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Buch der Woche

Wie man in modernen Städten lebt

Buch der Woche  - Wie man in modernen Städten lebt

»Die Sünde ist aus der Stadt verbannt, die Schönheit auch, und das Interessante ging mit beidem verloren«, schreibt Hannelore Schlaffer in »Die City – Straßenleben in der geplanten Stadt«. Für ihren bei zu Klampen erschienenen Essayband hat die Germanistin den Preis »Das politische Buch« 2014 der Friedrich-Ebert-Stiftung erhalten. Unser Buch der Woche als exklusive Leseprobe.

14.03.2014

Man reiste früher nach Paris nicht nur wegen Notre Dame, dem Louvre und dem Eiffelturm. Eine ebenso wichtige Sehenswürdigkeit wie die historischen Kunstschätze war der Clochard. Jean Gabin warb mit seinem Film »Archimède le clochard« (dt. »Im Kittchen ist kein Zimmer frei«) so gut für Paris wie die Mona Lisa. Die Poesie des Clochards gab jedem Platz der französischen Metropole einen eigenen Charme. Die Studenten von 68, die es in die »Hauptstadt des 19. Jahrhunderts« zog, kopierten diese Figur, ungekämmt und heruntergekommen, und lockten durch ihr Plädoyer für soziale Gerechtigkeit ähnliche Typen in Scharen in die deutschen Innenstädte.

Heute gibt es in der City weder Gammler noch andere Originale oder Sonderlinge. Wo wäre der seriöse Herr, die feine Dame, wo der Angeber, der Geck, das beschwipste Paar? Und wo sind die beklagenswerteren Existenzen, die Krüppel, Bettler, Tippelbrüder, Straßenhändler? Wo die Handwerker, Schuster, Schneider, Schmiede, die das Straßenbild durch ihre Arbeit belebten? Sie alle wohnten einst in der Stadt zusammen mit armen und reichen Müßiggängern, sie alle waren Chargen im Straßentheater. Inzwischen hat das organisierte Mitleid die Bedauernswerten eingesammelt und in für sie geeignete Ressorts ausgesiedelt; die Schönen, Reichen, Eitlen hat der demokratische Neid vertrieben, die Handarbeiter und kleinen Ladenbesitzer die Ökonomie. Aber auch die unterhaltsamen Ausrutscher in Kleidung und Benehmen, die jedem unterlaufen könnten, lässt die Sitte – oder ist es die Hygiene? – nicht gelten, nicht die Säufer, Anrempler, Anpöbler und Schreihälse. Die Sünde ist aus der Stadt verbannt, die Schönheit auch, und das Interessante ging mit beidem verloren. Henri Cartier-Bresson hätte es heute schwer, eine europäische Stadt zu finden, deren Personal er durch seine Fotografie poetisieren könnte.

Wer aus S-Bahn und Parkhaus kommt und sich zum Stadtbesuch aufmacht, ist bestrebt, so unauffällig auszusehen wie möglich und sich so gesittet zu benehmen wie am Arbeitsplatz. Sneakers, Jeans, Hemd und T-Shirt sind die demokratische Uniform par excellence. Der Herrenanzug, zur Mittagszeit häufiger zu sehen, bedeutet keinen höheren Rang; er erzählt, das weiß jeder, von nichts als Angestelltenpflicht und wird in der Freizeit schnellstens abgelegt. Die Stadt ist zur demokratischen Landschaft ohne Statussymbole geworden. Die Oberschicht tritt unauffällig auf, die Unterschicht wahrt den Anstand. Rücksichtnahme und Toleranz unter Gleichen, und zwar in einem sehr hohen Grade, sind die ersten Gebote für das Leben in der City, und dieses Grundgesetz folgt der demokratischen Verfassung: Auf der Straße sind alle Menschen gleich.

