Wie das junge Polen zu einem neuen Blick auf den Warschauer Aufstand vor 70 Jahren findet - Falsche Denkmäler

Innenansicht des Denkmals für den Warschauer Aufstand © Jacek Kadaj

15.09.2014

Wie das junge Polen zu einem neuen Blick auf den Warschauer Aufstand vor 70 Jahren findet

Falsche Denkmäler

Piotr Zychowicz

Vom Westen Europas oftmals ignoriert, hat sich unser östlicher Nachbar in den vergangenen Jahren beachtenswert entwickelt. Vor allem die Hauptstadt Warschau ist längst eine pulsierende Metropole. Die Beiträge des Titelthemas der September-Ausgabe widmen sich einem Land und einer Gesellschaft, über die die Deutschen immer noch zu wenig wissen – obwohl deren Schicksal ganz wesentlich mit dem unsrigen verbunden ist.

Dieses Jahr ist ein Vierteljahrhundert seit der Wiedergewinnung der Freiheit Polens und dem Ende der sowjetischen Herrschaft über mein Land und das gesamte Mittelosteuropa vergangen. Während dieser Zeit erwuchs eine neue Generation in Polen, frei von Belastungen der kommunistischen Zeiten und dem damals der polnischen Bevölkerung aufgezwungenen Begriffssystem. Diese Generation kommt jetzt zu Wort, indem sie einen neuen Blick auf zahlreiche Schlüsselfragen für das Leben des Staates und Volkes wirft. Eine davon ist unsere tragische Geschichte.

Ein Symptom für das besagte Phänomen ist mein Buch über den Warschauer Aufstand „Ob?ed ’44“ (Wahnsinn ’44). Innerhalb eines Jahres wurden rund 70.000 Exemplare verkauft, was für die polnische Verhältnisse nahezu ein Wunder ist. Ein noch größeres Wunder ist jedoch die Tatsache, dass ein enormer Teil der Leser junge Menschen sind. Zu meinen Lesungen kommen Scharen von 30-jährigen, 20-jährigen und sogar Teenagern. Viele von ihnen sagen, „Wahnsinn 44“ sei ein Generationenbuch, ihre Eltern und Großeltern seien nicht in der Lage gewesen, die hierin angeführten Tatsachen und Schlussfolgerungen zu akzeptieren oder einfach zur Kenntnis zu nehmen. Für sie, die Jungen, waren diese jedoch selbstverständlich. „Endlich hat jemand laut gesagt, was wir denken und fühlen“, sagten sie.

Während der knapp 50 Jahre des Bestehens der Volksrepublik Polen wurde der Warschauer Aufstand von den kommunistischen Machthabern verächtlich gemacht. Sie stellten die Mitglieder der polnischen Freiheitsuntergrundbewegung als „Faschisten“ und „Feinde des Volkes“ dar. Besonders scharf kritisierten sie den Warschauer Aufstand. Doch da die Kommunisten beim überwiegenden Teil der polnischen Gesellschaft verhasst waren, rief diese Kampagne die entgegengesetzte Wirkung hervor. Je mehr der Aufstand von den Kommunisten angegriffen wurde, desto mehr Kult und Verehrung gab es dafür unter den Polen. Die Einstellung zum Aufstand wurde bald zum Maßstab des Patriotismus.

Obwohl der Kommunismus vor 25 Jahren unterging, sind leider viele durch die Volksrepublik Polen geprägte Menschen nicht in der Lage, mit dieser Denkweise zu brechen. Jeder, der es wagt, einen skeptischen Blick auf den Warschauer Aufstand zu werfen, gilt als Verräter. Doch für die Polen meiner Generation – ich bin 1980 geboren – ist eine solche Betrachtungsweise inakzeptabel. Wir leben im Zeitalter der Freiheit des Wortes, des freien Gedankenaustauschs und lehnen es ab, Themen aus einer zurückliegenden Epoche tabuisiert zu sehen.

Eine ruhige, emotionslose Analyse kann dagegen nicht die geringsten Zweifel aufkommen lassen: Der Warschauer Aufstand war die größte Tragödie in der polnischen Geschichte. Während dieser 63 Tage dauernden Schlacht wurde die Hauptstadt Polens dem Erdboden gleich gemacht, samt Denkmälern von unschätzbarem Wert, Kunstsammlungen, Kirchen und dem Privatvermögen von einer Million Polen.

