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Die Wiederkehr der Maschinenfrage

Nach vielen Fehlstarts hat die Künstliche Intelligenz nun ihren Höhenflug begonnen. Wird dadurch Massenarbeitslosigkeit entstehen oder gar die Menschheit vernichtet? Die Geschichte liefert dazu einige hilfreiche Hinweise.

Tom Standage01.08.2016

Sie kommt uns bekannt vor, die Angst, dass neue Technologien Arbeitsplätze vernichten, die Gesellschaft umkrempeln und sich nur zum Vorteil einiger Weniger auswirken werden. Diese Sorge führte vor zwei Jahrhunderten, als sich die Industrialisierung in Großbritannien etablierte, zu heftigen Kontroversen.

Die Menschen sprachen damals nicht von der „industriellen Revolution“, sondern von der sogenannten „Maschinenfrage“. Erstmals im Jahr 1821 von dem Wirtschaftswissenschaftler David Ricardo formuliert, ging es bei dieser Frage um den „Einfluss der Maschinen auf die Interessen der verschiedenen Klassen der Gesellschaft“ und insbesondere um die „in der Arbeiterklasse vertretene Meinung, dass der Einsatz von Maschinen häufig zu Lasten ihrer Interessen geht“.Thomas Carlyle ereiferte sich 1839 schriftlich gegen den „Dämon der Mechanisierung“, dessen zerstörerische Macht die Schuld an dem „Aufruhr der Arbeitermassen“ trug.

Heute ist die Maschinenfrage mit aller Macht in neuem Gewand zurückgekehrt. Technologen, Wirtschaftswissenschaftler und Philosophen debattieren nun über die Auswirkungen der Künstlichen Intelligenz (Englisch: artificial intelligence), einer sich rasch entwickelnden Technologie, die es Maschinen ermöglicht, Aufgaben zu übernehmen, die zuvor nur von Menschen ausgeführt werden konnten. Die Auswirkungen könnten tiefgreifend sein.

Überflüssige Arbeitnehmer
Die KI bedroht Arbeitnehmer von Radiologen bis hin zu Justizbeamten, deren Arbeitsplätze bislang unmöglich zu automatisieren schienen. Laut einer vielzitierten, im Jahr 2013 veröffentlichten Studie von Carl Benedikt Frey und Michael Osborne von der Universität Oxford besteht bei 47 Prozent der Arbeitsplätze in den USA ein hohes Risiko für eine baldige „Verdrängung durch Computer“. Einer jüngeren Prognose der Bank of America-Tochter Merrill Lynch zufolge könnten sich die „jährlichen Folgen der kreativen (Zer-)Störung (creative disruption)“ durch die KI bis 2025 auf bis zu 14 bis 33 Billionen US-Dollar belaufen, bei einer Reduzierung der Personalkosten durch die KI-bedingte Automatisierung von Wissensarbeit um 9 Billionen US-Dollar sowie Kostenreduzierungen von 8 Billionen US-Dollar in der Fertigung und Gesundheitsversorgung als auch 2 Billionen US-Dollar infolge von Effizienzsteigerungen durch den Einsatz von selbstfahrenden Autos und Drohnen. Die Denkfabrik McKinsey Global Institute sagt, dass die KI zu einer Transformation der Gesellschaft beiträgt, die „zehn Mal schneller abläuft und sich 300 Mal umfangreicher bzw. ca. 3.000 Mal stärker auswirkt“ als die industrielle Revolution.

Wie schon vor zwei Jahrhunderten befürchten viele Menschen, dass die Maschinen Millionen von Arbeitnehmern überflüssig machen sowie zu Ungleichheit und Aufruhr führen werden. Martin Ford, Autor zweiter Bestseller-Bücher über die Gefahren der Automatisierung, hat die Sorge, dass Mittelklasse-Jobs verschwinden werden, die wirtschaftliche Mobilität zum Erliegen kommen wird und sich eine wohlhabende Plutokratie „in geschlossenen Wohnanlagen oder Elitestädten verschanzen könnte, die dann vielleicht von unbemannten Militärrobotern und Drohnen bewacht werden“.

