Interview - „Ein Anspruch auf Exzellenz“

Verantwortet das Design bei Volkswagen: Klaus Bischoff © Lorenzo Ciniglio/Polaris/laif

01.11.2017

Interview

„Ein Anspruch auf Exzellenz“

René Nehring

Im Gespräch mit VW-Chefdesigner Klaus Bischoff. Über die Anforderungen an ein gutes und werthaltiges Design, den Weg von der Gestaltungsidee zum fertigen Produkt und Markenidentität in einer großen Modellfamilie

Herr Bischoff, Volkswagen warb in den letzten Jahren mit dem Claim „Das Auto“. Was charakterisiert das Design von „Das Auto“?
Abgesehen davon, dass wir diesen Claim nicht mehr verwenden, steckt dahinter der Anspruch auf Exzellenz, den wir mit unseren Produkten natürlich nach wie vor erfüllen möchten. Es geht darum, den Kunden ein hochqualitatives Produkt anzubieten. Und das soll in jeder Facette der Produktsubstanz sichtbar werden. Wenn Sie sich einige unserer Modelle ansehen, zum Beispiel den Arteon oder den neuen T-Roc oder den aktuellen Golf, dann werden Sie ohne Zweifel erkennen, dass Präzision, Substanz, Qualität, aber auch das, was wir „Touch and Feel“ oder „Perceived Quality“ nennen, auf einem klassenüberlegenen Niveau sind. Das ist die Erfüllung dieses Versprechens.

Qualität ist in der Regel eine handwerkliche Kategorie und kann sogar mit objektiven Kriterien gemessen werden: zum Beispiel, wenn ein Motor fehlerfrei läuft oder länger hält als Konkurrenzprodukte. Wie charakterisieren Sie den Begriff Qualität im Zusammenhang mit Design?
Designqualität hat viel mit Disziplin, Nachhaltigkeit und vor allem auch mit Präzision zu tun. Wir haben zum Beispiel beim Golf eine Kante, die läuft von der Spitze des Scheinwerfers über die Motorhaube, über den Kotflügel in die A-Säule am Fahrzeug entlang in den Heckspoiler hinein, wieder zurück über das Seitenteil, bis sie dann in den Fuß der A-Säule wieder in den Kotflügel ausläuft. Das ist Karosseriebauqualität und Designqualität auf höchstem Niveau.
Die Qualität, aber auch die Nachhaltigkeit, im Design entsteht durch Reduktion und durch Klarheit. Das sind keine Marketingfloskeln, sondern Erfordernisse gegenüber den Kunden. Der Golf hat mittlerweile in sieben Generationen bewiesen, dass sein Design einem der härtesten Tests überhaupt standhält – dem der Zeit. Es ist unglaublich schwierig, ein Produkt über eine so lange Zeit am Markt zu halten, es immer wieder zu erneuern und zugleich im Aussehen stets eine klare Markenidentität zu bewahren.

Wie gelingt so etwas?
Dafür müssen Architektur, Funktion und Gestaltung eines Produkts komplett verzahnt sein. Und es gilt, das Produkt auch immer wieder zu hinterfragen. Um beim Beispiel der Linie zu bleiben: Wir müssen immer wieder hinterfragen, ob wir diese wirklich brauchen. Können wir sie anders gestalten oder kann sie ganz weg? Wenn am Ende des Prozesses das Design sauber und rein, klar und brillant ist, dann kann ich auch hier, in einer eher künstlerischen Kategorie, von Qualität sprechen.

