22.10.2014

Beruf & Branche 

Bitcoins & Co. – das neue Geld aus dem Netz

Mittels einer digitalen, kryptographischen Währung wurde unlängst eine Million Dollar übertragen – binnen Sekunden, ohne Transaktionskosten und noch dazu an einem Sonntag. Willkommen in der schönen neuen Geld-Welt? „Das traditionelle Zahlungssystem ist antiquiert, teuer und ineffizient”, erklärte kürzlich der frühere Minister Karl-Theodor zu Guttenberg und begründete damit sein berufliches Engagement bei dem jungen US-Finanzunternehmen Ripple Labs. Allerdings existiert seit langem schon auch ein anderes Zahlungssystem, das sogenannte Buchgeld, das die Grundlage jeder Bank bildet. Und neben Banken gibt es zahlreiche andere Akteure, die durch Verwaltung von Konten oder sogar die Ausgabe eigener Zahlungsmittel tätig geworden sind. Da sind etwa die bekannten Loyalitätsprogramme wie „Miles & More“, gänzlich alternative Währungen, beispielsweise in Form von Regionalwährungen wie dem „Chiemgauer“, aber eben auch neuere digitale Formen. Die meisten digitalen Währungen der Vergangenheit sind dabei den Logiken der klassischen Währungsordnung nachempfunden, mit dem wichtigen Unterschied, dass sie von privaten Akteuren in Umlauf gebracht werden. Sie erinnern damit an die von Industrieunternehmen, insbesondere Bergbau- und Holzverarbeitungsbetrieben, in Arbeitersiedlungen und Firmenstädten in Umlauf gebrachten Komplementärwährungen des 19. und 20. Jahrhunderts. Sie sind, wie der US-Dollar und der Euro, einer zentralen Ausgabestelle unterworfen, welche die Geldmenge reguliert und an Gegebenheiten anpasst.

Die Notwendigkeit einer solchen zentralen Stelle erscheint mit Bezug auf heutige ungedeckte Währungen zunächst nachvollziehbar: Primitivgeld besaß regelmäßig neben seinem Tauschwert auch einen intrinsischen Wert – man denke an die Salzrationen der römischen Legionäre, an die noch heute das in der Schweiz übliche Salär erinnert. Mit Gold gedecktes Geld trug dem gemeinhin historisch unterstellbaren sozietalen Konsens Rechnung, Gold als nützlichen Wertgegenstand anzuerkennen. Unser heutiges, nicht aus sich heraus wertvolles Geld wäre ohne die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Länder und die Autorität ihrer Zentralbanken, die Art und Menge des Geldes kontrollieren und denen wir uns durch sozialen Kontrakt unterwerfen, schwierig fassbar.

Digitale Güter, z. B. Fotos, Musikstücke oder Videos, können üblicherweise ohne größeren Aufwand beliebig vervielfältigt und verändert werden, ohne, dass dies ihre Qualität einschränkt. Träfe dies auch für ein Zahlungsmittel zu, so würde es seine funktionale Eignung als solches notwendig einbüßen.

SCHÜRFEN DURCH RECHENLEISTUNG

Kryptowährungen, von denen Bitcoin die erste und zurzeit bekannteste ist, lösen dieses Problem, indem sie eine neue Art von Währungsdeckung schaffen, die mathematische und kryptographische Verfahren nutzt, um sicherzustellen, dass niemand Geld fälschen, mehrfach ausgeben oder kopieren kann – klassische Schwachstellen von Onlinewährungen. Das System lehnt sich zwar begrifflich an Münzgeld („Coins“) an, ist in der Praxis allerdings eine dezentralisierte Buchführung (engl. „Blockchain“), deren Integrität über komplexe mathematische Berechnungen sichergestellt wird. Solche Cyberwährungen befänden sich zwar noch am Anfang, so zu Guttenberg, „die Erfindung dieser Technologie kann jedoch nicht rückgängig gemacht werden“.

 Die Rechenleistung, die notwendig ist um die komplexen mathematischen Berechnungen durchzuführen und die Integrität der digitalen Buchhaltung sicherzustellen, wird von „Schürfern“ (in Anlehnung an den Bergbau, engl. „Miners“) zur Verfügung gestellt. Diese Rechenleistung wird genutzt, um einen Buchungszyklus von jeweils zehn Minuten aufrecht zu erhalten, welcher neue Transaktionen als Blöcke in die Blockchain integriert. Um die Schürfer zu entlohnen, wird die Arbeit mit einer bestimmten Menge an neu geschöpften Bitcoins und Transaktionsgebühren entgolten. Dabei nimmt die Menge der neuen Bitcoins stetig ab, was dazu führt, dass ihre Gesamtmenge auf rund 21 Millionen begrenzt ist, dabei jedoch in bis zu 100.000.000 Untereinheiten – nach dem pseudonymen Erfinder des Bitcoin-Protokolls, Satoshi Nakamoto, auch Satoshis genannt – aufgeteilt werden kann.

