15.06.2015

Der Fall des Freiburger Philosophen und der Umgang mit Hochkultur in unserer Gegenwart 

Heidegger und kein Ende?

Wolfram Hogrebe

In den letzten Monaten und Wochen hat es in der nationalen und internationalen Presse immer wieder aufgeregte Artikel zu Martin Heidegger (1889–1976) gegeben. Dabei handelt es sich erstens um eine literarische Aufregung, die Heideggers Schriften betrifft, und zweitens um eine institutionelle, die das Schicksal seines Lehrstuhls an der Universität Freiburg betrifft. Beide sind zugleich politische Aufregungen.

In den letzten Monaten sind die Bände 94, 95, 96 und 97 der Gesamtausgabe Heideggers erschienen, bislang unbekannt und aus dem Nachlass herausgegeben von Peter Trawny. Es handelt sich um Notizen Heideggers von 1931 bis 1948. Sie tragen den nüchternen Titel „Überlegungen“ bzw. „Anmerkungen“. Wegen der Farbe der Kladden, in denen sie von Heidegger niedergeschrieben wurden, tragen sie den bedrohlichen Untertitel „Schwarze Hefte“. Insgesamt umfassen diese vier Bände mehr als 1000 Seiten.

Warum führten diese Denknotizen zu einem solchen Aufsehen? Weil sich in ihnen abstoßende Vermerke Heideggers finden, die neue Stützen seines ansonsten schon bekannten Antisemitismus betreffen. Um zu klären, was das für Heidegger besagt, sind, so unangenehm mir das ist, zunächst mindestens drei Formen des Antisemitismus zu unterscheiden. Erstens ein vulgärer Antisemitismus, zweitens ein kultureller und drittens ein rassistischer Antisemitismus.

Die vulgäre Form liegt da vor, wo an einer habituellen Andersartigkeit Anstoß genommen wird, an Sprache, Kleidung, Sitten, Essgewohnheiten, Küchengerüche etc. Er unterscheidet sich, ohne dass die Sache damit besser würde, nur unwesentlich von der Fremdenfeindlichkeit heutigen Stils. Der kulturelle Antisemitismus vertritt die These, dass das mentale Profil der Juden einen schädigenden Einfluss auf das kulturelle Niveau eines Volkes habe. Ökonomischer Erfolg, eine einflussreiche gesellschaftliche Stellung und politische Vernetzungen aller Art werden als Indikatoren kultureller Einflüsse und Machtstrukturen gewertet. Diese Form des kulturellen Antisemitismus blieb in Deutschland bis ins Kaiserreich und weiterhin virulent. Er beruht im Wesentlichen auf Affekten eines tiefsitzenden Kulturneids im Stile einer Verschwörungstheorie. Die letzte Form, der flagrant rassistische Antisemitismus, vertritt die Auffassung, dass es wohldefinierte menschliche Rassen und zwischen diesen Rang- und Wertunterschiede gibt. Die sogenannte „Rassenwertlehre“ der Nationalsozialisten ist die aggressive Form dieses Antisemitismus. Sie wird stets auch flankiert von anderen, stets „biologistischen“ Formen aggressiver Feindlichkeit, wie gegenüber „Zigeunern“ und Repräsentanten abweichender Lebensformen, seien sie sexueller oder krankheitsbedingter Art.

Warum ist es wichtig, diese Formen zu unterscheiden? Weil das eine zu sein nicht unbedingt das andere auch zu sein impliziert. Als Adolf Eichmann während seines Prozesses in Israel ausgiebig von einem Psychologen untersucht wurde, zweifelte dieser am Ende daran, dass Eichmann Antisemit sei. Warum? Er begegnete Eichmann nur auf dem Boden des kulturellen Antisemitismus und hier erwies sich Eichmann zur Verblüffung des Psychologen als äußerst interessiert an der jüdischen Kultur und Geschichte. Der Psychologe merkte nicht, dass dieses Interesse im Dienste eines eklatanten rassistischen und eliminativen Antisemitismus’ stand.

