01.04.2017

Luther-Kolumne

Die orientierende Kraft des Evangeliums

Thies Gundlach

Das Reformationsjubiläum zwischen historischer Rückschau, touristischer Geschäftstüchtigkeit und Vergewisserung des Glaubens

Im Jahre 1992 wurde in einem nicht unerheblichen Umfang der 500jährigen Entdeckung Amerikas gedacht; aber natürlich war genau besehen 1492 nicht Amerika entdeckt worden, sondern eine kleine Insel in der Karibik. Diese Spannung zwischen historischer Exaktheit und aktueller Gedächtniskultur ist eine prinzipielle, denn das Erzählen von Geschichten hat im Gegensatz zur historischen Rekonstruktion von Geschichte mit Vergegenwärtigung zu tun. Geschichte zu aktualisieren braucht verdichtende, also dichterische Begabung, sonst wird aus der Geschichte nicht unsere Geschichte. Jede Jubiläumsgestaltung muss daher zeitgeistnah sein wollen; wer bei einer Jubiläumsgestaltung den Zeitgeist vermeiden will, feiert allein.

Natürlich kann dieses Prinzip der Aktualisierung auch missbraucht werden, - und die Geschichte der Reformationsjubiläen ist ein kräftiger Beleg für diese Gefahr. Denn feierte man in den ersten beiden Jahrhundertfeiern vielleicht noch in legitimer Weise die gelungene Selbstbehauptung einer angefochtenen Konfession, bestimmt spätestens ab 1817 der Nationalismus die Tonlage der Feierlichkeiten, zuerst mit einem Freiheitsimpuls (gegen französische Dominanz), später dann als obrigkeitsgehorsamer Nationalismus. Das Grundsätzliche daran: Man kann sich erinnerte Geschichte zurechtlegen, sie mit Pathos aufladen oder mit Interessen überlagern – und dagegen hilft nur Historisierung.

Aber man kann auch auf der anderen Seite des Pferdes herunterfallen und bei der Historisierung stehen bleiben. Man riskiert keine Aktualisierung, sondern unterstreicht die Ferne und Fremdheit der Figuren und Ereignisse und sieht keine Möglichkeiten, die damaligen Ereignisse zu aktualisieren. Dass damit faktisch die Frage aufgeworfen ist, warum es überhaupt ein Jubiläum zu diesem oder jenem Datum der Geschichte gibt, liegt auf der Hand. Es ist daher konsequent, wenn nicht zuletzt historische Wissenschaften nur eingeschränkt Zugang finden zu den Bedürfnissen einer erinnerungskulturellen Jubiläumsgestaltung.

Aktualisierung der Geschichte
Man muss das Risiko des Missbrauchs in jeder Aktualisierung von Geschichte kennen und reflektieren, es aber nicht scheuen. Umgekehrt wird ein Schuh draus; man muss ganz nüchtern folgende Fragen verfolgen: Auf welche Gegenwartsfragen lässt sich die Gestaltung eines historischen Ereignisses wie die Reformation beziehen? Welcher „Zeitgeist“ interessiert sich für das Jubiläum? Auf welchen Bezugshorizont lässt sich jenes vergangene identitätsstiftende Ereignis ausrichten?

Natürlich wird jedem kritischen Beobachter auffallen, dass ein Bezugshorizont die Interessenslage des Tourismus nicht nur in den Kernländern der Reformation ist; entsprechend sind nicht nur viele Kirchräume, sondern auch manche Infrastrukturprojekte modernisiert worden und hat der Tourismus seine Werbetrommel angeworfen. Und natürlich – auch dies nicht wirklich überraschend – ist die Geschäftstüchtigkeit ein Bezugshorizont, sodass es jede Menge Lutherbier, Luthersocken, Lutherzwerge usw. gibt. Wer das irgendjemandem als Banalisierung oder Trivialisierung vorwirft, hat die Prinzipien der gegenwärtigen Ökonomie nicht verstanden.

Für die Zivilgesellschaft bedeutender ist aber der Bezugshorizont der aktuellen gesellschaftspolitischen Situation, womit nicht zuerst Parteipolitik und Wahlkampf gemeint ist, sondern die offensichtliche Verunsicherung aller Beteiligten und die immer bedrängender werdenden Fragen nach den Grundüberzeugungen, die unsere Gesellschaft zusammenhalten. Der in den letzten Jahren wachsende Populismus wirbelt ja nicht nur die Parteienlandschaft durcheinander, sondern ist eine fundamentale Infragestellung eines Wertekonsenses, der nicht nur die Nachkriegszeit, sondern auch die Nachwendezeit prägte.

Was die Gesellschaft zusammenhält
Ist es ein Missbrauch der Jubiläumsgestaltung, wenn 2017 die Reformation als europäische Bewegung sichtbar gemacht wird? Ist es Verrat an der Sache, wenn man ihre kräftigen Impulse im Bereich der Partizipation aller an (Gemeinde-)Entscheidungen betont und deren Wurzeln in einer einzigartigen Bildungsbewegung (ad fontes) unterstreicht?

Erschienen in Rotary Magazin 4/2017

Thies Gundlach
Dr. Thies Gundlach ist Vizepräsident des Kirchenamtes der Evangelischen Kirche in Deutschland und Leiter der Hauptabteilung „Kirchliche Handlungsfelder“ und „Bildung“. ekd.de

Rotary Magazin 8/2017

Rotary Magazin Heft 8/2017

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