Anmerkungen zur Entwicklung des Arbeitsmarkts - Der Weg zur Vollbeschäftigung

15.07.2013

Anmerkungen zur Entwicklung des Arbeitsmarkts 

Der Weg zur Vollbeschäftigung

Frank-Jürgen Weise

Dem deutschen Arbeitsmarkt geht es besser. In den zurückliegenden Jahren ist die Arbeitslosigkeit in einem Maße abgebaut worden, das zuvor kaum jemand für möglich gehalten hat. Inzwischen liegt die Zahl der Arbeitslosen auf dem tiefsten Stand seit 1991 (siehe Schaubild), und mehr Menschen sind erwerbstätig als je zuvor. Die Reformen auf dem Arbeitsmarkt und die Neuausrichtung der Bundesagentur für Arbeit haben spürbarpositive Wirkungen erzielt. Dass sich der Arbeitsmarkt sogar bei der gegenwärtigen unischeren Konjunkturlage sehr robust zeigt, lässt erkennen, wie flexibel und dynamisch er geworden ist.

In einer derart komfortablen Situation gibt es eine Versuchung, der man zu schnell erliegen kann: Dass man sich auf den Erfolgen ausruht und dadurch das Erreichte gefährdet. Auch die gelungenste Reform lässt in ihrer Wirkung einmal nach. Komplett falsch wäre es, unter Verweis auf die gute Lage am Arbeitsmarkt genau die Reformen zurückzudrehen, die diese gute Lage erst ermöglicht haben. Stattdessen gilt es, die sich häufig verändernden Situationen zu analysieren, die aktuellen Herausforderungen zu erkennen und daraus neue Ziele abzuleiten.

Seit erkennbar ist, dass die Arbeitslosigkeit nicht nur vorübergehend sinkt, sondern einen klar rückläufigen Trend zeigt, wird von vielen schon ein hochgestecktes Ziel ausgegeben: Vollbeschäftigung. Dieses Ziel ist sicherlich erstrebenswert, aber ist es auch erreichbar? Wann wäre es erreicht, und was müsste getan werden, um es zu erreichen? Niemand sollte sich darauf verlassen, dass sich die Arbeitslosigkeit gleichsam wie von selbst weiter abbaut, bis Vollbeschäftigung eintritt. Deshalb wollen wir hier kurz umreißen, was Vollbeschäftigung als Ziel bedeuten würde, und anschließend untersuchen, wie die Hürden gemeistert werden können, die auf dem Weg zu diesem Ziel zu erwarten sind.

Vollbeschäftigung ist nicht erst dann erreicht, wenn niemand mehr arbeitslos ist – die ganz alltäglichen Übergänge von Schule in Ausbildung, von Ausbildung in Beschäftigung und von einer Stelle zur anderen erfordern oft eine Zeit der Suche, in der man vorübergehend arbeitslos ist. Einerseits kann entsprechende Unterstützung diese Suche verkürzen, andererseits will ein Ausbildungsplatz oder eine Stelle auch gut ausgewählt sein. Weil solche Übergänge ständig stattfinden, kommt eine Arbeitslosenrate von drei Prozent einer Vollbeschäftigungssituation nahe. Diese Schwelle wird heute schon in manchen Regionen Süddeutschlands erreicht, obwohl für ganz Deutschland noch keine Rede von Vollbeschäftigung sein kann. Umgekehrt kann ein bestimmter landesweiter Durchschnitt also nur ein Indikator für Vollbeschäftigung sein, hinter dem sich eine enorme regionale Varianz verbergen kann. Außerdem zählt nicht nur Quantität, sondern auch Qualität: Vollbeschäftigung impliziert eine hohe Nachfrage nach Arbeitskräften, die es Arbeitnehmern im Normalfall erlaubt, Stellen mit akzeptablen Arbeitsbedingungen zu finden.

