01.01.2017

Titelthema: Wald 

„Der Wald ist ein Multitalent“

Fragen an Thomas Griese über die Ziele grüner Forstpolitik, die gesellschaftliche Bedeutung des Waldes und neue Möglichkeiten für dessen wirtschaftliche Nutzung.

Herr Griese, welches forstpolitische Leitmotiv verfolgt Ihre Landesregierung?
Wir verfolgen mit unserer Forstpolitik das Ziel, den Wald und die Forstwirtschaft in den Dienst wichtiger gesellschaftlicher Zukunftsaufgaben zu stellen, die weit über den Waldrand hinausreichen. Wir leben in Zeiten weitreichender, teils global wirksamer Wandlungsprozesse, die uns vor große Herausforderungen stellen, zu denen der Wald und seine nachhaltige Bewirtschaftung sowie die Nutzung des Ökorohstoffs Holz wichtige Beiträge leisten können. Ich denke hier im Speziellen an den Klimawandel, an den demographischen und sozialen Wandel in der Bevöl­ke­rung und nicht zuletzt auch an den Wertewandel in unserer Gesellschaft.

Und bei deren Bewältigung soll der Wald helfen?
Nehmen Sie den Klimawandel. Hier ist der Wald nicht allein Leidtragender, weil sich seine Lebensgrundlagen derzeit in atemberaubendem Tempo ändern und dies ein maßgeblicher Treiber für Artenschwund, Artenverschiebungen und Waldschäden ist. Der Wald ist zugleich auch die Quelle für den wichtigsten nachwachsenden Rohstoff, den wir in Deutschland haben: das Holz. Und die nachhal­tige Nutzung dieses Rohstoffs hilft uns auch in der Klimaschutzpolitik. Holz bindet bei seinem Wachstum Kohlendioxid, es ist zudem ein Rohstoff der kurzen Transportwege und kann ohne großen Energieaufwand verarbeitet werden. Das prädestiniert es als Bau- und Werkstoff und im zweiten Schritt auch als Energieträger. Der Wald ist nicht nur ein wich­tiger Speicher für das klimaschädliche Kohlendioxid: Holz spielt auch als res­sour­­censchonender Baustoff eine zentrale Rolle. Denn durch seine Verwendung ­ersetzt er klimabelastende Materialien wie Beton, Stahl oder Aluminium. Zudem kann Holz wiederverwendet oder energe­tisch genutzt werden, was Holz zu einem Paradebeispiel der Kreislaufwirtschaft macht.

Und wie wollen Sie dieses Potential ­befördern?
Wir erarbeiten derzeit als Bestandteil des Klimaschutzkonzeptes unter anderem ein Umsetzungsprojekt zur Wärmewende in Rheinland-Pfalz. Dabei kann Holz eine bedeutende Rolle spielen: als Ausgangsmaterial für Dämmstoffe, als Baumaterial mit guten Dämmwerten oder als erneuer­bare Energie. Über 70 Prozent der erneuerbaren Energie im Wärmebereich werden schon jetzt aus Holz gewonnen. Nun gilt es, das Potential weiter auszubauen und die Effizienz beim Einsatz dieses CO2-­neu­tralen Energieträgers zu steigern.

Das heißt, wir sollten Holz vermehrt zur Energiegewinnung nutzen?
Rheinland-Pfalz ist eine Waldland und in seiner Struktur ländlich geprägt. Dezen­trale Energieversorgung ist ein Schlüssel der Energiewende. Zudem kann Holz als Regelenergie im zukünftigen Strommix bedeutsam sein, wenn Wind nicht weht oder Sonne nicht scheint. Aus diesen Gründen ist Holz als Energielieferant sinnvoll. Jedoch sollte dies nach Möglichkeit erst am Ende einer Nutzungskaskade erfolgen, an deren Anfang die stoffliche Verwendung des Holzes steht. Hier sind die Substitutionspotentiale an Treibhausgasen sogar noch größer als im energe­tischen Bereich. Denn klimarelevant ist insbesondere die sogenannte „Graue Energie“, die für die Herstellung vieler Produkte wie Baumaterialien benötigt wird. Wir machen uns daher sehr für den Holzbau stark, dessen Energiebilanz in dieser Hinsicht unschlagbar ist.

Kann Holz auch einen Beitrag zur Stromerzeugung aus regenerativen Quellen leisten?
Im Rahmen der Sektorkopplung zur ­Wärmeerzeugung kann sicher auch das Holz Beiträge zur Stromerzeugung leisten. Wichtiger jedoch erscheint mir der Wald als Standort für Windenergieanlagen auf den windhöfigen Mittel­gebirgshöhen. Wir haben hier eine ­bundesweit führende Stellung inne und sind noch nicht am Ende dieser ­Entwicklung angekommen.

