Erfolgreich und angesagt: Imkern in Städten - Honigernte auf dem Dach

Bienen finden in Städten gute Lebensbedingungen vor – dank Gärten, Parkanlagen und „Straßenbegleitgrün“. © Imke Lass / laif

15.10.2014

Erfolgreich und angesagt: Imkern in Städten 

Honigernte auf dem Dach

Rainer Krauß

Das Wort Imker ist eine Wortzusammensetzung aus dem niederdeutschen Begriff „Imme“ für Biene und dem mittelniederdeutschen Wort „kar“ für Korb bzw. Gefäß. Die Imkerei befasst sich mit Haltung, Vermehrung und Züchtung von Honigbienen, der Produktion von Honig und weiteren Bienenprodukten wie Wachs, Propolis und Gelee Royal.


Durch den Wandel der Landwirtschaft von kleinteilig strukturierten Agrarflächen mit Hecken, Wiesen, Obstbäumen und Randbewuchs zu einer Art industriellen, monokularen Fläche, verarmt die Landschaft unwiederbringlich in ihrer biologischen Vielfalt – ganz im Gegensatz zur Situation, die Bienen in Städten vorfinden. Hier verbessert sich ihr Lebensraum immer mehr. Die Siedlungs- und Verkehrsfläche Deutschlands beträgt ca. zwölf Prozent der Gesamtfläche, lediglich 30 Prozent der Siedlungsfläche sind wirklich versiegelt. Die übrigen 70 Prozent stehen der Natur in Form von Haus- und Schrebergärten, Brachflächen, Friedhöfen, Parkanlagen, „Straßenbegleitgrün“ sowie verschiedensten Baum- und Sträucher Arten zur Verfügung.
Diese städtische Fauna wird teilweise gärtnerisch gepflegt und kultiviert, ein großer Anteil jedoch aber sich selbst überlassen. Pflanzliche Monokulturen gibt es nicht, ein starker Baum- und Sträucherbesatz bereichert selbst kurzgeschorene, aber von viel Begleitpflanzen eingerahmten Rasenflächen. Auch Balkone und Terrassen stellen biologisch extrem vielfältige Oasen dar, in der so gut wie keine Pestizide, Fungizide und nur wenig Insektizide zum Einsatz kommen. Diese Vielfalt deckt den Tisch für Bienen über das ganze Trachtjahr (eine „Tracht“ ist die Menge an Honig, die die Bienen nicht für sich selbst verbrauchen). Auch die um etwa drei Grad höhere Durchschnittstemperatur der städtischen Gebiete im Vergleich zur umgebenden freien Landschaft kommt Bienen gelegen.


Der Begriff „Bienen“ (Apiformes) ist ein Taxon, in dem mehrere Familien aus der Ordnung der Hautflügler zusammen gefasst werden, beispielsweise die westliche Honigbiene (Apis mellifera). Im Bienenvolk leben drei Bienenwesen: Königin, Arbeiterinnen und Drohnen. Die Königin, auch Weisel genannt, ist das einzige fortpflanzungsfähige weibliche Wesen im Bienenvolk. Jedes Volk verfügt und toleriert nur eine einzige Königin. Durch permanente Abgabe eines für sie spezifischen Duftstoffs (Pheromon) hält sie ihr Volk zusammen, das sich mit diesem Duftstoff erkennt und somit identifiziert. Fast das ganze Jahr hindurch legt die Königin bis zu 2000 Eier täglich in die Wabenzellen und sorgt somit für einen ständigen Nachschub. Zu Beginn ihres ca. drei bis vierjährigen Lebens begibt sie sich einmalig auf einen Hochzeitsflug. Dabei paart sie sich in etwa 1000 Meter Höhe mit bis zu 20 verschiedenen Drohnen, den männlichen Vertretern des Bienenvolkes. Deren Sperma speichert sie lebenslang in ihrem Hinterleib.