Eine solche Situation der Vollbeschäftigung zu erreichen, ist alles andere als einfach. Das erfordert zum einen, auf neue Entwicklungen in Wirtschaft und Arbeit so zu reagieren, dass es nicht zu einem Rückfall in erhöhte Arbeitslosigkeit kommt. Dazu müssen vor allem die Unternehmen wettbewerbsfähig bleiben, was Innovationen, Investitionen und stabile Rahmenbedingungen voraussetzt. Dazu muss aber auch das Bildungssystem leistungsstark bleiben, so dass den steigenden Anforderungen der Arbeitgeber auch ein immer besser ausgebildetes Angebot von Arbeitskräften gegenübersteht. Und schließlich müssen die Arbeitskräfte in einem funktionierenden Arbeitsmarkt die für sie passenden Stellen finden können. Gute Vermittlung und Beratung kann dazu einen wertvollen Beitrag leisten.

Vollbeschäftigung erfordert zum anderen, mit zusätzlichen Anstrengungen an die immer noch verbleibende Arbeitslosigkeit von etwa drei Millionen Menschen heranzugehen. Am Anfang steht dabei wie immer die Analyse: Wie setzt sich diese Arbeitslosigkeit zusammen, welche Gründe hat sie? Bei solch einer Betrachtung wird schnell deutlich, dass bei weitem nicht alle Menschen gleich von Arbeitslosigkeit betroffen sind. Vielmehr ist das Risiko, arbeitslos zu sein, besonders hoch für Geringqualifizierte, für Ältere und auch für Alleinerziehende. Knapp die Hälfte der Arbeitslosen hat keine abgeschlossene Berufsausbildung und ein Drittel ist älter als 50 Jahre. Wenn man jeden Arbeitslosen mitzählt, der keinen Berufsabschluss hat oder keinen Schulabschluss hat oder älter als 50 ist, dann erfasst man damit sogar zwei Drittel aller Arbeitslosen.

Risiken für die Arbeitslosigkeit

Tatsächlich konzentriert sich die Arbeitslosigkeit zunehmend bei Menschen, die nicht nur in einer Hinsicht ein höheres Arbeitslosigkeitsrisiko haben, sondern gleich in mehrfacher Hinsicht. Denn die gute Entwicklung der letzten Jahre hat vor allem diejenigen in Beschäftigung gebracht, die unter den Arbeitslosen als vergleichsweise arbeitsmarktnah einzustufen sind. Zwar haben die anderen, oft in mehrfacher Hinsicht benachteiligten Arbeitslosen ebenfalls von der günstigeren Lage profitiert – aber eben weniger. Damit stellt der „harte Kern“ der Arbeitslosen einen wachsenden Anteil unter denen, die jetzt noch arbeitslos sind.

Daraus ergibt sich eine erste Einsicht für die Arbeitsmarktpolitik: Immer mehr der verbleibenden Arbeitslosen brauchen eine intensive Betreuung, d.h. der durchschnittliche Betreuungsaufwand pro Arbeitslosem nimmt zu. Denn die benachteiligten Arbeitslosen befinden sich oft in schwierigen Situationen – nicht selten müssen sie in einem längeren Prozess erst an den Arbeitsmarkt herangeführt werden. Diese Herausforderung kann aber gemeistert werden, weil ja gleichzeitig die Arbeitslosigkeit insgesamt abnimmt: Die Anstrengungen in der Arbeitsmarktpolitik können jetzt besser als zuvor auf die Menschen in schwierigen Situationen konzentriert werden.

Natürlich kommt es auch bei diesen Anstrengungen darauf an, dass sie wirken. Dafür muss erfahrungsgemäß sichergestellt sein, dass die Fördermaßnahmen den Bedürfnissen der Menschen Rechnung tragen. Menschen haben unterschiedliche Stärken und Schwächen, und das gilt es immer zu berücksichtigen. Außerdem wirken diejenigen Maßnahmen deutlich besser, die Arbeitslosen erlauben, sich in der realen Arbeitssituationen und im Kontakt mit Arbeitgebern zu beweisen oder sich wenigstens gezielt auf konkrete offene Stellen oder betriebliche Einsätze vorzubereiten. Maßnahmen mit der Gießkanne oder auf Verdacht haben in der Vergangenheit dagegen oft Enttäuschungen hervorgebracht.