Die Innenstadt hat die Aufgabe der Disziplinierung ihrer Besucher übernommen  Sie ist eine Schule des guten Benehmens, in der durch leise Taktiken Dezenz eingeübt wird. Schon auf dem Weg in die Stadt wird solche Diszipliniertheit eingeübt. Wer in der S-Bahn eine halbe Stunde lang aufrecht und steif fremden Menschen gegenübersitzt oder sein Auto zentimetergenau in eine Parklücke rangiert hat, ist auf die geordnete Enge der Innenstadt gut vorbereitet. Bänke auf den Straßen, unbezahltes Ausruhen, soll es dort nicht geben, Müßiggang, Herumlungern erst recht nicht. In der City findet sich kaum ein Platz, an dem man sitzen könnte, ohne zu konsumieren und zu zahlen. Mit der Ordnung der Sitzplätze in Cafés und Bistros beginnt die Disziplin. Die Stühle der Bistros stehen in Reih und Glied wie in einer Mensa oder Kantine, die Gäste sitzen einander Aug’ in Auge gegenüber, ohne Blick für ihre Umgebung, die Stadt. Ihre »Aufgabe« ist es zu konsumieren, nicht zu schauen.

Auch das Charivari der Jugend an Wochenenden und in lauen Sommernächten, exzessives Trinken, Lärmen bis in die tiefe Nacht hinein, das Hinterlassen von Müll, gehorcht, allem Anschein zum Trotz, dennoch dem Gesetz der Ordnung. Auch dieser Aufstand gegen die gute Sitte hat seine festen Zeiten, seine festen Rituale und seine vorhersehbaren Katastrophen. Solche ungeplanten Ausnahmesituationen unterscheiden sich wenig von den geplanten, den Stadtfesten, Langen Nächten der Museen, dem Public Viewing, den Popkonzerten mitten in der Stadt. Sie sind von der Stadtverwaltung angeordnete Turbulenzen, bürgerliche Äquivalenzen zur jugendlichen Saturday Night. Auf zeitlichen und räumlichen Chaos-Inseln finden Gegenfeste statt, bei denen die Großstadt ein wenig Buntheit und Poesie entfaltet. Sie bestätigen die Ordnung nur, die der nächste Tag wieder ans Licht bringt.

Diese Ordnung entspricht einem neuen Begriff von Urbanität: Er richtet sich nicht mehr am Individuum, sondern am Kollektiv aus. Obgleich Straßen gerade über der Stammstrecke von S- und U-Bahn einigermaßen lang und breit sind, scheinen sie nicht, wie Haussmanns Boulevards, die Aufgabe zu haben, die Passanten möglichst lange aufeinander zuzuführen, so dass sie sich gegenseitig im Blick behalten, als Individuen studieren und kritisieren könnten. Wer sich als Original, als Schönheit, als Elegant geben möchte, dem bietet die meist überfüllte Straße, die noch dazu durch Restaurants und Cafés verstellt ist, keine Chance. Der Flaneur, dieser arrogante Einzelgänger, der als Beobachter auftrat, um beobachtet zu werden, würde heute entweder provozierend oder lächerlich wirken. Ein Dandy wie Beau Brummell, der die Straße brauchte, um den Stolz zu genießen, mit dem er entschied, wen er grüßte oder wen er »schnitt«, wäre undenkbar. Die City besucht keiner, um gesehen zu werden, und keiner, um zu sehen, denn er setzte sich dem Verdacht aus, seine Mitmenschen abschätzig zu beurteilen. Der Einzelne, der sich hervortun und das Straßenbild, das die anderen abgeben, beschreiben wollte, machte sich einer Sünde gegen das kollektive Glück schuldig.

Als Paar oder als Gruppe aufzutreten, das ist heute das Gesetz der Straße. Obgleich der Anteil der Singles in der Bevölkerung, zumal in der Innenstadt, zunimmt, prägen Paare und Gruppen das Straßenbild. Diese sind miteinander beschäftigt, und falls einer von ihnen allein gelassen wird, stellt er sofort über das Mobiltelefon den Kontakt mit einem imaginären Begleiter her. Der Einstieg in die anfahrende U-Bahn etwa geschieht, weil man sich gerade von der Gruppe, dem Partner verabschiedet hat, eilig, noch eiliger aber ist, sobald man sitzt, der Griff nach dem Mobiltelefon, um die neuesten Nachrichten von Freunden und Geschäftsfreunden zu überprüfen. Mit dem Headphone im Ohr und dem Handy vor Augen sind die wichtigsten Sinnesorgane zur Wahrnehmung der Umwelt blockiert. Welt kennenzulernen kann deshalb nicht das Ziel eines Stadtbesuchers sein, sein Ziel ist es viel mehr, mit Bekannten zu kommunizieren.

