkt zum ersten Mal in jener historischen Landschaft, die man seit alters her als „Mitteldeutschland“ bezeichnet. Man könnte daraus den Schluss ziehen, dass Deutschland erst 1990 gewissermaßen zu sich selbst gekommen ist und seine wahre Mitte und die ihm angemessenen Proportionen gefunden hat. Betrachtet man die neue Bundesrepublik auf der Landkarte, präsentiert sie sich als ziemlich kompaktes Staatsgebilde in der Mitte Europas in allseits anerkannten Grenzen. Aus dem ruhelosen Reich und dem an der Frontlinie der Nachkriegsmachtblöcke zerrissenen Land ist ein demokratischer Nationalstaat in einem befriedeten Europa geworden.

Als die Niederdorlaer kurz nach der Wiedervereinigung erfuhren, dass der neue Mittelpunkt Deutschlands in ihrer Gemarkung liegt, setzten sie dort einen Stein und eine Kaiserlinde. Es ist ein Zufall, wer aber dafür empfänglich ist, der mag magische Mächte darin am Werke sehen, dass in unmittelbarer Nachbarschaft zu Stein und Linde das „Opfermoor“ die Aufmerksamkeit des Reisenden beansprucht, eine über viele Jahrhunderte genutzte keltische und germanische Opferstätte. Die neue Mitte und die nebelhaften Urgründe der deutschen Geschichte, sie berühren sich hier in der thüringischen Idylle zumindest auf der touristischen Landkarte.

Kraftquellen in der Provinz

Schlägt man um Niederdorla einen Zirkel im Radius von etwa 100 Kilometern, erfasst man ein Gebiet, welches den größten Teil des Bundeslandes Thüringen sowie Teile Hessens, Niedersachsens, Sachen-Anhalts und Sachsens umfasst. Eine Metropole sucht man hier vergebens. Leipzig, das am ehesten noch den Rang einer wirklichen Großstadt beanspruchen kann, liegt am Rand, ebenso wie Kassel oder Magdeburg. Die Mitte Deutschlands ist eine Landschaft der Klein- und Mittelstädte. Aber man muss nur einige Namen nennen, um jeden Verdacht von Krähwinkelhaftigkeit und Provinzialismus beiseite zu wischen und sich klar zu machen, dass hier in der mitteldeutschen Provinz die Kraftquellen der deutschen Kultur sprudelten: Weimar, Jena, Eisenach, die Wartburg, Wittenberg, Dessau. Die Reformation und die von Martin Luther geschaffene moderne deutsche Sprache haben hier ihre Wurzeln. Johann Sebastian Bach revolutionierte die Musik. Als literarische Landschaft der deutschen Klassik und Romantik ist Mitteldeutschland in wenigen Worten gar nicht auszumessen. Und mit dem Bauhaus entfaltete auch die Moderne von hier und nicht von Berlin aus ihre noch unseren heutigen Alltag bestimmende Wirkung. Der borussisch-kleindeutsche Historiker Heinrich von Treitschke konstatierte etwas verwundert, dass diese historische Landschaft für die Entwicklung des Staatswesens rein gar nichts, kulturell aber „Beträchtliches“ hervor gebracht habe. Die in der Mitte besonders ausgeprägte deutsche Kleinstaaterei war für die Kultur ein günstiges Biotop. Daraus speisen sich heute noch der kulturföderalistische Stolz in Deutschland und das immer noch wache Misstrauen gegen jede Metropolenvergötzung. Letztlich aber bleibt es doch ein Rätsel, wie ein Residenznest wie Weimar zu einer literarischen Welthauptstadt werden konnte.

Man muss, gegen Treitschke, Mitteldeutschland allerdings in Schutz nehmen gegen den Vorwurf, es sei politisch, im Hinblick auf die „Entwicklung des Staatswesens“, gewissermaßen impotent gewesen. Diese Einschätzung ist etatistischer Borniertheit geschuldet. Leipzig und Eisenach und Gotha und Erfurt – das waren die Gründungsorte der deutschen Sozialdemokratie. Hier konstituierten sich der Allgemeine deutsche Arbeiterverein Ferdinand Lassalles und die Sozialdemokratische Arbeiterpartei August Bebels, hier fanden sie zusammen, und hier formten sie sich aus der kleinräumigen Welt des Handwerks und Kleingewerbes, der Bildungsvereine und Selbsthilfegenossenschaften heraus zu einem schlagkräftigen politischen Verband, der im 20. Jahrhundert von Anhängern und Gegnern in aller Welt als Modell einer politischen Partei der industriellen Moderne betrachtet wurde. Man könnte fragen, wo ein größerer Beitrag zur Entwicklung unseres Staatswesens geleistet wurde. Der Weg zur Macht in Berlin und zum „roten Preußen“, das einer der wenigen Stabilitätspfeiler der fragilen Weimarer Demokratie war, führte durch die mitteldeutsche Provinz. Ob der sozialdemokratische Bürgermeister von Niederdorla sich dieser großen Geschichte bewusst ist, wissen wir nicht.

