12.11.2012

Bücher zur Euro-Krise

Flammende Plädoyers und nüchterne Analysen

René Nehring

Es ist die Zeit der Europa-Bücher. Die anhaltende Krise der gemeinsamen Währung und die Handlungsschwäche der europäischen Institutionen rufen zahlreiche Intellektuelle auf den Plan. Von beschwörenden Mahnungen, im Angesicht der Krise die Verdienste Europas nicht zu vergessen, bis hin zu kühlen Darstellungen der Ursachen der gegenwärtigen Formschwäche reicht die Spannbreite der Debattenbeiträge.

Unter den Europa-Plädoyers ist vor allem das Buch von Guy Verhofstadt und Daniel Cohn-Bendit zu nennen, ein gemeinsames „Manifest“ – so der Untertitel ihres Buches – der Vorsitzenden der liberalen und der grünen Fraktion im Europäischen Parlament. Mit großem appellativem Pathos – „Nur ein Frontalangriff kann uns noch retten“ oder „Durchschaue die falsche Rhetorik der Feinde Europas“ oder gar „Schlucke nicht die größte Lüge, die Nationalstaaten ihren Bürgern auftischen: dass sie das Fundament der Union sind“ – plädieren die beiden dafür, die bisher erreichte Einigung des Kontinents nicht nur zu bewahren, sondern diese gerade wegen der Krise voranzutreiben. Sie fordern nichts geringeres als „eine umfassende Umwälzung: die Gründung einer echten föderalen Union mit supranationalen europäischen Institutionen“. Allerdings: Die von Verhofstadt und Cohn-Bendit beschriebenen Probleme passen kaum zu dem von ihnen gewählten Thema. So heißt es anfänglich – durchaus zurecht: „Die neuen, aufstrebenden Märkte auf anderen Kontinenten holen uns rasend schnell ein, während wir kaum noch in der Lage sind, ausreichend Wachstum und Innovation zu schaffen. Gleichzeitig altert und vergreist Europa vor unseren Augen, während die Bevölkerung in anderen Weltteilen spektakulär wächst und sich rasend schnell verjüngt.“ Allein: Was haben derlei Befunde mit der Frage nach mehr oder weniger Europa zu tun? Hat etwa ein vereintes Europa Einfluss auf die Lebenserwartung, und zeigt sich die Jugend dann gebärfreudiger, damit unsere Gesellschaft nicht mehr als „überaltert“ gilt? Auch die Forderung, Europa müsse „ein für alle Mal seine nationalen Dämonen abschütteln“, wirkt wenig überzeugend. Glauben die beiden ernsthaft, dass die nationalen Empfindungen der Griechen, Franzosen, Deutschen, Niederländer, Polen usw. einfach verschwinden, wenn Europa tatsächlich eine echte supranationale Verfassung bekäme? Zweifelhaft wird die Forderung nach „mehr Europa“ auch, wenn die Autoren gegen die „Willkür der Spekulanten (...), die schon längst keine Staatsgrenzen mehr kennen“ wettern. War es nicht gerade der Wegfall alter nationaler Handelsschranken, der es großen Kapitalmarktakteuren überhaupt erst ermöglichte, global zu agieren? Vollends unglaubwürdig werden die beiden Parlamentarier, wenn sie dann auch noch gegen „feige, faule und kurzsichtige Regierungschefs“ der einzelnen EU-Länder schimpfen, und deshalb mehr Macht für die EU-Institutionen fordern, vor allem für das Europäische Parlament. Wollen die Autoren damit den Eindruck erwecken, dass sie nicht zum europäischen Establishment gehören? Immerhin war Verhofstadt einmal belgischer Ministerpräsident. So verfestigt sich beim Lesen beinahe jeder Seite der Eindruck, dass hier zwei Berufseuropäer in erster Linie pro domo schreiben und Besitzstandswahrung in eigener Sache betreiben.

Machtverschiebungen

Das zweite Buch eines publizistischen Schwergewichts ist Ulrich Becks Warnung vor einem „deutschen Europa“. Das Negative dazu zuerst: Es ist schade, dass Beck der alten Professoren-Versuchung erliegt, sich wiederholt selbst aus älteren Büchern zu zitieren. Und leider beschleicht den aufmerksamen Leser auch das Gefühl, dass der Autor für das Buch bereits bestehende Manuskripte „schnell mal zusammenmontiert“ hat, um kurzfristig in die Europa-Debatte eingreifen zu können. Wenn dem so ist, hat Beck seinem Anliegen damit keinen Gefallen getan. Denn sowohl seine Forderung nach einem europäischen Gesellschaftsvertrag (siehe auch den Auszug auf Seite 64 dieses Heftes) als auch seine Warnung vor einem „deutschen Europa“ sind diskussionswürdig. Die deutsche Kanzlerin ist für ihn nicht nur „die ungekrönte Königin Europas“, sondern auch die Wiedergängerin des alten Macht-Philosophen Niccolò Machiavelli. Was viele Beobachter an Merkel kritisch bewerten – „ihre Neigung zum Nicht-Handeln, Noch-nicht-Handeln, Später-Handeln“ – sieht der Soziologe keinesfalls als Handlungsschwäche an, sondern als kühl eingesetztes Herrschaftsinstrument: „Merkiavelli“ als wendige Machtvirtuosin. Die ausführliche Beschreibung der Handlungstechniken der Kanzlerin führen Beck allerdings davon ab, was eigentlich die Folgen eines deutschen Europas wären. Sind die Deutschen vor dem Hintergrund der Geschichte des 20. Jahrhunderts und den ihnen heute zur Verfügung stehenden Kräften überhaupt willens und in der Lage, den Kontinent zu führen? Und was würde das europäische Ausland davon halten? Gerade zu letzterem Punkt hätte man sich von dem an der London School of Economics lehrenden Professor mehr erwartet.

