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„Jüdisch, römisch, deutsch zugleich“

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Zum 70. Todestag des Dichters, Übersetzers und Redakteurs Karl Wolfskehl

Friedrich Voit01.07.2018

"Mein Ruhm endet im Hafen von Auckland, aber er beginnt auch im Hafen von Auckland.“

Mit diesen Worten konstatierte Karl Wolfskehl nüchtern nach Ende des II. Weltkriegs den Verlust seines einstigen Ansehens im literarischen Leben Deutschlands, doch nicht ohne zugleich seine Gewissheit auszudrücken, dass ihm seine im Exil geschaffene Dichtung neuen und bleibenden Nachruhm verschaffen werde. Er sollte recht behalten.

70 Jahre sind seit dem Tode des Dichters vergangen, der am 30. Juni 1948 in Auckland, der größten Stadt Neuseelands, starb. Sein Grab findet sich im alten jüdischen Sektor des Friedhofes Waikumete am Westrand
der Stadt. Auswärtige und einheimische Besucher, die gelegentlich Kieselsteine auf der Grabplatte lassen,
finden Wolfskehls letzte Ruhestätte heute leicht. Sie ist als bemerkenswert im Führer des großen Friedhofs verzeichnet und weithin erkennbar durch die inzwischen hochgewachsene Zypresse, die Margot Ruben, die Lebensgefährtin der Exiljahre, einst am Kopfende des Grabs gepflanzt hatte. Sie sollte an die mediterrane Welt erinnern, der Wolfskehl sich zutiefst verbunden fühlte und die er im fernen Exil mit der Dichtung Mittelmeer oder Die Fünf Fenster nochmals aufgerufen hatte. Wie beim Grab Stefan Georges gibt die Granitplatte nur den Namen in hebräischen und deutschen Lettern wieder, ohne die Lebensdaten, und darunter die lateinische Bezeichnung „Exul Poeta“. So reflektiert die Inschrift die Selbstcharakteristik des Dichters als „jüdisch, römisch, deutsch zugleich“.

Die Brüche in der Biographie Karl Wolfskehls wie der Zeit, in der er lebte, spiegeln sich in den Wandlungen seines dichterischen und schriftstellerischen Werks. Geboren 1869 als Spross einer wohlhabenden jüdischen Bankiersdynastie in Darmstadt wuchs Wolfskehl in einer musischen und kulturgesättigten großbürgerlichen Umwelt auf und konnte sich als Student ganz seinen philologischen und historischen Neigungen widmen. Seine Jugenddichtung verwarf er  1893 nach der lebensweisenden Begegnung mit der Dichtung Stefan Georges und dem Dichter selbst.

 

Dichter in München

Nach seiner Heirat 1898 mit Hanna de Haan, der Tochter das Darmstädter Hofkapellmeisters Willem de Haan, zog Wolfskehl nach München, wo sein Haus bald zu einem von Künstlern, Schriftstellern und Gelehrten vielbesuchten literarischen Mittelpunkt wurde. Die seit der Jahrhundertwende und bis zum I. Weltkrieg entstehende  lyrische und szenische Dichtung – Ulais, Gesammelte Dichtungen oder Saul, auch der Band Der Umkreis, der erst 1927 erschien, gehörte noch hierzu –  wie auch einige essayistische Prosa ist geprägt vom zeittypischen Symbolismus und erschien fast ausschließlich in der Zeitschrift Blätter für die Kunst und in Verlagen, die dem sich herausformenden elitären Kreis um Stefan George nahe standen. Berühmt war seine vielfältige Bibliothek, die er als bibliophiler Sammler seit seiner Jugend zusammengestellt hatte.

Wolfskehls Leben als privatisierender Dichter und Gelehrter endete mit dem Verlust seines Vermögens in Folge des Krieges und der Inflation. Während seine Frau und seine beiden Töchter auf das noch vor Kriegsende erworbene Landgut in Kiechlinsbergen zogen, ging Wolfskehl selbst für einige Jahre als Privatlehrer nach Italien. Er kehrte nach München zurück, wo er seinen Lebensunterhalt als Herausgeber für die Ruprechts-Presse, als Übersetzer und dann vor allem als gefragter Kulturjournalist erwarb. Ab 1930 wirkte er auch als Schriftleiter von Der Rotarier. Die rastlose Hektik des Literaturbetriebs lies den Dichter verstummen. Das Schaffen jener Jahre bezeugt der auch von Thomas Mann wie Stefan George gerühmte Band Bild und Gesetz von 1930.