Die Stadtplaner legen großen Wert auf die Urbanität der von ihnen gebauten Anlagen. Sie verstehen darunter eine durch »funktionale Differenzierung gekennzeichnete Stadt«. Soziale und kulturelle Einrichtungen sollen sich miteinander vermischen, vor allem aber unterschiedliche soziale Milieus im Straßenleben auflockern , private und öffentliche Räume nebeneinander existieren lassen. Die Devise »Urbanität durch Dichte« aber, die die Stadtplanung auch anstrebt, sagt deutlicher, was eigentlich die neue urbanitas meint und wie sie erreicht werden soll: je mehr, je besser – mehr Events, mehr Menschen, mehr Konsum, mehr Gewinn – dies alles aber durch einen Plan bestimmt, also »hergestellt«.

Die programmatische Belebung der Innenstadt hat nichts mit der urbanitas zu tun, die seit alters den Städter auszeichnete. Urbanitas – ein Begriff , zunächst für die freien Bürger Athens und Roms geprägt – meinte einen Charakter. Der Vorzug des Städters bestand in seiner Weltläufigkeit, in der Gelassenheit, die er daraus zog, in der Eleganz des Auftritts, der Leichtigkeit, mit verschiedensten Menschen aus verschiedenen Milieus und Kulturen reden zu können, in der Überlegenheit all den Peinlichkeiten gegenüber, die ihm im städtischen Getriebe, in der Begegnung mit vielen Schichten, Nationen und Berufen widerfuhren, kurz: in einer Blasiertheit, die ihm selbst Unabhängigkeit garantierte an einem Ort, der viele eigenwillige Individuen einander gegenüberstellte. Die Stadt erzog zu solch nachlässiger Souveränität, weil die Buntheit des Lebens, die Vielfalt der Erscheinungen, die aufeinander trafen, die Aufmerksamkeit dessen schärfte, der dort nicht nur, wie beim heutigen Stadtbesuch, vorbeikam, sondern beheimatet war und täglich dies Schauspiel studieren konnte. Die nahe beieinander wohnenden Mitbürger und die, die aus der Ferne kamen und fremde Sitten vorführten, schulten die Beobachtungsgabe, entwickelten kritisches Denken, moralische Großzügigkeit, ästhetische Distanz und begabten den Städter mit jener aufgeklärten Arroganz, um die er von alle, die nicht das Glück hatten, in der Metropole zu wohnen, beneidet wurde.

Fähigkeiten solcher Art würden dem heutigen Großstädter geradezu als verwerflich angelastet. Städte, die die traditionellen Fähigkeiten der urbanitas auf den Straßen vorführen, werden als »Schickeria« verachtet. Sich in der Stadt mondän zu zeigen, mit dem Auftritt zu spielen, gilt als lächerlich. Die Bühne der Stadt hat geschlossen. Der Zuschauerraum ist zwar gedrängt voll, aber unaufmerksam gegen sich selbst. Wer für ein paar Stunden, per Auto oder Bahn ankommend, in der Stadt verweilt, verfolgt eine Absicht, und sei sie noch so banal, er ist beschäftigt und hat es eilig. Die wenigen Bewohner der Innenstadt, meist junge, gut verdienende Angestellte, fliehen aus ihr so schnell wie möglich, da freie Zeit bei ihnen wie Mangel an wichtigen Aufgaben aussähe. Sie eilen entweder ins nahe gelegene Büro, zum Geschäftstermin in die nächste Stadt oder in einen anstrengenden Kurzurlaub. Der heutige Begriff von Urbanität verbindet sich mit Geschäft und Geschäftigkeit.

