14.05.2013

Der Auftrag der Ökonomie

»Soziale Marktwirtschaft funktioniert«

Im Gespräch mit Claus Hipp

Ein Interview mit Claus Hipp über die bleibende Aktualität unserer Wirtschaftsordnung, die Erwartungen der Jugend und den Auftrag der Ökonomie

Herr Hipp, viele Leute sagen, das heutige Modell des Kapitalismus habe abgewirtschaftet, weil er ihnen nicht mehr nutzt. Haben sie Recht?

Claus Hipp: Wir haben das Modell der sozialen Marktwirtschaft. Das hat nicht abgewirtschaftet, das funktioniert sehr gut. Wir haben auf der einen Seite das Eigeninteresse, das zu Gewinnen führt, und auf der anderen Seite den Wettbewerb, der ein zu hohes Wachsen der Gewinne verhindert. Und wir haben eine soziale Komponente, wonach auch die Schwachen unterstützt werden müssen. Das ist für mich immer noch das beste Wirtschaftssystem. Alles andere ist schlechter.


Wie kommt es dann zu den Exzessen? Machen Unternehmer und Manager nicht doch etwas falsch?

Wir haben sicher Erscheinungen, die dem Prinzip der Sozialen Marktwirtschaft nicht entsprechen. Das sind Exzesse. Wir erleben aber auch, dass Menschen bei Rot über die Kreuzung fahren. Genauso werden in der Marktwirtschaft Gebote übertreten. Das muss geahndet werden. Wenn Gehälter in eine Höhe steigen, die nicht mehr nachzuvollziehen sind, dann sind die Anteilseigner in Kapitalgesellschaften und die Vertreter in Aufsichtsräten. Die müssen sich dann überlegen, ob sie so etwas weiter sponsern wollen.


Derzeit wird aber vor allem nach gesetzlichen Vorschriften gerufen, um die Exzesse zu bändigen.

Ich bin gegen gesetzliche Maßnahmen für die freie Wirtschaft. Sonst müsste man das auch bei Fußballspielern machen – und die halten immerhin noch ihren Kopf hin. Wer gut ist, soll auch gut verdienen. Und in Unternehmen müssen eben Anteilseigner darauf achten, welche Manager sie einstellen, und zu welchem Preis. Was ich aber fordere, ist, dass die hoch Bezahlten, die Dummheiten machen, auch entsprechend haften müssen. Das warme Abendessen sei ihnen gegönnt, aber was darüber hinaus geht, ist eben dann weg.


Hat das Renditedenken überhand genommen?

Rendite wollen wir alle machen. Aber es sollte auf eine ehrbare Weise erwirtschaftet werden. Wenn es auf unehrbare Weise geschieht, dann wird es auf Dauer nicht haltbar sein. Langfristigen Erfolg gibt es nur auf anständige Weise.


An welchen Werten orientieren Sie sich?

Wir leben im christlichen Abendland, und da sind die christlichen Wertanschauungen gültig. Da ist alles geregelt. Dieser christliche Glauben ist meine Grundeinstellung. Natürlich kann auch jemand, der nicht einer Religion angehört, korrekt und gut handeln. Wir kennen ja auch das Prinzip von Kant: Danach soll man so handeln, wie man selbst behandelt werden will. Aber im Zweifel ist es leichter, wenn es eine Orientierung auf Gott, auf eine höchste Instanz gibt. Wenn nur die menschliche Ebene maßgeblich ist, dann wird es oft, wenn es hart auf hart geht, um persönliche Vorteile gehen. Bei einer höheren Instanz ist das Gemeinwohl über Privatwohl angesiedelt. Und jeder wird später einmal daran gemessen werden, was er mit den ihm anvertrauten Gütern gemacht hat, und nicht, wieviel er von diesen Gütern angehäuft hat. Dazu gehört, dass wir Arbeitslose oder Schwache unterstützen müssen – aber auch fordern, dass jeder im Rahmen seiner Möglichkeiten mithilft. Zum Beispiel die Forderung nach einem Mindestlohn: Ich bin dafür, dass jeder ein Basiseinkommen haben muss. Ein Teil davon soll erarbeitet sein – der andere Teil muss von der Allgemeinheit aufgebracht werden. Ein Mindestlohn darf einfach nicht so hoch sein, dass Arbeit abwandert – wir brauchen das freie Spiel der Kräfte.


Unterscheidet es sich, wenn ein – sozial verantwortungsbewusster – Unternehmer eine Firma führt, oder wenn es ein externer Manager macht?

Externe Manager sind auch anständige Menschen, aber sie stehen natürlich unter einem anderen Druck. Die Geldgeber wollen eine bestimmte Verzinsung haben, und wenn sich der tägliche Aktienkurs nicht so entwickelt wie erwartet, wird ein Manager schnell mal an die Luft gesetzt. In einem inhabergeführten Unternehmen fällt das langfristige Denken wesentlich einfacher, weil dieser Druck in dieser Form nicht auftritt. Das Risiko zu Exzessen ist in einer Kapitalgesellschaft deswegen größer. Umgekehrt ist das Risiko, dass Dummheiten gemacht werden, in einem inhabergeführten Unternehmen größer, weil die Kontrollmechanismen fehlen. Was wir brauchen, ist ein Wettbewerb der Anständigkeit.


Davon sind wir aber derzeit weit entfernt.

