16.01.2015

Die Verunsicherung der gesellschaftlichen Mitte

Die Sehnsucht nach den 1980ern

Stephan Klecha

Das Jahr 2014 brachte gleich zwei neue politische Kräfte hervor: Während die Alternative für Deutschland (AfD) die Parteienlandschaft durcheinander wirbelte, formierten sich auf den Straßen Dresdens und andernorts Demonstranten unter dem Namen »Pegida«. Die Beiträge dieses Magazin-Specials widmen sich – auf durchaus unterschiedliche Weise – einzelnen Aspekten dieser Erscheinungen und versuchen sich an einer Deutung ihrer Ursachen und Folgen.

Finanzkrise, Massenarbeitslosigkeit, mangelnde Bildungschancen – war da was? Deutschland ist gut durch die Krise gelangt, doch aus der gesellschaftlichen Mitte vernimmt man einen diffusen Unmut. Wutbürger wettern gegen alles Mögliche. Tausende demonstrieren mit teils hanebüchenen Argumenten gegen eine angebliche Islamisierung oder gegen Unterricht zur sexuellen Vielfalt. Einer Partei wie der AfD gelingen unterdessen Wahlerfolge.

Um zu verstehen, was sich da vollzieht, muss man sich gedanklich in die westdeutsche Gesellschaft der 1980er Jahre zurückversetzen: Trotz vielfältiger Lebensrealitäten gab es damals so etwas wie einen Normalzustand, an dem sich alles ausrichtete. Das berufliche Fortkommen bis zur sicheren Rente war für die Männer biographisch frühzeitig festgelegt, während den Frauen geradezu selbstverständlich die Kindererziehung oblag, zumal Betreuungseinrichtungen Mangelware waren. Männer mussten im Beruf keine Rücksicht auf gleich oder gar besser qualifizierte Frauen nehmen.

Auch jenseits des Beruflichen gab es normierende Elemente: Die Fernsehprogramme sorgten für gemeinsame Bezugspunkte. Auch was an Meinungen dort transportiert wurde, wurde zur Kenntnis genommen, obwohl man Zeitungen durchaus nach politischer Couleur las. Links musste man Gerhard Löwenthals „ZDF-Magazin“ und rechts Klaus Bednarz‘ „Monitor“ aushalten. Mannigfach waren zudem die Orte, an denen die unterschiedlichen Milieus zusammenkamen. Die Kirchenmitgliedschaft war obligatorisch, man kannte den Pfarrer vor Ort. Der Sportverein verband die verschiedenen Schichten, spätestens wenn diese sich zur „dritten Halbzeit“ in der Vereinsgaststätte trafen. Schließlich gingen die Kinder auf die gleiche Grundschule, in der Elternvertretung begegnete man sich dadurch auch ganz selbstverständlich.

Soweit Lebensrealitäten von dieser normierenden Alltagswirklichkeit abwichen, akzeptierte man das zwar, doch man wies mal moralisierend, mal mitleidig, mal verständnisvoll, mal skeptisch darauf hin, dass es sich eben um abweichende Dinge handelte. Die gesellschaftliche Mitte nahm zwar irgendwie hin, was vom Normbild abwich, aber nur solange dieses als Leitmotiv fortgalt. Dabei wich man auch in der Mitte schon mal gerne vom „Normalen“ ab. Von der ehelichen Treue über die Bindung an die Kirche bis hin zur abwertenden Abgrenzung von anderen sozialen Schichten hatte diese bürgerliche Gesellschaft natürlich Risse. Alles in allem war die Gesellschaft gerade in den 1980ern offener, vielfältiger und freizügiger als es die Normgesellschaft proklamierte.

Politiker jedweder Couleur waren indes skeptisch, dies in politisches Handeln zu übersetzen. Zögerlich, wenig reformbereit und Sicherheiten lieber nicht vorschnell aufgebend – das waren die Wesensmerkmale von Helmut Kohls Kanzlerschaft.

Modernisierungsschübe

Als nach 1998 die rot-grüne Regierung den Reformstau auflöste, vollzog sie politisch, was längst gesellschaftliche Realität war. Die eingetragene Lebenspartnerschaft wurde Gesetz, Kindertagesstätten und Ganztagsschulen ausgebaut, das Staatsbürgerschaftsrecht modernisiert. Gleichzeitig deregulierte man Arbeitsmarkt und Rente, um sich von den als starr empfundenen Grenzen zu lösen, die im Verdacht standen, Massenarbeitslosigkeit und Finanzierungsengpässe in den Sozialsystemen hervorgerufen zu haben. Was danach auch unter Angela Merkel fortgesetzt wurde, vollzog somit nach, was aus Sicht derer, die in die Normrealität der 1980er Jahre nicht gepasst hatten, längst überfällig war. Später war Deutschland sogar ein Stück weit stolz auf diese Entwicklung, entdeckte als weltoffener Gastgeber einer Fußballweltmeisterschaft einen unverkrampften Patriotismus, billigte eine geschiedene Bundeskanzlerin, einen in wilder Ehe lebenden Bundespräsidenten und einen schwulen Außenminister.

 Der neue Common Sense der gesellschaftlichen Eliten wie auch der gesellschaftlichen Mitte schien also das zu verwirklichen, was in den 1980er Jahren angelegt war, damals aber noch ein wenig verschämt daherkam. Man hatte das Land von Grenzen befreit, sich moralischer Zwangsjacken und wirtschaftlicher Hemmnisse entledigt. Doch wie so oft, gab es auch eine Kehrseite.

