14.05.2013

Erthische Verantwortung

Der gute Banker von den Jungferninseln

Nils Ole Oermann

Zu aktuellen Bruchstellen im Menschenbild des Kapitalismus

Der katholische Soziallehrer Oswald von Nell-Breuning wies zu Recht darauf hin, dass sich am Menschenbild die Ethik entscheidet. Ethik ihrerseits beantwortet nach Kant die nur scheinbar einfache Frage „Was soll ich tun?“. Und der Aufklärer aus Königsberg schrieb wohlgemerkt nicht „Was sollen wir tun?“, so dass sich niemand im Verweis auf andere seiner ethischen Verantwortung für das eigene Handeln entziehen kann.

Wer sich Kants Frage ernsthaft stellt, um sein Handeln vor sich und anderen zu rechtfertigen, der wird schnell feststellen, dass er für eine möglichst präzise Antwort nicht nur sich selbst möglichst genau verstehen muss, sondern auch, was die Menschen um ihn herum antreibt, was sie und ihr Handeln motiviert, welche Wertvorstellungen ihrem Denken und Tun zugrunde liegen. Was wohlfeil klingen mag, hat gravierende Konsequenzen. So sollte etwa derjenige, der ein Finanzinstitut leitet, ein klares Bild davon haben, mit welchem Geld er da treuhänderisch umgeht und handelt: mit dem Geld anderer Leute. Zudem sollte er spätestens im Windschatten der Banken- und Finanzkrise nach 2009 ein Gefühl dafür entwickelt haben, wer nach der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers warum was verloren hat. Was selbstverständlich klingt, ist leider nicht selbstverständlich. So machte der Chef einer Investmentbank nach der jüngsten Kontroverse um das Verschieben von Gewinnen in Steueroasen in einer Diskussionsrunde folgendes zur Rechtfertigung seines Handelns geltend: Er verstehe den Ärger der Bürger, denn auch er persönlich habe in der Finanzkrise herbe Verluste erlitten. Ein Teilnehmer aus der Runde bemerkte daraufhin, er fühle sich als Steuerzahler wie der geborene oder gar jüngst gekorene Verlierer an einem Pokertisch, an dem seine Mitspieler Investmentbanken, der Staat und die Zentralbanken gewesen seien. Die Replik des Investmentbankers: Das sei durchaus möglich, aber dafür könne seine Bank doch nichts. Man selbst habe die Regeln nicht gemacht, und schließlich zwinge einen doch keiner, Poker zu spielen. Dass er selbst mit einem gerissenen Glücksspieler verglichen wurde, schien ihn hingegen überhaupt nicht zu stören. Im Gegenteil: Er machte sich das Bild des Teilnehmers an einem Pokerspiel gar zu Eigen. Wohlgemerkt: Der besagte Banker ist kein unerfahrener 29-jähriger Börsenhändler, sondern gilt als bewundertes Vorbild in seiner Branche. Wie kann es sein, dass angesichts von Millionen von Menschen, einer der zumindest mittelbaren Verursacher vor allem um seine persönlichen Verluste bekümmert ist? Wie kann es sein, dass er als Experte beim bilanziellen oder steuerrechtlichen Umgehen von Regeln der Meinung ist, an einem Pokertisch einfach der talentiertere Mitspieler zu sein? Der Mann hat bemerkenswert wenig Unrechtsbewusstsein und hat offensichtlich den festen Willen, das Spiel mit leicht modifizierten Regeln und ein wenig mehr Eigenkapital fortzusetzen. Kurz: Er hat nichts gelernt, auch wenn seine Branche einen „Kulturwandel“ proklamiert.

Falsche Sicht auf die Gier

Es ist eine so geläufige, und dennoch falsche Antwort, dass eine stetig wachsende Gier der Menschen der Auslöser dessen sei, was wir aktuell zwischen Brüssel, Frankfurt und Nikosia, zwischen Panama, Jersey und den Cayman Islands beobachten. Das ist bestenfalls naiv, denn es ignoriert fundamentale Konstanten unseres Bildes vom Menschen, kurz der Anthropologie und Ethik: Die Gier der Menschen ist heute nicht größer als vor 500 Jahren oder zu Zeiten des „rheinischen Kapitalismus“. Der Antrieb eines Jakob Fugger oder eines Edson Mitchell, des Prototyps eines Investmentbankers, ist derselbe. Ihre vermeintliche Gier unterscheidet die beiden so wenig, wie sich die Gier eines Anlegers in einem Trust auf den Cayman Islands wahrscheinlich von jener Gier eines Normalbürgers unterscheidet, der in kleinem Rahmen Steuern „optimiert“ hinterzieht. Nur gibt es eben keine Gleichheit im Unrecht. Was uns von den Menschen vor 400 Jahren oder auch nur 40 Jahren sehr wohl unterscheidet, sind die Hebel, die Möglichkeiten und der daraus resultierende volkswirtschaftliche Schaden unseres Strebens nach immer mehr Geld. Unser aktuelles Problem scheint zu sein, dass wir es mit Banken zu tun haben, die wir nur deshalb nicht vollumfänglich in Haftung nehmen können, weil ihr Scheitern unser Finanzsystem mit in den Abgrund reißen könnte. Deshalb zögern wir – und die beteiligten Manager nehmen das als Freibrief, da weiterzumachen, wo sie nach Ausbruch der Finanzkrise kurz aufhören mussten. Das war nicht immer so und ist es nicht überall: So ging eine – zugegebenermaßen nicht systemrelevante Herstatt-Bank 1974 aufgrund exzessiver Devisenspekulationen und Manipulationen in die Insolvenz. Und in den Vereinigten Staaten sind seit Lehman mehrere Hundert Banken in die Insolvenz geschickt worden. Der Umgang mit der Krise ist von Fall zu Fall unterschiedlich, und er folgt aus Sicht des Steuerzahlers nicht immer nachvollziehbaren Prinzipien. Dies ist eine große Herausforderung für politische Kommunikation. Der Grad der Gier hingegen scheint in der Menschheitsgeschichte im Wesentlichen konstant. Dieser Befund klingt deprimierender, als er ist: So wie Menschen anfällig für jene Dinge sind, die einem die Sündenlehre mancher Konfession oder auch das Strafgesetzbuch entfaltet, so sind sie auch empfänglich für konstruktive Anreize. Wer den Pokerspieler mit eigenen Jetons und nicht mit dem Geld der Anderen für seine Verluste haften lässt, mäßigt seine Risikofreude. Wer die Herstatts dieser Welt effektiv beaufsichtigt, erkennt früh deren Risikoprofil und kann solche Unternehmungen frühzeitig sanktionieren – und nicht den unbeteiligten Steuerzahler. Und wer wie Jakob Fugger seine Unternehmungen mit reichlich Eigenkapital unterlegt, der hat eine weitere anthropologische Konstante verstanden und beherzigt. Menschen reagieren auf Anreize und vertrauen denen, die für eigene Risiken haften. Der Pokerspieler, dem ich zu nahezu null Prozent Zinsen unbegrenzt Kapital zur Verfügung stelle, wird den Pokertisch nicht verlassen.

