Warum wir das 19. Jahrhundert vergessen haben - Die Vergänglichkeit des RuhmsFotostrecke: Bilder des 19. Jahrhunderts

Walter Leistikow: Der Weg von Walter Leistikow (1865–1908) verlief keineswegs geradlinig. Um 1893 stand er zeitweise dem Symbolismus nahe, dessen Farbgebung und Linienführung für ihn maßgebend blieben. Zu Leistikows Gegnern gehörte u. a. Kaiser Wilhelm II., der seine Landschaftsbilder wie „Abendstimmung am Schlachtensee“ (1895) geradezu verachtete. Wilhelm wörtlich: „Der Kerl hat mir den ganzen Grunewald versaut“. Zu Leistikows Freunden zählte Gerhart Hauptmann. Für den Kölner Schokoladeproduzenten Ludwig Stollwerck entwarf er u. a. die Sammelbilderserie „Deutsche Landschaften“. © BPK

13.08.2013

Warum wir das 19. Jahrhundert vergessen haben 

Die Vergänglichkeit des Ruhms

In der Welt der Kunst scheint es gerade so, als stünde die deutsche Malerei des 19. und frühen 20. Jahrhunderts vor einer Neubewertung. Was hat dieser Trend zu bedeuten? Und wie konnte es dazu kommen, dass einige Künstler so lange Zeit in Vergessenheit gerieten, obwohl sie einst als Lieblinge der Deutschen galten? Antworten liefert das August-Titelthema. Einige vergessene Kunstwerke zeigt eine Fotostrecke.

Das 19. Jahrhundert kam aus einer Epoche der Friedlosigkeit und war der Übergang zu einer neuen Zeit der Friedlosigkeit. Zwischen 1792 und 1815 hatten erst die französischen Revolutionäre und dann deren Erbe Napoléon Europa von Gibraltar bis zum Ural in bislang unvorstellbare totale Kriege verwickelt. Mit dem für Europäer „Großen Krieg“ von 1914–1918 wurde der totale Krieg abermals zur Wirklichkeit.

Dazwischen herrschte zum ersten Mal in der Geschichte Europas Frieden, nur kurz unterbrochen von regionalen Konflikten im Zusammenhang der italienischen und deutschen Einheitsbewegung oder der nie ganz beruhigten Wirren auf dem Balkan. Selbstverständlich gab es Spannungen zwischen und innerhalb der einzelnen Staaten. Aber es gelang den Regierungen, sie einzuhegen und zu entschärfen. Der zuweilen heftig auflodernde Nationalismus, der sich von nun an mit allem verband, der Kunst, der Wissenschaft, der Wirtschaft und der Politik, widerlegte aber keineswegs die herkömmliche Verbundenheit unter den Europäern im Gefühl, zu einer besonderen Gemeinschaft zu gehören, die dazu berechtigt sei, die übrige Welt zu kultivieren und zu zivilisieren. Die Menschheit hielten sie für eine bloße Abstraktion, die sich jedoch in der Nation konkretisiere. Der Mensch könne sich nur als ein bestimmter Mensch zu erkennen geben als Verkörperung eines besonderen génie nationale oder Volksgeistes. Die Europäer als Humanisten freuten sich an ihrer Vielfalt, die gleichsam im überschaubaren Raum die Menschheit resümierte.

Die langen Kriege hatten sie durcheinander gewirbelt und miteinander trotz aller Schrecken besser vertraut gemacht. Kriege trennen nicht nur, sie verbinden auch. Erschöpft von dem fürchterlichen Morden, verfügten sie über keine weitere Entschlossenheit zum Hass. Sie wünschten nur eine halbwegs stabile Ordnung in Europa, das als übergeordnete Idee eben auch die jeweiligen nationalen Egoismen künftig daran hindern sollte, ihren Eigensinn rücksichtslos zu übertreiben. Die Europäer suchten lebhaften Austausch. Der Neubau von Straßen und die Eisenbahn erleichterten den allgemeinen Umgang. Die Bildungsreise gehörte alsbald zu den Selbstverständlichkeiten im Leben eines Bildungsbürgers oder Künstlers.