»Urbanität durch Dichte«, dieses Ziel der Stadtplanung, entwickelte sich in der Nachkriegszeit aus dem Bestreben, die neuen, tagsüber trostlos leeren Wohnvorstädte möglichst dicht zu bebauen, um in ihnen »Leben« zu organisieren. Der Begriff, der aber doch den Stil des Stadtlebens früherer Jahrhunderte meinte, wird auch heute wieder auf die City angewandt. Nun aber meint er nicht mehr Welterfahrung und Menschenkenntnis, sondern Bodennutzung. Nicht auf eine Charakterschule hat es das Programm abgesehen, sondern wieder, wie in den fünfziger Jahren in den Wohnstädten  auf möglichst dichte Bebauung. Zu allen Zeiten zwar war der Charakter der Stadt und der des Städters von der politischen und ökonomischen Organisation der Gesellschaft abhängig, doch blieb die Stadt immer der Ort der Repräsentation und nicht allein des Geschäfts. Die Bourgeoisie des 19. Jahrhunderts bewohnte das Zentrum der Stadt und verlegte die Fabriken, von denen sie lebte, an die Peripherie. Der reiche Bürger vertrat sein Unternehmen gewissermaßen höchst persönlich auf dem Boulevard, er schuf sich Gaffer, die ihn bewunderten, Intellektuelle, die ihn kritisierten, und eine Bohème, die seine Träume von Freiheit, Liebe, Leidenschaft und Künstlertum verkörperte und sein poetisches Defizit verspottete.

Die heutige City hingegen möchte eine Kommandozentrale des Weltmarkts sein, weshalb ihr Boden kostbar ist wie nie zuvor. Für ungenutzte Flächen, breite Boulevards, Plätze, Parks hat sie keinen Sinn. Fläche ist immer Nutzfläche, die City eine verkaufte Stadt. Deshalb müssen ihre Funktionen übereinander gestaffelt werden. Es bedarf einer Begründung, warum sie überhaupt auf Besucher wert legt, warum sie überhaupt »Urbanität durch Dichte« anstrebt?

Wie La Défense in Paris zeigt , diese in Architektur gefasste Filiale der Weltwirtschaft, lässt sich ökonomische Funktion auch ohne Dichte und Menschenansammlung herstellen. Das Viertel glänzt durch Monumentalität und Leere. Ein paar Herren und Damen in Hosenanzügen bewegen sich durch weite Hochhausschluchten, spiegeln sich in künstlich angelegten Wasserbecken und fühlen sich nie einsam – die Computersimulation der Architekten scheint endlich Wirklichkeit geworden zu sein. Büroangestellte, so darf man daraus schließen, halten es durchaus ohne städtisches Getriebe aus. Dieses findet in Paris jenseits des Bogens von La Défense statt und diesseits vom Arc de Triomphe, in dessen Fluchtlinie er errichtet wurde. Bürostadt und Besucherstadt sind in Paris getrennt, und in keiner Stadt der Welt müssten sie unbedingt zusammenfallen. Im Zentrum von Paris lebt, obgleich es von Touristen überschwemmt ist und auch wenn sich einige Straßen mit Citycharakter herauszupräparieren beginnen, immer noch eine einheimische Bevölkerung, die in kleinen Straßen und Winkeln ihre angestammten Plätze zu verteidigen weiß. Die Entstehung einer Stammstrecke der Metro, die den Besucherstrom auf wenige Straßen dirigieren würde, verhindert die alte zentripetale Anlage der Verkehrswege, die die Stadt als Ganzes erschließen. Freilich ballt sich der Tourismus in einigen Quartieren und mischt sich dort mit Studente, nicht aber, wie der Besucherzustrom aus Vororten und Umland in den deutschen Großstädten, mit Angestellten und Managern. Keinem, der den Boulevard St . Michel sehen wollte, kämen sie in den Sinn und in den Blick. Man würde La Défense, anders als etwa die Innenstadt von Frankfurt, nie eine City nennen. City meint das Ineinander von Stadtleben und Wirtschaft, es kann aber auch ebenso das Nebeneinander von traditioneller Stadtlandschaft mit alten Straßenführungen und dazu nicht entsprechenden Dependancen der Wirtschaft meinen. So bleibt zu fragen, warum werde , wenn die City vor allem eine Bürostadt ist, die Innenstädte zusätzlich durch S-Bahnen und Autostraßen mit Besuchern angefüllt?