Problem und Dilemma

Anders als Dilemmata („Stellen Sie sich vor, Sie hätten drei Haufen Mist vor sich und müssten einen essen. Welchen würden Sie nehmen?“) zeichnen sich Probleme gerade dadurch aus, dass sie lösbar sind. Die Euro-Krise oder die Regulierung von scheinbar systemrelevanten Banken war im Jahre 2007 womöglich noch ein positiv lösbares Problem. Sie ist zu einem Dilemma geworden und zwar kein rein technisches, sondern ein allzu menschliches Dilemma aus der Kategorie „Menschenbild“: Viele Menschen schieben Probleme gern so lange vor sich her, bis sie zu unlösbaren Dilemmata werden. Und Individuen verweisen gern auf vermeintlich kollektives Systemversagen, wenn sie selbst es sind, die versagt haben.

Was folgt aus dieser Beobachtung für die Sollbruchstellen des Kapitalismus? Oswald von Nell-Breuning hätte kaum richtiger liegen können – am Menschenbild entscheidet sich jede Ethik. Wer von staatlicher Seite „Hedgefondsmanagerführerscheine“ oder sonstige Mikroregulierung anstrebt, wird seinerseits einsehen müssen, dass Pokerspieler ausschließlich über eigene Haftung und den Einsatz von Eigenkapital zu motivieren sind, verantwortlicher zu spielen. Den Investmentbankern muss klar sein oder juristisch klarer gemacht werden, dass sie mit dem Geld anderer Leute umgehen. Wer hingegen Geld in „Steueroasen“ anlegt, der möchte letztlich nicht Steuern „optimieren“, sondern oftmals schlicht nicht zahlen. Das führt am Ende zu einer schlechteren Infrastruktur für alle. Menschen werden nicht immer gieriger, aber ihre Anlageberater sollten effektive Anreize gesetzt bekommen, dass sie Vermögen nachhaltig so anlegen und verwalten, dass es ihren Kunden wie uns allen zu Gute kommt. Eine Bank ist weder gut noch schlecht, sie ist als juristische Person nicht moralfähig. Moralfähig, motivierbar und zur Überprüfung der Legalität wie Legitimität ihrer Handlungen fähig sind Menschen – insbesondere auch jene an den Pokertischen von Wirtschaft und Gesellschaft. Sie werden begreifen müssen, dass Märkte nicht primär über Algorithmen bestimmbar sind, sondern über gewonnenes oder verlorenes Vertrauen. Ohne Vertrauen kein funktionierendes Geldwesen und kein Euro – denn beide bestehen aufgrund des Vertrauens der Benutzer in die Unterschrift honoriger älterer Herren auf bunt bedruckten Scheinen. Aus Sicht eines solchen honorigen älteren Herrn, dem englischen Schriftsteller Horace Walpole (1717–1797), ist die Welt eine Komödie für diejenigen, die denken und eine Tragödie für diejenigen, die fühlen. Damit erleben viele Europäer aktuell eine Tragikomödie, aber dürfen umso mehr nicht der Versuchung erliegen, zynisch zu werden. Wer moralisiert, will nicht verstehen, sondern über andere urteilen, und das ist laut Joseph Ratzinger das Gegenteil von Moral. Verstehen sollten Komödianten wie Tragiker vor allem, dass es für Vertrauen keinen Ersatz gibt.

Erschienen in Rotary Magazin 5/2013

Nils Ole Oermann

Prof. Dr. Dr. Nils Ole Oermann (RC Stendal) ist einer der profiliertesten deutschen Wirtschaftsethiker. Er promovierte als Historiker in Oxford und habilierte sich als Theologe bei Richard Schröder. 2003 erwarb er in Harvard einen Master in Public Administration (MPA) mit Schwerpunkt Volkswirtschaftslehre und Wirtschaftsethik. Oermann lehrt an der Leuphana Universität Lüneburg als Institutsdirektor Ethik, ist Gastprofessor in St. Gallen und berät seit 2002 Dr. Wolfgang Schäuble. Zuletzt erschien „Tod eines Investmentbankers. Eine Sittengeschichte der Finanzkrise“ (Herder 2013).

www.leuphana.de

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