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Wenn nichts passiert, wird dies passieren

Titelthema - Wenn nichts passiert, wird dies passieren
Leben mit den Rahmenbedingungen: „Der Trend zur Deinstitutionalisierung lässt sich kaum aufhalten, weil er mit der radikalen Individualisierung zu tun hat. Und dieser Trend ist keine Mode, er ist auch keine moralische Frage, sondern die Bedingung unserer spätmodernen Gesellschaft“ © Pierre Adenis/laif

Was bedeutet die nachlassende Kirchenverbundenheit für den Einzelnen und die Kirchen selbst? Thies Gundlach sieht in der Krise auch Chancen.

Thies Gundlach01.06.2019

Seit Ende April 2019 ist es nun heraus: Die beiden großen Kirchen verlieren bis zum Jahre 2060 im Schnitt die Hälfte ihrer Mitglieder und die Hälfte ihrer Finanzkraft. Dies ist der harte Kern der Ergebnisse einer wissenschaftlichen Untersuchung des Forschungszentrums Generationsverträge (FZG) in Freiburg zu der Entwicklung der Kirchenmitglieder und Finanzen beider großen Kirchen. Sie zeigt deutlich, dass die Entwicklung der katholischen und evangelischen Kirchen annähernd gleich verläuft, und dass es offenbar übergeordnete Aspekte für diese Entwicklungen gibt, die jedenfalls nicht zuerst konfessionell bedingt zu sein scheinen. Jenes Grundergebnis wird sich zwar regional unterschiedlich verteilen – das heißt es wird auch Regionen geben, in denen 2060 mehr als die Hälfte der Mitglieder fehlen werden –, aber als Faustregel kann gelten: Eine „Wüstenwanderung später“ – Israels Wüstenwanderung ins gelobte Land dauerte vierzig Jahre – ist der Mitglieder- und Finanzbestand halbiert.
Dabei ist natürlich auch diesmal das zu sagen, was immer zu sagen ist, wenn man Entwicklungen so weit vorausberechnet: Es ist die Verlängerung der Gegenwart in die Zukunft. Es bleiben damit naturgemäß nicht nur überraschende geschichtliche Entwicklungen unberücksichtigt. Man schaue nur einmal zurück auf die Zeit von vor 40 Jahren (1980): Womit hat man rechnen können, womit nicht? Auch bleiben naturgemäß unberechenbare geistliche Phänomene wie eine Erweckungsbewegung oder eine tiefe, existentielle Krise der Gesellschaft (Stichwort: „Not lehrt beten“) ebenso unberücksichtigt wie unvorhersehbare Skandale, was so oder so zu erheblichen Entwicklungsveränderungen führen kann. Sondern verlängert ins Morgen wird das Gestern. Dies aber – soweit ich dies beurteilen kann – äußerst seriös, sodass man sagen kann: Wenn nichts passiert, wird dies passieren!

Wenige neue Erkenntnisse
Allerdings wird man auch sagen müssen: So richtig viele Neuigkeiten gibt diese Studie nicht her. Wer sich auf evangelischer Seite an den Text des Rates der EKD von 2006 „Kirche der Freiheit. Perspektiven für die evangelische Kirche im 21. Jahrhundert“ erinnert, wer sich mit den Kirchenmitgliedschaftsuntersuchungen der EKD seit 1973 etwas auskennt oder wer andere kirchen- und religionssoziologische Untersuchungen wahrgenommen hat, den wird eher wundern, dass sich so viele wundern über die Zahlen aus Freiburg. Die kontinuierliche Schwächung der institutionalisierten christlichen Frömmigkeit wurde immer wieder analysiert und kommentiert, manchmal im Gestus des Vorwurfes („zu wenig Qualität und Service“), manchmal im Gestus des Besserwissers („zu viel Politik, zu wenig Theologie“) und manchmal im Gestus der Ohnmacht („da kann man nichts machen“). Laut Freiburger Institut aber kann man etwas machen, jedenfalls im Blick auf die eine Hälfte der erwartbaren Reduzierung, insofern nur etwa die Hälfte des Mitgliederrückganges auf demographische Entwicklungen zurückzuführen ist, also auf den Überhang von Sterbefällen gegenüber Neugeborenen. Die andere Hälfte geht zurück auf das Ein- und Austrittsverhalten gegenwärtiger und zukünftiger Mitglieder. Hier könne man doch etwas machen, so das Freiburger Institut, beispielsweise die Taufzahlen steigern, die Austritte verhindern, die jungen Menschen zwischen 25 und 35 besser halten. Denn wenn man diese Hälfte des Abschmelzens abwehrte, sind die Zahlen der Zukunft deutlich besser.
Nun hat man immer recht mit dem Hinweis, dass die Qualität der kirchlichen Arbeit verbessert werden kann – Qualitätsprozesse sind naturgemäß nie beendet –, dass mehr Mission betrieben werden kann, dass man serviceorientierter arbeiten, Skandale verhindern und effektive Zusammenarbeit verstärken muss, dass die Arbeit mit Familien, Kindern und Jugendlichen wichtiger sein solle. Die Menge der Ratschläge dürfte in den nächsten Wochen und Monaten nach oben schnellen und zumeist einen Treffer landen. Allerdings traue ich mir doch auch den Hinweis zu, dass die Kirchen schon vielfache Anstrengungen unternommen haben, jene Taufbereitschaft zu fördern und diese Austrittsneigung zu minimieren. Es ist ja nicht so, dass die Kirchen erstmals wahrnähmen, dass der Grundsatz gilt: Kinder, die nicht getauft werden, lassen später auch ihre Kinder eher nicht taufen. Es ist auch nicht so, dass sie erstmals bemerkten, dass überproportional viele junge Menschen zwischen 25 und 35 Jahren aus der Kirche austreten – jeder Kirchgemeindevorstand, jeder Pfarrer kann das fast monatlich wahrnehmen. Und man wird sogar sagen dürfen, dass die Bemühungen der Kirchen in all diesen Feldern nicht nur vergeblich gewesen sind, denn der Mitgliederschwund wäre wohl noch viel dramatischer, wenn die Kirchen nicht seit den 80er-Jahren so viele Initiativen zur Mitgliederbindung verfolgt hätten.

