30.09.2015

Deutsch-russische Beziehungen 

Heikle Nachbarschaft

Gerd Koenen

Warum die Beziehungen Russlands zu Deutschland wichtig für den Frieden in Europa sind, ihre Geschichte aber kein Grund zur Idealisierung ist

Ob und inwieweit Russland mit seiner besonderen historischen Gestalt Teil Europas und seiner Kultur ist, ist eine sehr alte Frage. Und darin lag immer auch ein tiefer Zwiespalt innerhalb der russischen Gesellschaft selbst wie in der europäischen Öffentlichkeit.


Vielfach war die Einstellung dazu von den jeweiligen äußeren Konfliktlagen abhängig, wie zum Beispiel den tiefen Eingriffen Russlands in die europäischen Konflikte; eine Erfahrung, die etwa Karl Marx und Friedrich Engels als Teilnehmer der 1848er-Revolution und fanatische (West-)Europäer veranlasste, dem Zarenreich als Vormacht der Reaktion lebenslang einen Krieg auf Leben und Tod anzusagen. Umso größere Hoffnungen knüpften sich unter den europäischen Sozialisten und Liberalen dann am Ende des 19. Jahrhunderts an eine kommende russische Revolution. Sie erst, so waren sie überzeugt, werde das finstere, versklavte Russland in den Orkus stoßen und das wahre, werktätige, aufgeklärte Russland zum Vorschein und zur Geltung bringen.


Innerhalb der russischen Intelligenz war es aber sehr umstritten, ob nicht gerade die europäisch-kosmopolitische oder deutsche Prägung seiner Eliten sie der „dunklen Masse“ des bäuerlichen Volkes entfremdete. Im Übrigen bildeten die ethnischen „Russen“ ja schon im zaristischen, dem „Russländischen“ Vielvölkerreich, eine Minderheit, so wie vermutlich in der Sowjetunion später auch. Überhaupt war dieses „Russländische Reich“, so wie es sich zwischen Mitteleuropa und Asien erstreckte, eine Welt für sich; die Sowjetunion ist das erst recht gewesen. Mit „Russ-land“ waren weder das Zarenreich noch die UdSSR einfach gleichzusetzen.


Gerade in dieser Spannbreite der „Russländischen Welt“ („rossiskij mir“) lagen zum Teil der Reiz, die Kraft und die Ausstrahlung der großen russischen Kultur. Aber wie eng ist demgegenüber der neuerdings verwendete Begriff einer „russischen Welt“ („russkij mir“) mit seinen „geopolitischen“ und völkisch anmutenden Untertönen. Wo ist heute die russische Weltkultur? Zu einem beträchtlichen Teil wieder im Exil; oder aber in der latenten oder offenen Dissidenz. Und auch das ist nicht gerade neu, im Gegenteil: Für wen immer (so wie für mich) die Begegnung mit der russischen Kunst und Kultur prägend war, der muss bemerkt haben, dass zwischen ihr und der staatlichen Politik des Landes unbedingt zu unterscheiden ist. Ein großer, vielleicht der bedeutendste Teil der literarischen und künstlerischen Produktionen, die wir als „russische Kultur“ bezeichnen, bewegte sich in einer offenen oder untergründigen Spannung zur staatlichen Politik und Ideologie, zu ihren Vorschriften und Zwängen, und ist nicht selten sogar unter dem vernichtenden Druck dieses (zaristischen oder sowjetischen) Staates entstanden.


