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Spezial Finanzen

An den Lippen der Gurus

Was die Papageiendame Ddalgi den Experten voraushat – ein satirischer Rundumschlag

Vince Ebert01.10.2016

Vor einigen Jahren ließ man in einem Börsenspiel die Papageiendame Ddalgi gegen professionelle Aktienbroker antreten. Während die Börsenprofis strategisch vorgingen und ihre Portfolios mit Hilfe ihrer Analysemodelle zusammenstellten, hat das fünfjährige Vogelweibchen Aktien gekauft, indem es zufällig auf eine Auswahl von Wertpapieren gepickt hat. Zocken frei Schnabel sozusagen. Nach sechs Wochen hat Ddalgi acht von zehn Börsenprofis geschlagen. Ein erstaunliches Ergebnis, das durch die Hirnforschung erklärbar ist: Menschen haben das komplexeste Gehirn. Danach kommen Delfine, Schimpansen, Papageien – und erst dann Investmentbanker.

Nicht, weil sie doof sind, sondern weil sie ihre analytischen Fähigkeiten überschätzen. Denn die Welt läuft offensichtlich viel zufälliger ab, als wir uns das vorstellen. Das eigentliche Geheimnis geheimer Erfolgsrezepte an der Börse ist daher, dass es keine gibt.

Das gilt auch in vielen anderen Bereichen. In den 80-er Jahren hat der Sozialpsychologe Philip E. Tetlock die renommiertesten Experten aus unterschiedlichen Fachgebieten gebeten, Einschätzungen über die Zukunft abzugeben: Wie sieht die Welt in 20 Jahren aus? Wie entwickelt sich der Goldpreis? Wird es mehr oder weniger Kriege geben? Welche Rohstoffe werden knapp werden? Etc. etc.

goldene regel
Dann wartete er 20 Jahre lang und glich die Aussagen der Fachleute mit der Realität ab. Wie gut prognostizieren die renommiertesten Experten die Zukunft? Das Ergebnis war niederschmetternd. Die Einschätzungen der Fachleute waren praktisch alle falsch. Noch viel schlimmer: Tetlock stellte eine Korrelation zwischen der Prognosequalität der Experten und deren Häufigkeit fest, mit der sie im Fernsehen auftreten. Sie ist auch als „Goldene Regel der Sektherstellung“ bekannt: Die größten Flaschen sind meist auch die lautesten.

Warum scheitern Experten? Das Zauberwort heißt „Komplexität“. Ein charakteristisches Kennzeichen komplexer Systeme ist unter anderem, dass oft klitzekleine, zufällige Schwankungen in den Anfangsbedingungen riesige Auswirkungen auf das Endergebnis haben. Physiker sagen dazu: Ein System verhält sich nichtlinear. Doppelt so viel Geld bewirkt nicht doppelt so viel Leistung - oft passiert sogar genau das Gegenteil. Zwei Tage Hannover sind nicht doppelt so nett wie ein Tag Hannover. Glauben Sie mir, ich hab’s ausprobiert.

Und diese unberechenbaren Systeme begegnen uns praktisch überall. Bei der Wettervorhersage, der Stauentstehung und eben auch bei den Aktienmärkten. Sogar bei so etwas Simplem wie einer Duscharmatur: Einen Millimeter nach links gedreht, und die Wassertemperatur sinkt schlagartig von 30 auf fünf Grad. Dreht man den Regler dann wieder exakt zum Ausgangspunkt zurück, kann man unter dem Wasserstrahl problemlos Eier kochen.

Dennoch lieben die meisten von uns diese Prognosen und hängen Wirtschaftsweisen und Aktiengurus an den Lippen. „Wir denken, dass es einen Weltmarkt für vielleicht fünf Computer gibt“ sagte IBM in den 40-er Jahren. „Wer zum Teufel will Schauspieler sprechen hören?“, tönten Warner Brothers in den 20-ern. „Lolita und ich bleiben für immer zusammen“ orakelte 1998 der große Prophet Lothar Matthäus.

Warum also nehmen wir Prognostiker selbst dann noch ernst, wenn sie mit ihren Vorhersagen nachweislich falsch lagen?