„Kirche mit leichtem Gepäck“
Insofern muss auf die naheliegende Frage, wie denn nun die Kirchen auf die Freiburger Daten zu reagieren gedenken, festgehalten werden: Die Kirchen reagieren auf diese Entwicklung schon seit einer Generation. Nicht zuletzt die Vorbereitung und Durchführung des Reformationsjubiläums 2017 hat gezeigt, dass immer noch viele Menschen zu erreichen sind, dass Interesse, Neugier und auch Begeisterung geweckt werden können, innerhalb und außerhalb der vertrauten Wege und Angebote der Kirchen. Und es werden ihnen sicher auch noch einige weitere geeignete Maßnahmen einfallen, um sich gegen diesen Trend des Mitgliederverlustes zu stemmen: die digitale Entwicklung gibt neue Möglichkeiten der Mitgliederkommunikation, die Flexibilisierung von Beteiligungsformaten eröffnet neue Chancen gerade für junge Menschen, und innovative Formen der Glaubensweitergabe ermöglichen neue Zugehörigkeiten.
Dennoch müssen die Kirchen sich nüchtern eingestehen: Auch im Blick auf die zweite, nicht durch Demographie bedingte Hälfte des Abschmelzungsprozesses werden sie durch geeignete Maßnahmen bestenfalls den Prozess verzögern können. Denn der Trend zur Deinstitutionalisierung lässt sich kaum aufhalten, weil er mit der radikalen Individualisierung zu tun hat. Und dieser Trend ist keine Mode, er ist auch keine moralische Frage, sondern die Bedingung unserer spätmodernen Gesellschaft, die den Individualismus fördert – und braucht. Und weil die Kirchen weder einer nationalistischen Gemeinschaft noch einer Rettungsrhetorik des Abendlandes gegen einen erstarkenden Islam das Wort reden wollen, wollen sie auch keine kraftvollen Protagonisten gegen diese Individualisierung sein. Im Gegenteil: Christen teilen diese Hochschätzung des Einzelnen; die „Gesellschaft der Singularitäten“ (Andreas Reckwitz) ist keine Erfindung der Soziologen, sondern nüchterne Analyse und auch „Fleisch von unserem Fleisch, Bein von unserem Bein“ (Gen 1).
Darum ist es in meinen Augen klug und weise, angesichts der Daten des Freiburger Instituts doppelt vorzugehen: Einerseits mutige Impulse zu setzen und Erschöpftes loszulassen, sich zugleich aber auch nüchtern auf eine kleiner werdende Kirche innerlich und äußerlich einstellen. Denn die Kirchen müssen doch auch wahrnehmen, dass oftmals selbst sehr positive Erfahrungen mit den Kirchen und ihren Angeboten nicht daran hindern, aus ihr auszutreten, – weil das Geld wirklich fehlt, weil man nicht alles in ihr finanzieren will, weil man an Gott doch auch ohne Kirche glauben kann, weil man Institutionen unnötig findet und Eliten sowieso bedenklich. Es gilt, der Wahrheit ins Auge zu sehen, dass die Kirchen – wie die Parteien, Gewerkschaften, Vereine und Verbände – ihre institutionelle Bindungskraft verlieren. Und es wäre schon eine große Leistung, wenn sie durch geeignete Maßnahmen und mutige Christen diesen Prozess entschleunigen und verlangsamen könnten.
Was aber bedeuten kleiner werdende Kirchen für den Einzelnen, für die (evangelische) Kirche und für die moderne Welt?
Für die Kirche bedeutet es, dass sie einen Rückbauprozess vor sich hat, der nicht leicht wird, aber auch befreien kann von manchen Belastungen, die ererbt sind. „Kirche mit leichtem Gepäck“ heißt eine treffende Formel aus dem Rheinland, wobei Gepäck nicht nur die vielen Gesetze und Gremien sind, sondern auch die vielen Doppelungen der Aufgaben und Strukturen. Dieser Prozess wird Verteilungskämpfe sehen und erhebliche Konflikte, die Kirche wird Menschen brauchen, die auch hart am Wind segeln können. Aber zugleich eröffnet solch ein Prozess Klärungen in der Frage, wofür die Kirchen wirklich gut sein wollen und was ihre wesentlichen Aufgaben sind.
Für die gesellschaftliche Rolle bedeutet eine kleiner werdende Kirche in einem Sinne wenig: Denn eine kleinere Kirche redet nicht größeren Unsinn. Auch in den bisherigen Beiträgen zu gesellschaftlichen Debatten waren es Sachargumente, die Berücksichtigung zu finden beanspruchten. Natürlich kann man als kleinere Kirche weniger Machtpolitik machen und mit seinen Mehrheiten punkten, aber dies tut der Wahrheit und Plausibilität der Argumente keinen Abbruch, sondern der Durchsetzbarkeit. Der Inhalt christlicher Einsichten ist prinzipiell unabhängig von der Zahl seiner Vertreter; es bleibt der Auftrag der Kirchen, sich argumentativ Gehör zu verschaffen. Zugleich aber wird man sagen müssen: Für die Gesellschaft ändert sich in einem anderen Sinne sehr viel, wenn die mäßigende, aufgeklärte und den Gemeinsinn fördernde Stimme der institutionalisierten Frömmigkeit fehlt – in den Schulen, in den sozialen Aktivitäten, in den Diskursen über die Zivilität der Gesellschaft. Hier kann man – zugegeben etwas spöttisch – an einen alten Indianerspruch der 80er-Jahre anknüpfen: „Erst wenn alle Kirchen zu sind und alle Pfarrer ausgebrannt und alle Frömmigkeit verloren ist, werdet ihr merken, dass man Barmherzigkeit und Engagement nicht kaufen kann.“

