Forum - Der fragwürdige Säulenheilige

Höhepunkt der Marx-Feierlichkeiten: die Enthüllung einer monumentalen, von der Volksrepublik China gestifteten Statue des Kommunisten in Trier © Imago/Ralph Peters

01.06.2018

Forum

Der fragwürdige Säulenheilige

Reinhard Mohr

Die Feierlichkeiten zum 200. Geburtstag von Karl Marx am 5. Mai gerieten zu einer peinlichen Lobhudelei. Kritische Anmerkungen von Reinhard Mohr

"Die Lehre von Marx ist allmächtig, weil sie wahr ist." Diese sachdienliche Information war – in meterhohen Lettern – nicht nur am Hauptgebäude der Technischen Universität Dresden zu lesen, sondern an vielen Orten der einstigen DDR. Buchstäblich niemand konnte damals den pausenlosen Hochgesängen auf Karl Marx entkommen, dem gottähnlichen Begründer der einzig wahren Lehre von Sozialismus und Kommunismus. Marxismus-Leninismus war Staatsräson, Unterrichts- und Studienfach. Das dreibändige „Kapital“ war die Bibel im ersten deutschen „Arbeiter- und Bauernstaat“, in dem es von Marx-Denkmälern, -Straßen und -Plätzen nur so wimmelte. Am Ende half alles nichts: Im Herbst 1989 brach der „real existierende Sozialismus“ zusammen wie eine morsche Scheune.

Fragwürdige Jubelarien
Doch knapp dreißig Jahre später, rund um den zweihundertsten Geburtstag des Meisters, wurden urplötzlich wieder Hochgesänge auf Karl Marx angestimmt – allerdings im wiedervereinigten, demokratischen und ja: durch und durch kapitalistischen Deutschland. Man rieb sich die Augen. Überall hochgestimmte Festreden auf den „großen“ und „hochaktuellen“ Denker, der vor 150 Jahren die Verelendung der proletarischen Massen, den „tendenziellen Fall der Profitrate“ und den Untergang des Kapitalismus vorhergesagt hatte, der an seinen „inneren Widersprüchen“ zugrunde gehen würde.

Eine „Diktatur des Proletariats“ würde es dann richten müssen. Von EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker über Bundespräsident Steinmeier und der rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin Malu Dreyer bis zu Gregor Gysi und Sahra Wagenknecht wurde der geniale, weitblickende Philosoph, Autor des „Kommunistischen Manifests“, gefeiert, als sei er der neue Nationalheilige. Es hätte nur noch das gemeinsame Absingen der „Internationale“ unter wehenden roten Fahnen mit Hammer und Sichel gefehlt – und die Forderung, Marxismus ab sofort als Leistungskurs in der Sekundarstufe II einzuführen.

Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen widmete man Marx, auf den sich Lenin und Stalin, Mao Tse-tung, Kim Il Sung, Pol Pot, Fidel Castro, Enver Hodscha und Walter Ulbricht beriefen, tagelang Elogen, als habe er erst Demokratie und Freiheit in die Welt gebracht. Manche Kommentatoren verstiegen sich gar zu der These, in Marx‘ Werk (das nach dessen Tod ja wesentlich von Friedrich Engels geschaffen wurde) finde man auch heute noch hilfreiche Gedanken zu Globalisierung und Digitalisierung. Das gilt dann womöglich auch für die aktuellen Probleme bei Pflege, Rente, Migration und den Kita-Ausbau im Saarland.

Eine Mischung aus moderner Eventkultur, historischer Ignoranz und tiefsitzenden antikapitalistischen Ressentiments hat zu diesem absurden Spektakel geführt, dessen weithin sichtbarer Höhepunkt die Aufstellung einer fünf Meter hohen Marx-Statue in seiner Geburtsstadt Trier war – ein Geschenk aus China.

Aus jenem China also, in dem bis heute eine „kommunistische“ Einheitspartei systematisch Freiheit und Menschenrechte unterdrückt, während ein staatlich gelenkter, aber ausgesprochen rabiater und überaus erfolgreicher Kapitalismus dafür gesorgt hat, dass der Anteil der Armen in den vergangenen Jahrzehnten von 88 auf 2 Prozent gesunken ist. Beide Teile dieses hybriden Systems düpieren Marx, statt ihn zu bestätigen. Von den geschichtsvergessenen Feierwütigen in Trier und anderswo ist offenkundig aber auch verdrängt worden, dass Maos berühmter „Großer Sprung“ in Richtung Sozialismus Ende der fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts etwa 45 Millionen Menschen das Leben gekostet hat – vor allem durch politisch verursachte Hungersnöte.

Der Terror der Roten Garden zehn Jahre später, hierzulande von manchem fortschrittlichen Zeitgenossen als Maos große „Kulturrevolution“ gerühmt, hat noch einmal Millionen Tote gefordert. In seinem „Schwarzbuch des Kommunismus“ kommt der französische Historiker Stéphane Courtois zu dem Ergebnis, dass im Namen von Marxismus, Sozialismus und Kommunismus etwa 100 Millionen Menschen den Tod fanden, davon rund zwanzig Millionen in der Sowjetunion unter Lenin und Stalin.

