15.01.2014

100 Jahre Erster Weltkrieg 

Der Krieg der Europäer

Etienne François

Am 2. August 1914 brach der I. Weltkrieg aus. Er gilt als »Ur-Katastrophe des 20. Jahrhunderts« und ist dennoch in Deutschland fast vergessen. Etienne François über ein historisches Ereignis, das gerade in letzter Zeit wieder an Aktualität gewonnen hat

Durch seine genuin europäische Dimension gehört der Erste Weltkrieg zu den Ereignissen, die das weitere Schicksal Europas am tiefsten geprägt haben. Europäisch ist er zuerst durch seine Ursachen: Weit entfernt davon, wie von den Alliierten im Artikel 231 des Versailler Vertrags behauptet, die Konsequenz einer deutschen Kriegsschuld zu sein, ist er viel mehr – darüber sind sich inzwischen alle Historiker einig – die Konsequenz einer verhängnisvollen Verkettung von Entscheidungen, die von den Verantwortlichen der wichtigsten europäischen Mächte bewusst getroffen wurden. Europäisch ist er darüber hinaus durch seine räumliche Ausdehnung, erfasste er doch nicht nur die überwiegende Mehrheit der europäischen Länder, sondern auch deren koloniale Besitzungen in Afrika, Amerika, Australien und Asien.

Europäisch ist der Krieg weiterhin durch seine unerhört zerstörerischen Konsequenzen, ob es sich um die menschlichen Verluste handelt (zehn Millionen gefallene Soldaten und fast neun Millionen umgekommene Zivilisten), um die Zerstörung der europäischen Staatenordnung (insbesondere durch den Zusammenbruch von Russland, von Österreich-Ungarn und des Osmanischen Reichs), oder um den wirtschaftlichen Ruin des Kontinents. Europäisch ist der Erste Weltkrieg schließlich durch die tiefen und bleibenden Spuren, die er hinterlassen hat – von den unzähligen Soldatenfriedhöfen, die über den ganzen Kontinent verstreut sind; den Kriegerdenkmälern, die in so gut wie jeder Gemeinde errichtet wurden; über die traumatischen Erinnerungen, die sich im Gedächtnis der meisten Familien eingeprägt haben.

Geteilte Erinnerung

Die Omnipräsenz des Ersten Weltkriegs im europäischen Gedächtnis bedeutet jedoch nicht, dass sich europaweit eine vergleichbare, ja gemeinsame Erinnerung an ihn entwickelt hätte. Sofort haben sich in den verschiedenen am Krieg beteiligten Ländern spezifische und meist gegensätzliche Erinnerungskulturen gebildet, die bis heute beherrschend sind. Während in Frankreich der 11. November als Tag des Waffenstillstands von 1918 seit 1922 ein gesetzlicher arbeitsfreier Gedenktag ist, wird er in Deutschland mit dem Martinszug oder mit dem Beginn der Karnevalssession assoziiert.

Wie lässt sich das Paradox einer fehlenden europäischen Erinnerung an einem so eminent europäischen Ereignis erklären? Der Unterschied zwischen den Siegern und den Besiegten kann als erste Erklärung dafür herangezogen werden: Auch in Großbritannien wurde der 11. November zum nationalen Gedenktag erhoben, ebenso wie in Serbien oder in Polen, wo er als Tag der Wiedererlangung der nationalen Unabhängigkeit gefeiert wird (in Erinnerung an die Übertragung der Staatsgewalt an Józef Pi?sudski am 11. November 1918). In Deutschland dagegen erinnert man sich eher an den 9. November 1918, an die Abdankung des Kaisers und an die doppelte Ausrufung der Republik durch Philipp Scheidemann und Karl Liebknecht, während in Ungarn breite Kreise der Gesellschaft bis heute dem Zusammenbruch der Doppelmonarchie und der Zerstückelung des ungarischen Reichs durch den Vertrag von Trianon (4. Juni 1920) nachtrauern.

Dieser Unterschied erklärt sich weiterhin dadurch, dass in beinahe jedem Land die Erinnerung an den Krieg mit einem bestimmten Ereignis in Verbindung gebracht wurde, das zu einem nationalen Symbol wurde. So wird in Frankreich speziell an die Schlacht von Verdun (Februar bis Dezember 1916) erinnert, die die aufopferungsvolle Verteidigung des nationalen Bodens und der Republik gegen den deutschen Angriff symbolisiert; in Großbritannien gedenkt man der Schlacht an der Somme (Juli bis November 1916), der bei weitem verlustreichsten Schlacht des Königsreichs; für Deutschland waren bis zum Zweiten Weltkrieg die Schlachten von Tannenberg und Langemarck im Mittelpunkt der nationalen Erinnerung; in Serbien wird an die Schlacht an der Kolubara mit dem serbischen Sieg über die österreichisch-ungarischen Armee im Winter 1914 erinnert; in Armenien ist der wichtigste Gedenktag der 24. April (in Erinnerung an den Beginn des Völkermords im Jahre 1915). In Russland dagegen wird bis heute trotz des Zusammenbruchs der Sowjetunion an die Oktoberrevolution erinnert.

