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Chance "Frugalität" in der Post-Corona-Phase

Aktuell - Chance
Was bleibt von der Krise? Vielleicht ein Stück des - zunächst erzwungenen - einfacheren, schlichteren Lebens? © Pixabay

Die Krise hat die Deutschen zumindest zeitweise in ein bescheideneres, einfacheres Leben gezwungen. Das bietet die Chance, vieles zu hinterfragen.

10.06.2020

Auch wenn wir uns noch mitten in der Corona-Krise befinden, ist bereits jetzt davon auszugehen, dass die weltweiten Folgen sowohl wirtschaftlich wie auch sozial enorm sein werden. Zwar hat diese Krise Ähnlichkeiten mit früheren "Schocks", aber sie ist doch auch anders. Innerhalb weniger Wochen hat die ganze Welt erlebt, wie ein unsichtbarer Virus fast alles zum Stillstand gebracht hat, was wir bis dahin als selbstverständlich hingenommen hatten. Diese Krise zeigt auch, wie abhängig wir alle mittlerweile von global verfügbaren Produkten, Prozessen und Lieferketten sind und wie anfällig viele Branchen reagieren, wenn ihre Produkte und Dienstleistungen plötzlich nicht mehr wie gewohnt produziert, angeboten und nachgefragt werden. Wir haben aber auch gesehen, dass Menschen auf der ganzen Welt in der Lage sind, sich schnell anzupassen und zu lernen, ihr Leben auf elementare, lebenserhaltende Aspekte zu reduzieren. Die Auswirkungen auf der individuellen Ebene sind natürlich sehr unterschiedlich, von existenzbedrohend bis befreiend, und hängen vom individuellen, finanziellen und sozialen Status ab.

Was die Corona-Krise mit anderen früheren Ereignissen wie Finanzkrisen, Weltkriegen und Umweltkatastrophen gemeinsam hat, ist die bereits erwähnte Beobachtung, dass Menschen meist sehr plötzlich mit deutlich weniger und auch ohne Gewohntes auskommen können. Das zwingt sie dazu, zu rationieren, zu portionieren und vielleicht sogar mit anderen zu teilen. Dieser bewusste Umgang mit Produkten des Konsums und Dienstleistungen, die plötzlich in nur noch begrenzten Mengen zur Verfügung stehen, führt zwangsläufig zu einem sparsamen, frugalen Leben. Wenn die Krise überwunden ist, werden die meisten Menschen wieder versuchen, den gewohnten, früheren Zustand des Wohlstands und Konsums nachzuholen. Andere vielleicht nicht im demselben Maße, wenn sie die Vorzüge eines bewusst frugalen Lebensstils erkannt haben. Denn interessanterweise schätzen viele Menschen, zumindest im Rückblick Aspekte des erlebten, sparsamen Lebensstils, oft weil sie die Erfahrung gemacht haben, dass es möglich ist, mit viel weniger gut zurecht zu kommen und im Sinne von "Simplify your life" sogar Glück erfahren. In der aktuellen Krise haben Menschen auf der einen Seite weniger (Konsum, Reisen), auf der anderen Seite erleben sie neue "Freiheiten" und haben Zeit für Begegnungen und Tätigkeiten, die bisher zu kurz kamen.

Viele Menschen in der hochentwickelten Welt von heute haben alles oder sogar mehr, als sie brauchen, und der Kauf und Konsum von (mehr) Produkten verschafft ihnen, wenn überhaupt, nur kurzfristige Zufriedenheit. Vielleicht haben viele auch die Erfahrung gemacht, dass "weniger mehr ist". In diesem Sinne wird ein frugaler Lebensstil zum Ergebnis eines aktiven Entscheidungsprozesses im Sinne freiwilliger Einfachheit und Bescheidenheit, der einen bewussten Kontrapunkt zu einem maßgeblich von Konsum bestimmten Leben setzt. Im Verständnis eines solchen, frugalen Lebensstils ist auch kein Platz für Produkte, welche die Gesundheit von Mensch, Tier, Natur und Umwelt gefährden.

Die aktuelle Diskussion im Zusammenhang mit der Corona-Krise wird verständlicherweise stark von der Frage getrieben, wie die zu erwartenden negativen, ökonomischen und sozialen Auswirkungen minimiert werden können. Industrien und Unternehmen suchen nach Wegen zurück zur "alten Normalität". Autohersteller beispielsweise entwickeln Anreizprogramme, um Verbraucher zu motivieren, wieder mehr Autos zu kaufen. Unternehmen suchen nach Möglichkeiten, ihre Beschaffungs-, Produktions- und Vertriebskosten zu senken, um wettbewerbsfähig zu sein, ohne auf globale Lieferketten angewiesen zu sein. Diese Maßnahmen werden immer noch von der Idee angetrieben, dass Produktion und Konsum von Effizienz und Massenfertigung bestimmt werden. Aber dieser Rückfall in alte Muster birgt die Gefahr, dass Unternehmen weiterhin zu viele Produkte herstellen, die niemand wirklich braucht, und hierdurch dauerhafte, irreparable Umweltschäden verursachen. So wird heute zum Beispiel gut ein Drittel der weltweit produzierten Textilien, ohnehin meist unter fragwürdigen Bedingungen hergestellt, nie an Endverbraucher verkauft und daher vernichtet, während die Kosten für Produktion, Versand und Entsorgung von den Verbrauchern und der Umwelt getragen werden und der hierdurch verursachte übermäßige Verbrauch natürlicher Ressourcen zu negativen Auswirkungen auf die Natur führt.

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© TU Hamburg

Wenn wir in der gegenwärtigen Krise eine Chance sehen wollen, dann läge diese in einem radikalen Umdenken bei Konsum, Produktentwicklung und Produktion in Richtung mehr Frugalität. Es geht darum die "alte Normalität" kritisch zu hinterfragen und die gesellschaftliche Utopie einer besseren Zukunft zu entwickeln. Diese ist gekennzeichnet von einen durch die Gesellschaft getragenen Konsens darüber, was wir uns als Individuum und Gesellschaft leisten wollen und können, ohne die Gesundheit von Mensch, Tier und Umwelt weiter zu gefährden. Die Leitprinzipien dieses Ansatzes sind ferner gekennzeichnet durch freiwillige Einfachheit ("voluntary simplicity") und "green excellence" in allen Stufen der Wertschöpfung, einschließlich Konsum und Rückführung nicht mehr benötigter Produkte in biologische und technische Kreisläufe im Sinne der Circular Ecomnomy.

Prof. Dr. Dr. h.c. Cornelius Herstatt (RC Hamburg-Haake)
Technische Universität Hamburg und Center for Frugal Innovation (CFI)
www.tuhh.de/tim


Lesen Sie hier (oder per Klick auf das Bild) einen ausführlichen Text des Autors in Englisch zu diesem Thema: http://cfi.global-innovation.net/wp-content/uploads/2020/06/Working_Paper_110-1.pdf