Ignoranz der Geschichte
Wer heute auf all dies hinweist, erntet meist Schulterzucken, abwegige Relativierungen oder wütenden Protest. Das populärste Argument lautet: Das alles habe mit Marx ja gar nichts zu tun. Das habe er nicht gewollt. In der Sowjetunion wie in der DDR und dem gesamten früheren Ostblock habe man ihn eben genauso falsch verstanden wie in Nordkorea und Albanien, Jugoslawien und auf Kuba. Ähnliches gilt dann auch für jene Tausende von Intellektuellen, deren Lebensziel ein marxistisch inspirierter Sozialismus war.

Viele von ihnen verfassten wahre Hymnen auf Stalin, Mao und Fidel Castro. Dass sämtliche Versuche einer sozialistischen Gesellschaft mit zentraler Staatswirtschaft gescheitert sind – zuletzt dramatisch sichtbar am katastrophalen Beispiel Venezuelas –, lassen die Marx-Liebhaber nicht gelten. Sie wenden den uralten Trick einer Immunisierungsstrategie an, mit der die an sich „richtige“ Theorie von der schlechten Realität fein säuberlich getrennt wird. Im Zweifel ist so stets die böse Wirklichkeit schuld, nicht der revolutionäre Gedanke. Er, das Gute, Wahre, Schöne an sich, soll unbefleckt bleiben.

Dahinter steht die Logik einer unverdrossenen Realitätsverleugnung: Man muss die Marxsche Lehre nur richtig in die Tat umsetzen, irgendwo und irgendwann. Das nennt man die „konkrete Utopie“, das Fata-Morgana-Prinzip. Dabei hat Marx die entscheidende Schwäche jeder sozialistischen Ökonomie, die in der Geschichte oft genug mörderische Folgen hatte, selbst zu verantworten. Immer wieder forderte er die „Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln“, „die Expropriation der Expropriateure“ und die Vergesellschaftung von Grund und Boden – die Mutter aller Irrtümer.

Dieses Programm führte stets in dasselbe Desaster – ökonomisch, politisch und sozial, von Albanien bis Zimbabwe. Die 68er blieben nur deshalb von den Konsequenzen ihrer marxistischen Visionen verschont, weil die avisierten „Volksmassen“ den hochfliegenden Theorien so gar nicht folgen wollten. Statt Marx und „Ché“ bevorzugten sie Opel und VW. Derweil hat der weltweite Kapitalismus trotz aller Konflikte, Verwerfungen und Ungerechtigkeiten seinen Siegeszug um die Welt angetreten.

Eine Zahl genügt: Zwischen 1750 und 2000 wuchs das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf im Schnitt um das 37-fache. Was das „Soziale“ im engeren Sinn betrifft: Im reichen Deutschland beträgt der mit Abstand größte und immer weiterwachsende Posten des Bundeshaushalts für 2018 – „Arbeit und Soziales“ – 140 Milliarden Euro. Insgesamt sind es sogar 950 Milliarden Euro, die in Deutschland jährlich für Soziales ausgegeben werden – ein Drittel des Bruttosozialprodukts. Abgeschlagen auf Rang 2 mit 38,5 Milliarden landen die Ausgaben für die Bundeswehr und Rüstungsgüter.

Windschiefe Wahrnehmungen
Die bundesdeutschen Karl-Marx-Festspiele im Mai 2018 haben noch einmal gezeigt, wie windschief und ressentimentgeladen die Wahrnehmungsfähigkeit eines großen Teils der politisch-medialen Klasse ist. Während sonst „populistische“ Vorurteile und rechte Verschwörungstheorien moralisch auf das Schärfste verurteilt werden, lebt man die eigenen Ressentiments gerne aus.

Auf Partys, Kongressen und bei Sonntagsreden kurz vor der Eröffnung des opulenten Büffets wird das „Profitdenken“ im „globalisierten Neoliberalismus“ verdammt, die „Ökonomisierung aller Lebensbereiche“ und der enthemmte „Turbokapitalismus“. Selbstverständlich genießt man den auf dieser moralisch verwerflichen Grundlage entstandenen Wohlstand in vollen Zügen, und niemand unter all den späten Lobrednern auf Marx wollte jemals unter staatssozialistischen Verhältnissen à la Kuba oder Nordkorea leben.

Doch das schlechte Gewissen angesichts der eigenen privilegierten Existenz, „das Schluchzen des weißen Mannes“ (Pascal Bruckner), lässt sich am besten mit jener Frömmelei bekämpfen, die sich zwar der europäischen Aufklärung verpflichtet fühlt, im Grunde aber einer quasireligiösen Erholungshoffnung, einer „Zivilreligion“ (Zeit) folgt: Ablass nach Art des Katholizismus. Ein Säulenheiliger namens Karl Marx kommt da gerade recht.

Erschienen in Rotary Magazin 6/2018

Reinhard Mohr
Reinhard Mohr war von 1996 bis 2004 Redakteur des Spiegel und bis 2010 Autor von Spiegel Online. Zu seinen Büchern gehört unter anderem "Bin ich jetzt reaktionär? Bekenntnisse eines Altlinken" (Gütersloher Verlagshaus, 2013) randomhouse.de

Rotary Magazin 6/2018

Rotary Magazin Heft 6/2018

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