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Titelthema

Chronist rotarischer Geschichte

Titelthema - Chronist rotarischer Geschichte
Friedrich von Wilpert (1893-1990) setzte sich nach dem Kriege als erster für eine umfassende Aufarbeitung der rotarischen Geschichte unter dem Nationalsozialismus ein. © Privat / Nachillustriert Anika Dallmer

Eine Erinnerung an den Rotarier Friedrich von Wilpert, der sich nach dem Kriege als erster der Geschichte Rotarys im „Dritten Reich“ widmete 

Hermann Schäfer01.07.2018

Schicksalhaft von den wechselvollen Ereignissen der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts bestimmt, war das Leben Friedrich von Wilperts dramatischer als er im Titel seiner im Alter von 85 Jahren veröffentlichten Lebenserinnerungen zum Ausdruck brachte. In „Einer in fünf Zeitaltern. Meilensteine an einem wechselvollen Lebenswege“ (1977) finden sich schmerzhafte Erlebnisse und wechselvolle Brüche, große Hoffnungen und tiefe Enttäuschungen – ein Lebensschicksal mit tragischen Zügen wie bei vielen seiner Generation. Aber bei Friedrich von Wilpert kam ein rotarisches Engagement hinzu, das seinesgleichen sucht. Die folgende Darstellung beruht auch auf bislang noch nicht ausgewerteten Archivmaterialien.

Im russischen Siuxt (heute Dzukste/Lettland) als Deutschbalte in einem patriarchalisch geprägten Großgrundbesitzermilieu als Pastorensohn aufgewachsen, Deutsch war seine Muttersprache, lernte er mit seinen Spielkameraden Lettisch und Russisch in der Schule. Vor der russischen Revolution 1905 flüchteten die Eltern nach Marienburg in Westpreußen (heute polnisch: Malbork), wo er 1914 als Jahrgangsbester das Abitur machte. In Erlangen studierte er Philosophie, Theologie und Sprachenwissenschaften, interessierte sich für Sanskrit und indische Philosophie.

Der Erste Weltkrieg – als Husar und in der Presseabteilung des Oberkommandos Ost – veränderten Wilperts Pläne: Er studierte nun in Berlin sechs Semester Nationalökonomie, arbeitete nebenbei im Litauischen Telegraphenbüro und wurde 1920 politischer Redakteur der Danziger Neuesten Nachrichten (DNN), der führenden Tageszeitung der Hansestadt. In dieser Funktion hatte er bald eine wichtige Rolle, durchaus auch mit außenpolitischen Kontakten und repräsentativen Funktionen, weil er für den Senat der seit dem Versailler Vertrag vom Deutschen Reich abgetrennten „Freien Stadt“ unter anderem zu Völkerbundtagungen nach Genf reiste. Wilpert schrieb Leitartikel, leitete zeitweise den Handelsteil des Blattes und kommentierte im Rundfunk.

Mit seinen Verbindungen, seinen Sprachkenntnissen und internationalen Erfahrungen war der 39-Jährige ein Kandidat für den 1932 in Danzig gegründeten Rotary Club, wurde Gründungsmitglied und Schriftführer. Nach der „Machtergreifung“ Hitlers gaben die Danziger Neuesten Nachrichten dem Druck der Nationalsozialisten nach. Dass Wilpert – wie andere Redakteure der DNN – im Mai 1933 der NSDAP beitrat, hatte mit diesem Anpassungskurs des Verlegers zu tun, der übrigens auch Rotarier war.

 

NS-Zeit, Krieg und Neuanfang

Wie die meisten Deutschen unterschätzte Wilpert die Zielstrebigkeit, die Skrupellosigkeit und die letztlich verbrecherischen Absichten Hitlers und seiner Partei – zumindest bis zum Kriegsausbruch. Drei Wochen nach dem Überfall auf Polen erlebte er Hitler aus der Nähe und berichtet rückblickend, Hitler habe mit „eigentümlichem Flackern“ in den Augen wie ein „Geisteskranker“ gewirkt. Tatsächlich erfuhr Wilpert später Einzelheiten über die Grausamkeiten des Vernichtungskrieges im Osten, über systematische Erschießungen von Juden, über Konzentrationslager und vielfältige Brutalitäten. Im Oktober 1943 wurde er einberufen und war zuletzt Ordonnanzoffizier. Die Flucht vor den Russen gelang ihm aus einem Lazarett in Pommern.

In Flensburg stand Wilpert erneut vor einem Neuanfang und dieser gestaltete sich schwieriger als erwartet. Zunächst schien er bei den Kieler Nachrichten als Chefredakteur reüssieren zu können, aber sein Entnazifizierungsverfahren verlief bis zur letztlichen „Entlastung“ holprig; die Mitarbeit in der Chefredaktion der Deutschen Volkszeitung in Celle zerschlug sich deswegen, ebenso Pläne einer eigenen Zeitschrift. Große Hoffnungen setzte er auf eine Bewerbung beim in Frankfurt entstehenden Zweizonenamt für Heimatvertriebene, dessen Leiter er aus Danzig kannte. Als dieser Staatssekretär im Bundesvertriebenenministerium in Bonn wurde, machte er ihn zum Leiter der Pressestelle unter Minister Lukaschek.

