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Der große Bruch

Titelthema - Der große Bruch
Als eigenständige Wirtschaftsmacht entwickelten die Genossenschaften auch eine eigene Produkt- und Warenwelt © Kaufmann Stiftung, Genossenschaftsmuseum, Raiffeisen

Auf die Herausforderungen der auf eine moderne Industrie gestützten kapitalistischen Umwälzung gab es im 19. Jahrhundert verschiedene Antworten. Die Vordenker des Sozialismus und Kommunismus sahen die Tiefe und Folgen dieser Entwicklung klarer als die klassischen Ökonomen und bürgerlichen Politiker ihrer Zeit

Gerd Koenen01.03.2018

Irgendwann in einem Zeitraum, der von der Mitte des 18. bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts reicht, haben soziale, ökonomische, politische und kulturelle Entwicklungen, die sich in Europa lange angebahnt hatten und die man unter Sammelbegriffe wie „bürgerliche Gesellschaft“, „Kapitalismus“, „industrielle Revolution“ oder „Moderne“ fasst, einen exponentiellen, irreversiblen und globalen Charakter angenommen. Das bedeutete einen zugleich mentalen wie materiellen Übergang in eine neue geschichtliche Daseinsweise, die ebenso viele Erwartungen wie Ängste weckte – und fast immer beides auf einmal. Sozialismus und Kommunismus (noch waren diese beiden Begriffe und Strömungen nicht klar getrennt) waren Produkte genau dieser historischen Zeit und des geographischen Orts, an dem sie entstanden. Irgendwann und irgendwo anders hätten diese Ideen und Doktrinen sich schwerlich ausbilden können.

Die Entstehung eines Begriffs
Dieser welthistorische Umbruch scheint im Kern mit der Geschichte der „industriellen Revolution“ zusammenzufallen. Aber bei keinem der klassischen britischen Ökonomen, weder bei Adam Smith noch bei David Ricardo, stand das Phänomen der „Industrie“ (im Sinne einer mechanisierten Produktion großen Stils) schon im Mittelpunkt, geschweige dass ihnen das Wort einer „industriellen Revolution“ in den Sinn gekommen wäre.

Vielmehr war es ein französischer Ökonom, sinnfälliger Weise Adolphe Blanqui, ein Bruder des republikanischen Berufsrevolutionärs Auguste Blanqui, der 1837 in seiner „Geschichte der politischen Ökonomie“ diese Formulierung erstmals verwendete: In derselben Zeit, in der Frankreich eine politische Revolution durchlaufen habe, also in den 1790er Jahren, habe England dank seiner Ingenieure wie Watt und Arkwright, den Erfindern der Dampfmaschine und der „Spinning Jenny“ (der ersten Spinnmaschine), eine „industrielle Revolution“ in Gang gesetzt. Der Begriff der „Industriellen“ („industriels“) hatte bis dahin keineswegs spezifisch die Fabrikanten bezeichnet, sondern ganz allgemein die Geschäftigen, die Fleißigen und aktiv Arbeitenden, denen die „Oisifs“, die Müßiggänger und Parasiten aller Klassen, gegenüberstanden. Und der emphatische Begriff „L’Industrie“ (so der Titel einer Zeitschrift Saint-Simons) meinte eine Mobilisierung des allgemeinen Arbeits- und Erwerbsfleißes und der Wissenschaften.

Das eröffnete immerhin eine Perspektive, die trotz aller sozialen Verwerfungen und Schattenseiten etwas Positives und Progressives war. Eben deshalb, so könnte man schließen, fand der Begriff einer „industriellen Revolution“ gerade in England als dem Pionierland des Fabriksystems kaum Resonanz – weil dort noch ganz die düsteren Stimmungen und Erwartungen dominierten, die das Aufkommen der modernen Industrie begleiteten.

Wie Dantes Inferno
Diese frühe Industrialisierung bot ja auch alles andere als das Bild eines gesellschaftlichen Fortschritts. Manchester, das „Cottonopolis“ des Zeitalters, dessen Bevölkerung sich zwischen 1800 und 1840 auf mehr als 300.000 Bewohner verdreifacht hatte und sprunghaft weiterwuchs, erschien selbst englischen Besuchern wie dem Genossenschafter Robert Holyoake wie „der Eingang von Dantes Inferno“. Der liberale französische Aristokrat Alexis de Tocqueville beschrieb die Stadt 1836 bei einem Besuch ebenfalls als einen „neuen Hades“, wegen des „dichten, schwarzen Qualms“, des Kreischens der Räder, des Ratterns der Webstühle, des Lärms der Öfen, des Pfeifens der Dampfventile, vor allem aber, weil die chaotisch wachsende Stadt sich inmitten von Haufen menschlichen Unrats erhob.

