Erfahrungsbericht - Das Friedensstipendium von Rotary

In die Diskussion vertieft: Rotary Friedens­stipendiaten an der International Christian University (ICU) in Tokio, Japan. Jedes Jahr nimmt die ICU bis zu zehn Stipendiaten auf, die ein zweijähriges Masterstudium „Friedensforschung und Konfliktlösung“ absolviere

12.11.2012

Erfahrungsbericht

Das Friedensstipendium von Rotary

Brigitta von Messling

Brigitta von Messling ist eine der wenigen deutschen Absolventen des Rotary-Peace-Fellow-Programms. Als Friedensstipendiatin absolvierte sie ein Master­programm „Friedensforschug und Konfliktlösung“ an der Universität Bradford in England:

Vor acht Jahren habe ich das Friedensstipendium von Rotary erhalten. Damals lehrte ich gerade in Brooklyn, New York, an einer staatlichen ,middle school‘. Meine Schüler waren überwiegend Einwanderer oder Flüchtlinge, manche sprachen kaum Englisch und viele waren traumatisiert von den Ereignissen, die sie in ihrer Heimat durchgemacht hatten. 97 Prozent lebten unter der US-Armutsgrenze. Ich bewarb mich für das Stipendium, weil ich meine Arbeit auf internationaler Ebene durchführen wollte. Konflikte zwischen Schülern musste ich jeden Tag lösen. Ich war gespannt zu lernen, wie man das zwischen Staaten oder Gruppen macht und welche Theorien dahinterstecken. Ich bekam die Nachricht von Rotary, dass ich für das Stipendium ausgewählt wurde, als ich gerade in einer Lehrerbesprechung saß, und ich wusste genau, dass sich mein Leben im kommenden Jahr schlagartig verändern würde.

Peace Studies

Im September 2004 zog ich nach Bradford, um mein Masterstudium in Peace Studies anzufangen. Ich wohnte am Anfang zusammen mit einem Neuseeländer, einer Südafrikanerin, einem Engländer, einer Israeli-Amerikanerin, und einer Inder-Japanerin. Später kamen dann noch eine Kolumbianerin, zwei Spanier, eine Türkin, und ein Kosovo-Albaner dazu. Ich wurde also in ein interkulturelles Umfeld katapultiert, und von Anfang an wurde ich aufgefordert, meine Werte, Einstellungen und Wahrheiten zu hinterfragen. Auch im Studium wurden wir dazu ermutigt, die Welt und aktuelle Ereignisse neu zu analysieren. Die vielen verschiedenen Hintergründe der Studenten brachten die Welt in unsere Hörsäle und oft endeten die Diskussionen spät abends im Wohnzimmer oder Pub. Aber nicht nur der internationale Hintergrund, sondern auch die verschiedenen Expertisen bereicherten diese Erfahrung. In meinem Jahrgang der Rotary-Stipendiaten gab es einen Journalisten, eine Schriftstellerin, eine Fotografin, eine Lehrerin und eine Agronomin. Es war bewundernswert, wie sie alle auf ihre Art und Weise zum Friedensaufbau beitrugen, manche auf der Weltbühne und andere auf lokaler Ebene. Dies ist eine der Besonderheiten dieses Stipendiums. Rotary hat erkannt, dass Frieden nicht nur auf der staatlichen Ebene oder in internationalen Organisationen wie der UNO oder der EU gestärkt wird, sondern dass jeder mit seiner Arbeit oder Energie auf vielen verschiedenen Ebenen dazu beitragen kann. Daher wird die Kreativität der Friedensarbeit durch das Stipendium nicht nur unterstützt, sondern aktiv gefördert.

Im darauffolgenden Jahr schrieb ich meine MPhil-Arbeit über die Beteiligung der Zivilgesellschaft an der Sicherheitsreform in Guatemala und ich hatte die Möglichkeit, drei Monate in Guatemala bei einer nichtstaatlichen Organisation zu arbeiten. Ich habe über 50 Interviews mit Personen, die direkt in die Sicherheitsreform involviert waren, durchgeführt und die Problematiken vor Ort kennengelernt. Von meinen Kollegen habe ich viel gelernt, besonders da sie ganz neue, innovative Lösungsansätze für die Herausforderungen ihres Landes entwickelten. Mir wurde bewusst, wie wichtig es ist, den globalen Austausch zum Thema Friedensaufbau zu stärken, und dass sich das Feld durch die vielseitigen Erfahrungen weiterentwickeln kann und muss. Da das Rotary-Friedensstipendium Menschen unabhängig von ihrem Herkunftsland unterstützt, trägt es direkt zu diesem wichtigen Austausch bei.

Nach meinem Studium zog ich nach Berlin und begann meine Arbeit als Mediatorin in inter-ethnischen Konflikten auf dem Balkan. Ich arbeitete hauptsächlich im Kosovo, wo ich auf der Gemeindeebene Konfliktparteien zusammenbrachte, um mit ihnen ihre Konflikte durchzuarbeiten. Die Wichtigkeit der menschlichen Begegnung, nicht nur im politischen oder offiziellen Raum, sondern auch im privaten, über Freundschaften oder wirtschaftliche Beziehungen kristallisierte sich immer mehr heraus. Oft hinkt die Politik hinterher, die offiziellen Aussagen dienen mehr der politischen Strategie als der Realität vor Ort. Aber in anderen Foren sind größere Schritte in Richtung Friedensaufbau möglich. Und obwohl diese Schritte nicht in den Medien sind oder einfach subtil existieren, sollte man sie nicht unterschätzen. Es ist die Stärke jedes Menschen, die ihm die Kraft gibt zu vergeben, weiterzuleben und vielleicht sogar Beziehungen wieder aufzubauen. Rotary hat durch sein weitreichendes Netzwerk die Möglichkeit, menschliche Begegnungen zu erleichtern. Durch gemeinsame Projekte, geschäftliche Zusammenarbeit oder entspanntes Zusammensein bei verschiedenen Rotary-Aktivitäten werden Kommunikationskanäle wiederhergestellt, Brücken aufgebaut und die zukünftige Kooperation wieder möglich gemacht.

