Eine Deutung von Klimts „Goldener Periode“ - Das ewige Leben der Sonne

30.07.2012

Eine Deutung von Klimts „Goldener Periode“

Das ewige Leben der Sonne

Christina Pellech

Von grundlegender Bedeutung im Schaffen Gustav Klimts ist die sogenannte „Goldene Periode“, die sich über einen Zeitraum von 1901–1910 erstreckte, und deren Symbolgehalt der Bilder sich lange jeder wissenschaftlichen Deutung entzog. Will man den Symbolgehalt dieser Periode verstehen, so muss man um Jahrtausende in der Geschichte zurückgehen und einerseits tief in die altägyptische Mystik eintauchen, wie andererseits auch auf die religiösen Vorstellungen Altjapans eingehen.

Der wichtigste Kult im alten Ägypten war der Kult des Sonnengottes. Der Lauf der Sonne stellte die verschiedenen Stadien des Seins und Werdens dar, nämlich Geburt, Leben, Tod und Wiedergeburt. Der Aufgang der Sonne im Osten entspricht der Geburt, bzw. der Wiedergeburt. Auf ihrem Tagesbogen von Ost nach West spendet die Sonne Licht und Wärme und sichert damit das Leben. Ihr Untergang im Westen stellt den Tod dar. Die Sonne tritt darauf ins Totenreich ein, wo sich die Seelen der verstorbenen Menschen befinden. Während der Nacht scheint die Sonne im Totenreich. Am nächsten Tag verlässt sie das Totenreich wieder und reist zunächst nach Osten, wo ihr Aufgang bzw. ihre Wiedergeburt stattfindet. Diese Vorstellungen von Geburt, Leben, Tod und Wiedergeburt bezeichnen im alten Ägypten nichts anderes als den Isis-Osiris-Kult, den Wandel, das Prinzip von Stirb und Werde im Kosmos.
Wichtig sind weiterhin die Vorstellungen, welche die Ägypter mit einigen Farben verbanden. Die Farbe Gold steht immer für die Sonne, die stets männlich gedacht wird. Im Gegensatz dazu wird die Erde wegen ihrer Fruchtbarkeit weiblich gedacht. Die schwarze Farbe leitet sich vom fruchtbaren Nilschlamm ab und symbolisiert Ägypten.

Für die obersten Priester und Gelehrten war der höchste Gott ein transzendentes Wesen, für das die menschliche Vorstellungskraft nicht ausreichte. Dem einfachen Volk musste aber ein anschauliches Bild der Gottheit gegeben werden. Darum wurde die Sonne zum Symbol des Lichts und in weiterer Folge der Ausdruck der tieferen geistigen Erkenntnis. In der Malerei wurde der Lichtgedanke mit der Farbe Gold versinnbildlicht.

Vorbilder

Auch die Figuren in den Bildern der „Goldenen Periode“ sind von der Struktur der alten ägyptischen Tempelanlagen abgeleitet. Das Rechteck und insbesondere das Quadrat symbolisieren das männliche Prinzip. Der Weg, der ins Innerste des Tempels einer männlichen Gottheit führt, setzte sich nämlich aus geraden Strecken zusammen, welche jeweils unter einem rechten Winkel aneinanderstießen. Einen solchen Weg bezeichnete Gertrud Thausing in ihren Vorlesungen über „Ägyptische Religion“ (1993–1995) als „axiale Linie“, im Gegensatz zur „gebrochenen Achse“, der Schneckenlinie oder Spirale. Die Spirale symbolisiert das weibliche Prinzip, weil der Weg in den Tempel einer weiblichen Gottheit keine geraden Strecken aufwies, sondern eine nach innen gekrümmte Linie bildete.

Es ist allgemein bekannt, dass der japanische Farbholzschnitt des 19. Jahrhunderts einen großen Einfluss auf den Jugendstil ausübte. Diesen Stil, der auf jegliche Tiefenwirkung oder Perspektive verzichtet, dafür aber satte Farben verbunden mit einer  markanten Linienführung verwendet, finden wir in Klimts Werken der „Goldenen Periode“ wieder.

Wie die japanische Malerei war auch die ägyptische zweidimensional, d.h. flächenhaft und ohne Tiefenwirkung. Der Sonnenkult spielte in Ägypten, wie auch in Japan eine zentrale Rolle. Der Tenno, der Kaiser Japans, wird wie der Pharao als Abkömmling der Sonne gesehen. Auch heute noch hat Japan die rote aufgehende Sonne im weißen Morgennebel in seinem Staatswappen. Als Beispiel für diese Ausführungen möchte ich auf das berühmteste Gemälde dieser Periode eingehen: „Der Kuß“. Beginnen wir die Untersuchung mit dem Mann. Machtvoll und groß, mit schwarzem Haar, beugt er sich auf die Frau herunter. Sein prachtvoller goldener Mantel umfängt die Frau, die sich vollkommen passiv dem Kuss hingibt. Die Außenseite des Mantels weist schwarze, goldene und silberne Rechtecke sowie in Gold gearbeitete und untereinander verbundene Spiralen auf.