Sich frei machen von Ängsten
Und was bedeutet es für den Einzelnen? Im Laufe der 2000-jährigen Geschichte des Christentums hat es immer wieder solche und solche Zeiten gegeben. Zeiten, in denen Glaubensfragen dominierten, und Zeiten, in denen sie unwichtig erschienen. Und es hat immer Regionen auf der Welt gegeben, in denen Glaubensfragen mal wichtiger, mal unwichtiger waren. Wenn sich die Kirchen von der Sicht frei machen können, dass es in der Moderne stets bergab geht, dann könnten auch die kleiner werdenden Kirchen selbstbewusst bleiben, den Einzelnen in seinem Glauben stärken und gemeinsam einen Wandel befördern hin zu einer Kirche, die fröhlich und zuversichtlich bei ihrer Sache ist. Die Kirchen sind ja keine Partei, die um die Wiederwahl kämpfen muss, sondern eine Haltung zum Leben, die immer, überall und zu allen Zeiten davor warnt, die Machbarkeit des Lebens absolut zu setzen. Es wird auch in unseren Regionen und Zeiten die Sehnsucht nach Religion und das Wissen um den Preis für ihr Fehlen wieder kraftvoller gewusst und gespürt werden. Bis dahin gilt es, jeden einzelnen Glaubenden zu ermutigen in seiner Gewissheit, dass Glaube und Gottvertrauen den Menschen befreit. Und es sollen alle, die sich auch in Zukunft zu Christus halten, stolz sein dürfen auf eben diese Erwählung durch ihn, weil es in Zukunft noch mehr als bisher auf jeden Einzelnen ankommt.

Thies Gundlach
Dr. Thies Gundlach ist Vizepräsident des Kirchenamtes der Evangelischen Kirche in Deutschland und Leiter der Hauptabteilung „Kirchliche Handlungsfelder“ und „Bildung“. ekd.de

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