01.07.2015

Der Ausbau erneuerbarer Energiequellen als weltweiter Motor von Innovation und Treibsatz für eine industrielle Renaissance Europas  

Die Energiewende ist kein deutscher Sonderweg

Ralf Fücks

Vor vier Jahren wurde – als Reaktion auf die Reaktor-Katastrophe im japanischen Fukushima – in Deutschland der Ausstieg aus der Kernenergie und der Ausbau einer nachhaltigen Versorgung mittels erneuerbaren Energien beschlossen. Über den richtigen Weg zu diesem Ziel wird seitdem gestritten. Kritikpunkte sind u.a. die steigenden Strompreise und die Frage, wie die durch Wind- und Wasserkraft gewonnene Energie zu den Verbrauchern kommt. Anmerkungen zu einem Kernthema unserer Volkswirtschaft und Gesellschaft.

Der Umbau des Energiesystems in einem der weltweit führenden Industrieländer ist zweifellos ein hoch ambitioniertes Unterfangen. Es gibt dafür keinen fertigen Bauplan, der einfach nur umgesetzt werden müsste. Insofern ist die Energiewende ein offener Lernprozess und zugleich ein Pilotprojekt, das international mit einer Mischung aus Skepsis und Hoffnung beobachtet wird. Eins ist sie allerdings gewiss nicht: ein deutscher Sonderweg, der ins energiewirtschaftliche Abseits führt. Der  Blick in die Welt zeigt vielmehr, dass die Energiewende inzwischen global Fahrt aufnimmt.

Beginnen wir mit Europa. Auch mit Blick auf die Energiepolitik bietet Europa ein höchst heterogenes Bild. Zwar haben sich die Staaten der Europäischen Union verpflichtet, bis zum Jahr 2020 ein dreifaches Ziel zu erreichen: die Reduktion der CO2-Emissionen um 20 Prozent, die Steigerung des Anteils der erneuerbaren Energien auf 20 Prozent und der Energieeffizienz um die gleiche Größenordnung. Aber die Wege dorthin unterscheiden sich beträchtlich. Ein zentrales Unterscheidungsmerkmal ist der Stellenwert der Kernenergie. Innerhalb der EU schwankt die Abhängigkeit von Atomstrom zwischen 75 Prozent in Frankreich und Null in gut der Hälfte der Mitgliedsstaaten. Im Jahre 2010 lag der Anteil der Kernenergie an der Stromproduktion der EU bei 27,4 Prozent, Tendenz sinkend. Die erneuerbaren Energien erreichten einen Anteil von 20 Prozent, Tendenz steigend.

Mythos Kernenergie

Ein Blick auf die Tatsachen zeigt, dass die oft beschworene Renaissance der Kernenergie eher Mythos als Realität ist. Weltweit sank der Anteil des Atomstroms an der gesamten Stromerzeugung zwischen 1993 und 2011 von siebzehn auf elf Prozent. Zur gleichen Zeit lag der Anteil von Regenerativstrom bereits bei zwanzig Prozent. Auch bei den Investitionen haben die Erneuerbaren die Nase vorn. Weltweit entfielen im letzten Jahr (2014) bereits 59 Prozent aller Neuinvestitionen in die Stromerzeugung auf erneuerbare Energien; in der EU waren es sogar fast 80 Prozent. Ausschlaggebend für diesen Trend ist die Kostendynamik. Entgegen aller Mythen vom billigen Atom- oder Kohlestrom laufen die Kosten insbesondere für neue Atommeiler aus dem Ruder, während sie für Photovoltaik (PV) und Windenergie rapide sinken.

Seit 2005 sind die Investitionskosten für Solarstrom um über 80 Prozent, für Windenergie um mehr als 60 Prozent gefallen. In südlichen Regionen hat Photovoltaik inzwischen die Schwelle zur Wettbewerbsfähigkeit überschritten (auch ohne Anrechnung der volkswirtschaftlichen Folgekosten fossiler Energien). Das schlägt sich in steil ansteigenden Ausbauraten nieder. Weltweit erhöhte sich die neu installierte PV-Kapazität von 2010 auf 2011 um nicht weniger als 70 Prozent auf 27,7 Gigawatt. Dabei spielen außereuropäische Märkte eine wachsende Rolle. Bei Solar-Großkraftwerken in Größenordnungen über 250 MW sind die USA inzwischen führend. Vergleichbares gilt für Windstrom: Moderne Windenergieanlagen an guten Standorten müssen keinen Kostenvergleich mit fossilen Kraftwerken scheuen. In den USA wird bereits mit Produktionskosten von 5-6 Cent pro kWh kalkuliert. In 2014 stiegen die Investitionen in Windenergie im Vergleich zum Vorjahr weltweit um 40 Prozent. Davon entfiel fast die Hälfte auf China. Auch beim Ausbau der Solarenergie liegt China inzwischen mit weitem Abstand vorn.

Während erneuerbare Energien zunehmend wettbewerbsfähig werden, wird weltweit kein einziges neues AKW ohne staatliche Beihilfen und Bürgschaften gebaut: zu teuer, zu riskant, zu viele ungeklärte Fragen im Hinblick auf Entsorgung des Atommülls und die Dekonstruktion stillgelegter Kernkraftwerke. Ob die Neubaupläne einiger europäischer Staaten wie Polen jemals Realität werden, ist zweifelhaft. Abgesehen von dem nie ganz auszuschließenden „Restrisiko“ von Atomkraft wäre es auch volkswirtschaftlich lohnender, die enormen Effizienzreserven in der einheimischen Energiewirtschaft zu heben und mit dem Aufbau eines alternativen Energiesystems zu beginnen. Die Energiewende würde gerade den ländlichen Regionen Europas zusätzliches Wertschöpfungspotential eröffnen.