Beständigkeit ist wichtiger als ein modischer Effekt?
Exakt. Wir sollten nicht vergessen, dass die Menschen für ihre Fahrzeuge viel Geld bezahlen. Natürlich könnten wir mit vordergründigen Effekten versuchen, die Kaufentscheidung der Kunden zu beschleunigen. Wenn sie dann aber nach einem halben Jahr feststellen, dass ein Trend vorüber ist und das neue Auto eigentlich gar nicht aussieht wie ein VW, haben weder die Kunden noch wir etwas gewonnen. Deshalb haben wir Designer gleichermaßen eine Verpflichtung gegenüber unseren Kunden und unserer Marke. Wir wollen und müssen etwas anbieten, was einerseits emotional anspricht, andererseits aber auch ein Autoleben lang funktioniert.

Wenn Sie an die Entwicklung eines neuen Modells herangehen: Wie groß ist der Spagat zwischen der traditionellen Formensprache der Marke und dem Wunsch des Künstlers, dem Produkt seine eigene Handschrift zu geben?
Am Anfang jeder Entwicklung steht die Frage, was ist denn überhaupt Volkswagen, was zeichnet diese Marke aus? Hinzu kommt die Dimension dieser Marke. Wir haben sicherlich eine der größten Produktpaletten weltweit, und wir reden über ein paar Millionen Autos in jedem Jahr. Da sind die Verpflichtungen gegenüber den Mitarbeitern und Kunden sehr groß, und man wird demütig.  Andererseits sollte es einem aber auch nicht den Mut rauben. Es ist schon wichtig, dass man als Künstler und Designer den Anspruch hat, seine Handschrift einzubringen und den Autos ein Gesicht und einen Stil zu geben, der in die Zukunft gerichtet ist. Das ist mein Ziel und das setze ich mit einem grandiosen Team auch so um. Klar ist allerdings auch, dass es nicht um die Selbstbefriedigung eines Künstlers geht. Wir sind Dienstleister des Kunden und Wächter der Marke. Es wäre anmaßend und ignorant, als Designer zu sagen, dass ich meine persönlichen Motive über die Ziele der Marke stelle.

Wie sieht der Weg von der Idee für ein neues Design bis zu deren Umsetzung in Form eines fertigen neuen Autos aus?
Am Anfang gibt es, wie bei allen Designern, ein weißes Blatt Papier und ein Stift. Die habe ich übrigens immer
dabei, um auch spontane Ideen etwa beim Frühstück oder beim Segeln festhalten zu können. Diese Einfälle
diskutiere ich dann mit meinen Mitarbeitern und sie werden weiter visualisiert. Daraus entwickeln wir im Team ein Bild, eine Vorstellung. So entstehen die ersten Produktideen.
Dann kommt man in einen Prozess hinein, in dem viele Ideen auf dem Tisch liegen oder an der Wand hängen Und dann kommt der Punkt, wo das Konzept klar ist und wir das erste Tonmodell aufbauen. Gleichzeitig sind wir aber auch in einer digitalen Dimension. Schon jetzt arbeiten wir mit digitalen Tools im virtuellen Raum und haben eine fast durchgängige digitale Prozesskette. Es ist faszinierend, mit einer Brille Produkte zu sehen, die es physisch noch gar nicht gibt.

Arbeit im virtuellen Raum: „Es ist faszinierend, mit einer Brille Produkte
zu sehen, die es physisch noch gar nicht gibt“.    Foto: Volkswagen AG



Welche zeitliche Dimension haben diese Prozesse?
Grundsätzlich gilt, dass die Produktzyklen immer kürzer werden. Noch bevor ein Auto in den Markt geht, arbeiten wir schon am Facelift. Bevor das Facelift in den Markt geht, ist schon der Nachfolger fertig – und so weiter, und so weiter.
Wir müssen also vor jedem Schritt überlegen, wie der nächste und übernächste aussehen könnte. Und das mal 75 Projekte, an denen wir gerade arbeiten.