Nein, den haben wir auch schon: Erfolg hängt von Kompetenz und Vertrauen ab. Kompetenz heißt, ich kann etwas, und Vertrauen entsteht, wenn wir sehen, das macht jemand gut. Vertrauen kann man nur durch Handeln und Unterlassen erwerben. Die Industrie- und Handelskammern kümmern sich zum Beispiel derzeit zunehmend um den Begriff des ehrbaren Kaufmanns, und erfahren dafür viel positive Öffentlichkeit. Das dauert vielleicht noch etwas, aber in unserer Zeit sind Begriffe, die früher gang und gäbe waren, sehr aktuell. Junge Menschen interessieren sich sehr stark dafür. Das merke ich bei Vorträgen. Die heutige Jugend ist sehr stark interessiert, weil sie sehen, so wie bisher kann es nicht weitergehen, wir müssen da wieder umdenken. Es gibt ein hohes Interesse an Wirtschaftsethik, ehrbarem Kaufmannstum und nachhaltigem Wirtschaften.


Wie haben Sie sich das Vertrauen Ihrer Mitarbeiter erworben?

Wenn die Mannschaft gut behandelt wird, ist der Erfolg besser. Wichtig ist nicht nur der Lohn, sondern auch, dass sie sich wohlfühlen, und dass man sich nicht gegenseitig verletzt. Und natürlich gibt es auch bei uns Konflikte, über die wir sprechen müssen. Wir sind nicht das gelobte Land. Aber wir haben uns gemeinsam eine Ethik-Charta gegeben, die bis ins Detail festlegt, was gelten soll, und was nicht gemacht werden soll. Die ist für jeden sichtbar, steht auf unserer Webseite. Wenn wir Probleme haben, ist es einfacher, das mit der Charta anzugehen.


Sie sind nicht nur Unternehmer, sondern auch Künstler und Musiker. Wie wichtig ist das für die Unternehmensführung?

Kreativität war schon immer wichtig. Wir brauchen Neues, wir brauchen Lösungen. Aus der Gehirnforschung wissen wir, dass musikalisches Engagement Teile des Gehirns trainiert, die sonst nicht trainiert werden, und so die Kreativität gefördert wird. Experimente, die über sechs Jahre mit Menschen durchgeführt wurden, die Musik gemacht haben und andere, die nicht musiziert haben, zeigten: Die Musiker waren besser im Sozialverhalten und intelligenter. In einem anderen Experiment hat man Studenten in drei Gruppen unterteilt – eine hat Mozartsonaten gehört, eine andere einen Vortrag eines Psychologen zu Stressabbau, die dritten haben gar nichts erlebt – und die, die Musik gehört haben, haben besser abgeschnitten. Das wissen wir heute. Das Ziel muss also nicht nur der gut ausgebildete, sondern vor allem der gebildete Mensch sein. Es kommt darauf an, was wir aus Wissen machen. Nicht der, der das größte Wissen hat, hat den größten Verstand.


Also müsste, um Menschen zu guten Kapitalisten zu erziehen, die Erziehung um ethische und künstlerische Angebote ergänzt werden.

Man müsste die Fachausbildung an manchen Stellen etwas zurückschrauben, um das Ziel eines gebildeten Menschen zu erreichen. Reines Wissen ist doch mittlerweile jederzeit elektronisch abrufbar. Aber den Freiraum, stattdessen individuell auf junge Menschen einzugehen, haben Lehrer nicht bekommen. Junge Menschen sollten ein Basiswissen erhalten, auf das sie aufbauen können. Für mich hat deswegen das Bildungsprinzip der humanistischen Bildung Vorteile. Wir erleben, dass in Spitzenpositionen häufig Menschen sitzen, die Altsprachen gelernt haben – also ein gutes Fundament haben. Menschen brauchen nicht viel totes Wissen, mit dem sie nichts anfangen können, sondern mehr Denkvermögen, mehr Kreativität. Daran, dass Wissen überbewertet wird, ist nicht nur die Bildungspolitik schuld, sondern auch die Wirtschaft, die immer mehr Wissen fordert.


Und wer dieses Fundament nicht hat, ist verloren für den anständigen Kapitalismus.

Ich weiß nicht, ob man Menschen später noch ändern kann. Wir sollten unsere Kraft aber vor allem darauf richten, den jungen Menschen ein Fundament zu geben. Die können es später dann anders machen.


Wenn Sie den Kapitalismus ändern könnten, wo würden Sie ansetzen?

Das Wort Kapitalismus nehme ich gar nicht in den Mund. Und ich würde die Soziale Marktwirtschaft nicht ändern, ein gutes System muss nicht neu erfunden werden. Ich bin auch für Kritik und Verbesserungen, aber man sollte vor allem die Erwartungen an sie ein wenig zurückschrauben. Der Einzelne sollte mehr Freiheiten bekommen, mehr vom Geld behalten. Das Subsidiaritätsprinzip sollte wieder gelten, dass der Einzelne mehr entscheiden kann, was er machen darf und kann. Wir brauchen weniger Planung und Zentralismus, sondern mehr Eigenverantwortung. Dann sind wir immer noch bei der Sozialen Marktwirtschaft von Ludwig Erhard – wir haben diese nur aus den Augen verloren.

Das Interview führte Maike Rademaker.

Erschienen in Rotary Magazin 5/2013

Claus Hipp
Dr. Claus Hipp ist Unternehmer und Geschäftsführer des Nahrungsmittel- und Babykostherstellers HiPP. Von 1998 bis 2004 stand Claus Hipp als Präsident an der Spitze der Industrie- und Handelskammer für München und Oberbayern. Zugleich war er Präsident des Bayerischen Industrie- und Handelskammertages sowie seit 2001 Vizepräsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages. Seit 1996 ist Hipp Schirmherr der Münchner Tafel e.V. Zu seinen Büchern gehört Agenda Mensch. Warum wir einen neuen Generationenvertrag brauchen (Rowohlt Berlin 2010) und Das Hipp-Prinzip. Wie wir können, was wir wollen (Herder 2012). www.hipp.de

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