Das am meisten nachdenklich stimmende Buch in dieser Reihe stammt aus der Feder des niederländischen Publizisten Geert Mak. Mak, der seit seinem Buch „In Europa. Eine Reise durch das 20. Jahrhundert“ (2005) als einer der besten Kenner der europäischen Vielfalt und gleichzeitig als einer der großen Publizisten Europas gelten kann, beginnt auf einer Berlin-Reise im Herbst 2011 mit seinen Notizen. Er reflektiert in den folgenden Monaten das politische Geschehen und persönliche Begegnungen im europäischen Alltag. Die titelgebende Fragestellung „Was, wenn Europa scheitert“, beantwortet der Autor mit einem Rückblick auf die jüngere Vergangenheit: „endlos an den Grenzen wartende Lastwagen“, „nebulöse Wechselkurse“, „Butterschmuggler an der niederländisch-belgischen Grenze“ und Studenten, die kaum über die Landesgrenzen hinaus kommen. Besonders wohltuend sind der ruhige Tonfall des Buches und das Fehlen jeglicher Dogmen. Denn Mak entwickelt trotz seines klaren Bekenntnisses zu Europa auch Alternativen für den Fall, dass das Projekt in seiner bisherigen Form scheitern sollte. So ist es für ihn „durchaus vorstellbar, dass Europa sich, wenn sich der Staub der Schlacht erst einmal gelegt hat, auf zwanglosere Weise neu gruppiert, in kleineren Strukturen mit mehr oder weniger gleichen Traditionen. Zwischen Skandinavien und Island entwickelt sich so etwas bereits. Innerhalb solcher Einheiten, mit Gesellschaften, die auf vergleichbaren Normen und Werten basieren, kann sich viel einfacher und selbstverständlicher eine gemeinsame Demokratie entwickeln als in der großen etwas unbestimmten Europäischen Union.“ Geert Maks Bestandsaufnahme ist in seiner offenen Ausrichtung das lesenswerteste Europa-Plädoyer dieser Tage.

Ökonomische Wahrheiten

Neben den Europa-Plädoyers haben derzeit auch die skeptischen Bestandsanalysen Konjunktur; Schriften, die hinterfragen, wie es überhaupt zu dieser Krise kommen konnte. Eines davon ist das bereits 2011 erschienene Buch von Michael Lewis. Unter dem Titel „Boomerang“ fragt der amerikanische Bestseller-Autor, wie zuvor aus Island, einer Nation von Fischern, quasi eine einzige Investmentbank werden konnte? Wie konnten griechische Mönche ihr Land in den finanziellen Ruin treiben? Und wie gelang es den Iren, sich ihr Land gegenseitig zu verkaufen, bis eine enorme Schuldenblase entstand – und platzte? Lewis unternimmt eine Reise durch das europäische Finanzchaos und deckt so manche aberwitzige Entwicklung auf.

Konsequenzen

Mit aberwitzigen Entwicklungen befasst sich auch das neue Buch des Münchner Ökonomen Hans-Werner Sinn. Der Chef des ifo-Instituts sieht die Ursachen der Krise darin, dass manche Euroländer zu lange über ihre Verhältnisse gelebt und hohe Außenschulden aufgebaut haben – und deshalb heute am Rand der Staatspleite stehen. Sinn deckt auf, dass seit längerer Zeit (von der Öffentlichkeit kaum bemerkt) die Notenbanken der Euro-Länder untereinander ein Verrechnungssystem (Target) geschaffen haben, bei dem die Ersparnisse der solideren Länder an die notleidenden Länder verliehen werden. Das Problem: Damit wird die theoretische Option eines Staatsbankrotts geradewegs unmöglich gemacht. In diesem Falle würden Verbindlichkeiten, die beispielsweise Griechenland bei der Bundesbank hat, wertlos. Demnach kann es sich Deutschland schlicht nicht mehr leisten, ein Euro-Land pleite gehen zu lassen. Trotz seiner nüchternen Analyse ist Sinn keineswegs ein Euro-Gegner. Doch sieht er skeptisch, wie ein Projekt, das einmal als europäisches Friedensprojekt begann, längst zu Streit und Unwillen unter den Europäern geführt hat. Seine Forderung lautet deshalb: Wenn der Euro eine Zukunft haben soll, müssen wieder härtere Budgetbeschränkungen eingeführt werden; und den Ländern, die damit nicht zurechtkommen, muss die Möglichkeit gewährt werden, ihre Wettbewerbsfähigkeit durch einen temporären Austritt wiederherzustellen.


Literatur zum Thema

Erschienen in Rotary Magazin 11/2012

Rotary Magazin 12/2016

Rotary Magazin Heft 12/2016

Titelthema

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