15.10.2014

die Gesellschaftliche Relevanz des Waidwerks – und die Aufgaben, denen sich die Jägerschaft stellen muss

Lob der Jagd

Eckhard Fuhr

Obwohl die Jagd die älteste Art der Nahrungsbeschaffung des Menschen ist, steht sie in jüngster Zeit unter massivem Druck. Die Beiträge des Titelthemas im Oktober setzen sich mit der Kritik der Tierschützer auseinander. Sie erläutern, warum Jagd notwendig ist, und hinterfragen zugleich, was sich an der traditionellen Art des Jagens ändern muss, damit das Waidwerk eine Zukunft hat.

Ist die Jagd noch zeitgemäß? Wäre es nicht langsam an der Zeit, sie als archaisches Relikt unserer biologischen und kulturellen Evolution zu begraben? Sind die Jäger als Regulatoren in der Natur nicht völlig überflüssig, da die Natur doch alles von selbst regelt? Und überhaupt: Wie kann es erlaubt sein, Tiere, also Mitgeschöpfe, als Freizeitvergnügen zu töten? Jagd passe nicht mehr in unsere modernen, aufgeklärten Zeiten, sie sei sinnlos, ein verachtenswerter „Blutsport“, sagen die Jagdgegner und fordern eine „Natur ohne Jagd“. Manche denken dabei auch an eine Gesellschaft ohne Jäger und nehmen es zumindest in Kauf, dass sie jagende Mitmenschen in Lebensgefahr bringen, wenn sie Hochsitze ansägen. Die Jagd polarisiert und emotionalisiert. Aber manchmal kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass gerade in den Medien vom Lärm, den die radikalen Jagdkritiker veranstalteten, auf die Relevanz und Akzeptanz dieser Position geschlossen wird. Repräsentative Umfragen haben bisher noch nie eine breite, gar mehrheitliche Jagdgegnerschaft in der Bevölkerung zutage gebracht. Und das deckt sich mit meinen persönlichen Erfahrungen.


Wald- und Szenegänger

Ich wohne im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg und habe eine Jagdmöglichkeit in den ehemaligen Rieselfeldern von Pankow, fast vor der Haustür. Für dieses Gebiet besitze ich eine Jagderlaubnis der Berliner Forsten. Auf den Straßen meines Viertels sind am frühen Morgen die letzten Nachtschwärmer unterwegs. Selten ernte ich verdutzte Blicke, wenn ich mit Hund, Fernglas und Gewehr zu meinem Auto gehe. Noch nie bin ich angepöbelt worden. Berlin ist so voll schräger Gestalten, dass ich offenbar nicht weiter auffalle. Oder könnte es gar sein, das selbst die hauptstädtischen Szenegänger, denen Wald, Wild und Jagd doch wahrscheinlich eher fremd sind, es als ganz normal empfinden, wenn da einer im Morgengrauen zum Jagen geht?


Wenn ich Glück habe, verläuft solch ein Morgen im Frühherbst so: Noch bei Dunkelheit erklimme ich einen der Hochsitze und muss nicht lange warten. Aus einem Feldgehölz tritt im ersten Tageslicht eine Rehricke mit ihrem Kitz auf die vor mir liegende Wiese. Wenn ich jetzt schieße, dann erst das Kitz und dann seine Mutter. So lautet die Regel. Rehkitze sind im Herbst keine weiß gefleckten Bambis mehr. Das Kindchenschema ist kaum noch ausgeprägt. Vor mir steht der zarteste Braten, den man sich vorstellen kann. Das Fadenkreuz meines Zielfernrohrs steht ruhig hinter dem Schulterblatt des Kitzes. Den Schuss hört es nicht mehr. Als seine Mutter nach einigen Sätzen noch einmal verhofft, schieße ich sie auch tot. Das Forstamt verlangt von jedem Jäger einen Mindestabschuss. Will man den erfüllen, muss man jede Gelegenheit nutzen. Außerdem ist es besser, bei einer Jagd viel statt bei vielen Jagden wenig Beute zu machen. Das reduziert den Jagddruck auf das Wild, das sich bei hohem Jagddruck nahezu unsichtbar macht. Auch Nichtjäger haben aber Anspruch darauf, wild in freier Natur beobachten zu können. Es gehört zu unserer Kulturlandschaft.