Die Antwort ist banal: Wir Menschen mögen keine Unsicherheiten. Sie treiben unseren Stresslevel nach oben. Nur wenige Dinge beschäftigen den Menschen so sehr wie seine Zukunft. Sie löst bei vielen Angst und Unbehagen aus. Das ist verständlich. Wenn Sie bisher überlebt haben (wovon ich stark ausgehe, wenn Sie diese Zeilen hier lesen), ist für Sie die größte Bedrohung die Zukunft. Nicht die Vergangenheit. Denn die haben Sie schließlich einigermaßen gut hinter sich gebracht. Wenn Menschen nicht wissen, wie es weitergeht, wenn sie nicht einschätzen können, was um sie herum vorgeht, wenn sie das Gefühl haben, sie können eine Situation nicht beherrschen, werden sie nervös. Wir alle sehnen uns nach Gewissheit und möchten nur allzu gerne in Sicherheit gewogen werden. Auch dann, wenn es eine falsche Sicherheit ist.

hayeks Erkenntnis
Aus diesem Grund belohnen wir lieber Fehlprognosen, die mit dem Brustton der Überzeugung vorgetragen werden, als die wesentlich seriösere Aussage: „Wir wissen es nicht. Und wir werden es wahrscheinlich auch niemals wissen.“

So gesehen hat ein Aktienguru für uns den gleichen Stellenwert wie bei den alten Griechen das Orakel von Delphi. Auch damals ging es nicht unbedingt darum, ob alles genau so eintrifft wie vorausgesagt. Viel wichtiger war das Ritual. Man besuchte das Orakel und fragte: „Und? Wie sieht’s aus?“, das Orakel dachte lange nach und gab den Menschen dann eine kryptische Lebensweisheit mit auf den Weg: „In der niedrigen Hütte geht der kluge Mann gebückt.“ Und das hat den alten Griechen gereicht.

Auch 2000 Jahre später wissen wir ziemlich wenig über die Welt um uns herum. Wir wissen nichts über dunkle Materie, das Geheimnis des Lebens, was unser 15-jähriger Sohn macht, wenn man nicht zuhause ist, oder warum André Rieu so viele Platten verkauft. Niemand hat nur den blassesten Schimmer davon, was Gravitation ist. Oder Bewusstsein. Oder wieso Frauen den Lidschatten nicht mit geschlossenem Mund auftragen können.

Noch weniger können wir etwas über die Zukunft sagen. Das bedeutet keineswegs, dass niemand, der sich mit der Zukunft befasst, wertvolle Informationen liefert. Im Gegenteil. Es gibt eine Menge Wirtschaftsforscher, die immerhin neun der letzten fünf Rezessionen präzise vorausgesagt haben. Der Vater eines amerikanischen Freundes wusste sogar auf Jahr, Tag und Stunde genau, wann er sterben würde. Der Richter hat es ihm gesagt.

Wir alle wünschen uns Sicherheit und Berechenbarkeit. Ein Wunsch, der uns leider nicht erfüllt wird. Aber ist das so schlimm? Könnte unser Anlageberater tatsächlich 100-prozentig vorausberechnen, wie sich unser Wertpapierdepot entwickeln würde, dann bedeutete das ja, dass die Zukunft feststünde. Wenn aber die Zukunft feststeht - wo ist dann unsere Freiheit? Wo ist der Raum für Fantasie? Freiheit, Fortschritt und Innovation gibt es nur um den Preis der Unberechenbarkeit.

Einer der wenigen Wirtschaftswissenschafter, der das verstanden und akzeptiert hat, war der Nobelpreisträger Friedrich von Hayek. Er sagte über sein Fachgebiet: „Ökonomie besteht darin, dem Menschen vor Augen zu führen, wie wenig er wirklich über das weiß, was er planen zu können glaubt.“ Das ist mit das Intelligenteste, was jemals über Ökonomie gesagt wurde.

Vince Ebert
Vince Ebert arbeitete nach seinem Physikstudium in der Unternehmensberatung und in der Marktforschung, bevor er 1998 seine Karriere als Kabarettist startete. Gerade ist er mit seinem neuen Programm auf Tournee: „Zukunft is the Future“. www.vince-ebert.de