Zentrum kultureller Distribution

Welche Rolle spielt die Mitte heute im deutschen Bewusstsein? Zunächst einmal ist sie Durchreiseland für alle diejenigen, die von den Großstädten des Südens und Westens nach Berlin wollen. Von Frankfurt aus muss man sich entscheiden, ob man mit dem Auto den Weg über Kassel, Salzgitter, Helmstedt und Magdeburg nimmt oder am Kirchheimer Dreieck auf die Bundesautobahn A4 abbiegt. Das ist die kürzere Strecke. Gleich hinter Bad Hersfeld, noch im Hessischen, kann man die gewaltigen Bücherscheunen von Libri und Amazon sehen. Das ist ein Zeichen dafür, dass zumindest die Kulturlogistiker die Bedeutung der Mitte erfasst haben. Von hier aus erreicht – fast – jedes Buch, jede CD oder DVD binnen 24 Stunden jede Buchhandlung und jeden Privathaushalt. Das Zentrum kultureller Distribution liegt in der mitteldeutschen Provinz.

Folgt man der A4, reihen sich Eisenach, Gotha, Erfurt und Jena wie auf einer Perlenkette bis zum Hermsdorfer Kreuz, wo sich die Verkehrsströme aus dem Westen mit denen aus dem Süden, aus München und Nürnberg, vereinen und sich in die A9 ergießen. Die passiert Naumburg und Wittenberg, die Bauhausstadt Dessau und das Gartenreich Wörlitz, bevor sie im Fläming das Brandenburgische erreicht. Dann sind es noch 100 Kilometer bis Berlin. Wer als kultureller Flaneur diese Strecke bewältigen und ausschöpfen wollte, was die an ihr gelegenen Orte kulturgeschichtlich zu bieten haben, er müsste Monate, besser Jahre dafür veranschlagen. Meistens aber bleibt es bei der Passage. Wer nimmt sich schon die Zeit, zum Beispiel einen Abstecher nach Rudolstadt zu machen, dem Urbild einer pittoresken Miniresidenz, wo Schiller einen amourösen Sommer verbrachte?

Drohende Ausdünnung

Der Freistaat Thüringen wirbt an der Autobahn mit dem Slogan „Sie sind angekommen“. Es kommen also wohl zu wenige dauerhaft hier an. Der Sog der wirtschaftlichen Zentren Deutschlands lichtet die Mitte. Es besteht die Gefahr, dass ihre unvergleichlich reiche und dichte Kulturlandschaft zum Freilichtmuseum wird. Die Kulturpolitik hält trotzig dagegen, wohl wissend, dass Kulturtourismus eines der wenigen wirtschaftlichen Wachstumsfelder ist. Thüringen will das Land mit der größten Theaterdichte bleiben, und wunderbarer Weise wird immer noch nicht nur in Weimar oder Erfurt, sondern auch in Meiningen, Greiz und Altenburg gespielt, gesungen und getanzt. Die Kulturpolitik des Bundes weiß um ihre Verpflichtung, nicht nur in der Hauptstadt Berlin, sondern vor allem auch in den neuen Ländern das kulturelle Erbe zu sichern. Die Klassikstiftung Weimar oder die Bauhausstiftung Dessau sind herausragende Beispiele dieses nationalen Engagements. Die Mitte ist also politisch nicht vergessen. Aber man wird doch den Eindruck nicht los, dass gerade die kulturellen Akteure und auch das gebildete Publikum ihr eher pflichtgemäß die Reverenz erweisen. Die Kreativen zieht es nach Berlin, die angeblich brodelnde Metropole. Und wenn sie davon genug haben, suchen sie sich in der Uckermark, in Mecklenburg oder in Vorpommern irgendein altes Gemäuer. Hier, wo Deutschland ohnehin dünn besiedelt unter einem schönen weiten Himmel liegt, gibt es bald mehr Musikfestivals und Kunstscheunen als Einwohner. Aber wer geht nach Thüringen?

Nein, wir wollen die Sache jetzt nicht schlimmer darstellen als sie ist. Als in Weimar die Anna-Amalia-Bibliothek brannte, da spürte das ganze Land den Schmerz. Die Welle der Hilfsbereitschaft war überwältigend. Das ging ans Innerste. Als das Kölner Stadtarchiv im Boden versank – mit weitaus größeren Kulturverlusten –, da schüttelte Deutschland nur den Kopf. Das sollen die Kölner jetzt bitte nicht missverstehen. Es soll nur zeigen, dass es immer noch etwas Besonderes auf sich hat mit Deutschlands Mitte. 

 

Erschienen in Rotary Magazin 1/2011

Eckhard Fuhr
Eckhard Fuhr ist Kultur-Chefkorrespondent der „Welt“-Gruppe. Zu seinen Büchern gehört u.a. „Wo wir uns finden. Die Berliner Republik als Vaterland“ (Berliner Taschenbuchverlag 2007). n diesem Herbst erschien „Rückkehr der Wölfe. Wie ein Heimkehrer unser Leben verändert“ (Riemann-Verlag).

     

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