Arbeit in Krisengebieten

Jetzt arbeite ich als Senior Advisor Training and Organisational Development im Zentrum für Internationale Friedenseinsätze (ZIF) in Berlin. Ich bilde Experten für zukünftige Einsätze bei Friedensmissionen – EU, OSZE, oder UNO – aus und bereite sie auf die Arbeit in Krisengebieten vor. Dafür entwickle ich zusammen mit anderen Organisationen Trainings zu aktuellen Themen, die für Missionen wichtig sind, sowie Mentoring von nationalen Partnern in Post-Konflikt-Gebieten, dem Umgang mit Trauma und Stress oder Informationsmanagement in Krisen. Darüber hinaus arbeiten wir eng mit Partnerorganisationen aus der ganzen Welt zusammen, um das globale Trainingsangebot für diesen Bereich zu erweitern und gemeinsame Standards zu setzen. Es kommt mir manchmal so vor, als würden die Erfahrungen und Erkenntnisse, die ich durch das Stipendium gemacht habe, hier zusammenkommen: Kooperation auf globaler Ebene, eine Vielfalt von Expertisen, die alle auf das gleiche Ziel hinarbeiten, der Austausch zwischen Gastgeberland und internationalen Missionen.

Das Rotary-Friedensstipendium befähigt Menschen von verschiedenen Kontinenten, mit verschiedenen Hintergründen und Expertisen, egal, ob jünger oder erfahrener, ihren Beitrag zum Friedensaufbau zu leisten. Was dadurch entstanden ist und jedes Jahr wächst, ist ein Netzwerk von Menschen, die auf kreative und innovative Art auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiten. Drei Wege, wie Rotarier den Friedensaufbau unterstützen können, sind:

  1. Suchen Sie Stipendiaten – in Ihrer Gemeinde, bei Veranstaltungen, bei Ihrem lokalen Rotaract Club, an den Universitäten, in Ihrem Freundeskreis oder dem Freundeskreis Ihrer Kinder. Es gibt keine Altersbegrenzung für das Stipendium, und die Vielseitigkeit, die dadurch erreicht wird, ist sehr wichtig für den Friedensaufbau.
  2. Oder nominieren Sie mit Ihrem Distrikt Kandidaten aus Ländern, die durch eine Krise gehen oder gegangen sind. Ihre Erfahrung aus erster Hand bereichert den Friedensaufbau ungemein, und es ist wichtig, ihre Stimmen in dem Feld zu stärken und aktiv miteinzubeziehen.
  3. Integrieren Sie die Rotary-Friedensstipendiaten in Ihre Arbeit mit Rotary. Laden Sie sie ein, in Ihrem Club einen Vortrag zu halten. Oder besser noch: Nutzen Sie aktiv die Expertise, die wir durch dieses Stipendium erhalten haben. Eine Expertise, in die Rotary viel investiert hat, die aber leider nicht oft genutzt wird. Fragen Sie uns, Sie bei der Entwicklung Ihrer Clubprojekte zu unterstützen. Wie kann man sie nachhaltiger oder partizipativer machen? Wurde die Gender-Perspektive berücksichtigt oder kann man lokale Partner effektiver miteinbeziehen? Erreicht das Projekt sein Potenzial in Bezug auf Friedensaufbau? All dies haben wir studiert, und wir freuen uns, durch unsere Expertise an Rotary etwas zurückzugeben.

Sie können auch Stipendiaten in dem Land, in dem Sie ein Projekt durchführen möchten, kontaktieren, um sie nach einer Einschätzung der aktuellen Lage vor Ort zu fragen, sie um Unterstützung in der Umsetzung des Projekts zu bitten, oder sie in das Projekt einbinden. Die Rotary-Stipendiaten sind in der ganzen Welt verteilt, arbeiten an den akuten Weltkonflikten und haben eine weitreichende Expertise in vielen spezialisierten Arbeitsbereichen.

Rotary als Austauschforum

Unterstützen Sie durch Ihre Rotary-Projekte Partnerschaften zwischen Ländern/Regionen, die im Konflikt waren oder sind. Der Austausch auf persönlicher, gesellschaftlicher oder geschäftlicher Ebene, den Rotary ermöglicht, kann einen sehr wichtigen Beitrag zum Friedensaufbau leisten. Diese Foren existieren in Krisengebieten oft nicht und Konfliktparteien haben selten die Möglichkeit, sich gegenseitig als Menschen kennenzulernen. Rotary, durch Projekte und Initiativen, kann den Raum für dieses erste Kennenlernen und vielleicht sogar für die zukünftige Zusammenarbeit zwischen Streitparteien schaffen.

Erschienen in Rotary Magazin 11/2012

Brigitta von Messling
Brigitta von Messling ist ehemalige Rotary-Friedensstipendiatin

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