03.06.2011

Was macht einen zum anständigen Protestanten? Und was hat Anstand mit Christsein zu tun?

Anständig protestantisch

Nils Ole Oermann

In einem Gespräch beim Salzburger Trilog 2007 betonte Kardinal Walter Kasper, dass ihm bei Begegnungen mit säkular geprägten Menschen in seinem Heimatland zunehmend folgendes auffalle: Diese seien oftmals der Meinung, Religion habe das Thema „Werte“ oder „Ethik“ zum wesentlichen Gegenstand. Und erst, wenn man sie beispielsweise auf eine der Kernbotschaften des christlichen Glaubens wie „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater, denn durch mich.“ (Johannes 14,6) hinweise, dann bemerkten sie, dass im Christentum nicht primär von Werten die Rede sei, sondern von Wahrheit. Bemerkenswerterweise ist die Wahrheit hier nicht abstrakt „wahr“ oder „falsch“, sondern eine Person. Der Glaube an den Nazarener vermag in der Folge die eigenen Wertvorstellungen zu prägen. Nur: Jesus von Nazareth war nicht angetreten als „Wertelehrer“. Und der Wertbegriff erfuhr seinen Aufschwung erst über anderthalb Jahrtausende später, nämlich durch Adam Smith und durch die Emanzipation der Ökonomie als akademische Disziplin – später dann in der Mehrwerttheorie von Marx und in der Philosophie durch Friedrich Nietzsche, Max Scheler und anderen. Und dennoch: Fragt man Menschen auf deutschen Straßen konkret nach dem Kerngegenstand des christlichen Glaubens, dann wird man weniger von Wahrheit hören als von Nächstenliebe, von Werten oder Anstand. „Ein anständiger Protestant werden“, darum ginge es letztlich im Konfirmandenunterricht, erklärte kürzlich ein Konfirmand. Aber wie wird man das, ein „anständiger Protestant“? Wer diese Frage beantworten will, sollte sich zunächst beide Begriffe näher anschauen. Wohlgemerkt, der Konfirmand sagte „Protestant“, nicht etwa „evangelischer Christ“. Der Protestantismus als kirchenhistorischer Terminus hat seine Wurzeln im Geiste der Speyrer protestatio von 1529, formuliert von Vertretern der protestantischen Minderheit, die um die weltlich-politische Dimension ihres Glaubens genau wussten. Gegen Kaiser und Papst für die eigenen Glaubensüberzeugungen und die Freiheit eines Christenmenschen einzutreten, dafür notfalls auch öffentlich zu protestieren, das gab den „Protestanten“ ihren kämpferischen Namen. Etwas komplexer liegen die Dinge beim Anstandsbegriff. Denn Anstand ist ein Terminus, bei dem nicht immer klar ist, was eigentlich Maßstab des eigenen Anstandsgefühls sein kann. Ist Anstand ein so vages wie höchst individuelles Gefühl oder normativ definierbar? Wer sich mit der Etymologie des Anstandsbegriffs beschäftigt, der merkt schnell, worin dessen Attraktivität und gleichzeitig die ihm innewohnende Problematik liegt: Er lässt sich darum schwer fassen, weil er semantisch auf zwei verschiedenen Ebenen lokalisierbar ist. Zum einen hat Anstand wie bei der „Anstandsdame“ etwas mit Benehmen und dessen Wahrnehmung aus der Perspektive anderer zu tun. Anders als persönliche Sittlichkeit, die sich mit inneren Überzeugungen befasst, wird Anstand zunächst und vor allem von außen taxiert: Das tun, was sich gehört, was sich ziemt oder schickt. Die Einschätzung dessen, was sich gehört, geschieht dabei nicht primär in einem forum internum, d.h. etwa vor den eigenen moralischen oder religiösen Ansprüchen oder dem eigenen Gewissen, sondern sie wird in erster Linie extern, durch andere geprägt und beurteilt.

Anstand als Wert

Andererseits gebrauchen viele Menschen den Begriff „Anstand“ in ihrem Alltag deckungsgleich mit „ethischem Anspruch“ oder „persönlicher Sittlichkeit“. Eben dies tat auch der Konfirmand, der subjektiv ein klares Bild davon hatte, was denn einen „anständigen Protestanten“ ausmache.

Das Problem dabei ist: Das, was christliche Wahrheit ausmacht, fußt aus protestantischer Sicht gerade nicht auf äußeren Einschätzungen oder Ansichten Dritter. Albert Schweitzer bringt dieses Moment des Innerlichen, des forum internum beim Sittlichkeitsbegriff – und dieser ist für ihn weit mehr als Anstand – bemerkenswert klar auf den Punkt, wenn er in einer Predigt schreibt:

„Der Mensch darf niemals aufhören, Mensch zu sein. In aller Tätigkeit darfst du nie unpersönliche Energie, Ausführungsorgan irgend einer Sache, Beauftragter der Gesellschaft sein, sondern du mußt dich in allem mit deiner persönlichen Sittlichkeit auseinandersetzen, so unbequem, so verwirrend es für dich ist, und versuchen, in allem, was du tun mußt, nach der Menschlichkeit zu verfahren und die Verantwortung für das Los, das du einem andern Menschen bereitest, zu tragen.“

Sittlichkeit versteht Schweitzer als etwas Höchstpersönliches, während das Urteil darüber, was einem als anständig oder unanständig gelte, oftmals von unserer Umwelt gefällt wird oder bereits gefällt zu sein scheint. Was also einen „anständigen Protestanten“ ausmacht, beurteilen aus protestantischer Sicht gerade nicht Dritte, sondern die Rechtfertigung des Menschen geschieht allein durch Gott selbst.