Enttäuschte Hoffnungen
Der Satz Ossip Mandelstams aus dem Jahr 1937 hat sich mir eingebrannt, als er nach einem langen Katz-und-Maus-Spiel (der Geheimdienst war die Katze, er die Maus) für ein privat verbreitetes Schmähgedicht über Stalin (den „Bergbewohner des Kreml“) ins Lager nach Magadan geschickt wurde, wo er schon bei der Ankunft umgekommen ist. Kurz davor, in Erwartung seiner Verhaftung, sagte er zu seiner Frau Nadeshda: „Gräme dich nicht, nur bei uns schätzt man die Literatur so, dass man für einen Vers erschossen werden kann.“
So verständlich der Wunsch war und ist, nach der Aufhebung der Teilung Europas, dem Zerfall des ehemaligen „sozialistischen Lagers“ und schließlich der UdSSR die Möglichkeit einer „gemeinsamen europäischen Kultur“ und eines „Europäischen Hauses“ zu beschwören, wie es vor allem Michail Gorbatschow im Frühling der Perestrojka getan hat, so sehr bleibt eben tatsächlich die Frage, ob diese beschwörenden Formeln der realen Lage und den Empfindungen einer Mehrheit der Russen wie auch einer Mehrheit der Europäer entsprechen. Vielleicht ist es überhaupt ein sehr deutscher und eher fragwürdiger Wunsch, sich Russland und Europa einfach zusammenzudenken – und damit sich selber in eine bedeutungsvolle Mitte zu stellen, eben als Vermittler zwischen Ost und West. Wobei es ja gar nichts zu „vermitteln“ gäbe, wären Russland und Europa einfach ein und dasselbe. Das sind sie eben nicht, weder subjektiv noch faktisch.


Wie wenig die „Kultur“ dazu taugt, politische Gegnerschaften zu kitten, zeigt nicht nur der aktuelle Konflikt. Noch viel krasser zeigte das die Zeit zwischen den Weltkriegen, in der alle feindseligen Stimmungen, die es natürlich gab, überlagert waren von kaum weniger problematischen gegenseitigen Attraktionen und Faszinationen. Die Deutschen der Weimarer Zeit haben so viel russische Literatur und Kunst übersetzt, gedruckt, gelesen und bewundert, wie das niemals zuvor und niemals danach wieder der Fall gewesen ist. Allerdings lasen sie diese Literatur mit dem problematischen Impuls, eine besondere russische „Seelenhaftigkeit“, „Geistigkeit“ und „Tiefe“ als Kronzeugin gegen eine angeblich „flache“, „materialistische“ und „seelenlose“ Kultur der westlichen Länder, sprich: der Versailler Siegermächte ins Feld zu führen – und diese Tiefe und Seelenhaftigkeit gleichzeitig für sich selbst in Anspruch zu nehmen.


Diese vermeintlichen Affinitäten hatten ihre schönen und produktiven Seiten. Aber die politischen und (geheimen) militärischen Verbindungen seit 1920 haben sowohl das Weimarer Deutschland wie das neuformierte „Sowjetrussland“ in einer fatalen und sterilen weltpolitischen Isolation gehalten. Das hat sowohl den Aufstieg Stalins in der Sowjetunion wie den Hitlers in Deutschland entscheidend begünstigt. Und als beide Länder 1939 in einer verbrecherischen Allianz zusammenkamen, da wurde ohne Mühe und ohne größere ideologische Hindernisse auch wieder die „traditionelle“ deutsch-russische Freundschaft und Waffenbrüderschaft beschworen.


Damals, eine Woche nach dem Überfall Deutschlands auf Polen, sagte Stalin zu dem Chef der Kommunistischen Internationale, Dimitroff (so hat der es in seinem Diensttagebuch vermerkt), dass Hitler-Deutschland nützliche Dienste bei der Zerschlagung des imperialistischen, sprich: westlichen Weltsystems leisten werde; und dass es im Übrigen nicht nur gerecht sei, wenn die Sowjetunion die „historisch zu Russland gehörenden“ Gebiete wie die baltischen Republiken, das östliche Polen und die Westukraine wieder heim ins sozialistische Vaterland holen könne. Exakt dort, wo Molotow und Ribbentrop die Landkarte des östlichen Europa geteilt haben, sehen die Mehrheit der Russen wie auch ein Gutteil der Deutschen nach wie vor eine legitime „Sicherheitssphäre“ des Kreml.