Einsichten für die Politik

Eine zweite Einsicht für die Arbeitsmarktpolitik offenbart sich, wenn man bedenkt, dass auf dem Arbeitsmarkt in Deutschland die Anforderungen an die Qualifikationen der Arbeitskräfte insgesamt zunehmen. Damit besteht die Gefahr, dass die Nachfrage nach Arbeitskräften immer weniger aus den verbleibenden Arbeitslosen bedient werden kann. Um eine solche Entwicklung zu verhindern, muss bei der Bildung an allen Stellschrauben nachhaltig gedreht werden: Arbeitnehmer müssen bereit sein, sich ständig weiterzubilden und nicht auf einen bestimmten Beruf fixiert zu sein; Arbeitgeber müssen bereit sein, jedem eine Chance zu geben, neue Mitarbeiter selbst anzulernen und weiter zu qualifizieren; Schulen müssen dafür sorgen, dass ihre Abgänger eine echte Perspektive haben. Die Bundesagentur für Arbeit wiederum muss alle Beteiligten – Schüler, Arbeitslose, Beschäftigte und Arbeitgeber – gerade mit Blick auf Bildung und Qualifizierung gut beraten und, wo nötig, unterstützen.

Daraus folgt die dritte Einsicht: Arbeitgeber sollen einen Anreiz haben, auch gering qualifizierte Bewerber einzustellen und in sie zu investieren. Das heißt, dass sie mit den Schwierigkeiten dabei nicht alleingelassen werden. Mehrere große Unternehmen sind hier schon mit besonderen Programmen engagiert, aber kleineren Unternehmen könnte das schwerer fallen.

Gering Qualifizierte verstärkt in Beschäftigung zu integrieren darf nicht im Widerspruch zur vierten Einsicht stehen: Wir brauchen in Deutschland gezielte Zuwanderung! Dabei sollte neben humanitären Aspekten vor allem die Qualifikation der Menschen, die zu uns kommen, eine entscheidende Rolle spielen. Gezielte Zuwanderung von Talenten und Facharbeitern eröffnet im Endeffekt auch gering qualifizierten Bewerbern zusätzliche Chancen. Selbst wenn hierbei auf die deutsche Arbeitsmarktpolitik der Balanceakt zukommt, einerseits ausländische Potenziale an Fachkräften zu gewinnen und andererseits die Qualifizierung des inländischen Potenzials nicht zu vernachlässigen, müssen wir das Thema noch stärker als Chance, weniger als Bedrohung ansehen.

Gelingt es, all diese Herausforderungen in überzeugender Weise zu adressieren, kann die Zahl der Arbeitslosen noch weit unter das heutige Niveau sinken. Aber nicht nur die Quantität, auch die Qualität der Beschäftigung würde sich dann eher positiv entwickeln: Bei abnehmender Arbeitslosigkeit verbessert sich die Verhandlungsposition der Arbeitnehmer, so dass ihre Löhne steigen und ihre Wünsche nach einer stabilen und Existenz sichernden Beschäftigung stärker berücksichtigt werden können. Arbeitnehmer und Arbeitgeber könnten viel häufiger zu innovativen Lösungen kommen, die die Arbeitswelt verändern und sich für beide Seiten auszahlen – etwa durch mehr Flexibilität, eine bessere Balance zwischen Freizeit und Arbeitszeit und eine höhere Produktivität. Kurzum, Vollbeschäftigung als Ziel ist nicht nur ambitioniert, sondern auch inspirierend – und es ist bei guten politischen und konjunkturellen Rahmenbedingungen in Reichweite.

Erschienen in Rotary Magazin 7/2013

Frank-Jürgen Weise
Dr. Frank-J. Weise (RC Nürnberg-Sebald) ist Vorsitzender des Vorstands der Bundesagentur für Arbeit.

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