01.10.2017

Rotary Magazin Spezial 

Bitcoin – digitales Gold mit Risko

Philipp Sandner

Die Kryptowährung birgt viele Vorteile – aber auch Gefahren. Die Technologie dahinter wird längst in vielen neuen Geschäftsmodellen genutzt.

Bitcoin wird derzeit sehr kontrovers diskutiert. Es handelt sich um eine sogenannte Kryptowährung, die seit 2008 existiert. Mit dem Konzept für Bitcoin wurde damals auch die Blockchain-Architektur erfunden. Dabei handelt es sich um eine IT-Architektur, mit der Werte elektronisch transferiert werden können – und zwar direkt über das Internet ohne eine zentrale Infrastruktur. Teilweise wird von „digitalem Gold“ gesprochen.

Warum Bitcoin? Wer heute von Deutschland aus nach Indonesien 1000 Euro überweist, weiß nicht, nach wie vielen Tagen oder gar Wochen der Betrag ankommt; zudem werden Gebühren erhoben, sodass nur etwa 900 Euro das Ziel erreichen. Mit Bitcoin kann ein solcher Wert binnen Minuten weltweit versandt werden – ohne nennenswerte Transaktionskosten.

Glaubwürdige Knappheit als Basis
Bitcoin ist die erste Anwendung der Blockchain-Technologie. Die Marktkapitalisierung von Bitcoin beträgt derzeit über 60 Milliarden Euro. Gemessen an Währungen natürlich ein Tropfen auf dem heißen Stein; aber als Konstrukt ohne zentrale Governance, ohne Firmenstruktur eine beachtliche Leistung. Der Grund dafür ist, dass Bitcoin glaubwürdig knapp ist. Es wird nie mehr als 21 Millionen Bitcoin-Münzen geben, dies ist softwaretechnisch gesichert, und hierfür sorgt ein Netzwerk von mehr als 6000 Rechenknoten. Diese glaubwürdige Knappheit ist ein wichtiges Charakteristikum, denn nur wenn ein Gut knapp ist, glaubwürdig knapp, kann es einen Wert entfalten. Dies gilt für Gold ebenso wie für Zigaretten im Gefängnis.

Man könnte behaupten, Bitcoins bestehen nur aus Nullen und Einsen und können damit nichts wert sein. Wer so etwas sagt, muss aber auch fragen, ob Gold nicht einfach nur ein glänzender Stein ist. Natürlich ist das Unsinn. Aber kann es nicht sein, dass auch etwas Immaterielles knapp ist und daher Wert entfaltet?

Direkte Transaktionen
Wenn wir heutzutage E-Mails zwischen Freunden, Bekannten und Geschäftspartnern austauschen, so geschieht dies direkt über das Internet ohne Einschaltung eines zentralen Intermediärs, wie es die Deutsche Post einmal war, um Informationen per Brief und Briefmarke zu übermitteln. E-Mails erreichen den Empfänger direkt und elektronisch. Mittels Blockchain- Technologie lassen sich Werte übermitteln, ebenfalls ohne Intermediäre und ohne Finanzinfrastruktur. Direkt von einem Absender zum Empfänger. Daher müssen sich Intermediäre wie Banken, Börsen oder Vermögensverwalter mit der Technologie beschäftigen, um ihr Geschäftsmodell auf neue Chancen, aber auch auf die Risiken auszurichten.

Vier von fünf DAX-Konzernen beschäftigen sich mit der Technologie. Dies geschieht oftmals hinter den Kulissen, sodass echte blockchain-basierte Produkte oder Dienstleistungen noch im Entstehen begriffen sind. Bei Start-ups ist dies anders; hier entstehen zahlreiche innovative Geschäftsmodelle, die bereits jetzt erkennbar sind.

Start-up-Finanzierung
Auch Venture-Capital-Geber sind Intermediäre. Venture-Capital-Geber sind seit Jahrzehnten wichtige Financiers für Innovationen; ohne derartige Kapitalgeber gäbe es Unternehmen wie Google oder Dropbox heutzutage nicht. Es waren exakt diese Kapitalgeber, die in frühen Phasen Start-ups kurz nach deren Gründung finanziert haben,damit diese dann zu großen Unternehmen heranwachsen konnten. Mit der Blockchain-Technologie müssen auch Venture-Capital-Geber ihr Geschäftsmodell überdenken. Im Jahr 2017 sind weit mehr als eine Milliarde Euro von Investoren via Blockchain-Technologie direkt an Start-ups geflossen – ohne dass diese Investitionen durch Venture-Capital-Geber vermittelt werden mussten. Dieses Phänomen nennt sich im „digitalen Volksmund“ Initial Coin Offering (ICO), um sich bewusst und provokant an den Begriff des Initial Public Offering (IPO) von börsennotierten Unternehmen anzulehnen. Natürlich ist hier ein gewisser Hype zu beobachten, und auch die regulatorischen Anforderungen werden oftmals nicht oder nur unzureichend beachtet. Aber dennoch ist eine Veränderung im Gange, auf die Venture-Capital-Geber achtgeben müssen, um übermorgen noch Zugang zu herausragenden Start-ups zu haben.