Leisten die damit verbundenen ­Eingriffe in die Landschaft nicht der weiteren Landflucht Vorschub?
Das tun sie nicht. Ich sagte ja eingangs, dass auch zur Bewältigung der Folgen des demographischen und sozialen Wandels der Wald und die Forstwirtschaft erhebli­che Beiträge leisten können. Die genannten Projekte sorgen schließlich auch für Einkommensmöglichkeiten und Wertschöpfung im ländlichen Raum und dies ist nun mal eine ganz wesentliche Basis dafür, dass Menschen dort ihr materielles Auskommen finden und sich wohl fühlen.

Wir dachten immer, dass die Ballungsräume die Kraftzentren dieser Prozesse sind. Das werden Sie mit der Wertschöpfungsleistung aus Holz oder Windenergieanlagen kaum aufwiegen können.

Diesen Anspruch erheben wir auch nicht. Aber man sollte die wirtschaftliche Bedeu­tung des Sektors auch keinesfalls unterschätzen. In Rheinland-Pfalz sind rund 51.000 Arbeitsplätze vom Holz abhängig, und der Sektor erwirtschaftet Umsätze von nahezu zehn Milliarden Euro. Im produzierenden Gewerbe stellt keine Branche hierzulande mehr Arbeitsplätze, und auch in den Umsätzen spielt sie in der ­Liga der stärksten drei. Dies ist vielfach unbekannt. Wir haben es hier mit einer Vielzahl von kleinen und mittleren Unternehmen – vom inhabergeführten Forst- und Handwerksbetrieb bis zum mittelständischen Sägewerk – zu tun, die dafür aber auch in nahezu jedem zweiten Dorf ansässig sind.

Wir dürfen in Deutschland nicht zulassen, dass hier auch nur in Ansätzen eine Entwicklung Platz greift, wie sie derzeit als ein Schlüsselfaktor für den Ausgang der US-Präsidentschaftswahl diskutiert wird: Es heißt ja, die USA seien ein „Fly­over-country“ geworden, bei dem Politik ausschließlich an der Ost- und Westküste gedacht und gemacht, der dazwischen liegende Raum hingegen von allen Ent­wick­lungen abgekoppelt würde. Wir ­legen auch mit Blick auf solche Analysen großen Wert auf Partizipation und Transparenz bei wichtigen politischen Ent­scheidungs­prozessen auch jenseits von Wahlterminen.

Zum Beispiel?
Das fängt im Kleinen an und setzt sich durchaus auch in Großprojekten fort. So haben wir etwa den gesamten dem Land gehörenden Waldbesitz nach den beiden anspruchsvollen Zertifizierungssystemen FSC® und PEFC® zertifiziert.In beiden Systemen besitzen am Wald interessierte Akteure ein verbrieftes Mitwirkungsrecht und können sich im Rahmen der Zertifizierungsaudits ­Gehör zu ihren Anliegen bezüglich der konkreten Waldbewirtschaftung vor Ort verschaffen.

Und wie ist es mit den Großprojekten?
Eine sehr breit angelegte Bürgerbeteiligung hat es im Zuge der Ausweisung unseres 100 Quadratkilometer großen Nationalparks Hunsrück-Hochwald gegeben. Hier haben wir vielfältige Bürgerforen durchgeführt, bei denen nicht nur die Ausgestaltung des Nationalparks, sondern vorgängig sogar die grundlegende Entscheidung zu dessen Einrichtung von den Bürgern und den kommunalen Mandats­trägern vor Ort diskutiert werden konnten. Hätte es dabei ein ablehnendes Votum zum Nationalpark gegeben, hätten wir ihn auch nicht aus der Taufe gehoben.

Und wie ist Ihre ganz persönliche Sicht auf den Wald?
Der Wald ist ein Multitalent, das wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und ökologischen Funktionen gleichermaßen ­gerecht wird, wenn man ihn nachhaltig und naturnah bewirtschaftet und pflegt. All das leistet die Forstwirtschaft in hervorragender Weise, wie sie beispielgebend auch für unsere gesamte Volkswirtschaft
sein könnte.


Dr. Thomas Griese (links) ist Staatssekretär
im Ministerium für Umwelt, Energie, Ernährung
und Forsten des Landes Rheinland-Pfalz.

mueef.rlp.de



Die Fragen stellte Jost Springensguth.

Erschienen in Rotary Magazin 1/2017

Rotary Magazin 11/2017

Rotary Magazin Heft 11/2017

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