15.10.2009

Erinnerungen eines Abgeordneten der ersten Stunde

Als alte Länder neu entstanden

Wolfgang Böhmer

Am 9. November 1989, vor 20 Jahren, fiel die Berliner Mauer. Sie war das monströse Symbol für die deutsche Teilung, die Spaltung Europas in zwei antagonistische Blöcke und den Kalten Krieg. Für mindestens 136 Menschen kam die Maueröffnung zu spät. Die meisten starben bei dem Versuch, über die Sperranlagen nach West-Berlin zu gelangen. Zu den Opfern zählten aber auch Menschen ohne Fluchtabsicht und DDRGrenzsoldaten. Die Berliner Mauer ist Geschichte. An sie erinnern heute nur noch Fragmente, unter anderem im Bonner Haus der Geschichte. Vieles ist zur Normalität geworden, was lange unvorstellbar schien.

Keine elf Monate nach der Grenzöffnung war Deutschland vereinigt. Am 3. Oktober 1990 entstanden in der ehemaligen DDR alte Länder neu. Als Bundesland hat Sachsen-Anhalt nur eine kurze Geschichte. Der Landesgeschichte im engeren Sinn steht aber eine sehr viel ältere und reichere Geschichte des Raumes, den das Land einnimmt, gegenüber. Sie lässt sich bis in die Vorund Frühgeschichte zurückverfolgen. Das Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalt, im Wesentlichen der historische Raum zwischen Harz, Mittelelbe und unterer Saale, gehört zu den ältesten deutschen Geschichts- und Kulturlandschaften. Von ihr, der Territorialgeschichte, ist die Verwaltungsgeschichte Sachsen-Anhalts zu unterscheiden.

Ein Land Sachsen-Anhalt gab es vor 1990 nur für kurze Zeit, nämlich von 1947 bis 1952. In diesem Jahr wurden die Länder in der DDR aufgelöst und die föderale Entwicklung des Landes Sachsen- Anhalt für fast vier Jahrzehnte unterbrochen. 1990 wurde Sachsen-Anhalt wieder gegründet. Sicherlich wären damals auch andere Optionen denkbar gewesen. Diskutiert wurden sie, aber der Reföderalisierungsdruck war stärker. Pläne, ein Land Sachsen- Anhalt zu gründen, lassen sich bis in die Zeit der Weimarer Republik zurückverfolgen. Seit Mitte der 1920er Jahre wurde intensiv über eine territoriale Neugliederung Mitteldeutschlands diskutiert und die Gründung eines Landes Sachsen-Anhalt ernsthaft erwogen. Die föderale Entwicklung Sachsen- Anhalts war, obwohl sie damals nicht zum Abschluss gekommen war, weit fortgeschritten. Es lag nahe, am 3. Oktober 1990 hieran und an das Jahr 1947 anzuknüpfen. 1990 standen alle „neuen“ Länder vor einer wahren Herkulesaufgabe. Die Transformation von einer Plan- zu einer Marktwirtschaft erfolgte in einer sich rasant wandelnden Welt, und sie betraf nahezu alle Lebensbereiche der Menschen in Ostdeutschland.

Zusätzlich verschärfte die Globalisierung den wirtschaftlichen Transformationsprozess in den neuen Bundesländern. Die Folgen von Transformation und Globalisierung waren kaum überschaubar. Dass nur wenige Jahre nach der Vereinigung Audi in Ungarn, VW in der Slowakei und Opel in Polen produzieren würden, ahnte damals niemand. Zudem waren die sozialen Sicherungssysteme der alten Bundesrepublik schon vor 1989 einem enormen Reformdruck ausgesetzt gewesen. Viele haben sich jedoch zu lange gegen diese Realität gesperrt. Das hat die Probleme, vor denen wir nach 1990 standen und mit denen wir zum Teil bis in die Gegenwart konfrontiert sind, noch vergrößert. Der Transformationsprozess im Osten war tatsächlich alternativlos. Aber seine Umsetzung erwies sich als sehr schwierig. Die Umwandlung der volkseigenen Betriebe und die juristische Wiedervereinigung brachten große Probleme und manche Enttäuschung mit sich.

Wir haben Wachstum und Schrumpfung in vielen Regionen erlebt, den Aufstieg und Niedergang von ganzen Industriezweigen, und wir haben gelernt, mit diesem Wandel nicht nur umzugehen, sondern ihn auch zu gestalten. Vieles ist erreicht worden. 1992 haben wir eine moderne Landesverfassung verabschiedet. Ein Jahr später konstituierte sich das Landesverfassungsgericht. Trotz gelegentlicher Rückschläge sollte das Wagnis der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Transformation glücken. Wer heute die Situation in Ostdeutschland mit der des Jahres 1989 vergleicht, erkennt, wie viel sich verändert hat. Das betrifft die Infrastruktur mit neuen und ausgebauten Verkehrswegen, den Aufbau einer leistungsfähigen und modernen Verwaltung, das Erscheinungsbild unserer Städte und Dörfer, die Sanierung alter Industriebrachen und die Modernisierung und Neuansiedlung von Unternehmen. Ein prägender Industriezweig für das Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalt war seit Beginn des 20. Jahrhunderts die Chemie.

