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Titelthema

Doch ein Sommermärchen?

Titelthema - Doch ein Sommermärchen?
© Mario Wagner/2 Agenten

Die Vorfreude auf die EM hält sich noch in Grenzen, ähnlich wie 2006 vor der WM. Doch es besteht eine vorsichtige Hoffnung auf ein gemeinsames Fußballfest.

Gunter Gebauer01.06.2021

Wenn Hegel recht hat und alle großen Ereignisse in der Geschichte zweimal geschehen, könnte man sich bei der Fußball-EM in diesem Jahr eine Wiederholung des „Sommermärchens“ von 2006 wünschen. Marx aber warnt bei diesem Gedanken zur Vorsicht: Hegel „hat vergessen, hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce“. Tatsächlich gibt es in diesem Jahr eine Ereigniskette, die eine deutliche Ähnlichkeit mit der Vorgeschichte der WM 2006 hat.

Bis zur Eröffnung der WM 2006 war in Deutschland von einem „Sommermärchen“ nichts zu spüren. Skandinavische Kaltfronten und atlantische Tiefausläufer erzeugten eine äußere und seelische Kälte, die jegliche Vorfreude abtötete. Von den Medien wurde ein böser Blick auf die Deutschen gerichtet. War die allgemeine Stimmung schon schlecht genug, wurde den Deutschen zu allem Überfluss von links und rechts vorgeworfen, unfähig für die internationale Wirtschaftskonkurrenz zu sein: ermattet, ohne Ehrgeiz, ohne Innovationskraft. Die neu gewählte Kanzlerin fasste die Situation in der Feststellung zusammen: „Deutschland ist ein Auslaufmodell.“

Plötzlich schien die Sonne

Der Nationalmannschaft traute man nicht viel zu. Jürgen Klinsmann, aus den USA als Retter geholt, wurde von der Fachpresse äußerst skeptisch beurteilt. Mit Spott wurde das Motto „Zu Gast bei Freunden“ bedacht. Besorgte NGOs veröffentlichten Reisewarnungen mit der Angabe von No-go-Regionen für Ausländer. Kurz vor der Eröffnung wurden Auszüge aus einem TÜV-Gutachten publik gemacht, in dem die Sicherheit von WM-Stadien kritisiert wurde. Man konnte den Eindruck gewinnen, mit der Weltmeisterschaft im eigenen Land bahnte sich eine Tragödie an.

Dazu kam es bekanntlich nicht, was dazu führte, dass dem Fußball eine magische Kraft zugesprochen wurde. Wahrscheinlicher ist, dass die Bevölkerung die ständige Nörgelei der Medien satthatte. Tatsächlich haben die Ereignisse des Fußballsommers 2006 etwas freigesetzt, was vorher schon da war: eine große Sehnsucht nach einer riesigen Party, die Bereitschaft, den Sommer zu genießen und die Freude mit anderen zu teilen. Und den Wunsch nach dem frischen Angriffsfußball einer jungen Mannschaft. Nicht zuletzt gab es auch schon eine Unbefangenheit, die Flagge der eigenen Nation zu schwenken. Was in der Zeit davor fehlte, war das Zutrauen zu sich selbst. Viele konnten sich nicht so recht vorstellen, dass man das eigene Fest mit Fremden teilen könnte und dass diese sich dabei sehr wohlfühlen würden. Nun war das Selbstbild auf erfreulichste Weise ins Rutschen gekommen. Pünktlich zum Eröffnungsspiel schien zum ersten Mal seit Monaten die Sonne. Die deutsche Mannschaft gewann in mitreißendem Stil nicht nur das erste Match, sondern auch die weiteren Spiele bis zum Halbfinale. Der Beginn der WM 2006 bildete den Umkehrpunkt einer Ereigniskette, die vorher auf eine Tragödie zuzulaufen schien.

