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Aachen

Ganz großes Kino – ganz große Hilfe

Aachen - Ganz großes Kino – ganz große Hilfe
Leo Stürtz setzt auf Batman. Filmhelden wie er sollen sich in den Dienst der Aachener Rotarier stellen. © Marcel van Hoorn

Mit einem aufsehenerregenden Projekt will der Aachener Unternehmer und Rotarier Leo Stürtz mehr als 20.000 Euro einsammeln.

Hermann Olbermann30.07.2016

Die kleinen Holzgabeln sind schon eingetroffen, auch die Gläschen für die Currysoße, jedes in einem eigens dafür konstruierten weißen Pappkörbchen mit Henkel. „Darauf haben wir ein Patent angemeldet“, sagt Leo Stürtz. Am 12. August geht es los. Auch mit dem Verkauf der Gläschen. Vor allem aber: Dann startet das Open-Air-Kino, das Stürtz im Aachener Reitstadion aufgebaut hat, dort, wo sonst die weltbesten Turnierpferde über Hindernisse springen. 1200 Plätze hat er auf der Tribüne reserviert, 1200 Plätze Abend für Abend, 16 Tage lang – um zu helfen.

Es dürfte das weltweit größte Open-Air-Kino sein, das Rotarier betreiben, um Spenden zu sammeln. Unterstützt wird Stürtz von allen Aachener Clubs, allen voran sein RC Aachen Nordkreis. 21.000 Euro konnten sie im vergangenen Jahr mit dem Freiluft-Event einnehmen und an das Projekt „Aachener Hände“ überweisen, das jungen Flüchtlingen hilft. „Ein sehr gutes Ergebnis“, sagt Stürtz. Jetzt will er ein noch besseres erreichen. Dafür hat er sich einiges einfallen lassen, nicht nur die Curry-Gläschen, die die Zuschauer auf die Tribüne mitnehmen dürfen, damit sie dort kleckerfrei Currywurst essen können.

Zwei Tage braucht Stürtz mit seinen Helfern für den Aufbau; Leinwand, Lautsprecher und Vorführgeräte mietet er. An den Abendkassen sitzen Rotarier; und Rotarier helfen den Zuschauern, den richtigen Platz zu finden. „Meist brauchen wir an jedem Abend mindestens 16 Personen“, sagt Stürtz. Rotarier, die ehrenamtlich arbeiten. Der Film beginnt zwar erst um 21 Uhr, aber schon um halb acht dürfen die Besucher auf das Gelände, können dort trinken und essen. „Da werden rund 1000 Stunden ehrenamtlich erbracht“, rechnet der Kinobetreiber vor. Kosten fallen trotzdem an. Für die Nutzung des Stadiongeländes muss Stürtz Miete zahlen, die Filmverleiher bestehen auf ihrem Anteil an den Einnahmen, und die Werbung für das Open-Air-Kino verschlingt ebenfalls Geld. „Wir gehen mit 30.000 Euro in Vorleistung“, sagt Stürtz. „Das Geld versuchen wir aber schon im Vorfeld durch Sponsoring reinzuholen. Es gibt trotzdem noch Kosten, die wir aus dem Umsatz aus dem Ticketverkauf bestreiten müssen.“ Zehn Euro verlangt er für den Eintritt.

schicksalhafter start
Die Filme sucht Stürtz selbst aus, meist Streifen, die in den letzten drei bis sechs Monaten erfolgreich in den kommerziellen Kinos liefen. An brandaktuelle Werke kommen die Open-Air-Kinos meist nicht heran. Mitunter darf Stütz in seinem Freiluft-Theater aber eine Preview zeigen, eine Vorpremiere, schließlich kennt der Mann die Verleiher seit Langem. Er stammt aus einer alten Kinofamilie. Schon seine Eltern besaßen in Alsdorf, einem Vorort Aachens, ein Kino. Mit 13 sprang er bereits als Filmvorführer ein, mit 19, nach dem überraschenden Tod seines Vaters, musste er gemeinsam mit seiner Mutter die Leitung des Kinos übernehmen. Dabei wollte Stürtz zu Siemens gehen, in die Medizinelektronik. Den Arbeitsvertrag hatte er schon unterschrieben. Antreten konnte er die Stelle nicht mehr.