An dieser Stelle zeigt sich die Problematik des Anstandsbegriffs insgesamt, macht ihn aber keinesfalls obsolet, im Gegenteil: Die Vermittlung eines Gefühls dafür, was man in einer Gemeinschaft tut oder besser lässt, ist ein wesentlicher Gegenstand von Erziehung, gerade auch religiöser Erziehung und vielfacher Kompass menschlichen Alltagshandelns. Darum verbinden auch viele Menschen mit dem Anstandsbegriff weniger eine intellektuelle Leistung, als eine innere Haltung, ein tief empfundenes Gefühl für das, was man tut, was wiederum auf den Kern der eigenen Identität zielt und darum so wirkmächtig ist.

Das ist auch der Grund für die derzeitige Beliebtheit des Anstandsbegriffs, denn gerade Krisenzeiten erweisen sich oft als Abschnitte, in denen die eigene Identität in Frage gestellt wird: Die ihn im Wirtschaftsleben oder der Politik Verwendenden haben meist eine so klare wie individuelle Vorstellung davon, wie man auf anständige oder unanständige Weise sein Geld verdient, Politik macht oder Arbeitnehmer behandelt. So paraphrasierte Hans Lutz Merkle, der ehemalige Vorsitzende der Geschäftsführung der Robert Bosch GmbH den Begriff Anstand mit dem geflügelten Wort: „Es gibt aber Dinge, die tut man einfach nicht.“

Die Frage ist nun: Wie ist mit dieser Disparität sinnvoll umzugehen, dass viele Menschen einerseits ein klares Anstandsgefühl entwickeln, dass aber andererseits ein intuitiver, moralisch aufgeladener Anstandsbegriff wenig begründungsfähig, ja sogar höchst inhuman sein kann? Zunächst ist zu erkennen, dass Anstand im Besonderen und Werte im Allgemeinen nichts Kollektiv-Statisches sind. Anders als Normen oder Gesetze, die für alle in gleicher Weise gelten sollen, bestimmt sich der Wert einer Sache zunächst individuell aus Sicht des Wertenden, der fragt: „Was ist mir die Sache wert?“.

Freiheit eines Christenmenschen

Dies ist bereits auf den ersten Blick schon deshalb wenig überraschend, weil der Begriff „Wert“ bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts vor allem in der Ökonomie angesiedelt war. Die jeweiligen Werte hängen dabei eng mit der eigenen Lebensgeschichte und der jeweiligen Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung zusammen: „Wie viel ist das wert?“ meint in der Regel „Was kostet es wirklich?“. Wertungen im Allgemeinen und der Anstandsbegriff im Besondern werden durch die gemeinsame Teilhabe an einer Wirtschafts- oder Staatsordnung auch selten willkürlich vorgenommen, sondern besitzen eine inter-subjektive Geltung, aufgrund derer sie von verschiedenen Gruppen anerkannt werden. Ein klarer Begriff davon, was man tut oder besser lässt, ist darum wichtiger Teil dessen, was eine Gesellschaft zusammenhält.

Theologisch hingegen wird der Anstandsbegriff dann problematisch, wenn er Grundlage einer Diktatur der Anständigen wird, d.h. wenn Dritte entscheiden, was einen etwa zum „anständigen Protestanten“ macht und was nicht. Hilfreich erweist sich der Anstandsbegriff auf höchst persönlicher Ebene, wenn man mitten in der Welt die Freiheit eines Christenmenschen sich und anderen immer wieder in Erfolgen wie im Scheitern vorlebt. Zentraler Maßstab der Beurteilung, ob und wie man anständig, wie man richtig lebt, ist aus protestantischer Sicht der Freiheitsbegriff im Sinne Luthers aus dem Jahre 1520, wonach ein Christenmensch ein freier Herr ist über alle Dinge und niemand untertan und gleichzeitig ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan. Wer – wie im Zitat von Kardinal Kasper ersichtlich – erfahren hat, dass er in Wahrheit frei ist, der wird sich vor dem Urteil anderer nicht fürchten und ist als freier Christenmensch weder zum Erfolg noch zum Scheitern verdammt.

Erschienen in Rotary Magazin 5/2011

Nils Ole Oermann

Prof. Dr. Dr. Nils Ole Oermann (RC Stendal) ist einer der profiliertesten deutschen Wirtschaftsethiker. Er promovierte als Historiker in Oxford und habilierte sich als Theologe bei Richard Schröder. 2003 erwarb er in Harvard einen Master in Public Administration (MPA) mit Schwerpunkt Volkswirtschaftslehre und Wirtschaftsethik. Oermann lehrt an der Leuphana Universität Lüneburg als Institutsdirektor Ethik, ist Gastprofessor in St. Gallen und berät seit 2002 Dr. Wolfgang Schäuble. Zuletzt erschien „Tod eines Investmentbankers. Eine Sittengeschichte der Finanzkrise“ (Herder 2013).

www.leuphana.de

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