Andere befürchten, dass die KI eine existentielle Bedrohung für die Menschheit darstellt, da superintelligente Computer andere Ziele als die Menschen entwickeln und sich gegen ihre Erschaffer wenden könnten. Diese Bedenken wurden unter anderem von dem Physiker Stephen Hawking sowie eher überraschend auch von Elon Musk geäußert, einem Milliardär und Technologieunternehmer, der das Raketenunternehmen SpaceX und den Elektroautohersteller Tesla gegründet hat. Wie bereits Carlyle warnt auch Musk, dass „wir mit der Künstlichen Intelligenz den Teufel heraufbeschwören“. Obwohl seine Tesla-Autos die neueste KI-Technologie nutzen, um selbständig zu fahren, befürchtet Herr Musk, dass ein Übermaß an KI in Zukunft zu mächtig werden könnte, um durch die Menschen kontrollierbar zu bleiben. „Es ist gut, wenn man Mark Aurel zum Kaiser hat, aber weniger gut, wenn man Caligula hat“, sagt er.

Rasante Entwicklung
Diese Sorgen wurden durch neue erstaunliche Fortschritte im Bereich der KI ausgelöst, die lange Zeit dafür bekannt war, nicht die versprochenen Ergebnisse zu liefern. „In den letzten paar Jahren ist die Sache regelrecht explodiert“, sagt Demis Hassabis, Chef und Mitgründer von DeepMind, einem KI-Startup-Unternehmen, das 2014 für 400 Millionen US-Dollar von Google gekauft wurde. Zuvor in diesem Jahr besiegte das AlphaGo-System seines Unternehmens Lee Sedol einen der weltbesten Spieler des Brettspiels Go, das so komplex ist, dass man für mindestens ein weiteres Jahrzehnt nicht damit gerechnet hatte, dass Computer es beherrschen könnten. „Ich war lange Zeit skeptisch, aber nun ist der Fortschritt real. Die Ergebnisse sind real. Es funktioniert“, sagt Marc Andreessen von Andreessen Horowitz, einer im Silicon Valley ansässigen Risikokapitalgesellschaft.

Insbesondere wird bereits eine als „Deep Learning“ bezeichnete KI-Technik, die es Systemen durch die Verarbeitung vieler Beispiele – und nicht durch eine gezielte Programmierung – ermöglicht, dazuzulernen und sich zu verbessern, genutzt, um Internet-Suchmaschinen zu optimieren, Spam-Mails zu blockieren, E-Mail-Antworten vorzuschlagen, Websites zu übersetzen, gesprochene Befehle zu erkennen, Kreditkartenbetrug festzustellen und selbstfahrende Autos zu steuern. „Das ist eine große Sache” sagt Jen-Hsun Huang, Chief Executive von NVIDIA, einem Unternehmen, dessen Chips sich in vielen KI-Systemen finden. „An Stelle von Menschen, die die Software schreiben, haben wir jetzt Daten, die Software schreiben“ – und den besten Forschern der akademischen Welt Konkurrenz machen. Laut dem Datenanalyse-Unternehmen Quid wurde 2015 die Rekordsumme von 8,5 Milliarden USD  für KI-Unternehmen ausgegeben, fast fünf Mal so viel wie im Jahre 2010. Die Zahl der Investitionsrunden in KI-Unternehmen ist 2015 um 16 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen, in dem diese Zahl für den Technologiesektor insgesamt um 3 Prozent zurückgegangen war, sagt Nathan Benaich von Playfair Capital, einem Fonds, der 25 Prozent seines Portfolios in KI investiert hat.

An Stelle des „Uber for X“ ist nun „X plus KI“ das neue Standard-Geschäftsmodell für Startups. Google, Facebook, IBM, Amazon und Microsoft versuchen, sich Lebensräume um die KI-Dienste in der Cloud aufzubauen. „Diese Technologie wird in nahezu jeder Branche zur Anwendung kommen, die mit irgendeiner Art von Daten arbeitet – von Genen über Bilder bis hin zu Sprache“ sagt Richard Socher, Gründer des AI-Startups MetaMind, das kürzlich von dem Cloud-Computing-Giganten Salesforce übernommen wurde. „KI wird einfach überall sein“.
© The Economist Newspaper, London


Weitere Beispiele
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Tom Standage
Tom Standage ist Wissenschaftsredakteur beim britischen Magazin
„The Economist“. 2013 erschien „Writing on the Wall. Social Media – The First 2,000 Years“. Der Beitrag ist ein Auszug aus dem Schwerpunktthema „The return of the Machinery Question“ des Economist. www.tomstandage.wordpress.com