Hier wurden in den 30er Jahren der weltweit erste Farbfilm und erstmals synthetischer Kautschuk produziert. Auch in der DDR war die Chemieindustrie strukturbestimmend. Dabei wurde nur wenig Rücksicht auf die Umwelt genommen. Bitterfeld, Leuna und Wolfen wurden zu Synonymen für eine unverantwortliche Umweltpolitik. Wer heute nach Sachsen-Anhalt kommt, sieht nichts mehr von den Umweltsünden der Vergangenheit. Die Luft in Bitterfeld ist nicht schlechter als in anderen Regionen Deutschlands. Mittlerweile zählt die Chemische Industrie wieder zu den bedeutendsten Wachstumsbranchen in ganz Mitteldeutschland. Heute produziert Bayer in Bitterfeld Aspirin für den europäischen Markt, die Total-Raffinerie in Leuna versorgt weite Teile Deutschlands mit Kraftstoffen und Schkopau ist zu einem wichtigen Standort des Chemiegiganten Dow Chemical geworden. Zu den großen Erfolgsgeschichten gehört die Erneuerung des Forschungs- und Innovationsstandortes Sachsen-Anhalt. Hierfür stehen zahlreiche hochmoderne Unternehmen und bedeutende Forschungsinstitute. Vor allem im Bereich der Zukunftstechnologien genießt Sachsen-Anhalt mittlerweile nicht nur bundesweit einen guten Ruf. Doch jede Bilanz der deutschen Einheit nach fast 20 Jahren wäre unvollständig, beschränkte sie sich ausschließlich auf den wirtschaftlichen Transformationsprozess.

Noch immer wird über die materiellen Lasten und Folgen des Vereinigungsprozesses zu viel und über die immateriellen zu wenig gesprochen. Was die Einheit bisher gekostet hat und was ökonomisch erreicht worden ist, sind zweifellos zentrale Fragen. Aber waren nicht unmittelbar nach 1989 ideelle Grundhaltungen ebenso wichtig und sind es nach wie vor? In welcher Gesellschaft wir leben möchten und auf welchen Werten ihr innerer Zusammenhalt basieren soll, war und ist für das Zusammenwachsen von größter Bedeutung. Voneinander zu erzählen und einander aufmerksam zuzuhören war nach 1989 genauso wichtig, wie einander finanziell zu unterstützen. Von Anfang an haben Rotarier den Prozess der deutschen Einheit begleitet und mitgestaltet. Unter den zahlreichen Fachleuten aus dem Westen, die nach 1989 in die neuen Bundesländern kamen, um in Wissenschaft, Politik, Verwaltung und Wirtschaft Verantwortung zu übernehmen, waren nicht wenige Rotarier. Als Mitglieder einer solidarischen Gemeinschaft beschränkten sich ihre Aktivitäten nicht auf den Beruf allein. Rotarier ergriffen auch privat die Initiative.

Was als lockere Zusammenkunft und gemeinsamer Erfahrungsaustausch in Leipzig und anderen Städten begann, mündete nicht selten in die Wieder- oder Neugründung von Rotary Clubs. Das war ein gewichtiger Beitrag zur deutschen Einheit und zum Zusammenwachsen von Ost und West. In diesen Zirkeln fanden sehr früh gesamtdeutsche Begegnungen statt. Hier entwickelten sich Freundschaften. Hier erfuhr der eine etwas von den Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft und dem Grundgesetz und der andere etwas von der Planwirtschaft und dem sozialistischen Alltag. Hier begegneten sich Menschen, die in unterschiedlichen politischen Systemen sozialisiert wurden und deren Biografien bis dahin kaum Gemeinsamkeiten aufwiesen, vorurteils- und vorbehaltlos. Rotarier haben mentale Grenzen überwunden.

Für viele mag das heute selbstverständlich sein. Doch mit dem Wissen von heute wird man dem Engagement und den Verdiensten von damals nicht gerecht. Einfach waren der rotarische Neubeginn und das Aufeinanderzugehen nicht. Wer kannte in der damaligen DDR überhaupt Rotary? Auch sperrten sich viele DDR-Bürger aus nachvollziehbaren Gründen, schon wieder in organisierten Vereinen Regeln zu akzeptieren. Doch wer den Weg zu Rotary fand, der merkte sehr rasch, dass nicht Regeln entscheidend waren. Im Mittelpunkt stand der freie Meinungsaustausch zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft.

Erschienen in Rotary Magazin 10/2009

Rotary Magazin 9/2016

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