Ja, sie selbst glich einer großen Kloake, aus der jedoch ein „Strom menschlicher Industrie entsprang, der das Universum befruchtet“ und sich draußen auf dem Weltmarkt in „pures Gold“ verwandelte. Hier aber, wo „der menschliche Geist sich perfektioniert und abstumpft, wo die Zivilisation ihre Wunder produziert, verwandelt sich der zivilisierte Mensch fast wieder in einen Wilden“. Der angehende Tory-Politiker und spätere Ministerpräsident Benjamin Disraeli sprach 1845 in einem gleichnamigen Roman von den besitzenden und den arbeitenden Klassen als „Two Nations“, als zwei Nationen, die nebeneinander her lebten, ohne sich zu kennen oder in Berührung zu kommen. In die gleiche Richtung gingen die Betrachtungen über „Past and Present“, die der konservative Erfolgsautor Thomas Carlyle kurz zuvor veröffentlicht hatte.

In Wendungen, die an biblische Bannflüche erinnerten, hatte er darin den Widersinn und ruinösen Charakter der neuen industriellen und kommerziellen Weltordnung überhaupt angeprangert: „Mit unvermindertem Überfluss blüht und wächst das Land, voller wogender gelber Ernten, dicht gepackt mit Werkstätten, industriellen Anlagen, mit fünfzehn Millionen Arbeitern, die als die kräftigsten, die klügsten und die willigsten der Welt angesehen werden ... Von diesen erfolgreichen, fähigen Arbeitern sitzen zwei Millionen, wie man jetzt gezählt hat, in Arbeitshäusern, in Armengefängnissen, oder sie bekommen externe Sozialhilfe (‚out-door relief’) über die Mauer geworfen – sodass die Arbeitshaus-Bastille bis zum Bersten gefüllt ist ...“.

Carlyle zitierte einen „malerischen Touristen“ (der er selbst sein mochte), welcher eines Sonntags an einem dieser neu gebauten Arbeitshäuser vorbeikam: „Vor ihrer Bastille, innerhalb ihrer Ringmauern und Zäune, sah ich ein halbes Hundert oder mehr dieser Männer auf hölzernen Bänken sitzen. Große, robuste Gestalten, meist jung oder mittleren Alters; von würdiger Haltung, viele gedankenvoll und sogar intelligent aussehende Männer. Da saßen sie, nah beieinander, aber in einer Art Starre, in vollkommenem Schweigen, das ergreifend war ... In ihren Augen ... hing der düsterste Ausdruck, nicht von Zorn, sondern von Kummer und Scham ...; sie erwiderten meinen Blick, als wollten sie sagen: ‚Schau nicht auf uns. Wir sitzen hier wie verwunschen, wir wissen nicht warum ...’. “ Aber auch die großen sozialkritischen Romane jener Zeit wie Charles Dickens’ „Old curiosity shop“, Eugène Sues „Geheimnisse von Paris“, Victor Hugos „Die Elenden“ oder Honoré de Balzacs gewaltiger Zyklus von Sozialromanen zeigen auf beklemmende Weise jenen großen Bruch, den die „industrielle Revolution“ mit sich gebracht hat.

Vorzeichen einer Umwälzung
Unbemerkt war zunächst geblieben, dass 1845 ein junger deutscher Fabrikantensohn namens Friedrich Engels in seinem Erfahrungsbericht aus Manchester über „Die Lage der arbeitenden Klassen in England“ diesem Begriff eine sehr viel umfassendere und dynamischere Bedeutung beigelegt hatte: „Die Geschichte der arbeitenden Klasse in England beginnt mit der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, mit der Erfindung der Dampfmaschine und der Maschinen zur Verarbeitung der Baumwolle. Diese Erfindungen gaben bekanntlich den Anstoß zu einer industriellen Revolution, einer Revolution, die zugleich die ganze bürgerliche Gesellschaft umwandelte und deren weltgeschichtliche Bedeutung erst jetzt anfängt erkannt zu werden.

