https://rotary.de/panorama/die-republik-moldau-ein-vergessenes-land-a-4468.html
Leser-Reportage

Die Republik Moldau – ein vergessenes Land?

Leser-Reportage - Die Republik Moldau – ein vergessenes Land?Fotostrecke: Die Republik Moldau – ein vergessenes Land?
In der Republik Moldau – nur drei Flugstunden von Deutschland entfernt - taucht man in eine gänzlich andere Welt ein. Hier zu sehen Kathedrale und Triumphbogen in der Hauptstadt Chisinau. © Hans Dieter Kahrl

Die Republik Moldau gilt als das ärmste Land Europas. Die Deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit unterstützt das Land. Auch Rotary koordiniert dort Projekte – nun soll das Engagement ausgeweitet werden. Rotarier Hans-Dieter Kahrl ist dies eine Herzensangelegenheit.

27.12.2013

In der Republik Moldau – nur drei Flugstunden von Deutschland entfernt - taucht man in eine gänzlich andere Welt ein. Gewaltig sind die Kontraste; kommunistische Prachtbauten und neue Handelszentren in Stahl, Beton und Glas im Herzen der Hauptstadt Chisinau, Holzhäuser und Ziehbrunnen  auf dem Land.

Die Republik Moldau – auch Moldawien genannt –, seit 1991 unabhängig von der Sowjetunion, liegt zwischen der Ukraine und Rumänien und ist das ärmste Land Europas. Das Bruttoinlandsprodukt beträgt fünf Milliarden Euro – das ist etwas mehr als ein Prozent des deutschen Bundeshaushaltes, ein durchschnittliches Einkommen von 120 Euro pro Person – bei Gas- und Supermarktpreisen wie in Deutschland.

Infrastruktur und Arbeit fehlen

Die Sozialsysteme sind desolat. Kranken-, Arbeitslosen- oder Rentenversicherungen zahlen – wenn überhaupt – nur so wenig finanzielle Unterstützung, dass es vorne und hinten nicht reicht. Infrastruktur und Arbeit fehlen. Über 80 Prozent der Straßen sind in einem katastrophalen Zustand. Eine vernünftige Wasserversorgung und Abwasserentsorgung findet man im ländlichen Raum kaum. In öffentlichen Gebäuden wie Kindergärten und Schulen fehlen sanitäre Anlagen – Kinder müssen im Winter in einigen Regionen bei Temperaturen bis minus 30 Grad ihre Notdurft in ungeheizten Räumen außerhalb des Gebäudes verrichten.

Die Ärmsten der Armen leben im äußersten Südwesten des Landes, in Gagausien. Nicht ohne Grund helfen – aber nicht nur hier -  schon seit Jahren verschiedene soziale Organisationen. Suppenküchen, Obdachlosenheime, sauberes Wasser und sanitäre Anlagen für z. B. Kindergärten und Schulen, aber auch die Beratung kleiner Unternehmen lindern die Not und helfen den Menschen wieder auf die Beine. Das medizinisch-diakonische Zentrum Gloria bietet in Ceadir Lunga in Gagausien mittellosen Menschen die Möglichkeit zur kostenlosen medizinischen Untersuchung und Behandlung.

Viele Projekte sind gezielt auf Hilfen für mittel- und hilflose Kinder ausgerichtet, denen durch nachhaltige Projektarbeit eine neue und bessere Zukunft geschenkt werden soll – ein Beispiel für Soforthilfe auf der einen und der langfristigen Hilfe auf der anderen Seite.

Hilfe zur Selbsthilfe und Nachhaltigkeit – das sind überhaupt die Zauberworte. Und eines ist wichtig: Persönliche Kontakte zwischen den Helfenden und den Verantwortlichen vor Ort. Die Deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ, früher GTZ) unterstützt Moldau mit einem Programm zur Modernisierung kommunaler Dienstleistungen, z. B.  zur Verbesserung der kommunalen Infrastruktur insbesondere in der Wasserver- und – entsorgung und einer verbesserten Landwirtschaft.