Die Arbeiterinnen stellen den größten Teil des Bienenvolkes dar, wobei ein starkes Volk im Sommer bis zu 50.000 und im tiefsten Winter etwa 5000 Bienen aufweisen kann. Sie sind deutlich kleiner als Königin und Drohnen. An den Hinterbeinen haben die Arbeiterinnen „Körbchen“ aus gebogenen Borsten, den sogenannten Höschen, in denen sie die Pollen transportieren. Sie besitzen einen giftigen Stachel mit angefügter Giftblase und Widerhaken, der nach dem Stechen aus dem Hinterleib gerissen wird – mit tödlichem Ausgang. Der Stich von Feinden dient also nicht dem Schutz der einzelnen Biene, sondern ihrem Volk, für das sie sich opfern.


neue Gene im alten Gefüge

Im Frühjahr kann die alte Königin unter Mitnahme eines großen Teils der Arbeiterinnen aus dem Stock schwärmen. Die gesamte Brut und den größten Teil des Ertrags lässt der abwandernde Schwarm im Stock zurück. Das mutterlose Volk zieht sich dann eine junge, anfänglich noch unbefruchtete Königin aus einer Weiselzelle heran. Grund dafür können zum Beispiel Unrat, Krankheitserreger oder Parasiten im Stock sein, die das Überleben eines Volkes in dieser Behausung im kommenden Winter erschweren, wenn nicht unmöglich machen. Der schwärmende Volksteil wandert immer ein paar Kilometer weiter, gibt die erprobte genetische Information in Form eines Ablegers unverändert weiter und lässt gleichzeitig eine genetische Veränderung im alten Gefüge zu.


» Bienenboxen « als Behausung

Bienenhaltung in städtischer Umgebung kann beispielsweise mit an Balkongeländer gehängten „Bienenboxen“ erfolgen, allerdings müssen sowohl die Einflugrichtung als auch ein ausreichend räumlichen Abstand zu den Nachbarn berücksichtigt werden. Zwar konkurriert die Honigbiene im Gegensatz zu Wespen nicht mit den Menschen um Nahrung (nie würde sie sich an Pflaumenkuchen oder gar Räucherschinken versuchen), aber wenn Nachbars offenes Fenster zu dicht an der Box liegt, könnte sie schon mal versehentlich ins Zimmer geraten. Es kann also nicht schaden, im Vorfeld seine Zustimmung zu holen – möglicherweise isst er oder sie gern mal ein Honigbrötchen?


Der Standort sollte luftig und warm sein, allerdings ohne starke Sonneneinstrahlung und Feuchtigkeit. Die Behausungen („Beuten“) müssen als Schutz vor Wind und Sturm massiv gebaut und in etwa nach Südwesten gerichtet sein. Beachtet werden muss auch der Sammelradius eines Bienenvolkes, der in der Regel drei Kilometer beträgt sowie eine Grundversorgung im noch kühlen Frühjahr, wenn Bienen noch nicht so weite Ausflüge bestreiten können. Nötig ist dafür ein Radius von etwa 500 Meter. Nicht zuletzt muss in allernächster Nähe Wasser sein. Wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind – und an den Beuten interessierte Ratten, Mäuse, Elstern, Spechte und Dohlen – im Auge behalten werden, ist ein jährlicher Ertrag von 20 bis 30 Kilo Honig möglich.


In diesem Jahr ist die Sommertracht eher mager ausgefallen, denn die Entwicklung der Pflanzen war gut vier Wochen verfrüht, die Temperaturen niedrig und die Bienen deshalb noch nicht ausreichend entwickelt. Wenn jetzt im Oktober der Nahrungsstand kontrolliert und Prophylaxe bzw. Behandlung gegen die größte Bedrohung eines Bienenvolkes, die Varroa-Milbe, durchgeführt ist, fängt die Winterruhe an. Zeit, die Ernte in schicke Geschenkgläser abzufüllen und für Weihnachten bereitzustellen.

Erschienen in Rotary Magazin 10/2014

Rainer Krauß
Dr. Rainer Krauß ist Tiermediziner, in Düsseldorf niedergelassen seit 1976. Er ist Betreiber der Tierklinik Dr. Krauß
Düsseldorf GmbH www.tierklinikduesseldorf.de

Rotary Magazin 12/2016

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