Noch schlimmer als die Verabredung zur Auslöschung Polens war dann, wie Stalin in katastrophaler Blindheit verkannte, dass die Blitzsiege der deutschen Armeen in Polen, in Frankreich, auf dem Balkan und in Afrika sich früher oder später gegen die Sowjetunion selbst wenden mussten, obwohl oder gerade weil sie die deutsche Kriegsmaschine zuverlässig mit lebenswichtigen Rohstoffen fütterte. Und noch als die Spatzen es im Frühling 1941 schon von den Dächern pfiffen, dass die deutschen Armeen gegen die Sowjetunion aufmarschierten, drohte Stalin seinen Marschällen, sie einen Kopf kürzer zu machen, wenn sie nur einen Finger rührten! Er hielt alle diese Informationen nämlich für eine „britische Provokation“ – mit dem Ergebnis, dass die Sowjetunion in einem militärgeschichtlich fast beispiellosen Zusammenbruch überrollt wurde und dass Millionen Soldaten der Roten Armee in Gefangenschaft gingen, wo sie vielfach elend zugrunde gingen, nicht zuletzt auch (auch!) deshalb, weil ihr Land sie als Kapitulanten und halbe „Landesverräter“ ausgestoßen und nicht einmal die Hilfe des Roten Kreuzes für sie in Anspruch genommen hatte. Und viele der überlebenden Kriegsgefangenen gingen nach ihrer Befreiung 1945 sogar noch einmal in die sowjetischen Lager!


Dostojewski im Marschgepäck
Auch das gehört zum Epos des „Großen Vaterländischen Krieges“ – dessen tragische Seiten in der heutigen, auf Kampfmoral und neues Heldentum getrimmten Geschichtserzählung möglichst nicht mehr zur Sprache gebracht werden sollen; während dieser offiziellen Version zu widersprechen sogar strafbar geworden ist. Auch das ist ein ungeheurer Kulturverlust – für uns alle, vor allem aber für Russland selbst.


Was die Millionen deutscher Soldaten betrifft, die damals in die Sowjetunion einmarschiert sind, so hat all die russische Literatur, die sie gelesen haben mögen und die auch 1940 wieder in Deutschland fleißig gedruckt worden ist, nichts daran geändert, dass sie diesen „Russlandfeldzug“ als einen beispiellosen Versklavungs- und Ausrottungskrieg bereitwillig oder sogar fanatisch geführt haben – egal ob mit oder ohne „ihrem Dostojewski“ im Marschgepäck. Dazu gehörte auch mein Onkel, der als Arzt in Stalingrad verwundet wurde und nach seiner Kriegsgefangenschaft von den Leuten auf dem Lande (recht liebevoll) der „Russendoktor“ genannt wurde – und dann wieder seine Bücherregale, wie vermutlich in seiner Jugend auch, voll russischer Literatur hatte, in der ich als kleiner Junge geblättert habe.


So viel zu Macht und Ohnmacht der Kultur in Zeiten von Krisen und Konflikten. Und so viel zu dem heute gerne wieder vor allem in konservativen Kreisen zitierten Spruch, dass es Deutschen und Russen immer gut gegangen sei, wenn sie beieinander gestanden hätten. Nein, die Zeiten des produktivsten kulturellen Austauschs wie zwischen 1900 und 1930 waren auch die der fatalsten Entfremdung Deutschlands vom Westen; und die Zeiten ihrer mehr oder weniger offenen Komplizenschaft, wie zwischen 1920 und 1933, und noch einmal von 1939–41, waren die Zeiten einer beispiellosen weltgeschichtlichen Katastrophe.


Wer davon nicht reden will, sollte von einer noch so gut gemeinten deutsch-russischen Freundschaft oder einer besonderen kulturellen Verbundenheit besser schweigen. Nur wenn beide Seiten ihrer jeweiligen und gegenseitigen Geschichte ins Auge blicken, machen solche Formeln Sinn – dann allerdings umso mehr.

Erschienen in Rotary Magazin 10/2015

Gerd Koenen
Dr. Gerd Koenen ist Publizist und Historiker. Zu seinen Büchern gehören u.a. „Das rote Jahrzehnt. Unsere kleine deutsche Kulturrevolution 1967-1977“ (C.H. Beck 2011) und „Der Russland-Komplex. Die Deutschen und der Osten 1900-1945 “ (C.H. Beck 2013).

Rotary Magazin 12/2016

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