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Der Maler Gustav Klimt

Zwischen Symbolismus und Moderne

Franz Smola17.07.2012

Wien um 1900 war einer der zentralen Schauplätze der europäischen Kultur des „Fin de Siècle“, vergleichbar mit London, Paris oder Barcelona. In Wien herrschte eine enorme künstlerische Aufbruchstimmung. Sichtbares Zeichen dafür war unter anderem die Gründung der Wiener Secession. Ermutigt durch die Ereignisse in Paris und München schlossen sich im April 1897 eine Reihe von Künstlern zur „Vereinigung bildender Künstler Österreichs – Secession“ zusammen. Deren Führer und Präsident war Gustav Klimt. Das Erstaunliche war, dass Klimt, der in diesen Jahren bereits auf eine eindrucksvolle Karriere zurückblicken konnte, dennoch den Mut und die Kraft fand, nochmals einen im Vergleich zu seinem bisherigen Schaffen gänzlich neuartigen Stil zu kreieren, der ihn innerhalb weniger Jahre zu einem Hauptvertreter des europäischen Jugendstils werden ließ.

Klimts Hauptwerke des Symbolismus sind zweifellos drei um 1900 entstandene Fakultätsbilder, die von der Universität Wien als Ausstattungsbilder in Auftrag gegeben worden waren. Diese lösten, als sie erstmals in der Wiener Secession präsentiert wurden, einen ungeheuren Skandal aus und wurden vom Professorenkollegium der Universität als zu modern abgelehnt. Daraufhin legte Klimt den Auftrag zurück. Zwei der Bilder wurden von privaten Sammlern erworben, die „Medizin“ gelangte in den Besitz der Modernen Galerie.

1902 entstand ein weiteres Hauptwerk Klimts, nämlich der legendäre Beethovenfries. Damit präsentierte der Meister erstmals seinen neuartigen, dem Art Nouveau verpflichteten Figurenstil. Er war für viele Kunstkenner und Künstlerkollegen, die dem Fries enthusiastisch Lob zollten, eine Offenbarung. Von der breiten Öffentlichkeit und von vielen Kritikern wurde der Fries hingegen als skandalöses und obszönes Machwerk empfunden. Einen großen Anteil am bewundernden Staunen hatte zweifellos die neuartige Verwendung von Blattgoldauflagen, die Klimt hier erstmals in solcher Intensität zum Einsatz brachte. Einerseits erhöhte das Gold den metaphysischen Charakter des Werks, andererseits verstärkten die Goldornamente den exotischen und bizarren Charakter, den die ausdrucksstarken Figuren und Gestalten durch ihre Nähe zu ägyptischen, mykenischen oder griechischen Kulturen ohnehin bereits besaßen.

Frauen in Gold

Gold als gestalterisches Element hatte Klimt bereits in seinem berühmten Bild „Judith I“ von 1901 verwendet. Mit leicht zurückgeworfenem Kopf und lasziv geöffnetem Mund blickt Judith dem Betrachter aus halbgeöffneten Augen verführerisch entgegen, ihre Brust wird mit leichtem Seidenstoff eher enthüllt als verhüllt. Ihr Antlitz verrät ein Schönheitsideal, das von der Mode der Jahrhundertwende geprägt ist.

Eine wichtige Anregung für Klimts ungewöhnliche Verwendung von Goldornamentik war unter anderem auch seine Begegnung mit mittelalterlichen Goldmosaiken in Italien. 1903 besuchte Klimt gleich zwei Mal Venedig und Ravenna. Unbestritten hat das Erlebnis der prachtvollen Goldmosaike im Dom von Venedig und in den Kirchen Ravennas Klimt zu seiner „Goldenen Periode“ inspiriert. Die Werke aus dieser Zeit zählen zu Klimts wichtigsten Bildern überhaupt, darunter „Der Kuss“ oder das „Bildnis Adele Bloch-Bauer I“. Der Hintergrund ist als kosmischer goldener Sternenregen gestaltet, Anregungen dafür dürfte Klimt von japanischen Wandbildern und Lackarbeiten erhalten haben, die häufig ähnliche Goldstauboberflächen aufweisen. Ein kosmischer Sternennebel hüllt auch die symbolistische Darstellung „Die drei Lebensalter“ ein, die Gustav Klimt 1905 schuf. Klimt nimmt hier auf den symbolhaften Kreislauf des Lebens Bezug, den er bereits in den Fakultätsbildern eindrucksvoll
beschrieben hatte.

Den strahlenden Glanz, den metallischen Charakter des Goldes verlieh Klimt schließlich einem Werk Realität, das von vornherein als Mosaik konzipiert war. Für das Speisezimmer des Palais Stoclet in Brüssel entwarf Klimt von 1905 bis 1909 einen einzigartigen Fries, der von den Mitgliedern der Wiener Werkstätte zu einem monumentalen Wandmosaik aus Marmor, Keramik, Glas und Email umgesetzt wurde. Für diesen Fries, der sich entlang der beiden Längswände des Speisezimmers auf jeweils sieben Meter Länge erstreckt, wählte Klimt einen in goldene Ornamentspiralen verästelten, mit Blüten, Schmetterlingen und Vögeln belebten Lebensbaum. Der Fries erscheint an den beiden Längswänden des Speisezimmers weitgehend spiegelgleich, mit Ausnahme von jeweils einem großen figürlichen Motiv. Das großformatige Wandmosaik für das Palais Stoclet wurde zum eindrucksvollen Ergebnis von Klimts enger Zusammenarbeit mit der Wiener Werkstätte. Diese 1903 von Josef Hoffmann und Kolo Moser gegründete Institution entwickelte besonders in ihrer Anfangszeit ein revolutionäres Design.