Wolfskehl spürte und fürchtete früh den Aufstieg der Nationalsozialisten und sah für sich als Jude keine Lebensmöglichkeit in einem antisemitischen Deutschland. Am Tage nach dem Reichstagsbrand floh er ins Exil, zunächst in die Schweiz und dann nach Italien. Die innere Erschütterung, die dieser Schritt mit sich brachte, löste sich nach langer Pause in neuer Dichtung. In rascher Folge entstand 1933/4 die Gedichtfolge Die Stimme spricht, die 1934 im jüdischen Schocken Verlag erschien und große Resonanz unter jüdischen Lesern in Deutschland fand. Wolfskehl, der seiner jüdischen Herkunft stets verbunden blieb, sie bis dahin jedoch eher im Hintergrund hielt, bekannte sich in diesen Gedichten stolz zum Judentum:

Herr! ich will zurück zu Deinem Wort.
Herr! Ich will ausschütten meinen Wein.
Herr! Ich will zu Dir, ich will fort.
Herr! Ich weiss nicht aus und nicht ein!
Ich bin allein
.

Neben diesen Gedichten schrieb er damals aber ebenfalls die ersten Fassungen seines großen Gedichtes An die Deutschen, in dem er selbstbewusst seine tiefe Verbundenheit mit der deutschen Kultur herausstellte, die ihm auch im Exil nicht genommen werden kann, wie es eine Verszeile ausspricht: „Wo ich bin ist Deutscher Geist.“

Leben im Exil

Für sein Dichten und seine Korrespondenz war der sehr sehbehinderte Wolfskehl schon lange auf Hilfe angewiesen. 1934 engagierte er die junge Margot Ruben, die als Jüdin nach ihrer Promotion für sich keine Zukunft mehr in Deutschland sah. Die Mitarbeiterin wurde bald Geliebte und verband sich ihm als Gefährtin im Exil bis zu seinem Tode im fernen Neuseeland. Abgeschnitten von journalistischen Erwerbsmöglichkeiten – die Schriftleitung des Rotarier war ihm bereits Anfang 1933 genommen worden und er wie alle Juden aus dem Münchner Rotary Club ausgeschlossen – wurde Wolfskehls Lebenssituation schon bald prekär. Um wenigstens einen schmalen Unterhalt für sich und seine in Deutschland verbliebene Familie zu sichern, verkaufte er 1937 seine wertvolle Bibliothek an den Verleger Salman Schocken, der ihm zusätzlich zu einem Betrag für die Familie dafür eine knapp bemessene lebenslange Rente gewährte. Antijüdische Gesetze in Italien und
der heraufziehende Weltkrieg bewogen Wolfskehl und Ruben zu dem Entschluss, Europa zu verlassen und, soweit wie möglich entfernt, in Neuseeland Zuflucht zu suchen.

Das antipodische Inselland wurde ihm zum exemplarischen Asyl und Rückzugsort. Bereits während der Seereise setzte abermals ein neuer Schub dichterischen Schaffens ein. Wolfskehl sah sein Schicksal im Bilde Hiobs, sein Leiden als das eines, den es von all seinen geistigen Wurzeln abgeschnitten in eine fremde Ferne verschlagen hatte. In seinen während dieser Zeit entstehenden Gedichten und in den Briefen an seine über den ganzen Globus verstreuten Freunde und Bekannten beklagt er seine physische Einsamkeit und die intellektuelle Öde seines Exils. Das traf sicherlich zu, sieht man auf das reiche und vielfältige geistig-kulturelle Leben, an dem er in Europa teilhatte, das er zurückgelassen hatte und für das ihm der kleine Freundeskreis, der sich auch in Neuseeland um ihn bildete – Mitexilanten, Universitätsdozenten und vor allem junge Dichter und Schriftsteller – nur einen bescheidenen Ersatz bieten konnte.

