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Titelthema

Italien als Angstgegner

Titelthema - Italien als Angstgegner
Das Urdrama liegt 50 Jahre zurück: Der 4:3-Sieg Italiens gegen Deutschland im Aztekenstadion von Mexiko-Stadt ging als Jahrhundertspiel in die Geschichte ein. © Fotoillustration: Svenja Kruse; Fotos: Imago Images/Horstmüller, Marino a / Shutterstock

Die Niederlagen gegen die Squadra Azzurra haben über Generationen tiefe Wunden in die Herzen deutscher Fußballfans gerissen. Von Paten, Piraten und Chorknaben.

Gunter Gebauer01.07.2020

Niederlagen im Fußball können tiefe Wunden in der Seele der Unterlegenen reißen. Sie werden als tief empfunden, weil sie Schwächen in ihrem Inneren anzeigen können. Wo sich die Schwachstellen befinden und warum sie so wenig widerständig sind, wissen die Spieler nicht. Sie kennen nur die Namen der Gegner, denen es regelmäßig gelingt, unsichere Strukturen ausfindig zu machen. In der deutschen Fußballgeschichte haben solche Spieler italienische Namen.

Auch anderen Nationen wurden Fußball-Niederlagen wie ein Pflock ins Herz gerammt – Brasilien mit der Niederlage bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land gegen Uruguay 1950, Ungarn mit dem Sieg Deutschlands im WM-Finale 1954. Beide Niederlagen waren einmalige Ereignisse. Dagegen scheint der Zwist zwischen deutschen und italienischen Nationalmannschaften Stoff für die Geschichtsschreibung zu liefern, als sei er eine Fortsetzung der Kämpfe zwischen zisalpinen und transalpinen Mächten. Es ist eine sich bis in die Gegenwart fortsetzende Serie von Kämpfen zweier gleichwertiger Mannschaften. Vom Urdrama des Halbfinales der Weltmeisterschaft 1970 bis zum Halbfinale der Europameisterschaft 2012 gewann jedes Mal Italien (WM-Finale 1982, WM-Halbfinale 2006), aus deutscher Perspektive fast immer unverdient. Endlich, bei der Europameisterschaft 2016, riss die italienische Glückssträhne, wieder im Halbfinale, wieder nach Elfmeterschießen: 6:5 für Deutschland. Dennoch, die Verwundung ist nicht ganz geheilt; der Schmerz hat sich als Ressentiment eingenistet.

Eine Art Erbschmerz

Friedrich Nietzsche hat die fortgesetzte moralische Verletzung treffend beschrieben: Wenn der listige Gegner eine schwache Stelle ausgespäht hat, behandelt er sie so lange, bis sie wund wird. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit setzt er dieselben Mittel ein, um die Wunde wieder aufbrechen zu lassen. So wird der Schmerz chronisch; er wird von einer Generation an die nächste vererbt – eine Art Erbschmerz. Bei Nietzsche ist es der Priester, der diese Methode einsetzt: In ihrer Naivität erkennen die Gläubigen nicht die Ursache ihrer Schmerzen. Sie beginnen anzunehmen, an ihrer Krankheit seien sie selbst schuld. Das ist der Beginn des Nein-Sagens zu sich selbst, der sich im schlimmsten Fall zum Selbsthass auswachsen kann, zum Ressentiment.

Nietzsches Argumentation lässt sich nicht einfach auf die Fußball-Rivalität übertragen. Sie kann aber die Problematik beleuchten. Die deutschen Spieler hassen sich nicht, aber in ihnen wächst nach jeder Niederlage gegen ein italienisches Team der Verdacht, unterlegen zu sein. Als Erben einer alten katholischen Kultur kennen die italienischen Fußballer die Techniken der Manipulation von anderen. Einige Beispiele: der unschuldige Blick des Chorknaben, demütig von unten, mit hilflos geöffneten Händen nach einem brutalen Foul; die Denunziation des Sünders, mit ausgestrecktem Arm auf den Bösewicht zeigend; Ringbildung um den Unparteiischen mit Klagelauten, als wolle man einen römischen Statthalter daran hindern, seine Strafe auszusprechen. Schon seit Langem haben sich deutsche Spieler ein ähnliches Repertoire angeeignet. Ihnen fehlt aber die innere Überzeugungskraft, um Demut, moralische Empörung und heiligen Zorn glaubwürdig auszudrücken. Es fehlen ihnen die Vorbilder aus der Kirche, der Schmalz der Rhetorik und die Entrüstung des öffentlichen Lebens im Süden. In den ersten Jahren war man im Norden außer sich über die Schaueinlagen der italienischen Gäste – und über die Wirkungen, die sie damit erzielten. Bei deutschen Spielern setzte sich der Gedanke fest: Italiener können etwas, was wir nicht können.