Eine City kann sich nur in einer Stadt entwickeln, die so groß ist, dass die Angestellten in der Mittagspause nicht nach Hause gehen oder fahren können. Das Zwölfuhrläuten bedeutet der City gar nichts; es gemahnt niemanden mehr, zur Mittagszeit an den Familientisch zurückzukehren. Auch die italienischen Städte, die sich noch lange über die Rush Hour am Morgen und am Abend hinaus eine dritte und vierte Pause für die Siesta leisteten, kalkulieren inzwischen den Tages- und Arbeitsrhythmus wie in jeder europäischen Stadt. Überall ist die City eine ausgedehnte Kantine für Büroangestellt, Verkäufer und Manager, die sich in der Mittagszeit versorgen wollen und gelegentlich eine Cafépause am Morgen oder Nachmittag einlegen. Sie verlassen die vertikale Dimension der Stadt, die zum größeren Teil von den Firmen als ihr Arbeitsplatz genutzt wird, und begeben sich in die Horizontale der Straße, die der konsumierenden Menge gehört. Diese besteht also aus Angestellten, die die Innenstadt als Mensa nutzen, und Stadtbesuchern aus den Vororten und dem Umland, die mit ihnen zu Tisch gehen. Die Unternehmen sparen sich Platz und Aufwand für eine Kantine, indem sie die Verpflegung ihrer Belegschaft nach draußen verlegen, die Stadt gewinnt Ansehen, indem sie als ein belebtes Zentrum erscheint, das »angenommen« ist und jene »Urbanität durch Dichte« aufweist , die von den Stadtplanern angestrebt wird.

Für Cafés und Bistros ist der Besucherstrom aus dem Umland unabdingbar, weil die Lokale bei den hohen Mieten der Innenstadt vom Verzehr der Angestellten und vom Stoßgeschäft in der Mittagszeit allein nicht existieren könnten. Gewohnt, aber doch erstaunlich ist die unentwegte Esslust, die die Menschen in der Stadt befallen hat. Noch nie gab es so viele Cafés und Restaurants in einer Stadt, noch nie dampfte sie so viele appetitliche und unappetitliche Gerüche aus wie heute. Die Bevölkerung des Umlandes füllt die Plätze auch in der Zeit zwischen den Essenspausen der Büroangestellten und bezahlt den Boden mit, der für die Arbeitspause und Ernährung der vielen Angestellten zur Verfügung gestellt werden muss.

Die Besucher tätigen vor oder nach dem Essen kleine Einkäufe. Zur Fahrt in die Stadt werden sie durch Billigangebote gelockt. Sie ermöglichen auch bei mäßigem Einkommen noch einen Genuss nebenbei, der als eine Art Obolus an die Küche der Angestellten entrichtet wird. Essen und Kaufen gehören beim Stadtbesuch zusammen, der Imbiss und das Schnäppchen dirigieren die Besucherströme in der Cit. Kundenstopper und Bistro-Stühle sind Symbole der modernen Stadt. Dem Fußgänger machen sie das Leben schwer, denn flanieren soll er nicht, er soll kaufen oder essen. Das Lebensglück der City wandert von der Hand in den Mund, mit diesen beiden Körperteilen schnappt der Stadtbesucher zu und zahlt. Hier herrscht Eile, zum Verweilen in Café, vor Schaufenstern oder in Läden, zum »Schaufensterbummel« oder zur kostenfreien Beobachtung des Straßentheaters ist der Boden zu teuer.

Auch eine soziale Barriere, die den Zutritt zu einem Lokal erschwerte – Kleidercodes oder hohe Preise – würde den Konsum in der Innenstadt nur behindern. Er wird als Nahrungskommunion einer Kundendemokratie zelebriert und als Zeichen einer glücklichen Gesellschaft von jedermann akzeptiert. Die Mittags- oder Einkaufspausen dieser demokratischen Familie steigern sich gelegentlich zu Fressorgien, die sich Stadtfeste nennen. Von den öffentlichen Übertragungen der Sport- oder Opernaufführungen abgesehen, besteht das öffentliche Fest aus keinen anderen Sinnenfreuden als dem Geznuss von Leckerbissen der lokalen und internationalen Küche. Die Kirchenfeste von einst haben sich in die Stadtteile zurückgezogen. Die City selbst muss unentwegt zeigen, dass sie, unabhängig von Stand, Glaube und Kalender, die große Nährmutter aller Bürger ist.