Wie hoch ist Ihr persönlicher Anteil an den einzelnen Produkten?
In jedem neuen Auto unseres Hauses steckt auch immer ein Teil von mir.
Ich gebe einerseits den Rahmen vor und bin letztendlich für jedes Projekt verantwortlich. Ich erteile jedoch nicht
nur die Freigabe, ich gestalte auch mit. Allerdings ist auch klar, dass man bei so vielen Produkten und einer so großen Produktpalette nicht auf jeden Strich schauen kann. Deshalb haben meine rund 400 Designer auch viele Freiheiten. Ich steuere mehr die Marke und bin so etwas wie ein Dirigent, der dafür sorgt, dass die einzelnen Instrumente zusammen einen wohligen Klang ergeben.

Die Autos von Volkswagen werden in sogenannten Plattformkomponenten gebaut, das heißt, dass einzelne Elemente gleichermaßen im Polo, Golf und Passat integriert sind. Inwieweit schränkt das bei der Gestaltung ein?
Gar nicht. Sogar im Gegenteil. Wir haben durch unsere Baukästen als Designer vielfältige Möglichkeiten der Variierung. Und wir können die verschiedensten Produktidentitäten und Architekturen aus den Baukästen heraus erzeugen. Über die Flexibilisierung der Baukästen, also den bewährten modularen Querbaukasten MQB, sowie die neue Architektur für rein elektrische Fahrzeuge, sind die Freiheitsgrade für uns Gestalter sogar deutlich größer geworden. Aber eben auch die Verpflichtung, das Richtige zu tun.

Inwiefern?
Wir gestalten in Produktfamilien und machen keine „Stand alone“-Produkte. Das ist wie bei einem Schachspiel, wo man auch schon den fünfzehnten Zug im Kopf haben muss, bevor man den ersten macht. Das heißt, wenn ich den einen Strich ziehe oder sage, so machen wir es jetzt, muss ich gleichermaßen bedenken, wie sich das für alle Fahrzeuge unserer Marke auswirkt.
Wenn Sie sich einen Polo ansehen oder einen Arteon oder einen Passat, dann sind deren Gesichter und Heckpartien alle unterschiedlich, sodass jeder für sich eine eigene Identität hat. Dennoch bilden sie als Produktgruppe zusammen eine Einheit. Das ist Familienidentität, Markenidentität, Produktidentität. Diese Facetten müssen wir im Griff behalten, sonst werden wir verwechselbar. Das ist wie zuhause, wo Oma und Opa, Vater und Mutter und die Kinder alle individuell aussehen und doch erkennbar ist, dass alle zu einer Familie gehören.

Ein großes Zukunftsthema der Automobilindustrie ist E-Mobility. Brauchen Elektroautos ein eigenes Design, das sich vom Erscheinungsbild der Ära der Verbrennungsmotoren unterscheidet?
Absolut. Design heißt für mich, eine ästhetische Lösung für ein technisches Problem zu finden. Deshalb gehen wir zum Beispiel mit den I.D.-Modellen Wege, die einen bewussten Neubeginn unserer Designkultur darstellen. Diese Modellfamilie hat zum Beispiel in den Proportionen, in der Architektur, in diversen Designelementen und im gesamten skulpturalen Auftritt der Autos einen eigenständigen Charakter. Und anders als bei früheren Modellreihen von Volkswagen ist bei der I.D.-Reihe das Design zu einem eigenständigen Faktor geworden. Dennoch – wenn diese Modelle in ein paar Jahren auf der Straße fahren und dann neben dem neuen Golf 8 stehen, wird man auch hier erkennen, dass sie alle aus dem Hause Volkswagen kommen.

Markenidentität: Für die I.D.-Reihe – im Bild der I.D. Buzz – entwarf das Team
um Klaus Bischoff ein kultiges Design für das Zeitalter der Elektromobilität, das zugleich
unverwechselbar ein Volkswagen ist.     Foto: Volkswagen AG



Das Gespräch führte René Nehring.

Erschienen in Rotary Magazin 11/2017

Rotary Magazin 11/2017

Rotary Magazin Heft 11/2017

Titelthema

Herbst einer Volkspartei

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