Endlich schien Wilpert seine Aufgabe gefunden zu haben. Freilich nur für vier Jahre. Denn noch vor Ende der Legislaturperiode verlor er sie aus politischen Gründen; Adenauer hatte eine seiner Stellungnahmen zur Ostpolitik missbilligt. Bemühungen, ihn im Bundespresseamt oder in der Dienststelle Blank unterzubringen, scheiterten, sodass er „anderweitig beschäftigt“ wurde, als „Hilfsreferent“ im Statistikbüro und schließlich als Verfasser von Denkschriften zur Oder-Neiße-Frage. Da er – entgegen seinen Hoffnungen - altersbedingt nicht verbeamtet wurde und nur eine geringe Rente in Aussicht stand, wurde er auf eigenen Wunsch anderthalb Jahre über die Altersgrenze von 65 Jahren hinaus beschäftigt (bis Ende 1959).

Inzwischen hatte Friedrich von Wilpert sich immer mehr Rotary verschrieben. Schon von Flensburg aus hatte er Kontakt zur Zentrale von Rotary aufgenommen. Seine Anfragen wegen der Wiederbegründung von Clubs wurden von dort zunächst zustimmend, dann aber dilatorisch („nichts überstürzen“) beantwortet. In Frankfurt fand er 1948 Anschluss an einen rotarischen Freundeskreis, in Bonn wurde er 1950 Gründungsmitglied des ersten Rotary Clubs der jungen Bundeshauptstadt, bald darauf dessen dritter Präsident (1954/55) und für zwei Jahre Governor (1957/58, 1958/59, anschließend vertrat er noch ein weiteres halbes Jahr seinen erkrankten Nachfolger). 1961/1962 war er Gründungsbeauftragter des zweiten (RC Bonn Süd-Bad Godesberg) und drei Jahre später (1965) des dritten Bonner Clubs (RC Bonn-Rheinbrücke); die Bonner Clubs machten ihn zu ihrem Ehrenmitglied.

 

Mühevolle Aufarbeitung

Wann Friedrich von Wilpert den Gedanken zur Abfassung der Dokumentation „Rotary in Deutschland. Ein Ausschnitt aus Deutschem Schicksal“ fasste, ist nicht bekannt. Jedenfalls nutzte er seine rotarischen Kontakte intensiv, um das dafür erforderliche Material zusammenzutragen. Als er sie 1962 fertiggestellt hatte, war er inzwischen fast siebzig. Seine Darstellung war weder leicht lesbar, noch entsprach sie wissenschaftlichen oder quellenkritischen Ansprüchen. Aber – so apologetisch sie auch war – es war und blieb auf Jahrzehnte die einzige Darstellung der rotarischen Geschichte und insbesondere unter dem Nationalsozialismus.

Rotarier „durch und durch“, wollte er sein Manuskript nicht ohne die Zustimmung des Governorrates veröffentlichen. Was folgte, war eine überaus peinliche „Odyssee“: Viermal in den Jahren 1963 bis 1966 wurden die Governors damit befasst und die Publikation immer wieder mit unterschiedlichen Begründungen abgelehnt. Sie sollte – so hieß es zum Beispiel 1963 – im Bundesarchiv hinterlegt werden, mit der Auflage, dass sie „nicht vor dem Jahr 2000 geöffnet werden dürfe“.

Während der Auschwitz-Prozess die Schlagzeilen beherrschte, tauchten die Verantwortlichen bei Rotary ab. Selbst Wilperts wiederholte Angebote, die NS-Zeit stark zu straffen, wurden abgelehnt. Es sei noch „viel zu früh, das Hin und Her“ der Jahre 1933 bis zur Auflösung der Clubs 1937 „preiszugeben“; es sei fraglich, ob der „peinliche und quälende Eiertanz“, ja, die „Tragik“ der Handelnden verstanden würden. Auch sollten die international allmählich zunehmenden rotarischen Kontakte nicht gefährdet werden, denn seine Dokumentation zeigte auch, wie unkritisch Rotary International, auch viele Rotarier im Ausland, das Hitler-Regime allzu lange gesehen hatten. Einzelstimmen wiederum ermunterten ihn ausdrücklich zur Publikation.

Das Thema der Aufarbeitung des Nationalsozialismus ließ Wilpert nicht los. Die Fernsehserie „Holocaust. Die Geschichte der Familie Weiss“ wurde im Januar 1979 ausgestrahlt und erreichte eine Einschaltquote von 41 Prozent. Zwei Monate nach der Ausstrahlung hielt Wilpert bei einem Meeting in Bonn einen beeindruckenden Vortrag zur Mitschuld der Deutschen. Seine These: Wer nichts gewusst habe, habe nichts wissen wollen. Seine Forderung – aus der Geschichte zu lernen. Zwei Jahre später (1981) publizierte er sein Buch als Privatdruck in 500 Exemplaren, nach seinem Tode folgte ein Nachdruck (1990).

Die inzwischen begonnene, umfassende Auseinandersetzung mit dem Thema zeigt, wie beschönigend, ja, selbstgerecht Wilpert zurückblickte, wenn er bilanzierte, dass „wir alten Rotarier uns mit völlig ruhigem Gewissen dem Urteil der Geschichte stellen [können] und stolz darauf sein [dürfen], in schwerster Zeit trotz dauernder Bedrängnis rotarischen Grundsätzen treu geblieben zu sein.“

Trotzdem bleibt es Wilperts Verdienst, dass er sich als erster der Geschichte Rotarys im Nationalsozialismus gewidmet hat, während der Governor-Rat über Jahre seine Initiative immer wieder ausbremste.

Hermann Schäfer
Prof. Dr. Hermann Schäfer (RC Bonn Süd-Bad Godesberg) ist Gründungspräsident der Stiftung Haus der Geschichte der BRD. Zu seinen Werken gehört unter anderem „Deutsche Geschichte in 100 Objekten“ (Piper-Verlag, München 2015)

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