Zur Mittagszeit allerdings halten vorwiegend die Beschäftigten der Büros und Läden die Tische besetzt. Diese Young Urban Professionals wissen, wie man mit dem Fett- und Kohlehydratgehalt von Fast Food umzugehen hat. Je höher der Anteil der mit Arbeit überlasteten Bürobelegschaften ist, desto schlanker ist die City. Architektonisch ließe sich der Leibesumfang der Nutzer der Innenstadt an der Höhe der Gebäude ablesen, in denen die Angestellten beschäftigt sind: Je steiler die Vertikale der City, desto schlanker die Menschen auf der Horizontalen ihrer Straßen. Die angereiste, wohlbeleibte Kaufkundschaft wird zeitlich an den Katzentisch, d. h. auf den Nachmittag verwiesen. Dann darf sie ohne Gewissensbisse entspannt genießen; sie vergisst die Kalorientabelle, lässt sich von Geschmacksverstärkern verführen und von Kundenstoppern zur Schnäppchenjagd ermuntern.

Die Kundschaft wird allerdings nicht nur durch den Konsum angelockt, sondern vor allem durch die gehobene Ausstattung der Innenstadt. Einrichtung und Atmosphäre dort liegen auf einem höheren Niveau, als es dem Lebensstil der meisten herbeigekommenen Konsumenten entspricht. Zuhause haben sie keine Diener, ihre Stühle sind nicht aus Rattan oder aus Milchglasplastik wie im Café auf der Terrasse vor dem Museum, das Haus ihres Nachbarn funkelt nicht wie die Außenhaut eines Bürogebäudes, im Citycenter gar sitzen die Herbeigelockten im Glaspalast unter einer himmelhohen Kuppel. Zuhause müssen sie Treppen steigen, hier trägt sie die Rolltreppe nach oben, kurz: Die City kommt dem Besucher mit ein wenig Glanz und viel Bequemlichkeit entgegen. Die Sauberkeit, ja Sterilität der deutschen City unterscheidet sich von dem abgegriffenen Charme einer Touristenattraktion wie Paris. Der Tourist und der Stadtbesucher haben, sogar wenn sie sich einmal in einer Person vereinigen sollten, in diesem Punkt einen entgegengesetzten Geschmack. Der Reisende schätzt die Patina der Vergangenheit, der Konsument die Sauberkeit von Geschäft und Küche. Der Tourist sucht Abenteuer und exotische Umgebungen; hingegen nimmt sich die Fahrt in die City für den Bewohner des Umlands aus wie der Besuch bei einem wohlhabenden Verwandten: Er kommt in einem reichen Haus an, erwartet ein paar Bissen, ein paar kleine Geschenke; allerdings muss er nun dafür zahlen.

Die gehobene Ausstattung ist wichtig, denn die Kantine für die Belegschaft – und das ist die City – muss dem Standard der Chefetage entsprechen; die schmuddelige Atmosphäre einstiger Stamm- und Künstlerlokale passt in diese Umgebung nicht mehr. (Diese liegen, wie in Düsseldorf oder Stuttgart, abseits der City, in der »Altstadt«.) In der City besteht zwischen Büro und Straße ein reger Austausch nicht nur von Menschen, sondern auch von Speisen. Die Angestellten kommen aus den Gebäuden zum Essen. Kaffee und Imbiss werden aber ebenso von der Straße in die Büros gebracht. Deshalb müssen beide Orte auf dieselbe Hygiene achten. Die Sekretärin, die eine Mittagspause einlegt, vertauscht nur das Café am Fuß des Bürohauses mit dem Vorzimmer ihres Chefs, wo auch sie über eine Kaffeemaschine und einen Kühlschrank verfügt, um gelegentlich den Chef und seine Geschäftsfreunde zu bedienen.