 

Ruhe und Sicherheit in der Ferne

Neuseeland brachte Wolfskehl – trotz abnehmender Gesundheit und wachsender Armut –  einen wesentlichen Gewinn: die Ruhe und Sicherheit, die es ihm ermöglichte in seinem letzten Lebensjahrzehnt ein bedeutendes dichterisches und epistolarisches Werk zu schaffen. Er schuf zahlreiche Einzelgedichte, wie etwa jenes auf einen Feigenbaum, den er im Garten seiner ersten Behausung fand und als Bruder im Exil besang (siehe Galerie oben):

 

Feigenbaum


Beim Taggang oft durch üppiges Gelände
Regst du dein weit Geäst und ringst dich quer.
Liebend greift meine Hand dir grüne Hände,
Feigenbaum vom azurnen Mittelmeer.

Zypressenchors, Felsufers, bräunlich lauer
Atmender Nymphengrott im Olivet:
Du birgst sie, all der Götterspuren Schauer,
Anhauch der Heimat, die mir untergeht,

Der fern du grünst. Der Heimat! Mütterlicher
Scholle vertraut im schönsten Himmelstrich,
Prangtest an Wuchs, an Schwung gerecht und sicher,
Dem Blick, der Lippe winkend: hier bin ich!

Schwellend zur Süsse zwischen Öl und Reben
Bogst deine Last du über weisse Streben.
Am breiten Laubwerk äste still der Mule,
Schwarzfeigen brach Amante seiner Buhle.

Hier taugst du schlecht. Gewaltiger Blätterkrone
Scheinst schwacher Zwergling, überblühtem Strauch
Ein dürftiges Gestrüpp: bescheiden! ohne
Dich Krausen, Ungebärdigen geht es auch.

Bist in der Fremde, Freund. Meerinselkinder,
Die dich verpflanzten, hassen dein Gezack.
Gestutztem Rasenplan fügst du dich minder,
Und Feigen sind doch wohl nicht ihr Geschmack.

Darbst nicht allein, wir beide sind gestrandet.
Leben, gedeihn wir? Gelt, wir spürens kaum!
Wer in der Heimat kargstem Karst versandet
Zog bessres Los. Ists nicht so, Feigenbaum?

 

Neben den Einzelgedichten, darunter beseligte Liebesgedichte für die Gefährtin, überarbeitete und vollendete Wolfskehl das Gedicht An die Deutschen, das noch zu seinen Lebzeiten 1947 in der Schweiz erschien, und den Zyklus INRI oder Die Vier Tafeln, in dem der Dichter der Frage nachging, weshalb ein Jude kein Christ werden kann. Dazu schuf er die beiden Zyklen Mittelmeer oder Die Fünf Fenster, eine tiefgründige Evokation des Mittelmeerraumes, seiner Mythologie und Geschichte, und krönend Hiob oder Die Vier Spiegel, der eindrückliche Versuch, einer dichterischen „Vision vom Wesen des Judentums“, wie er Leo Baeck bekannte.

In seinem Testament hinterließ Wolfskehl, was er noch besaß, der letzten Lebensgefährtin: die wenigen Bücher, die er mit ins Exil genommen hatte und während dieser Jahre sammeln konnte, sowie die Rechte an seinem Werk. Margot Ruben machte es sich zur Aufgabe, den Dichter und sein Oeuvre nach Europa zurückzubringen: 1950 erschienen der Sang aus dem Exil und Hiob oder Die Vier Spiegel. Doch vor allem mit ihren Editionen Zehn Jahre Exil. Briefe aus Neuseeland 1938–1948 (1959) und der Gesammelten Werke (1960) machte Ruben nicht nur erstmals die Weite von Wolfskehls dichterischer und geistiger Physiognomie sichtbar, sie schuf damit das Fundament für die künftige Beschäftigung mit dem schriftstellerischen Werk. Sie übergab den Nachlass und ihr Archiv dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach und richtete mit dem Erlös dort die Karl Wolfskehl Stiftung ein, die bis heute die Forschung zu Wolfskehl und Editionen seines Werks fördert. Auch in Neuseeland, dessen Staatsbürgerschaft Wolfskehl 1946 dankbar annahm, liegen inzwischen Übersetzungen seiner Dichtung und Briefe vor, würdigt und weiß man über sein Leben und Wirken.

Friedrich Voit
Prof. Dr. Friedrich Voit ist Professor für Europäische Sprachen und Literatur an der University of Auckland. Er ist u.a. Herausgeber der bei Wallstein erschienenen „Späten Dichtungen“ Karl Wolfskehls (2009) sowie Verfasser von „Karl Wolfskehl. Leben und Werk im Exil“ (Wallstein 2005). www.arts.auckland.ac.nz