Denken wir zurück an die ersten Monate dieses Jahres. Die Pandemie überrollte Europa mit der zweiten Welle, der britischen Mutation. Alle Bremsmanöver mussten wiederholt werden, und das gleich mehrfach – Lockdown, Schulschließungen, zahlreiche quälende Einschränkungen, die das öffentliche Leben und große Teile des privaten zum Erliegen brachten. Schon gleich zu Beginn der Impfkampagne wurde die Impfstoffbeschaffung in den Medien mit schärfsten Worten kritisiert: Unsere Politiker hätten in Brüssel und Berlin die Bestellungen verschlafen; in unseren Impfzentren fehlten die Vakzine, während die Briten im Rekordtempo loslegten. Israel und dann die USA wurden so etwas wie Impf-Weltmeister. Deutschland war abgeschlagen mit seiner „Zettelwirtschaft“ in den Gesundheitsämtern, mit den eigensüchtigen Ministerpräsidenten, mit der nicht funktionierenden Corona-App, der Priorisierung und dem langwierigen Zulassungsverfahren. „Wir können es nicht“, war die Devise – wieder nicht wettbewerbsfähig.

Die EM kann beginnen

Auch in dieser Ereigniskette wird die Tragödie abgewendet, die im Auseinanderfallen des Landes bestanden hätte. Nach dem optimistischen Narrativ ist wieder ein glückliches Ereignis eingetreten: die Bereitstellung des Impfstoffs, der plötzlich in großen – von den Fachleuten durchaus erwarteten – Mengen zur Verfügung steht. Bild meldet: „Deutschland impft sich glücklich“. Der Stern-Titel zeigt ein Foto von einer ausgelassenen Party mit viel zu vielen Gästen. Die EM kann beginnen.

Ist dies tatsächlich der Wendepunkt der Krise, von dem an alles wieder gut wird? Weit mehr als ein Jahr lang wurde unsere Fantasie so stark unter Kontrolle gehalten, dass ihre Wunschproduktion immer noch verhalten ist. Auf die Öffnungen reagiert sie zögerlich, ja ungläubig. Werden wir bald Stadien mit Zuschauern sehen? Wird es wieder Public Viewing geben, mit Massen am Brandenburger Tor? Wird uns eine inspirierte, torgefährliche Nationalmannschaft erfreuen, mit dem unverzichtbaren Thomas Müller?

In Deutschland und Österreich öffnet wieder die Außengastronomie. Wir werden wieder im Freien die Spiele verfolgen können. Wir werden sehen, wie unsere Lieblingskneipen über die Krise gekommen sind und wie es unseren dort versammelten Freunden geht. Wir werden uns wieder zum Essen und Trinken treffen können. Noch werden wir auf Abstand sitzen und uns mit Gesichtsmaske dem reservierten Tisch nähern, nachdem wir unsere Impfbescheinigung oder ein frisches Testergebnis vorgezeigt haben. Aber wir werden merken, wie gut es uns tut, mit anderen zusammen zu sein und mit ihnen die Freude über ein gutes Spiel (oder auch die Trauer über ein schlechtes) zu teilen. Wir werden wieder zu sozialen, körperlichen und emotionalen Wesen. Wir werden endlich jene Seiten unserer menschlichen Existenz ausleben können, die uns bei den ewigen digitalen Gesprächen, Konferenzen, Vorträgen beinahe abhandengekommen sind.

Der schmale Grat

So sieht es aus, wenn uns die Grundrechte zurückerstattet werden. Aber noch ist nicht damit zu rechnen, dass dies im gleichen Umfang geschieht. Das Recht auf körperliche Nähe, auf ein maskenfreies Gesicht, auf Küsschen, auf Singen, auf Torschreie, Anfeuerungen wird noch nicht erteilt. Es wird einen schmalen Grat geben, auf dem wir uns zu bewegen haben. Hier liegt der grundlegende Unterschied zu der Euphorie der WM 2006. Die Freude und die Sympathie damals konnte kein Gegner, kein Staat einkassieren. Jetzt ist es anders: Die Pandemie ist nicht vorbei. Nur die Inzidenzzahlen sind unter eine (von Epidemiologen definierte) Grenze gefallen. Sollten sie wieder über eine kritische Marke hochschnellen, würde es zu einer neuen zermürbenden Runde im Kampf kommen. Das ist eine Situation, vor der Marx in seinem Kommentar zu dem eingangs erwähnten Hegelschen Satz gewarnt hat: Hegel habe vergessen hinzuzufügen: Das erste Mal ereignet sich das große Ereignis als Tragödie, das zweite Mal als Farce. Wir sind gewarnt: Achten wir darauf, dass unsere Freude über die wiedergefundene Freiheit nicht zu einer Farce wird!