Hilfe kommt von vielen Seiten

Hans Dieter Kahrl (Rotary Club Geldern) sagt von sich selbst, dass Moldau ihn infiziert habe. „Schuld daran ist meine Schwiegertochter Julia Kahrl,  die von 2008 – 2011 als stellvertretende deutsche Botschafterin in Chisinau gearbeitet hat – und dabei auch  deutsche Gruppen betreut hat, die helfen wollen“, sagt er. Über sie hat er von der großartigen Hilfe erfahren, die der Rotary Club Grafschaft-Moers schon seit Jahren leistet und weiter leisten wird. Edith Catrein-Diering, jetzt Rotarierin in Moers, hat schon 2003 einen Verein „Hilfe für Copceac“ gegründet, der durch humanitäre Transporte und den Bau einer Sozialstation mit einer Armenküche versucht, die Not im Dorf zu lindern.

Rotarier Dr. Joachim Reuter, im rotarischen Jahr 2013/2014 Governor des Distrikts 1870, hat weitere Projekte initiiert. Dem Aufbau einer Wasserversorgung, der sanitären Ertüchtigung von Kindergärten wird der Aufbau einer geordneten Abwasserentsorgung folgen.

An diesem Projekt werden sich neben weiteren Clubs auch der RC Geldern und sein belgischer Partnerclub, der RC Aalst-Noord, beteiligen – „die Tür steht für weitere Rotaryclubs offen. Dies ist ein ideales Projekt als Global Grant im Rahmen des neuen Future Vision Plans von Rotary“, sagt Kahrl.

Vor kurzem weilte eine Delegation, geleitet von Joachim Reuter und der Rotarierin Zsuzsa Barna vom RC Paderborn Stadt + Land, in Moldau, um vor Ort alle notwendigen Gespräche zu führen. Kahrl: „Der Einsatz zeigt: Die Republik Moldau ist kein vergessenes Land.“

Viele Kinder wachsen ohne Eltern auf

Ein enormes soziales Problem sind die sogenannten Euro-Waisen. Etwa ein Viertel der Bevölkerung lebt ständig, teilweise illegal im Ausland, arbeitet in Niedriglohnjobs und schickt Geld nach Hause. Die Kinder werden von Nachbarn, Großeltern oder älteren Geschwistern versorgt – wenn sie nicht auf sich allein gestellt bleiben.

Die Republik Moldau war irgendwie immer an der Peripherie und Leidtragende der Geschichte.  Kaum ein Land hat mehr Invasionen feindlicher Heere erlebt, war öfter Spielball feindlicher Mächte: mongolische Reiter, Türken, Russen, Rumänen fügten das Land in ihre Herrschaftsbereiche ein – oft über Jahrhunderte.

Der industrialisierte Teil– Transnistrien -  spaltete sich 1992 nach einem kurzen Bürgerkrieg ab, hat sich für unabhängig erklärt, wird international aber nicht anerkannt. Im äußersten Südwesten des Landes leben, vereinzelt, die Gagausen. Sie sind eine Minderheit, die eine Art Türkisch spricht (Gagausisch genannt) und orthodoxen Glaubens ist. Anders als Transnistrien hat Gagausien einen von der moldauischen Regierung angebotenen Autonomiestatus weitgehend akzeptiert.

Der Drang des bilingualen Volkes (Rumänisch ist die Staatssprache, Verkehrssprache ist aber oft noch Russisch)  geht nach Europa. Die Republik Moldau ist zwar Mitglied der GUS (Gemeinschaft Unabhängiger Staaten – Nachfolger der Sowjetunion), aber mit einer eindeutigen Westorientierung. Die Republik Moldau sucht die größtmögliche Nähe zur Europäischen Union, zu deren Mitgliedern sie in Zukunft einmal zählen möchte.

Die Weinwirtschaft und die Landwirtschaft allgemein sind einer  der wichtigsten Produktionszweig der Republik Moldau. Russland bleibt ein wichtiger Absatzmarkt. Aber auch der Export zeigt immer mehr in Richtung EU – sie ist der größte Handelspartner, knapp vor den GUS-Staaten. Die Republik Moldau hat mit der EU ein Assoziierungsabkommen ausgehandelt, das auch ein vertieftes und umfassendes Freihandelsabkommen einschließt, und möglichst im kommenden Jahr unterschrieben und baldmöglichst in Kraft treten soll. 

Hans Dieter Kahrl, RC Geldern