England ist der klassische Boden dieser Umwälzung, die um so gewaltiger war, je geräuschloser sie vor sich ging, und England ist darum auch das klassische Land für die Entwicklung ihres hauptsächlichsten Resultates, des Proletariats.“ Engels bestimmte die „industrielle Revolution“ somit als den Motor einer „weltgeschichtlichen Umwälzung“ noch ungeahnten Ausmaßes, die einem Fortschritt ganz anderer Art den Boden bereite – nämlich einer „sozialen Revolution“, von der er voraussagte, dass im Vergleich zu ihr die Französische Revolution „ein Kinderspiel sein“ werde. Diese Revolution werde aber mehr sein als ein Ausbruch wilder Volksrache oder eine gewaltsame Zurückführung des modernen Industriesystems, im Gegenteil: „Das Proletariat“ war für ihn bereits der eigentliche, wahre Repräsentant der „großen Industrie“, die die Quelle seiner Leiden, aber auch das Medium seiner künftigen Befreiung.

Durch den Kontakt mit Engels und dessen Berichte aus England wurde der im Pariser Exil lebende revolutionäre Demokrat und Junghegelianer Karl Marx erst zum Kommunisten – und, wenn man so will, erst zu „Marx“. Sein im Februar 1848 gedrucktes, in enger Zusammenarbeit mit Engels verfasstes „Manifest der Kommunistischen Partei“ beginnt, ungewöhnlich für alle zeitgenössischen Texte sozialistischer Tendenz, mit einer hymnischen Schilderung der „revolutionären“, d.h. alle alten Lebens- und Gesellschaftsordnungen umstürzenden Charakters der bürgerlich-kapitalistischen Produktionsweise: „Die fortwährende Umwälzung der Produktion, die ununterbrochene Erschütterung der gesellschaftlichen Zustände, die ewige Unsicherheit und Bewegung zeichnet die Bourgeois-Epoche vor allen früheren aus ...

Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen.“ Etwas Derartiges hatte niemand jemals zuvor so gesagt oder auch nur gedacht. Marx war, so könnte man plakativ sagen, der erste, der versucht hat, „den Kapitalismus zu denken“, nämlich als eine „politische Ökonomie“ im vollen Sinne dieses Begriffs – nicht als eine bloße, zu gestaltende „Nationalökonomie“, sondern als eine sämtliche historisch überkommenen Lebensordnungen, Welt- und Wertvorstellungen erschütternde soziale Evolution und Kraftentfaltung.

Diese zwischen Schrecken und Bewunderung oszillierende Position konnte er aber nur einnehmen, weil er die neuen bürgerlich-kapitalistischen Produktions- und Vergesellschaftungsformen und ihre sozialen Folgen weder als eine bloße Durchsetzung „natürlicher“ Gesetze von Wirtschaft und Gesellschaft sanktionierte, wie es die klassischen Ökonomen und die liberalen Politiker der Zeit taten – noch sie als „unnatürlich“ und schlechthin menschenfeindlich verwarf, wie es die utopisch-philanthropischen Reformer und Frühsozialisten, und von einer entgegengesetzten Warte aus auch die christlichen Konservativen seiner Zeit taten. Vielmehr kritisierte und brandmarkte Marx die kapitalistischen Produktions- und Vergesellschaftungsformen in ihren zerstörerischen und knechtenden Wirkungen, während er sie gleichzeitig in ihren befreienden und Reichtum schöpfenden Potentialen anerkannte und rühmte.

So und nur so fand das schwierige Denkmodell eines „antagonistischen Fortschritts“, wie er und Engels es in einer Reihe von Schriften später entwickelt haben, Anschluss an die aus ganz eigenen Antrieben parallel entstehenden Sozial- und Arbeiterbewegungen, in denen sich ebenfalls elementare Abwehrimpulse und eine tiefe Abscheu gegen die universelle Durchsetzung kapitalistischer Waren- und Geldbeziehungen mit einem immer entschiedeneren Kampf zur Nutzung der damit eröffneten Spielräume verbanden. Auf diese Weise wurde der (nach Marx’ Tod formulierte) „Marxismus“ zum theoretischen und weltanschaulichen Rückgrat der europäischen Sozialdemokratie – Jahrzehnte bevor er durch Lenin in die angeblich „allmächtige“ Doktrin einer terroristisch errichteten und verteidigten Parteidiktatur wurde.

Gerd Koenen
Dr. Gerd Koenen ist Publizist und Historiker. Zu seinen Büchern gehören unter anderem „Das rote Jahrzehnt. Unsere kleine deutsche Kulturrevolution 1967-1977“ (C.H. Beck, 2011), „Der Russland-Komplex. Die Deutschen und der Osten 1900-1945 “ (C.H. Beck, 2013) sowie "Die Farbe Rot. Ursprünge und Geschichte des Kommunismus" (C.H. Beck, 2017). www.gerd-koenen.de

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