Wenn ich nach der Jagd nach Hause komme, sind die Cafés in der Nachbarschaft schon von Latte-macchiato-Müttern bevölkert. In den Kinderwägen brabbeln Säuglinge. Prenzlauer Berg ist eine der kinderreichsten Gegenden Deutschlands. Milchiger Friede liegt über der Szenerie. Ich habe gerade zwei Rehe ausgeweidet und verberge meine noch etwas blutigen Hände diskret in den Hosentaschen. Was würde ich denn antworten, wenn eine dieser jungen Mütter mich zornig funkelnden Blickes fragte, ob ich nichts besseres zu tun habe, als eine Rehmama und ihr Kind zu morden? Nein, müsste ich antworten, das ist wirklich das Beste, was man tun kann. Und ich würde hinzufügen: Niemand liebt Rehe mehr als ich, lebende ebenso wie gebraten.


Ich töte nicht gedankenlos. Mir ist klar, dass ich nicht auf biomechanische Automaten schieße, sondern auf Lebewesen, zu denen der Mensch in den Jahrtausenden seiner Kulturgeschichte eine innige Beziehung entwickelt hat. Die Jagd ist ein wesentlicher, ja über die längste Zeit sogar der wesentliche Teil dieser Geschichte, wie Hermann Parzingers gerade erschienene „Geschichte der Menschheit bis zur Erfindung der Schrift“ (Verlag C.H. Beck) eindrucksvoll belegt. Ich bin mit vielen Tieren groß geworden, mit solchen, die meine Kumpane waren, und mit solchen, die gegessen wurden. Ich päppelte aus dem Nest gefallene Vögel auf und schoss mit dem Luftgewehr Stare aus den Obstbäumen, was damals noch erlaubt war. Früh gehörte das Hühnerschlachten zu meinen Aufgaben. Doch habe ich meine tiefe Empathie für Tiere und die frühe Gewöhnung daran, sie zu töten, nie als Widerspruch empfunden. Daran hat sich nichts geändert. Nie ist es mir in den Sinn gekommen, dass Jagd etwas Verwerfliches sein könnte. Allerdings: Gerade weil ich ein leidenschaftlicher Jäger bin und der Jagd die Zukunft offen halten will, gerate ich zunehmend in Widerspruch zu vielen Erscheinungen der Jagdpraxis in Deutschland und zur in der konservativen Mehrheit der Jäger immer noch vorherrschenden Jagdideologie vom patriarchalischen „Heger und Pfleger“, der in der Natur angeblich für „Gleichgewicht“ sorgt. Der Kult um die Trophäe, der entgegen allen Beteuerungen von Jagdfunktionären weithin immer noch geübt wird – der kapitale Bock, Keiler oder Hirsch steht nach wie vor im Zentrum des jagdlichen Denkens vieler Jäger – ist das deutlichste Zeichen dafür, dass die Jagd sich grundlegend wandeln muss, wenn sie Bestand haben soll.


 Nach meinem Verständnis ist die Jagd ein Handwerk, das als Teil der Land- und Forstwirtschaft eine wichtige Rolle spielt. Man muss zur Jagd nicht „berufen“ sein. Jeder kann dieses Handwerk lernen. Und immer mehr wollen das auch tun. Mit mehr als 360.000 Jagdscheininhabern gibt es heute so viele Jäger in Deutschland wie noch nie. Etwa zehn Prozent davon sind Frauen. In den Vorbereitungskursen auf die Jägerprüfung liegt der Frauenanteil schon deutlich höher. Als Männerdomäne kann man die Jagd schon nicht mehr bezeichnen.