Die Geschäftsreise trat hinzu, ohne sich noch grundsätzlich von einer Vergnügungsreise zu unterscheiden. Die Dominanz einer Sprache war gebrochen, obschon weiterhin keiner ohne gründliche Französisch-Kenntnisse in der „guten Gesellschaft“ auskam. Italienisch und Spanisch gewannen ihre alten Vorrechte zurück, Deutsch wurde zu einer wissenschaftlichen Umgangssprache und zu einem Verkehrsmittel unter den hohen, internationalen Aristokraten, die so viele Verwandte in den kleinen Residenzen in Deutschland hatten. Sogar Englisch zu lernen kam allmählich in Mode. Zeitungen und Zeitschriften aus den wichtigsten Ländern lagen in den großen Kaffeehäusern aus. Noch nie war es so bequem gewesen, sich über die Gedanken der übrigen Europäer zu unterrichten.

Repräsentative Intellektuelle

In den großen nationalen Gestalten – ob Goethe, Schiller, Victor Hugo, Balzac oder Musset, Alfieri und Manzoni, Scott, Lord Byron, Puschkin oder García Gutiérrez – wurden Gestalten gewürdigt, die der Vorstellung vom Europäer einen ganz anschaulichen Inhalt verliehen. Paris war nicht die Hauptstadt des 19. Jahrhunderts. Es gab viele Hauptstädte, zu denen sich auch Berlin, St. Petersburg, Moskau und Budapest hinzugesellten, ja selbst das osmanische Konstantinopel. Dieses Europa löste sich nach 1914 rapide auf. Seitdem sind „Europa“ und „europäisch“ recht ungesicherte Begriffe. Noch immer hat Europa nicht zu seiner früheren Einheit zurückgefunden, die von Gibraltar bis zum Ural reichte.

Es war nicht verwunderlich, dass Überlebende aus dem 19. Jahrhundert – Luigi Einaudi, Alcide de Gasperi, Theodor Körner, Karl Renner, Konrad Adenauer oder Theodor Heuss, Robert Schuman und Charles de Gaulle sich bemühten, Europa wieder mit sich selbst in Übereinstimmung zu bringen. Sie hatten noch Erinnerungen an Dichter oder Philosophen, von denen die Europäer sich einst repräsentiert gefühlt hatten: an Paul Valéry, Benedetto Croce, Hugo von Hofmannsthal. Theodor Heuss erneuerte in dieser gesamteuropäischen Gesinnung 1952 den preußischen, 1840 gestifteten Orden „Pour le mérite“ für Kunst und Wissenschaft, um in ihm Europäer zusammenzuführen, die sich als eine europäische Gemeinschaft verstehen.

Von diesen Nachklängen des europäischen 19. Jahrhunderts ist nicht mehr viel übrig geblieben. Da die heutigen Europäer in keinem Gelehrten, Musiker, Dichter oder Maler einen Repräsentanten ihrer möglichen geistigen Form anerkennen möchten, fällt es ihnen schwer, zu vermuten, es sei einmal anders gewesen. Das Europa der „europayer“ braucht keine Erinnerungen. Victor Hugo, der 1845 in der wünschenswerten Eintracht von Deutschland und Frankreich das gesamte Europa vorweggenommen sah, ist in Deutschland mittlerweile so vergessen wie Alfred de Musset, George Sand und viele andere Werber für eine französisch-deutsche Allianz, um Europa neue Kraft zu verleihen. Frankreich ist den Deutschen noch nie so fern gewesen wie heute.