EIN HANG ZUM VERKLÄREN VON NIEDERLAGEN

Deutsche Einheiten, die den Aufstand bestialisch niedergeschlugen, ermordeten etwa 200.000 Einwohner der Stadt und vertrieben den Rest. Unter den Todesopfern waren viele Vertreter unserer Intelligenz. Infolge des Aufstands wurde unsere stolze Polnische Heimatarmee, die im Untergrund aktiv war, vernichtet. Der Aufstand war also – neben dem sowjetischen Verbrechen in Katyn – der härteste Schlag für das polnische Volk während des Zweiten Weltkrieges – ein beinahe tödlicher Schlag. Wenn Polen heutzutage existiert, dann nicht dank des Warschauer Aufstands – wie die Apologeten dieser Schlacht behaupten – sondern, obwohl es ihn gab. Niederlagen können ein Volk nämlich nicht stärken. Sie machen das Volk viel, viel schwächer.

Leider tendiert das polnische Volk dazu, seine Niederlagen zu verklären und die Siege zu vergessen. So war es zum Beispiel am 1. August dieses Jahres, als der 70. Jahrestag des Warschauer Aufstands höchst aufwändig und eindrucksvoll begangen wurde. Dutzende von staatlichen Feierlichkeiten, Fernsehsendungen und Presseartikeln waren dem Datum gewidmet. Indessen ging 15 Tage später der 94. Jahrestag der siegreichen Warschauer Schlacht von 1920 ganz unbeachtet vorbei. Und das, obwohl damals die Polen ihr Heimatland, Deutschland und wahrscheinlich ganz Europa vor dem bolschewistischem Alptraum retteten, indem sie am Stadtrand der Hauptstadt die Rote Armee besiegten. Während es für den Warschauer Aufstand in der polnischen Hauptstadt ein modernes, multimediales Museum gibt, wurde der polnische Triumpf über die Sowjets nicht mal eines bescheidenen Denkmals für würdig befunden. Ein derartiges Missverhältnis bei der Betrachtung eigener Niederlagen und Siege ist für uns, die Polen der jungen Generation, völlig unverständlich.

Der Warschauer Aufstand ist ein Ereignis mit zwei Gesichtern. Auf der einen Seite liefert diese Schlacht ein wunderbares Beispiel für den polnischen Heroismus. Die Soldaten der Polnischen Heimatarmee kämpften beinahe mit bloßen Händen 63 Tage lang wie die Löwen gegen die zahlenmäßig wesentlich überlegenen und besser bewaffneten Deutschen. Sie wurden damit zu den größten Heroen unserer Geschichte. Auf der anderen Seite ist der Warschauer Aufstand jedoch ein krasses Beispiel für mangelnde Verantwortung der Befehlshaber. Man wusste nämlich von vornherein, dass die Widerstandsaktion keine Chance auf einen Erfolg hatte. Das beginnt schon bei der rein militärischen Dimension. Die Heimatarmee verfügte am 1. August 1944 in Warschau lediglich über 3000 Schusswaffen. Das heißt, dass sie höchstens jeden siebten der rund 20.000 Soldaten bewaffnen konnte, die sich zur Mobilisierung meldeten. Es waren Soldaten, die auf den Kampf brannten, doch weder kampfgeschult noch kampferfahren waren. Die meisten waren Teenager.

Ihre Gegner waren hingegen ebenso viele, jedoch kampferfahrene Deutsche, mit einer großen Zahl von Maschinengewehren bewaffnet und mit unbeschränktem Munitionsvorrat, dazu noch unterstützt durch schwere Artillerie, Panzer und die Luftwaffe. Zum Zeitpunkt des Aufstandsbeginns waren die Deutschen in vielen kleinen, über die ganze Stadt verstreuten Festungen eingeschlossen. Ein Sturm auf diese musste mit einem Massaker enden, zumal diese riskante Aktion auf den Straßen einer Millionenstadt gestartet wurde. Somit haben die Kommandeure der Polnischen Heimatarmee nicht nur ihre blind auf sie vertrauenden Soldaten, sondern auch enorme Massen der Zivilbevölkerung einer schrecklichen Gefahr ausgesetzt.

Nicht weniger verwunderlich waren die politischen Kalkulationen, die die Entscheidung über den Aufruf zum Aufstand begleiteten. Die Kommandeure der Heimatarmee erklärten nach dem Krieg, dies sei der letzte Versuch zur Wiedergewinnung der Unabhängigkeit Polens gewesen. In Wirklichkeit konnte der Warschauer Aufstand keinesfalls einen Einfluss darauf haben, ob Polen unabhängig sein würde oder nicht. Als die Rote Armee Anfang 1944 anfing, in Polen einzufallen, wurde rasch klar, dass das Land seine Unabhängigkeit nicht wiedergewinnen konnte. Keine spektakulären Gesten, keine nationalen Brandopfer – gar nichts hätte das Land mehr retten können. Das Kommando der Polnischen Heimatarmee hätte auch zu zehn oder zwanzig derartigen Aufständen wie in Warschau aufrufen können – und dennoch wäre Polen der langjährigen sowjetischen Besetzung nicht entgangen.