Deutung

Wenden wir nun die oben beschriebenen altägyptischen Symbole zur Deutung des Gemäldes an. Das Gold repräsentiert die Sonne, d.h. den Sonnengott. Die Sonne wird immer maskulin gedacht, was auch durch die vielen Rechtecke auf der Außenseite seines Mantels ausgedrückt wird. Erinnern wir uns an die Tempelformen in Ägypten: der rechtwinkelige Weg, der rechte Winkel sowie das Rechtweck weisen auf die männliche Erscheinungsform hin. Die schwarze Farbe der Haare, der Rechtecke und Punkte zeigt, dass der Ursprung der Symbole in Ägypten zu suchen ist, dem Land der „schwarzen Erde“.

Wir erkennen daher im Mann des Gemäldes „Der Kuß“ die Personifikation des Sonnengottes, der nach altägyptischer Mystik das Leben verkörpert und dessen Wiedergeburt Voraussetzung für das Überleben der Erde ist. Die Wiedergeburt, die das ewige Leben impliziert, wird durch ein weiteres Detail in der Figur des Sonnengottes ausgedrückt, nämlich durch den Lorbeerkranz in seinen Haaren. Der Lorbeer als immergrüne Pflanze galt im Altertum als Symbol der Unsterblichkeit.

Wenden wir uns nun der Frau zu: Sie ist kleiner, schwächer, vollkommen passiv, mit Blumen und vereinzelten Lorbeerblättern im Haar und einem bunten Kleid, auf dem hauptsächlich Kreise und Blumen dargestellt sind. Die Frau repräsentiert die Erde als Inbegriff des belebten und fruchtbaren Landes. Wegen ihrer Fruchtbarkeit wird die Erde immer weiblich gedacht. Die wenigen Lorbeerblätter im Haar der Frau sagen weiterhin aus, dass die Erde durch die Strahlen der Sonne ewig bestehen wird. Das Kleid der Frau ist bunt, das Haar braun, also in jener Farbe gemalt, mit der Klimt die Erde als Planet dargestellt hat. Im Sinne der altägyptischen Mystik lassen sich die Kreise auf dem Kleid der Frau auf die gebrochene Achse beim Tempelbau, den Schneckenhausgrundriss, die Spirale, zurückführen, sind daher weibliche Symbole.

Die Innenseite des Mantels des Sonnengottes ist in der rechten Bildhälfte, also in der zur Frau gehörigen Bildhälfte, sichtbar. Die Mantelinnenseite berührt die Frau und ist voll mit weiblichen Symbolen. Sie weist neben der goldenen Farbe, die für die Sonne steht, Kreise auf, die auf das weibliche Element schließen lassen. Damit soll ausgedrückt werden, dass die Erde durch den Schutz der Sonne, durch ihr Scheinen und ihr Licht, ewig leben wird. Die Außenseite des Mantels des Sonnengottes ist zum Himmel, zum All, gewandt, mit Vierecken geschmückt, den männlichen Symbolen.

Kommen wir nun zur Wiese, auf der sich der Sonnengott und die Erde befinden. Sie stellt den Hintergrund im unteren Bildteil dar und repräsentiert damit nochmals das Motiv der blumenübersäten Erde. Der letzte Bestandteil des Bildes ist der mit Goldstaub übersäte dunkle Hintergrund. Er soll die Weite des Weltalls ausdrücken, das als Reich der Sonne interpretiert werden kann. Darauf weisen auch die angedeuteten Quadrate in der rechten oberen Bildhälfte hin. Das Quadrat steht für die kosmische Ordnung und ist das Symbol der Ganzheit. Damit ist auch verständlich, dass der bunte Untergrund, der die beiden Figuren trägt, um ein vielfaches kleiner sein muss, da die Erde im Verhältnis zur Weite des Himmels sehr klein ist.
Was will uns das Bild in seiner Gesamtheit sagen? Der Kuss, den der Sonnengott der Erde zuteil werden lässt, drückt nichts anderes aus, als dass durch die tägliche Wiedergeburt des Sonnengottes auch die Erde wiedergeboren wird. Das tägliche Erscheinen der Sonne am Morgen sichert der Erde das Weiterleben. Die Erde ist von der Sonne vollkommen abhängig und daher im Bild passiv dargestellt. Der Kuss des Sonnengottes an die Erde stellt exakt jenen Augenblick dar, an dem die Wiedergeburt der Erde für diesen Tag vollzogen wird.

Dass sich die Symbolhaftigkeit dieses Bildes, die Darstellung der altägyptischen Mystik, durch alle Bilder der „Goldenen Periode“ zieht, hat der Meister selbst in der Beschreibung des Detailbildes „Der Kuß“ im „Beethovenfries“ bewiesen: und zwar mit dem Hinweis „Diesen Kuß der ganzen Welt“ sowie bei einer Ausstellung 1903 mit der Wahl folgender Worte für das gleiche Gemälde: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“. Man kann somit mit Recht behaupten, dass Gustav Klimt keine Goldauflage oder keinen Pinselstrich an seinen Werken der „Goldenen Periode“ vorgenommen hat, der nicht eine tiefe symbolische Bedeutung ausdrücken wollte.

Erschienen in Rotary Magazin 7/2012

Christina Pellech
Dr. Christine Pellech ist Kunsthistorikerin und Ethnologin. Sie beschäftigt sich seit über 25 Jahren mit der Odyssee und der Argonautika, um die berühmtesten Reisen der Antike anhand von wissenschaftlichem Vergleichsmaterial einer Lösung zuzuführen. Zu ihren Schriften gehört u.a. „Gustav Klimt. Die Goldene Periode – Der Symbolgehalt seiner Bilder aus den Jahren 1901–1910“ (Buchverlag König 2010).

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