Freiluft-Vorführung vor Leo Stürtz’ Cineplex in Aachen. Für sein großes Event im August hat er das Reitstadion gemietet

Freiluft-Vorführung vor Leo Stürtz’ Cineplex in Aachen. Für sein großes Event im August hat er das Reitstadion gemietet ©  fotograf-aachen.de/Andreas Steindl

Das Kino in Alsdorf existiert immer noch. Zudem betreibt er in Aachen drei Kinos, darunter den Eden-Palast mit fünf Sälen und das Cineplex mit neun Sälen. Vom Cineplex aus steuert er sein Unternehmen, die Tagesarbeit überlässt er inzwischen größtenteils seinen beiden Söhnen Moritz und Sebastian. An einer Seite des Büros hängen Filmplakate mit persönlichen Widmungen der Stars. Stürtz ist schon eine Nummer, nicht nur in Aachen. Aber das reicht nicht, um Tausende ins Open-Air-Kino zu locken. Dafür muss er werben – erst recht in diesem Jahr, da die gesamte deutsche Kinobranche unter starkem Besucherschwund leidet. Im vergangenen Jahr zählten die Filmtheater 139 Millionen Zuschauer, 14 Prozent mehr als 2014. Der Umsatz stieg um 19 Prozent auf 1,2 Milliarden Euro. Aus und vorbei. „2016 wird ein schlechtes Jahr“, klagt Stürtz, „bisher bleiben die Kassenfüller aus.“

werbung für rotary
Umso wichtiger ist die Werbung für sein Sommerprojekt. Mindestens 1000 Plakate ließ er acht Wochen vor dem Kinostart in Aachen und Umkreis aufhängen, 70.000 Flyer wurden gedruckt und verteilt, auf Monitoren in der Stadt läuft Werbung, und alle Kinos in der Region zeigen einen eigens dafür gedrehten Spot. Zudem gibt es ein 20-seitiges Programmheft. Das Besondere: Überall taucht auch der Schriftzug „Rotary“ auf. „Wir machen das jetzt im sechsten Jahr“, sagt Stürtz, „die Aachener wissen nun viel besser, was Rotary ist und macht.“ Er hofft auf 10.000 Besucher. Das Spektakel hat er extra vom Juli in den August verlegt und um drei Tage verlängert. „Dann wird es früher dunkel, wir können früher anfangen, und die Leute kommen früher wieder nach Hause“, erklärt er. Bisher führte er die Filme im Aachener Fußballstadion auf, im Tivoli. Dieses Jahr erstmals im Reitstadion. „Aufbau und Durchführung dort sind günstiger“, sagt Stürtz und hofft, dass mehr Geld übrig bleibt für den guten Zweck.

In diesem Jahr geht ein Teil des Erlöses an den Rennsportverein Aachen, der damit das therapeutische Reiten fördert. Mit dem größeren Teil möchten die Aachener Rotarier im Rahmen eines Global-Grant-Projekts eine Schule in Indien unterstützen, die junge Mütter ausbildet, ihnen in der Erziehung hilft und sie bei der Familienplanung berät. „Das Projekt ist auf die Bahn gebracht worden“, sagt Stürtz.

Auch 2017 wird er ein Open-Air-Kino aufbauen. Wieder im Sommer und wieder im Reitstadion.


 Leo Stürtz (RC Aachen Nordkreis) betreibt ein Kino in Alsdorf und drei in Aachen: das Cineplex mit neun Sälen, den Eden-Palast mit fünf Sälen und das Capitol-Theater, ein besonderes Haus. Es ist Vorreiter für ein neues Konzept: Die Besucher sitzen in Lounge-Sesseln, daneben Nieren­tischchen mit kleinen Lampen. Vor der Vorführung gibt es Prosecco oder Wein. Außerdem können die Gäste Essen bestellen. Der Eintritt ist ein bisschen teurer, aber, so Stürtz, „es rechnet sich“. Trinken und essen können auch die Zuschauer des Open-Air-Kinos im Aachener Reitstadion. Regen kann ihnen nichts anhaben. Die Tribüne ist überdacht.

www.cineplex.de/aachen