15.10.2009

Anmerkungen zum Stand der Deustchen Einheit

Eine große historische Leistung

Klaus von Dohnanyi

Wenn in Deutschland noch nicht ganz wieder zusammengewachsen ist, was einst zusammengehörte, dann müssen wir die Wurzeln hierfür in unserer Geschichte suchen. Es ist über hundert Jahre her, dass das Deutsche Kaiserreich die Lehren Bismarcks vergaß und auf der Bühne der Weltmächte den Pfad behutsamer Nachbarschaft und „ehrlichen Maklertums“ verließ. Das so ausgelöste, neue europäische Ungleichgewicht ließ die großen Mächte in die Katastrophe des 1. Weltkrieges schlittern. Ein ungerechtes und törichtes Diktat beendete den Krieg, brachte aber keinen Frieden. Der nächste Weltkrieg, den Deutschland dann allein vom Zaun brach, führte die späteren Siegermächte 1945 in Jalta zusammen. Ein erneuter Anlauf zur Zähmung Deutschlands sollte unternommen werden: Die Teilung in West und Ost.

Im Westen war sie zunächst von Absichten geprägt, die unter anderem in dem Deutschland vernichtenden Morgenthau-Plan ihren Niederschlag fanden; dieser wurde jedoch niemals Realität. Im Osten war vorhersehbar, dass durch die sowjetische Besetzung eine deutsche Kopie des siegreichen Sowjetsystems entstehen würde. Die 1945 vollzogene Teilung war unnatürlich, sie schnitt mitten durch deutsche Nachbarschaften, Dörfer und Städte. Weil sie auf Gewalt gegründet war und das Selbstbestimmungsrecht der Deutschen völkerrechtswidrig unterdrückte, musste sie schließlich dem Druck einer freiheitlichen, friedlichen Revolution weichen. Als der Eiserne Vorhang dann 1989 fiel, entblößten sich schonungslos die tiefen Unterschiede zwischen West und Ost, die in 45 Jahren gegensätzlicher Lebenswege entstanden waren: Demokratie und Marktwirtschaft in der Bundesrepublik Deutschland gegenüber Parteidiktatur und Zentralplan in der Deutschen Demokratischen Republik. Wir können das, was uns heute vereint, und das, was uns zwischen West- und Ostdeutschland noch immer trennt, weder verstehen noch gerecht beurteilen, ohne an diese Geschichte zu erinnern.

Denn die 45 Jahre gewaltsamer Teilung wurden nur in Westdeutschland zu Jahren äußerst fruchtbarer Freiheitsgewinne: Die „alte“ Bundesrepublik gründete ihre Zukunft auf Demokratie und eine soziale Marktwirtschaft, einen „gezähmten“ Kapitalismus. Dann entstand, kaum zehn Jahre nach Kriegsende, die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft: Zollgrenzen fielen; Reisebeschränkungen wurden beseitigt; Devisen wurden frei konvertierbar; das europäische Sozialstaatsmodell wurde den Erfahrungen der Weltwirtschaftskrise und den Folgen einer zweiten industriellen Revolution angepasst. Die „alte“ Bundesrepublik war wirklich „auferstanden aus Ruinen“ – ganz im Gegensatz zur DDR, die als Fossil in einem modernen Europa nicht Bestand haben konnte. Die Unzulänglichkeiten des 1945 übernommenen Sowjetsystems, dessen Mängel von Jahr zu Jahr unerträglicher geworden waren, wurden Auslöser des Zusammenbruchs. Erinnern wir uns deswegen immer wieder: Die Mauer wurde von innen – nicht von außen – umgestoßen! Und der wirtschaftliche Zusammenbruch folgte zeitgleich mit dem politischen. Für die Freiheit waren eben weder Staat noch Wirtschaft noch Gesellschaft der DDR gerüstet.

OHNE ALTERNATIVE

Über Nacht wurde aus zwei völlig verschiedenen deutschen Teilstaaten wieder eine Nation. Niemand konnte diese Entwicklung aufhalten; niemand wollte schließlich die politische Vereinigung blockieren: Doch wie sollten diese so verschiedenen, so unterschiedlich erfolgreichen Teile wieder zusammenwachsen, wenn weder Produkte noch Maschinenparks, weder Managementmethoden noch Verwaltungen zusammenpassten? Aber die Nation war dennoch von der Geschichte wieder zusammengefügt worden: Die Menschen wollten ein Land, ein Deutschland. Aus dieser Perspektive ist es eher bewundernswert als unvollkommen, was in den 20 Jahren deutscher Wiedervereinigung geleistet wurde. Trotz aller Mängel, trotz vieler Fehler, die auf dem Weg sicher auch gemacht wurden: Langsamer konnten wir damals nicht gehen!