Tatsächlich hat die solare Energierevolution längst begonnen. Die Bundesrepublik hat dabei als Katalysator gewirkt. Mit dem umlagefinanzierten Ausbau von Wind- und Sonnenstrom haben wir die industrielle Lernkurve der erneuerbaren Energien finanziert und den Aufbau moderner PV-Produktionskapazitäten insbesondere in China ermöglicht. Insofern war das EEG das erfolgreichste Entwicklungsprogramm aller Zeiten. Jetzt stehen die Erneuerbaren vor dem Durchbruch. Insbesondere für Entwicklungsländer ohne flächendeckende Netz-Infrastruktur sind sie eine attraktive Chance für die Elektrifizierung des ländlichen Raums. Aber auch für die Megastädte des Südens bieten sie die Möglichkeit, einen Großteil des wachsenden Strom-Bedarfs selbst zu erzeugen. Für Europa verbessert die Substitution von Öl, Kohle und Gas durch erneuerbare Energien die Handelsbilanz: Wir ersetzen jährliche Energieimporte in dreistelliger Milliardenhöhe durch einheimische Wertschöpfung. Nebenbei reduzieren wir damit auch unsere Abhängigkeit von krisenhaften Regionen und autoritären Regimes.

Industrielle Renaissance Europas

Wenn wir es konsequent angehen, kann die Energiewende zum Treibsatz für eine industrielle Renaissance Europas werden: ein Innovations- und Investitionsprogramm von gewaltigen Dimensionen. Dabei geht es nicht nur um die Weiterentwicklung von Solar- und Windenergie in ihren verschiedenen Varianten. Weitere aussichtsreiche Themen sind Geothermie, Wind- und Gezeitenkraftwerke, Brennstoffzellentechnik, technische Photosynthese und Biokraftstoffe der nächsten Generation, die aus Mikroorganismen (Algen) oder organischen Reststoffen gewonnen werden. Dazu kommt die flankierende Infrastruktur eines Erneuerbare-Energien-Systems: intelligente Verteilnetze (Smart Super Grids), die eine bessere Aussteuerung von Angebot und Nachfrage ermöglichen, Entwicklung effizienter Stromspeicher, Umwandlung von Überschussstrom in Wasserstoff oder Methan etc. Ein weiteres aussichtsreiches Feld ist die Verknüpfung von Strom, Wärmemarkt und Verkehr. Elektromobilität (Batterie- und Brennstoffzellentechnik) kann zu einem Brückenglied zwischen Strommarkt und Verkehrssektor werden.

Statt jetzt eine Rolle rückwärts zu schlagen und die Energiewende auf Eis zu legen, hat Deutschland  die Chance, Vorreiter einer grünen industriellen Revolution zu sein, die zu einem globalen Modellprojekt für nachhaltiges Wachstum wird. Dabei werden wir umso erfolgreicher sein, je besser es gelingt, die Energiewende im europäischen Maßstab voranzutreiben. Der Siegeszug erneuerbarer Energien befördert lokale Selbstversorgung und regionale Energiekreisläufe. Das sollte aber nicht zu einer Re-Nationalisierung der europäischen Energiepolitik führen. Unser Ziel muss eine europäische Gemeinschaft für erneuerbare Energien sein, die Synergieeffekte optimal nutzt. Ein europaweites Netzwerk mit Windstrom aus den Küstenregionen, Wasserkraft aus Skandinavien und den Alpen, Solarenergie aus dem Sonnengürtel rund um das Mittelmeer und Biomasse-Kraftwerken in den weiten landwirtschaftlichen Gebieten Mittel-Osteuropas gewährleistet Versorgungssicherheit und reduziert den Bedarf teurer Stromspeicher. Ein solcher großräumiger Verbund steht nicht im Gegensatz zu dezentralen Strukturen, sondern verbessert die Stabilität und Wirtschaftlichkeit des Gesamtsystems.

Es war richtig, mit dem Umbau des Energiesystems voranzugehen, statt sich am kleinsten gemeinsamen Nenner in der EU zu orientieren. Aber Deutschland ist auch energiepolitisch keine Insel. Der rasche Zuwachs von Wind- und Solarstrom im eigenen Land hat zunehmende Auswirkungen insbesondere für Polen und Tschechien. Wir drücken Überschuss-Strom in deren Netze und verdrängen einheimische Kraftwerke vom Markt. Das stößt nicht auf ungeteilte Begeisterung. Es braucht deshalb eine stärker abgestimmte Energiepolitik mit unseren Nachbarn. Das gilt ebenso für Frankreich und die Benelux-Staaten. Große Chancen bietet der Ausbau des Nord-Süd-Verbunds mit Skandinavien und den Ländern des Alpenraums, die ähnliche Wege in der Energiepolitik eingeschlagen haben. Schweden, Dänemark und Österreich sind uns beim Ausbau erneuerbarer Energien voraus, und Norwegen ist mit seinem enormen Potential an flexibel regelbarer Wasserkraft ein idealer Partner für die Bundesrepublik.   

Das Ziel einer hundertprozentigen Versorgung aus regenerativen Energiequellen ist eine realistische Vision, wenn es Hand in Hand mit energiesparender Technik und einer ressourceneffizienten Produktionsweise geht. Es wäre zugleich ein Projekt, das das europäische Wir-Gefühl stärken könnte.

Erschienen in Rotary Magazin 7/2015

Ralf Fücks
Ralf Fücks ist Vorstand der grün-nahen Heinrich-Böll-Stiftung. 2013 erschien sein Buch „Intelligent wachsen. Die grüne Revolution“ (Hanser). www.boell.de

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