Ornamente und Landschaften

International verbreitete sich klimts Ansehen. So nahm der Maler 1910 mit großem Erfolg an der IX. Biennale in Venedig teil und reiste 1911 zur großen Internationalen Kunstausstellung nach Rom, wo sein Gemälde „Tod und Leben“ den ersten Preis erhielt. Klimt selbst bezeichnete dieses Gemälde, das heute das Prunkstück der Klimt-Sammlung im Leopold-Museum ist, als sein wichtigstes figuratives Werk. Aus einer isolierten Position betrachtet der Tod die Menschheit, die ihm gegenüber als Pyramide unterschiedlicher Generationen erscheint. Die von weichen, in den kräftigsten Farben schillernden Ornamenten umgebenen Gestalten tauchen in eine Welt des Traumes und des Unbewussten, sie scheinen die Augen vor der Realität des Todes zu verschließen. Selbst den grausamen Tod zeigt Klimt in einem Dekor-übersäten Gewand, was die Kälte seiner Erscheinung mildert.

 Immer wieder unternahm Klimt auch Reisen, die ihn in die wichtigsten Metropolen Europas führten, etwa nach London, Berlin und Brüssel. Im Oktober 1909 reiste er ein einziges Mal auch nach Paris. Dort begegnete er den farbintensiven Gemälden von Henri Matisse, die ihn tief beeindruckten und zur Verwendung eines intensiveren Kolorits in seinen eigenen Werken inspirierten. Im Anschluss an Paris setzte Klimt seine Reise in Richtung Spanien fort, wo er im Oktober 1909 in Madrid und Toledo die Werke von Velázquez und El Greco bewunderte. Motivisch fanden die Auslandsreisen jedoch keinen Niederschlag, Klimt malte während dieser Fahrten keine Bilder.
Neben den Landschaften galt Klimts Augenmerk in zunehmendem Maße dem Porträt. Seine Meisterschaft widmete er vorzugsweise Damenbildnissen, in denen er die Schönheit der Dargestellten mit einer subtilen Psychologisierung zu verbinden wusste. Bei aller überbordenden Fülle an dekorativem Glanz und raffinierten Farbkompositionen verlieh Klimt seinen Gestalten stets eine geheimnisvolle Aura, welche die Attraktivität seiner Porträts um ein Vielfaches erhöhte. Es verwundert nicht, dass Klimt vom Großbürgertum mit Porträtaufträgen geradezu bestürmt wurde. Die wichtigsten Vertreter des liberalen Großbürgertums, der Industrie und der Finanzwelt bestellten bei ihm Porträts und zahlten dafür Unsummen, wie sie kein anderer Maler in ganz Europa verlangen konnte. Die bekanntesten Damenporträts sind heute die beiden Gemälde von Adele Bloch-Bauer, der Gattin des Zuckerfabrikanten Ferdinand Bloch-Bauer, weiter die Bildnisse von Margaret Stoneborough-Wittgenstein, Tochter des Industriellen Karl Wittgenstein, sowie die Damenbildnisse der Familien Lederer und Primavesi.

Schöner Schein

In seinen Bildnissen, aber auch in allen anderen seiner Werke schuf Klimt eine Welt des schönen Scheins. Klimt hüllte seine Motive gleichsam in eine von Raum und Zeit entrückte Idealwelt. Als zentrales Vehikel dafür erscheint die effektvolle, innovative Verwendung von Dekorelementen, die in ihrer farbigen Zusammensetzung, in ihrem Materialwert – etwa dem Gold – und in der originellen Vielfalt der Formen den Betrachter immer wieder zum Staunen bringen. Zweifellos gründet die Einzigartigkeit von Klimts Kunst zu einem großen Teil in dieser genialen, völlig neuartigen Integrierung von Ornament und Dekor in seine Bilderwelt. In der unmittelbaren Gegenüberstellung von figuralen Motiven und abstrakt erscheinendem Dekor, in der Verbindung von zwei unterschiedlichen visuellen Ebenen zu einem einzigartigen suggestiven Erlebnis liegt nicht nur eines der Geheimnisse von Klimts unnachahmlicher Bildwirkung, sondern auch ein Schlüssel zum Verständnis seines künstlerischen Beitrags zur Malerei der Moderne.

Franz Smola
Dr. Franz Smola ist seit 2009 Sammlungskurator im Wiener Leopold-Museum. Er ist Mitherausgeber des Ausstellungsbandes „Klimt persönlich. Bilder, Briefe, Einblicke“ (Brandstätter 2012).
  www.leopoldmuseum.org