Durch den Personenstrom zwischen Büro und Straße findet ein dauernder Rollenwechsel statt. Die Sekretärin aus dem Vorzimmer, die soeben noch ihren Chef zu bedienen hatte, wird für eine halbe Stunde zur Kundin, die sich bedienen lässt; der Angestellte, der acht Stunden lang Waren an fremde Menschen verkaufte, verwandelt sich am Abend, ehe er die S- Bahn besteigt, in einen Gourmet vor dem Stehimbiss des Delikatessenladens; der Chef, der gerade noch der Sekretärin zehn Telefonate aufgetragen hat, bringt ihr aus seiner Frühstückspause die kalorienreduzierte Kost für ihr Mittagsmahl mit; vor Geschäftspartnern, mit denen er oben im Büro hart gerungen hat, gibt er sich im Bistro als Freund und Gastgeber. In der City spielt jeder den Diener und den Herrn zugleich, und das ist eine ihrer demokratischen Glückverheißungen. Bedienen heißt in der City nicht mehr, sich einem Herrn unterzuordnen, sondern höchstens noch ihn freundlich zu empfangen, nicht mehr zu buckeln, sondern zu lächeln.

Die Stadt des 19. Jahrhunderts war die Stadt der Statussymbole. Die Rollen entsprachen dem sozialen Status, jeder achtete darauf, dass er und seine Mitbürger die dazugehörigen Kleider- und Verhaltensvorschriften nicht verletzten. In der City des 21. Jahrhunderts schlägt sich der Austausch zwischen den Büros, die die Silhouette liefern, und der Ebene, wo sie sich belebt, in der Monotonie des Straßenbildes nieder. Über kleine modische Nuancen dürfen individuelle Akzente nicht hinausgehen. Nur die Oberschicht der Angestellten zeichnet sich – wie lange noch ? – durch den Herrenanzug aus, der besagt, dass der Träger viel beschäftigt ist und mit anderen Anzugträgern seines Ranges zu tun hat. Im Übrigen wird jedes Rangabzeichen vermieden. Standesunterschied und Reichtum zeichnen nicht aus, man versteckt sie. Vielleicht entstand der Turbokapitalismus auch deshalb, weil Geld sich nicht mehr in eine Geste der Überlegenheit verwandeln und als Glück zeigen darf. So bleibt kein Vergnügen, als dass Geld sich selbst genügt und sich selbst vermehrt.

Die modische Erscheinung der Geldoberschicht jedenfalls hat sich, zumal in der Freizeit, an die der Normalverdiener angeglichen, und es braucht ebenso viel Kenntnis von Mensch und Kleid, um die Gattin des reichen Mannes, die wie jedes junge Mädchen in den Billigläden von »H & M«, »New Yorker« oder »Zara« anzutreffen ist, in der Menge ausfindig zu machen, wie den Angestellten von seinem Chef zu unterscheiden, da beide außerhalb der Geschäftszeit Freizeit-Outfit tragen. Eine eigene Kleidung für den Stadtbesuch – das Hauptinteresse von Mode überhaupt bis zur Jahrtausendwende – gibt es nur noch bei einigen verspäteten Münchnerinnen. Das Straßenfest der Bourgeoisie ist zu Ende, die Stadt ein Arbeitsplatz, der Bürgersteig ein Pausenhof. Aufregendes darf dort nicht geschehen. Auch die, die aus Vorstädten und dem Umland angereist kommen, wüssten sich in ihrer Freizeit besser zu unterhalten als hier in dieser Stadt – durch Fernsehfilme, Computerspiele, Reisen, Motorradfahren, Fitness, Sport – ja man ist versucht, die Leidenschaft, an jeder Ecke der Stadt, auf jedem Bistrostuhl das Handy zu zücken, aus der Langeweile zu begründen, die in der City herrscht. Für den Bürger des 19. Jahrhunderts muss, glaubt man den Schriftstellern von Balzac bis zu Walter Benjamin, der Aufenthalt in der Stadt ein Erlebnis besonderer Art gewesen sein; heute ist er nichts als eine Pause. Ob Kantine oder Vorzimmer des Chefs: Das Unternehmen Stadt setzt sich auf jeden Fall gesittet zu Tisch, und kein Gast darf durch Extravaganzen auffallen. City – das ist die Innenstadt als gutgeführtes Unternehmen.

Quelle: Hannelore Schlaffer. Die City. Straßenleben in der gelanten Stadt.  Zu Klampen Verlag, Springe 2013. 176 seiten, 18 Euro.  Mehr zum Buch. Der Auszug stammt von den Seiten 49 bis 65.