Das Schlimme ist: Es stört die Deutschen nicht besonders; und Franzosen machen keinen Hehl daraus, dass Spanien insgesamt interessanter ist, ohne dass daraus überraschende Konsequenzen wie im 19. Jahrhundert gezogen würden. Édouard Manet erwies sich als ein großer Schüler des Diego de Velázquez. Das populärste Ergebnis französischer Erforschung der „spanischen Seele“ ist die Oper Carmen von Georges Bizet nach der Novelle Prosper Mérimées. Die französische Begeisterung für Spanien entspricht mittlerweile einer gesamteuropäischen. Vierhundert Jahre lang wurden die Spanier als finstere Fanatiker und Massenmörder mit feierlichem Entsetzen und tiefem Abscheu geschildert. Jetzt werden sie als Juxbrüder geschätzt und anregende Spielkameraden bei tabulosen Geselligkeiten. Das eine war so töricht wie es jetzt das andere ist. Europäer wollen sich nicht von ihrer Geschichte belästigen lassen.

Deutsche flüchten gerne vor jeder Verantwortung mit dem sehr beliebigen Hinweis: „Wir mit unserer Geschichte“. Doch diese besonders deutsche Ausflucht ist längst eine allgemein europäische. Jeder Staat oder jedes Volk in Europa fühlt sich von der Geschichte betrogen und verletzt. Alle haben viel verloren, und sie haben gemeinsam einen Besitz verspielt, ihr wunderbares Europa, in dem sie sich während köstlicher hundert Jahre wie auf dem Marktplatz in einer Kleinstadt bewegten, neugierig, klatschsüchtig, manchmal Intrigen spinnend, aber auch begierig, neue Beziehungen zu stiften und lästige Dummheiten zu beheben. Die Schwierigkeiten mit der Geschichte legten es nahe, sich das Leben nicht weiterhin allzu schwer zu machen. Wären Deutsche nicht so egozentrisch, könnten sie hören, wie auch die anderen Europäer klagen: „Wir mit unserer Geschichte“, die ihnen kein Glück brachte.

Unter Verdacht

Im 20. Jahrhundert fügten sich die Europäer nach weiteren Katastrophen in die von den US-Amerikanern als Rettung versprochene Demokratie – allerdings nach deren Vorstellungen. Alexis de Tocqueville beobachtete 1830 eine gereizte Gleichgültigkeit unter diesen Demokraten in den USA gegenüber der Vergangenheit: „Sie wünschen, dass von ihnen selbst die Rede sei, und das Bild der Gegenwart ist es, das sie fordern“ – in der Malerei, auf der Bühne und im Roman. Die Demokratie, im Protest gegen das Herkommen entstanden, weckte eine unwillkürliche Abneigung gegen das Alte als etwas Abgetanes und Abgelebtes. Die Geschichte schrumpft dann unweigerlich zur Zeitgeschichte, die sich allerdings der Zukunft öffnet im stolzen Bewusstsein der Selbstüberholung der jeweiligen Neuzeit zur allerneuesten Neuzeit. Das erschien Tocqueville gar nicht überraschend. Denn Demokratien bieten unendlich viele materielle Genüsse, reizen jeden zum Wettbewerb und spornen ihn an, seine Karriere nicht zu versäumen. Demokraten bleiben der Gegenwart verhaftet. „Die Hauptanstrengung der Seele geht in diese Richtung.“ Alles Vergangene, weil unzulänglich demokratisch, ist deshalb verdächtig.

Doch fast hundert Jahre nach dem Zusammenbruch des alten Europa während des „Großen Krieges“ und nach den vielen Selbstzweifeln, die seitdem die Europäer plagen, könnten die Demokratien der Gegenwart gerade Kraft aus der Erinnerung an die Welt von gestern gewinnen, um einen geistigen Begriff Europas zurückzugewinnen. Darin sahen Benedetto Croce, Hugo von Hofmannsthal und Paul Valéry schon 1921 die wichtigste Aufgabe. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Erschienen in Rotary Magazin 8/2013

Rotary Magazin 12/2016

Rotary Magazin Heft 12/2016

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