Bekenntnisse eines Philosophen

Heidegger war nun kein vulgärer Antisemit im definierten Sinn, auch kein rassistischer, wohl aber ein kultureller Antisemit. Der beste Beleg dafür ist sein Antwortbrief vom Winter 1932/33 an Hannah Arendt, seine jüdische Schülerin, inzwischen in die USA geflohen, seine Geliebte seit seinen Marburger Zeiten und über das Kriegsende hinaus. In diesem Brief bestreitet Heidegger, um entsprechende Vorhaltungen von Hannah Arendt zu entkräften, dass er etwas gegen jüdische Studenten habe. Im Gegenteil, vielen hätte er mit Stipendien und mit Kontakten geholfen. Das ist auch bezeugt. Dennoch schreibt er am Ende des Briefes: „Im übrigen bin ich heute in Universitätsfragen genau so Antisemit wie vor 10 Jahren und in Marburg, wo ich für diesen Antisemitismus sogar die Unterstützung von Jacobsthal und Friedländer fand. Das hat mit persönlichen Beziehungen zu Juden (z.B. Husserl, Misch, Cassirer und anderen) gar nichts zu tun. Und erst recht kann es nicht das Verhältnis zu Dir berühren.“

In diesem Sinne spricht Heidegger auch in den „Schwarzen Heften“ von einer „zeitweiligen Machtsteigerung des Judentums“ und ihr „Sichbreitmachen einer sonst leeren Rationalität und Rechenfähigkeit, die sich auf solchem Wege eine Unterkunft im ‚Geist‘ verschaffte …“. Explizit rassistisch im Sinne eines biologischen Rassismus findet sich bei Heidegger nichts, im Gegenteil: Er verwahrte sich immer wieder explizit gegen einen wie auch immer gearteten Biologismus.

Man kann nun trotzdem nicht sagen, dass solche Äußerungen dem Niveau eines Philosophen angemessen sind. Im Gegenteil: Sie sind peinlich und geschmacklos. Mein Göttinger Kollege Günther Patzig, der Heidegger in jungen Jahren noch in seiner Hütte in Todtnauberg besucht hatte, brachte seine Einschätzung einmal mündlich auf den Punkt: „Heidegger war seinem philosophischen Genie charakterlich nicht gewachsen.“ Hannah Arendt ging in einem Gespräch noch weiter: „Heidegger ist charakterlos, d.h. er hat gar keinen Charakter und folglich auch keinen schlechten.“

Man muss aber dennoch auch hinzufügen: Auf den über 1000 Seiten Text der „Überlegungen“ gibt es ungefähr ein gutes Dutzend solcher knappen Äußerungen gegen „das Jüdische“. Sie sind nie länger als ein bis drei Zeilen, also peinliche Floskeln eines kulturellen Antisemitismus. Worum geht es aber im sonstigen Text? Um in sich kreisende Vergewisserungen dessen, was Heidegger „Seyn“, bzw. „Seynsgeschichte“ nennt. Das ist nun schwer verständlich. Heidegger geht es mit seiner Frage nach dem Sein nicht um die übliche Ontologie („Sein“ heißt: ein Begriff ist nicht leer). Er ging von der Beobachtung aus: Was immer existiert, es muss es selbst geworden sein. Diesen Prozess eines Selbstwerdens aus einem selbstlosen Hintergrund nennt er „Seyn“ und spricht auch vom „Er-eignis“.

Der Freiburger Lehrstuhl

Martin Heidegger übernahm nach seiner Zeit als a.o. Professor in  Marburg (1923–1928) 1928 an der Universität Freiburg den Lehrstuhl seines Lehrers Edmund Husserls. Dieser hatte hier Heinrich Rickert (1863–1936) beerbt. Heidegger hatte den Lehrstuhl Husserls bis 1952 inne, unterbrochen durch das Lehrverbot der französischen Besatzungsbehörde von 1945–1951 wegen seines Engagements für den Nationalsozialismus während seiner Rektoratszeit 1933/34. 1979 bis 1983 lehrte der bedeutende Philosoph Wolfgang Wieland (1933–2015) auf diesem Lehrstuhl.

Die Universität Freiburg beschloss jedoch 2014, diesen Lehrstuhl, mit dessen Geschichte sie in den letzten 100 Jahren ihr internationales Renommee reklamieren konnte, zu zerschlagen: Er solle als Lehrstuhl abgeschafft werden, um mit einer Juniorprofessur den philosophischen Nachwuchs zu fördern und um vor allem Geld zu sparen.