IM SINNE DER PHILANTHROPIE

Das Bitcoin-Netzwerk, inzwischen mit Bezug auf seine Rechenleistung das mächtigste Rechennetzwerk der Welt, stellt die Leistung aller Regierungs- und Forschungs- und Wirtschaftssupercomputer in den Schatten und erzeugt somit ebenfalls Betriebskosten, welche jedoch, mit Bezug auf die einzelne zu sichernde Transaktion, ähnlich wie die nur theoretisch bezifferbaren Kosten einer e-Mail, vernachlässigbar werden. An die Stelle der Geldbörse tritt ein individueller privater Schlüssel, der den Zugriff auf die Bitcoins im Bestandsbuch der gemeinsamen digitalen Buchhaltung ermöglicht.

Der Austausch von Zahlungsmitteln ist durch das dezentrale Netzwerk völlig ohne Rückgriff auf staatliche oder private Intermediäre wie Banken für jeden einzelnen möglich. Dies hat zwei Konsequenzen: Zum einen bedeutet es, dass die Vertrauens-Asymmetrie zwischen dem Einzelnen und diesen Intermediären überwunden wird, zum anderen, dass die Transaktionskosten, die vormals notwendig waren, um Geschäfte zu ermöglichen, entfallen.

Nicht nur die hier genannten Gründe führten dazu, dass sich in den vergangenen Monaten die praktischen Anwendungsmöglichkeiten von Bitcoins & Co vervielfacht haben: 2010 konnte man mit Bitcoin innerhalb der eng geknüpften Gemeinschaft von Enthusiasten allerlei Kuriositäten erstehen – inzwischen akzeptieren der Reise-Weltmarktführer Expedia und der ehemals weltgrößte Computer-Händler Dell Bitcoins. In der analogen Welt tun sich beispielsweise der Elektroautobauer Tesla, das Londoner Szenecafé Old Shoreditch Station und einige Universitäten in Europa hervor. Auch in Berlin, der „weltweiten Bitcoin-Hauptstadt“ (Die Welt), lässt sich inzwischen in einer ganzen Reihe von Bars und Einzelhändlern mit Kryptowährungen zahlen. Hier haben auch Anbieter ihren Sitz, die das Einkaufen auf eBay und Amazon mit Bitcoins ermöglichen. Ungewöhnlich bleibt noch immer eine Entscheidung der St Martin‘s Church in London, unter Berufung auf Matthäus 6:3,4, die Kollekte in Bitcoins zu ermöglichen – durch die Natur von Kryptowährungen sei das gebotene Nichtwissen um die Spende gewährleistet und nur Gott wisse um die Tat, lautet die Begründung.

Diese Vielfältigkeit kann insbesondere auch für die für Rotary bedeutsame Philanthropie und Entwicklungszusammenarbeit von Bedeutung sein, und tatsächlich gibt es eine Reihe von Bemühungen, Kryptowährungen auf diesem Feld zu positionieren. Mittels Dogecoin, einer weit verbreiteten „sozialen Alternative zu Bitcoin“ (Die Zeit), wurden u. a. 35.000 US-Dollar für den Bau von Brunnen in Kenia und 30.000 für die Ausbildung von Assistenzhunden für Kinder mit Behinderungen gesammelt. Die Spenden kamen dabei nicht nur von Großspendern, sondern auch von vielen tausend internationalen Klein- und Kleinstspendern, deren Zuwendungen mit konventionellen Zahlungssystemen aufgrund der Gebühren unmöglich gewesen wären.

Die Bedeutung dieser neuen Entwicklung wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen, kann aber entscheidende Veränderungen für unsere Gesellschaft bringen. Man denke in diesem Zusammenhang zum Beispiel an die digitale Fotografie, die innerhalb eines Jahrzehnts eine über hundert Jahre alte Traditionsbranche obsolet machte und unseren Umgang mit Fotoaufnahmen grundlegend veränderte. Dabei ist nicht sicher – sogar zweifelhaft – ob Bitcoin der Weisheit letzter Schluss sein wird, doch es ist wahrscheinlich, dass die den Kryptowährungen zugrundeliegende technologische Idee in Zukunft eine Vielzahl von Anwendungen finden und mehr als nur die internationale Finanzwelt aufmischen wird.


Autoren:

Manouchehr Shamsrizi (lZeppelin Universität und Yale University) und J. Amadeus Waltz (Bucerius Law School und University of Cambridge) sind Pastpräsidenten des Rotaract Clubs Hamburg-Steintor. Gemeinsam mit Jens Wiechers (Zeppelin Universität und Harvard University) initiierten sie den Verein »Kryptos« als Projekt des World Economic Forums’ Global Shaper Hub Hamburg. Der Verein hat das Ziel, die öffentliche Bekanntheit und Akzeptanz von Kryptowährungen zu fördern und den gesellschaftlichen Diskurs über Chancen und Risiken dieser neuen Zahlungsmittel voranzutreiben. Sie sind für Nachfragen, Kritik und Anregungen unter rotary@ kryptos.sh erreichbar und freuen sich auch über eine Gelegenheit, mit Rotariern ins Gespräch zu kommen.

Erschienen in Rotary Magazin 9/2014

Rotary Magazin 9/2016

Rotary Magazin Heft 9/2016

Titelthema

Herbst einer Volkspartei

Die deutsche Sozialdemokratie steckt in der Krise. Der Zuspruch sinkt, die Partei liegt bundesweit bei 20 Prozent. Woran liegt das? Welche Fehler wurden in den letzten Jahren gemacht? Und mit Blick auf…

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