ABSURDE KALKULATIONEN

 „Im politischen Sinne hat Polen den Krieg verloren“, sagte der berühmte Kurier Jan Karski Ende 1943/Anfang 1944. „Hätten unsere Politiker den Mut gehabt, der Wahrheit ins Auge zu sehen, anstatt für die frommen Wünsche zu leben, so hätten sie sich gemeinsam überlegt, wie wir diesen Krieg verlieren sollten. Wir sollten anfangen daran zu denken, wie man dem Land Verluste und Opfer ersparen kann, wie man es am besten bewaffnet und darauf vorbereitet, was es erwartet.“

Leider haben die Befehlshaber der Polnischen Heimatarmee an die Unterstützung der Verbündeten aus dem Westen geglaubt, als ob sie vergessen hätten, dass schon einmal, im Jahr 1939, der Westen Polen verraten und es im Angesicht des deutsch-sowjetischen Überfalls allein gelassen hatte. Die Offiziere der Polnischen Heimatarmee hatten die Nachricht erhalten, dass Polen von den angelsächsischen Verbündeten auf der Konferenz in Teheran an die Sowjets verkauft worden war. Sie schlossen jedoch die Augen vor der Wirklichkeit und hofften, dass die USA und Großbritannien dem Aufstand zu Hilfe kommen werden. „Wir müssen die große Schlacht in Warschau führen, und zwar ungeachtet des Preises“, sagte der Hauptinitiator des Warschauer Aufstands, General Leopold Okulicki. „Die Mauern sollen zusammenfallen, das Blut soll fließen. Nur unser Kampf, unser Tod, unsere Opfer kann den Standpunkt der Großmächte ändern.“ Es ist eine erschreckende Aussage.

Der am meisten schockierende Aspekt des Plans, dem die Offiziere folgten, die den Aufstand führten, war jedoch die Hoffnung auf sowjetische Unterstützung – auf Hilfe eines Staates, der am 17. September 1939 gemeinsam mit Hitler-Deutschland Polen angegriffen und geteilt hatte; eines Staates, der 1940 einige Hunderttausend Polen nach Sibirien verschleppt hatte, die polnischen Offiziere ermordet hatte und ganz unverhohlen die Hälfte des polnischen Hoheitsgebietes forderte. Noch vor Ausbruch des Aufstands war der Oberst Janusz Bokszczanin — der die Partei der Realisten im Hauptkommando der Polnischen Heimatarmee leitete — überzeugt, dass der Glaube, die Sowjets würden dem kämpfenden Warschau zu Hilfe kommen, absurd sei. „Wie können Sie auf die Unterstützung unseres Todfeindes hoffen?”, fragte er die zum Kampf drängenden Offiziere. Zur Entgegnung nannten sie ihn einen Defätisten und warfen ihm Feigheit vor. Meiner Meinung nach sollten wir heute dem Oberst Janusz Bokszczanin Denkmäler aufstellen. Doch er ist leider völlig in Vergessenheit geraten, und Denkmäler haben in meinem Land seine Widersacher bekommen.

Bei der Auseinandersetzung um den Warschauer Aufstand geht es nicht nur um die Beurteilung einer Schlacht vor 70 Jahren. Es geht hierbei um viel mehr – um die Erscheinungsform des Polentums, um unseren Platz in Europa und darum, wie wir auf der internationalen Bühne agieren sollen. Ich denke, dass unsere romantische Politik zusammen mit der Hekatombe des Warschauer Aufstands ein für alle Mal in die Geschichte eingehen sollte. Und diese sollte durch kühle Realpolitik ersetzt werden, die auf nüchterner Berechnung von Gewinnen und Verlusten basiert.

„Jeder junge Mensch geht durch eine Phase des Heroismus hindurch“, sagte ein polnischer Psychologe dem französischen Journalisten Jean-Fran?ois Steiner in den sechziger Jahren. „Diese Etappe kann länger oder kürzer dauern. Meistens endet sie zusammen mit den Jugendjahren. Bei den Polen verschwindet der Heroismus nicht. Das bedeutet, dass sie im gewissen Sinne nie heranwachsen.“

Junge Polen wollen, dass Polen endlich erwachsen wird.

Erschienen in Rotary Magazin 9/2014

Piotr Zychowicz
Dr. Piotr Zychowicz ist Historiker und Redakteur des Magazins „Do Rzeczy“ sowie Autor der Bücher „Pakt Ribbentrop-Beck“ (Der Ribbentrop-Beck-Pakt), „Obled ’44“ (Wahnsinn ’44) und „Opcja niemiecka“ (Die deutsche Option).

www.historia.dorzeczy.pl

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