Wer die Divergenz und Vielfalt hervorhebt, muss notwendigerweise die alte normativ geprägte Ordnung infrage stellen. Das führt bei denjenigen, die sich in der alten Normwirklichkeit eingerichtet haben, zu Verunsicherung: Ist es etwa nicht mehr richtig, die Kinder zu Hause zu erziehen? Wie kann man gewährleisten, dass man im Alter noch eine auskömmliche Rente bezieht, wenn die ganzen privaten Vorsorgeinstrumente so kompliziert und unsicher sind? Warum soll die heterosexuelle, monogame Beziehung jetzt auf einmal nur eine Spielart unter vielen sein, wenn darauf die gesamte Reproduktion der Menschheit basiert? Wenn schon die christlichen Kirchen im Zuge eines Säkularisierungsschubs schließen, warum entstehen dann zugleich Moscheen?
Diese Verunsicherung traf irgendwann auf eine nur noch wenig rezeptionsbereite politische Elite.

 Dort hatte man realisiert, dass es keinen Sinn mehr machte, an überkommenen Weltbildern festzuhalten. Auch die Medien, die hochgradig selektiv wahrgenommen werden, rezipieren den gesellschaftlichen Mainstream in gleicher Weise, oder sie haben sich von den avantgardistischen, meinungsstarken Kommentaren gelöst oder tendieren zu einem gewissen Zynismus über das, was in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft passiert. Eine Ausflucht stellt das Internet dar. Hier fällt es dem zweifelnden, verunsicherten und seiner bisherigen Lebensrealität geradezu beraubten Teil der bürgerlichen Mitte leicht, andere Positionen zu finden. Die Algorithmen der Suchmaschinen und sozialen Netzwerke befördern es, dass man in erster Linie mit Positionen konfrontiert wird, die einem genehm sind. So tritt man in erster Linie mit Menschen in Interaktion, die die gleichen Einschätzungen teilen.

Verstärkt wird dieser auch aus den USA bekannte Effekt dadurch, dass die Orte einer realen Zusammenkunft unterschiedlicher Milieus und Lebensrealitäten arg geschrumpft sind. Statt des Sportvereins trainieren viele im Fitnessstudio. Statt der gemeinsamen Schule weichen Eltern zunehmend auf Privatschulen aus. Kirche, Parteien und andere Großorganisationen sind ebenfalls nicht mehr Orte des gesellschaftlichen Zusammenhangs, nicht zuletzt weil sie nur noch recht schmale Sozialschichten abdecken.

Unmut über den Wandel

Insofern ist es also alles nicht verwunderlich, was sich in Deutschland 2014 tat. Eine ihrer normativen Prägekraft beraubte Mittelschicht sucht nach Orientierungsmustern, fordert jetzt die Anerkennung ihres Lebensentwurfs und sehnt sich nach den Sicherheiten vergangener Jahrzehnte zurück. Dafür sucht sie ein Sprachrohr. Wer in dieser Situation aus der Mischung von Biedermeier, Illusionslosigkeit und Vielfalt ausbricht, die Angela Merkel geradezu vortrefflich repräsentiert, findet daher erstaunliche Resonanz. Die Triebfeder gesellschaftlicher Unzufriedenheit ist das Gefühl einer Entwertung von dem, was einst so dominant, so eindeutig, so zwangsläufig war. Es ist das Gefühl einer Hilflosigkeit in einer in vielerlei Hinsicht komplizierter gewordenen Welt. Dieses verknüpft sich mit einer gewissen Sehnsucht nach jenen 1980er Jahren, als die Anfangszeit der „Schwarzwaldklinik“ und eine treusorgende Ehefrau den Alltag strukturierten, als man keine Sorgen um die Bildungschancen der Kinder hatte und als man Einwanderer nur als Gäste auf Zeit verstand.

Was damals in Westdeutschland vorherrschte, hat auch in Ostdeutschland eine hohe Verbreitung. Schließlich waren die ökonomischen und politischen Sehnsüchte der Menschen in der DDR auf jenes Land gerichtet, das man unter anderem aus dem Westfernsehen kannte. Nach 1989 ergoss sich diese westdeutsche Wirklichkeit über die ostdeutschen Lebensrealitäten, und hernach wurde das, was man in kürzester Zeit dann irgendwie antizipiert hatte, wieder infrage gestellt. Das Maß an Verunsicherung ist daher hier am Ende sogar höher als im Westen.

Gleichwohl: Die Politik, die Medien und auch die Wissenschaft stehen vor der Aufgabe, gesellschaftlichen Zusammenhalt nicht vom hohen Ross moralischer Überlegenheit aus zu definieren und denjenigen, die sich nach Orientierungspunkten sehnen, nur ihre Rückwärtsgewandtheit vorzuhalten. Der Diskurs um Leitbilder wird zur Kenntnis nehmen müssen, dass es Gegenstimmen, ablehnende Meinungen und Positionen gibt. Diese müssen am Ende nicht ausschlaggebend sein, aber der gesellschaftliche Mainstream wird aushalten müssen, dass sie artikuliert werden, und er muss Wege finden, wie er solche Aussagen argumentativ, aber auch mit notwendiger Empathie und Emotionalität zurückweist.

Erschienen in Rotary Magazin 1/2015

Stephan Klecha
Dr. Stephan Klecha ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Göttinger Institut für Demokratieforschung. Zuletzt erschien „Zwischen digitalem Aufbruch und analogem Absturz: Die Piratenpartei“ (Budrich 2013).

www.demokratie-goettingen.de

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