01.06.2017

Titelthema: Tradition

Das ist unser Land!

Ralf Fücks

Freiheitliche Demokratie und Europa sind die Eckpfeiler des modernen Deutschland.

Wenn sich ultrarechte Schreihälse und deutschnationale Ideologen als  Patrioten aufputzen, fühlen sich viele herausgefordert, ihnen diesen Anspruch streitig zu machen. Dem Zerrbild eines ethnisch und kulturell homogenen Deutschlands, das sich nach außen abgrenzt, setzen sie ein weltoffenes, europäisches und tolerantes Deutschland entgegen. Darin klingt ein neuer, demokratischer Patriotismus an. Für viele Linke ist dieser Begriff unrettbar kontaminiert. Für sie ist Patriotismus nur eine nette Verpackung für den alten, hässlichen Nationalismus. Dabei gibt es eine lange Tradition des linken Patriotismus. Seine europäische Geburtsstunde war die französische Revolution. In Deutschland findet man ihn auf den Barrikaden von 1848 (die schwarz-rot-goldene Flagge und die deutsche Nationalhymne erinnern daran). Nach der Katastrophe des Nationalsozialismus versuchte die SED, sich zum Erbe der besseren Seiten der deutschen  Geschichte aufzuwerfen. Brechts „Kinderhymne“ stammt aus dieser Zeit:

Anmut sparet nicht noch Mühe,
Leidenschaft nicht noch Verstand,
daß ein gutes Deutschland blühe,
wie ein andres gutes Land.

Daß die Völker nicht erbleichen
wie vor einer Räuberin,
sondern ihre Hände reichen
uns wie andern Völkern hin.

Und nicht über und nicht unter
andern Völkern wolln wir sein,
von der See bis zu den Alpen,
von der Oder bis zum Rhein.

Und weil wir dies Land verbessern,
lieben und beschirmen wir‘s.
Und das liebste mag‘s uns scheinen
so wie andern Völkern ihrs.

Kann man heute noch im Ernst von einem demokratischen Patriotismus reden, wo wir doch gerade auf dem Weg in ein vereinigtes Europa sind, ohne sich als ewig gestrig zu blamieren? Doch, man kann. Es war ein Irrtum zu glauben, die Nationen lösten sich in den „Vereinigten Staaten von Europa“ auf wie Würfelzucker in einem Glas Wasser. Sie sind nach wie vor eine unverzichtbare Ressource emotionaler Zugehörigkeit und politischer Selbstbestimmung in Zeiten rasanten Wandels. Die Hauptkampflinie verläuft nicht zwischen national und postnational, sondern um die Frage, wie wir den Begriff der Nation verstehen: als politische Gemeinschaft, die sich durch gemeinsame Werte und gemeinsames Handeln konstituiert, oder als eine durch Abstammung und kulturelle Tradition zusammengefügte Schicksalsgemeinschaft.

Im Begriff des „Verfassungspatriotismus“ wird der Gegensatz zum mystischen Nationalismus auf den Punkt gebracht. Nicht der dunkle Urgrund deutscher Seele und Lebensart, nicht die Fiktion der gemeinsamen Abstammung stiftet nationale Zugehörigkeit, sondern die politische Gemeinschaft freier Bürgerinnen und Bürger. Das heißt nicht, dass wir die Geschichte ausblenden könnten. Auch der Verfassungspatriotismus braucht große Erzählungen, die Vergangenheit mit Gegenwart verbinden und den Sinn der freiheitlichen Verfassung verdeutlichen. Was die Bundesrepublik Deutschland heute ausmacht, vermittelt sich erst durch die Aneignung von Schlüsselereignissen der deutschen und europäischen Geschichte: die demokratischen Revolutionen von 1848 und 1918, den Nationalsozialismus und den Judenmord, den Zweiten Weltkrieg und die deutsche Teilung, die friedliche Revolution von 1989 und die Wiedervereinigung, die Einbettung Deutschlands in die Europäische Union und das transatlantische Bündnis. Diese Geschichten müssen immer wieder erzählt, interpretiert und weitergegeben werden, an die junge Generation wie an die Immigranten, die in ein Land mit einer bestimmten Geschichte einwandern.

Ein neues Deutschland

Man kann die Geschichte der Bundesrepublik als eine Geschichte fortschreitender Demokratisierung schreiben. Gegründet wurde sie unter der Obhut der Amerikaner, aufgebaut von einer schmalen Schicht von Menschen, die durch den Nationalsozialismus nicht korrumpiert oder aus dem Exil zurückgekehrt waren. In den öffentlichen Verwaltungen wie in den Führungsetagen der Unternehmen überwogen die ehemaligen Anhänger des Nationalsozialismus. Wie hätte es auch anders sein können? Die Demokraten der ersten Stunde konnten sich ihr Volk ja nicht backen. Eine zweite Welle der Demokratisierung setzte mit den Prozessen gegen ehemalige Nazi-Verbrecher in den 60er Jahren ein. Jetzt musste sich die Gesellschaft mit ihrer jüngsten Vergangenheit konfrontieren. Der nächste Schub auf dem langen Weg zu einer Demokratie westlichen Zuschnitts ging von der Studentenbewegung von 1967/68 aus, solange sie noch in ihrer antiautoritär-freiheitlichen Phase war.

Diese verstärkte den Ruf nach individueller Selbstbestimmung und kollektiver Mitbestimmung setzte eine Reform der Kinderbeziehung und eine grundlegende Veränderung der Geschlechterrollen in Gang. Nicht zuletzt erweiterte sie den internationalen Horizont der jüngeren Generation. Die breite Bürgerinitiativbewegung der 70er Jahre ging auf diesen Impuls zurück. Brandts neue Ostpolitik ebnete den Weg für die Versöhnung mit den ehemaligen Opfern des NS-Vernichtungskriegs im Osten. Die Grünen schlugen die Brücke zwischen außerparlamentarischen Bewegungen und parlamentarischer Reformpolitik. Sie setzten neue Themen auf die Agenda und lockerten den politischen Betrieb auf. Die Einführung des Euro und die neue Etappe europäischer Integration nach dem Fall der Mauer verstärkten die europäische Einbindung Deuschlands.

Erschienen in Rotary Magazin 6/2017

Ralf Fücks
Ralf Fücks ist Vorstand der grün-nahen Heinrich-Böll-Stiftung. 2013 erschien sein Buch „Intelligent wachsen. Die grüne Revolution“ (Hanser). www.boell.de

Rotary Magazin 10/2017

Rotary Magazin Heft 10/2017

Titelthema

Die geforderte Nation

Krieg in Syrien, Griechenland-Krise, Nahost-Konflikt, Brexit - außenpolitische Herausforderungen, die öffentlich kaum diskutiert werden. Kann sich Deutschland eine solche Weltabgewandtheit noch leisten?

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