Iconiq Lab und Meminto
In Frankfurt wurde jüngst das Unternehmen Iconiq Lab gegründet, dessen Strategischer Partner das Frankfurt School Blockchain Center ist. Es unterstützt blockchain-basierte Start-ups, Gelder mittels Blockchain-Technologie zu akquirieren. Start-ups wenden sich zum Teil direkt an Blockchain-Investoren, und nicht mehr an „traditionelle“ Venture-Capital-Geber. Das Beispiel zeigt, dass sich das Thema Gründungsfinanzierung und Vermögensverwaltung durch die Blockchain-Technologie verändern wird.

Bei dem Unternehmen Meminto dreht sich alles um den „digitalen Nachlass“. Wer stirbt, kann per Testament über sein Vermögen verfügen. Was aber geschieht mit seiner digitalen Identität? Gemeint sind damit Hunderte Fotos im Internet, zahlreiche Profile in sozialen Netzwerken, Passwortlisten zu vielen Internetdiensten. Meminto bietet eine Dienstleistung an, das „digitale Ich“ nach dem eigenen Ableben zu verwalten. Die Blockchain-Technologie ist hier relevant, weil damit verschiedene Prozesse nach dem Ableben in Gang gesetzt werden und von niemandem mehr gestoppt werden können. Einem Start-up möchte man sein digitales Testament möglicherweise nicht anvertrauen, der Blockchain-Technologie, die den letzten digitalen Willen vollzieht, möglicherweise schon. Wer sich in der Blockchain-Technologie auskennt, weiß, dass dies zuverlässig und zudem absolut sicher geschehen würde.

Beispiel: Healthbase
Healthbase ist ein Start-up, das sich mit Gesundheitsdaten beschäftigt. Die Idee hierbei ist, dass die Daten über die eigene Gesundheit letztlich dem Patienten gehören sollten. Wenn dieser einwilligt, könnte er seine Daten etwa auch für medizinische Studien gegen Bezahlung bereitstellen. Zum Vergleich: Heutzutage werden Patientendaten in Kliniken teilweise für Forschungszwecke verwendet. Aber wäre es nicht interessant, wenn ich als Patient exakt wüsste, welche Daten von mir für welche Zwecke verwendet werden? Und ich die Möglichkeit hätte, bei jeder Verwendung im Einzelfall zuzustimmen und hierfür sogar eine Bezahlung erhalte? Dies ist die Vision von Healthbase. Die Blockchain-Technologie wickelt hierbei die kompletten Zugriffs-, Daten- und Zahlungsprozesse vollautomatisch ab.

Regulatorik als Herausforderung
Natürlich ist es nicht einfach, diese neuen Geschäftsansätze regulatorisch korrekt abzubilden, aber es ist möglich. Und damit entstehen durch die Blockchain-Technologie gänzlich neue Geschäftsmodelle, die zumeist vollautomatische Geschäfts- und Zahlungsprozesse beinhalten. Die Zeit wird zeigen, inwiefern derartige Geschäftsideen erfolgreich werden können. Aber in jedem Falle lässt sich festhalten, dass die Blockchain-Technologie nicht mehr verschwinden wird, sondern zahlreiche Branchen und Geschäftsmodelle signifikant beeinflussen wird.


Bitcoin
Kursschwankungen Nachdem Bitcoin eine zeitlang für digital-affine Anleger als alternative Spekulationsmöglichkeit galt und Anfang September einen Höchststand erreichte, gab es in den vergangenen Wochen vermehrt Negativschlagzeilen. Bitcoin geriet unter anderem durch Börsenschließungen in China und Hackerdrohungen unter Druck und erlebte enorme Kursschwankungen. Immer mehr prominente Banker und Investoren warnen vor der Kryptowährung als hochspekulatives Asset.

Erschienen in Rotary Magazin 10/2017

Philipp Sandner
Prof. Dr. Philipp Sandner (RC München-Münchner Freiheit) leitet das Frankfurt School Blockchain Center an der Frankfurt School of Finance & Management. Zu seinen Themengebieten gehören Blockchain, Kryptowährungen, Digitalisierung und Entrepreneurship. Er ist Mitglied im FinTechRat des Bundesministeriums der Finanzen. frankfurt-school.de

Rotary Magazin 12/2017

Rotary Magazin Heft 12/2017

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