Hier griffen Philosophen anderer Universitäten ein (Volker Gerhardt, Markus Gabriel, Wolfram Hogrebe, Jens Halfwassen). Die Presse machte sich dieses Anliegen zu eigen, insbesondere der Mitherausgeber der FAZ Jürgen Kaube attackierte den jetzigen Rektor der Universität Freiburg, Magnifizenz Schiewer. In seinem Artikel „Ein Rektor versteht nicht“ vom 18. März 2015 erinnert Kaube an die Tradition von Rickert, Husserl, Heidegger und Wieland, die mit einem Strich vernichtet werden soll. „Doch der Rektor der Universität Freiburg“, so schließt Kaube, „versteht die ganze Aufregung nicht. Wir glauben ihm. Er versteht es einfach nicht, aber genau das ist das Problem.“

Warum ist die Verständnislosigkeit dieses Rektors das Problem? Nicht, weil in Freiburg eine Provinz-Posse aufgeführt wird, das wird es auch. Nicht auch, weil es hier um Lehrstuhlfolklore geht. Das eigentliche Geheimnis der Lehrstuhlzerschlagung in Freiburg ist etwas Tieferliegendes. Nämlich die heimliche Devise, die dieses Vorgehen leitet. Die Devise ist der Kampf gegen alles, was nach einer neuen façon de parler „Hochkultur“ heißt. „Hochkultur“ ist Kultur für Eliten, ist also demokratisch nicht legitimiert, muss daher finanziell ausgetrocknet werden. Dazu gehören Oper, Konzerthäuser, Orchester, Museen und Universitäten, besonders mit ihren traditionsreichen und prominenten Lehrstühlen.

Darum geht es. In dieser Hinsicht also gar nicht mehr um Heidegger. Sein Werk wird auch dann noch diskutiert werden, wenn der Name Schiewer längst in Vergessenheit geraten ist. Auch andere werden dann vergessen sein, die heute das Wort „Hochkultur“ gerne herabsetzend im Munde führen. Vielleicht stehen wir vor einer neuen Version des ehemaligen „Proletkults“ auf der Basis der „Subkultur“? Im deutschen Fernsehen hat diese Vision die Realität schon erreicht, zum Teil auch an Schulen in Wort und Schrift, an den Universitäten im Bachelor-Studium.

Politische Präsenz

Zum Schluss möchte ich noch auf eine dritte Aufregung eingehen, die Heideggers politische Präsenz heute betrifft. Dass der Philosoph immer auch als politischer Denker wahrgenommen wurde, belegt abgesehen von seinem enormen weltweiten Wirkungsradius u.a. sein Einfluss auf die jugoslawische marxistische Gruppe Praxis (Gajo Petrovic et al.), belegt aber heute insbesondere der russische Philosoph Alexander Geljewitsch Dugin. Er ist Vorsitzender der Eurasischen Partei (Eurasien von Lissabon bis Wladiwostok), hat Bücher über die Agonie des Liberalismus, über die „Grundlagen der Geopolitik“ (ein Lehrbuch für angehende russische Generalstabsoffiziere) geschrieben, sowie auch über Heidegger (Martin Heidegger, The Philosophy of Another Beginning, 2014). Er ist Berater des Duma-Vorsitzenden Sergej Naryschkin, wohl auch Wladimir Putins, hat gute Kontakte zu Alexis Tsipras und ist gern gesehener Gast in Freiburg bei Familie Heidegger und ihrem Clan. Warum? Heidegger hat gerade in den „Schwarzen Heften“ auf die deutsche und russische Seele gesetzt, die es beide „in ihrer Gegenwendigkeit zur Einheit zu bringen gilt“.

Links und Rechts stürzen heute ineinander. Hoffentlich kommt es nicht zu einer politischen Kernschmelze. Wir erkennen: Heidegger und kein Ende … 

Erschienen in Rotary Magazin 6/2015

Wolfram Hogrebe
Prof. Dr. Wolfram Hogrebe (RC Bonn) ist em. Professor für Theoretische Philosophie der Universität Bonn und Mitglied des Internationalen Zentrums für Philosophie NRW. Zu seinen Werken gehören u.a. „Metaphysik und Mantik. Die Deutungsnatur des Menschen“ und „Der implizite Mensch“ (beide Akademie-Verlag 2013). www.izph.de

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