Die Unterschiede in der Erinnerung sind allerdings nicht nur nationalspezifisch. Während Belgien als Königreich an den Waffenstillstand vom 11. November erinnert, gedenken die Flamen ihrer eigenen Gefallenen, die für sie Opfer der wallonischen Herrschaft sind. Während Großbritannien an die Opferbereitschaft seiner Soldaten erinnert, gedenkt man in Irland des antibritischen Aufstands von Ostern 1916. Während das offizielle Frankreich und die Mehrheit der Bevölkerung die Erinnerung an die „poilus“ pflegt, erinnern pazifistische und linksgerichtete Kreise an die Meutereien von 1917 gegen die menschenverachtende Kriegsführung der französischen Generalität.

Deutsche Zurückhaltung

Auch die geschichtliche Entwicklung nach dem Ende des Ersten Weltkriegs erklärt in erheblichem Maße die starken Diskrepanzen zwischen den europäischen Ländern. Für Franzosen und Briten bleibt der Erste Weltkrieg bis heute der Große Krieg nicht zuletzt, weil er viel mehr Opfer als der Zweite Weltkrieg verursachte: Frankreich verlor 1,7 Millionen Tote zwischen 1914 und 1918 gegenüber 500.000 zwischen 1939 und 1945, und Großbritannien 1 Million Tote zwischen 1914 und 1918 gegenüber 450.000 im Zweiten Weltkrieg. Deutschland dagegen verlor 2,5 Millionen Tote im Ersten Weltkrieg und 9 Millionen im Zweiten Weltkrieg.

Dazu kommt, dass der Erste Weltkrieg den Nordosten Frankreichs verwüstete, während die deutschen Truppen fast ausschließlich außerhalb des Reichsgebiets kämpften. Im Zweiten Weltkrieg dagegen spielten sich die letzten und verlustreichsten Kämpfe auf deutschem Boden ab, von den gewaltigen Zerstörungen der deutschen Städte und der Flucht und Vertreibung von Millionen Ostdeutschen nicht zu sprechen. Wenn man darüber hinaus den Zusammenhang zwischen dem „Diktat“ von Versailles und dem späteren Erfolg Hitlers, der sich so gerne als Frontkämpfer stilisierte, in Betracht zieht, wie auch die Tatsache, dass im Unterschied zu 1914 die deutsche Kriegsschuld 1939 eindeutig war, so kann man sehr gut nachvollziehen, warum in Deutschland bis heute die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg die an den Ersten weitgehend verdrängt.

So erklärt sich die extreme Zurückhaltung von Deutschland im Hinblick auf das Gedenken an den Ersten Weltkrieg, im krassen Gegensatz zu den vielen Initiativen, die in den meisten anderen Ländern seit Jahren schon im Hinblick darauf ergriffen wurden. Bei allem Verständnis bleibt diese Zurückhaltung mehr als bedauerlich. Sie führt dazu, dass das Gedenken an den Ersten Weltkrieg bis heute im nationalen Rahmen konzipiert wird, während auf europäischer Ebene die Gestaltung eines zeitgemäßen, dem Ereignis würdigen und auf eine gemeinsame Zukunft hin orientierten Gedenkens an den Krieg wegen der deutschen Abwesenheit kaum möglich war. Am 22. September 1984 hatten sich in Verdun auf ergreifende Art und Weise François Mitterrand und Helmut Kohl an der Hand gehalten, um die deutsch-französische Aussöhnung an einem Ort zu symbolisieren, an dem sich die beiden Länder am blutigsten bekämpft hatten.

Auch wenn es inzwischen sehr spät geworden ist, sollte man nicht die Hoffnung aufgeben, dass es den Europäern gelingt, durch ein europäisches Gedenken an den Ersten Weltkrieg Erinnerung und Versöhnung miteinander zu verbinden.

Erschienen in Rotary Magazin 1/2014

Etienne François
Professor Dr. Etienne François ist der Begründer des Centre Marc Bloch in Berlin und war bis zu seiner Emeritierung 2008 Professor für Neuere Geschichte am Friedrich-Meinecke-Institut und am Frankreich-Zentrum der Freien Universität Berlin. Zusammen mit Hagen Schulze ist Francois Herausgeber des bei C.H. Beck erschienenen Geschichtspanoramas „Deutsche Erinnerungsorte“. www.cmb.hu-berlin.de

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