Die Gegner eines schnellen, großen Schrittes zur Einheit wussten selbst (und hatten ja auch ganz konsequent vorgeschlagen!), dass ohne die sofortige politische und wirtschaftliche Vereinigung auf Jahre weiterhin Zollschranken und Reisebeschränkungen mitten in Deutschland unvermeidlich sein würden: eine Variante, die nicht einmal theoretisch zu durchdenken lohnt. Wenn man die Entwicklung der weiter östlich gelegenen europäischen Staaten vergleicht, dann erkennt man dort auch die positiven Folgen einer „langsameren“ Öffnung. Aber dieser Weg war dem geteilten Deutschland unmöglich. Im Übrigen stehen diesen Vorteilen Osteuropas auch die erheblichen Nachteile einer sehr viel zögerlicheren Modernisierung von Infrastruktur und Produktionsstätten und der langsamere Anstieg des persönlichen Wohlstandes gegenüber.

ERFOLGE UND ANDAUERNDE PROBLEME

Wenn heute von wachsenden Ungerechtigkeiten in Deutschland gesprochen wird, so ist das einerseits statistisch begründbar (wie übrigens in der ganzen globalisierten Welt); aber diese Beobachtung macht vergessen, dass es uns während der zurückliegenden 20 Jahre auch gelungen ist, das Einkommens- und Rentenniveau in den neuen Ländern für rund 17 Millionen Menschen von etwa 25 Prozent Westdeutschlands im Jahre 1989 auf heute rund 75 Prozent anzuheben. Ein Gebiet halb so groß wie die „alte“ Bundesrepublik wurde hervorragend saniert, mit moderner Infrastruktur ausgestattet. Rund 1,2 Billionen Euro kostete der Aufbau Ost bisher, rund 75 Milliarden Euro beträgt noch immer der jährliche West-Ost-Nettofinanztransfer. Zu den Schwächen des „Aufbaus Ost“ ist gewiss zu zählen, dass aus dem hohen (zu hohen) Industrialisierungsgrad der ehemaligen DDR kaum gewichtige Konzernzentralen entwickelt werden konnten. Denn von wenigen Ausnahmen abgesehen handelt es sich auch bei größeren Betrieben in den neuen Ländern eher um Teile von Unternehmen, deren Leitungs- und Forschungszentren weiterhin außerhalb der neuen Länder angesiedelt sind.

LOHNENDE ANSTRENGUNGEN

Hätte sich diese Entwicklung vermeiden lassen? Wären ehemalige Kombinate der DDR in größerer Zahl zur selbstständigen Umstrukturierung in wettbewerbsfähige Konzerne fähig gewesen? Meine Erfahrung mit vielen ehemaligen Kombinaten der DDR sagt mir, dass dies wohl nur in wenigen Ausnahmefällen möglich gewesen wäre: Es fehlten schon die wettbewerbsfähigen Produkte; es gab bekanntlich auch keine wettbewerbsfähigen Kostenstrukturen, und – wohl der wichtigste Faktor! – es fehlten Märkte, echte Märkte für etablierte Marken aus dem ostdeutschen Raum. Wirkliche Märkte – also Kundenbindungen, entstanden aus Angebot und Nachfrage – hatten nämlich die verteilungsgewohnten, zentral geplanten Ostbetriebe nicht. Die überraschende Öffnung 1989 entblößte in Deutschland unnachsichtig und brutal die Schwächen der DDR und führte dann unmittelbar zu den beiden wahrscheinlich größten Schwächen des deutschen Ostens heute: der Abwanderung junger, qualifizierter Menschen nach Westdeutschland und einer Arbeitslosenrate, die trotz dieser Entvölkerung noch immer etwa doppelt so hoch ist wie die in den alten Ländern.

Dennoch: Im Ergebnis belegen die Fakten die große historische Leistung der deutschen Gesellschaft bei der schwierigen und kostspieligen Wiedervereinigung unseres Vaterlandes. Die immensen finanziellen Kraftanstrengungen haben sich gelohnt: Die öffentliche Verschuldung Deutschlands wuchs während dieses Zeitraums (bis zur Wirtschafts- und Finanzkrise 2008) nicht stärker als zum Beispiel in Frankreich! Und politisch ist die Integration, wie an einer Bundeskanzlerin aus Mecklenburg-Vorpommern erkenntlich, bereits weitgehend vollzogen – eine kurz nach der Wende 1990 undenkbare Vorstellung.

Erschienen in Rotary Magazin 10/2009

Klaus Dohnanyi
Dr. Klaus von Dohnanyi war von 1981 bis 1988 Erster Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg. Ab 1990 war er u. a. Beauftragter der Treuhandanstalt für die Privatisierung ehemaliger DDR-Kombinate und von 2003 bis 2004 Sprecher des von Bundeskanzler Schröder ins Leben gerufenen Gesprächskreises Ost. Heute gehört Klaus von Dohnanyi als stellvertretender Vorsitzender dem Konvent für Deutschland an.

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