Relevanz für die Gesellschaft

Ich komme vom Land, ich lebe und arbeite zurzeit in der Stadt. Die Jagd ist die Nabelschnur, die mich mit meiner Herkunft verbindet. Durch sie erfahre ich, was auf dem Land, in der Land- und Forstwirtschaft geschieht. Das dürfte eigentlich keinem mündigen Staatsbürger gleichgültig sein, denn das, was auf mehr als 80 Prozent unserer Landesfläche getan oder unterlassen wird, entscheidet über die künftigen Lebensmöglichkeiten auch des urbansten Postmaterialisten und Internetbewohners. Nicht nur für den einzelnen Jäger ist die Jagd mehr als eine Nebensache. Sie ist für die gesamte Gesellschaft von einiger Relevanz, was auf dem Land den meisten noch klar ist, in den Großstädten aber in Vergessenheit zu geraten droht. Allerdings fordern viele Jäger das Fehlurteil, die Jagd sei ein absterbender Zweig der Folklore, dem man keine Träne nachweinen muss, durch ihr Verhalten geradezu heraus. Der von Forst- und Landwirtschaft, vom Naturschutz und weithin auch von der Politik gegen die Jäger vorgebrachte Vorwurf, sie erfüllten ihre wichtigste gesetzliche Aufgabe nicht, nämlich für Wildbestände zu sorgen, die den landeskulturellen Verhältnissen angepasst sind, ist leider nicht ganz unberechtigt. Die Jagdstrecken bei wild lebenden Huftieren sind zwar in Deutschland so hoch wie noch nie seit es eine Jagdstatistik gibt. Jäger erlegen eine Million Rehe, eine halbe Million Wildschweine, mehr als 100.000 Stück Rot- und Damwild jährlich. Das ist ein Vielfaches dessen, was vor dem Krieg in Deutschland zur Strecke kam, zu dem damals noch Ostpreußen, Pommern und Schlesien gehörten, jagdliche Traumländer allesamt. Milde Winter, üppiger Stickstoff-eintrag in die Böden, die großen Sturmschäden der vergangenen Jahre mit ihrer Nachfolgevegetation, die explosionsartige Zunahme des Maisanbaus – all das hat die Lebensbedingungen der großen Pflanzenfresser, des „Schalenwilds“, optimiert. Wahrscheinlich ziehen heute so viele wild lebende Huftiere durch Deutschlands Wald und Flur wie noch nie in der Geschichte.


Aber ein Teil der Jägerschaft weigert sich immer noch, der Tatsache ins Auge zu sehen, dass wir in einer Schalenwildepoche leben und das Management dieses Wildes – ich spreche bewusst nicht von Jagd und Hege – die zentrale, über Sein und Nichtsein der Jagd entscheidende Aufgabe ist. Dabei sind widerstreitende, jedoch gleichermaßen berechtigte Interessen der Land- und Forstwirtschaft, des Naturschutzes, des Tourismus und auch der Jagd zu berücksichtigen. Übermäßige Wildschäden müssen verhindert werden, das Wild soll sichtbar bleiben und nicht durch permanenten Jagddruck in die Nachtaktivität gedrängt, und es soll so bejagt werden, dass sein Fleisch als hochwertiges, ethisch einwandfrei erzeugtes Lebensmittel genutzt werden kann. Das gleicht der Quadratur des Zirkels. Aber es zeigt die Komplexität der Aufgaben, vor denen die Jagd steht.


Nichts deutet darauf hin, dass die Jagd überflüssig werden könnte. Auch die zum Glück sich bei uns wieder ausbreitenden Wölfe werden die Jäger nicht arbeitslos machen, sondern ihnen höchstens einen Teil der Arbeit abnehmen. Dem gesetzlich vorgegebenen Ziel, gesunde und vitale Wildbestände zu erhalten, dient ihre instinktsichere Jagd auf jeden Fall. Aber auch wenn das vom Bundesamt für Naturschutz theoretisch errechnete Maximum von 440 Wolfsrudeln in Deutschland tatsächlich erreicht würde, wäre das für die menschlichen Jäger kein Anlass, die Büchse im Schrank zu lassen. Unsere hoch produktive Kulturlandschaft bringt so viel Biomasse in Form von Rehen, Hirschen und Wildschweinen hervor, dass es für alle reicht. Der Wahnvorstellung allerdings, der Mensch könne durch seine vor allem am Kopfschmuck der männlichen Tiere orientierten Selektionskriterien „verbessernd“ auf den Wildbestand einwirken, bereiten die Wölfe endlich ein Ende.

Erschienen in Rotary Magazin 10/2014

Eckhard Fuhr
Eckhard Fuhr ist Kultur-Chefkorrespondent der „Welt“-Gruppe. Zu seinen Büchern gehört u.a. „Wo wir uns finden. Die Berliner Republik als Vaterland“ (Berliner Taschenbuchverlag 2007). n diesem Herbst erschien „Rückkehr der Wölfe. Wie ein Heimkehrer unser Leben verändert“ (Riemann-Verlag).

     

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