Sehnsuchtsland für Fußballer

Die große Zahl der Erfolge italienischer Mannschaften gegen deutsche Teams war jedoch nicht nur auf Schauspielerei und Beeinflussung der Schiedsrichter zurückzuführen. Das begann man in Deutschland allmählich zu erkennen, obwohl man ihren Betonfußball des „Catenaccio“ hasste. Hinter der Strategie, aus einem Fehler des Gegners ein Tor zu machen und diesen Vorsprung über 90 Minuten zu bringen, stand hohes fußballerisches Können, mannschaftliche Disziplin und eisenharte Verteidigungsarbeit. An den nach Italien abgewanderten Spielern der deutschen Nationalmannschaft, allen voran Helmut Haller und Karl-Heinz Schnellinger, sah man, welche spielerischen Fortschritte sie dort gemacht hatten. Ausgerechnet Schnellinger gelang bei dem legendären Halbfinalspiel 1970 in der 90. Minute der Ausgleich zum 1:1. In der anschließenden Verlängerung zeigte das italienische Team Tugenden, die man ihm nicht zugetraut hatte. 

Woran lag der Erfolg der Italiener? Italien hatte seit den 1920er Jahren den Fußball erfolgreich professionalisiert. Seit den 1950er Jahren wurden die bekanntesten Clubs von reichen Industriellen finanziert. Seit Jahrzehnten betrieben sie eine systematische Nachwuchsschulung, in der mannschaftliche Disziplin und modernste Spielstrategien vermittelt wurden; sie förderten eine Kultur der Klubanhänger. Im großen Wirtschaftsraum Norditaliens wurde der traditionelle Fußball viel früher modernisiert als in Deutschland. Italien wurde seit den 1980er Jahren für Fußballer das, was es für Maler, Musiker und Poeten schon seit 250 Jahren war, zu einem Sehnsuchtsland. Die Besten von ihnen wie Karl-Heinz Rummenigge, Jürgen Klinsmann, Rudi Völler und Miroslav Klose gehören zu den prägenden Figuren des deutschen Fußballs.

Der Rückstand an Professionalisierung und Ausbildung der Spieler gegenüber Italien ist seit einiger Zeit aufgeholt. Für Härte, Zähigkeit und Unerbittlichkeit waren, nach den eigenen Männlichkeitsvorstellungen, eigentlich Deutsche zuständig, werden aber immer wieder von italienischen Spielern übertroffen, die über besonders freche Tricks verfügen (etwa Materazzis Provokation Zidanes im Finale der WM 2006).

Angriffsflächen findet das Ressentiment bis heute bei reinen Äußerlichkeiten, die aber bei Zuschauern im Stadion und vor dem Fernseher Wirkungen hinterlassen. Das beginnt mit der Nationalhymne – die italienische ist eine Art schmissiger Opernchor (die Spieler singen aus voller Brust mit), die Trikots sind von schlichter Eleganz, leuchtend blau mit einem stilvollen kleinen Wappen, unter den Spielern erkennt man Figuren, die aus Filmen kommen könnten, Mafiosi (Materazzi) und ihren Paten (Pirlo), verwegene Gestalten in der Rolle von Piraten (Buffon), elegante, pfeilschnelle Stürmer (Inzaghi), raffinierte Schützen (Del Piero). Das mag reichen, um zu begreifen, dass die italienische Mannschaft insbesondere auf das weibliche Publikum wirkt und (immer noch) eine Quelle untergründiger Unruhe für deutsche Spieler und ihre deutschen Anhänger darstellt.


Buchtipp

 

 

Gunter Gebauer

Olympische Spiele

Reclam 2020, 100 Seiten, 10 Euro

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Gunter Gebauer
Prof. Dr. Gunter Gebauer ist em. Professor für Philosophie und Soziologie des Sports an der Freien Universität Berlin. Er war u.a. Präsident der Philosophical Society for the Study of Sports und Sprecher des Interdisziplinären Zentrums für Historische Anthropologie. Zuletzt erschien von ihm „Ludwig Wittgenstein. Im Fluss des Lebens und der Sprache“. Sprecher: Ulrich Matthes und Gunter Gebauer. (Hörbuch, Onomato Verlag, 2011). www.gebauer.cultd.net