16.02.2015

Zum 150. Geburtstag des Theologen, philosophen und liberalen Politikers Ernst Troeltsch 

Kulturprotestant und engagierter „Spectator“ seiner Zeit

Gangolf Hübinger

Gibt es „in der ganzen Welt heute nur zwei Parteien, die der Wahrheit und der Lüge“? Oder kann eine Religion in ganz persönlicher Weise eine „inbrünstige Diesseitsfreude“ wecken und dazu verhelfen, ein demokratisches Gemeinwesen mit vielfältigen Gesinnungen und Lebensentwürfen zu festigen? Der so im Herbst 1921 fragt, ist der Berliner Religionsphilosoph und Kulturhistoriker Ernst Troeltsch (17.2.1865–1.2.1923). Troeltschs Geburtstag vor 150 Jahren gibt Anlass, an das Wirken eines Denkers und Intellektuellen zu erinnern, der sich dem sensiblen Verhältnis von Religion und moderner Kultur widmete, wie kaum jemand sonst.

Der Appell an eine zivilbürgerliche „Diesseitsfreude“ ist in einem von insgesamt 56 „Spectator-Briefen“ und „Berliner Briefen“ enthalten, in denen Ernst Troeltsch zwischen Februar 1919 und November 1922 eindringlich die deutsche und europäische Entwicklung nach dem Ersten Weltkrieg kommentiert. Troeltsch weiß um die Macht von Religionen. In modernen Gesellschaften können sie sehr gegensätzliche Ordnungen des menschlichen Zusammenlebens bestärken. Sie können strenge Gesetze formulieren und ihre Anhänger zu striktem Gehorsam im Namen unabänderlicher Wahrheiten verpflichten. Auf der anderen Seite können Religionen liberale Potentiale entfalten. Dann verfechten sie die Freiheit des Individuums und legitimieren eine demokratische Verfassung. Im frühen 20. Jahrhundert ist Ernst Troeltsch zweifellos der anregendste Vordenker eines liberalen Religionsverständnisses, für das sich in den innerprotestantischen Kulturkämpfen dieser Zeit der Begriff des „Kulturprotestantismus“ eingebürgert hat.

Leben und Werk

Der Theologe Friedrich Wilhelm Graf, Herausgeber der historisch-kritischen Ernst-Troeltsch-Gesamtausgabe, definiert „Kulturprotestantismus“ knapp und präzise als „eine gedachte kulturelle Ordnung, in der Glaube und Vernunft, protestantischer Berufsbegriff und modern-kulturelle Weltbemächtigung“ positiv vermittelt sind. Konkret bedeutet dies: Die individuelle Lebensführung, ausgerichtet auf Weltverantwortung und Weltgestaltung, hat Vorrang vor theologischen Dogmen. Wissenschaft und Kunst sind selbständige Kultursphären und folgen ihren je eigenen Regeln. Und auch die Politik besitzt ihr Eigenrecht. Keine Herrschaftsordnung, ob Monarchie oder Demokratie, lässt sich unmittelbar aus „heiligen Schriften“ legitimieren.

Der Kulturprotestantismus steht in der Genealogie des deutschen Idealismus. Friedrich Schleiermacher gilt als seine wegweisende Gründerfigur. Adolf von Harnack repräsentierte ihn in der wissenschaftlichen Blütezeit des Deutschen Kaiserreichs. Vor allem Troeltsch war es dann, der dem kulturprotestantischen Denken in einer Zeit des sozialen Wandels von der bürgerlichen Honoratiorenwelt zu einer demokratisierten Massenkultur geistige Schärfe und Analysekraft verlieh.  

Ernst Troeltsch wurde am 17. Februar 1865 im bayerischen Haunstetten geborenen. Der Absolvent eines Augsburger humanistischen Gymnasiums wählte als Studienfach die Theologie, weil er dort „immer noch am meisten wissenschaftliche Allgemeinkultur” vermutete, wie er in einem autobiographischen Essay später festhielt. Das Studium führte ihn von Erlangen über Berlin nach Göttingen. Dort profilierte sich Troeltsch während seiner Habilitation als systematischer Kopf der „Göttinger religionsgeschichtlichen Schule”. Es wird ihm zu einer Lebensaufgabe werden, alle theologischen Lehren der historischen Methode auszusetzen und sie kritisch aus ihren jeweiligen kulturgeschichtlichen Epochen heraus zu begreifen. Sein Interesse richtete sich nahezu universalgeschichtlich auf Entstehung und Signatur der modernen Welt.

Schon ein Jahr nach seiner ersten Professur in Bonn wurde Troeltsch 1893 im Alter von 29 Jahren auf einen Lehrstuhl für Dogmatik an die Universität Heidelberg berufen. Gut zwanzig Jahre lang zählte er zu den intellektuell dominierenden Vertretern der Heidelberger Universitätskultur. Eine Zeit lang teilte er das Haus an der Ziegelhäuser Landstraße, das zu einem Zentrum aufgeklärt bürgerlicher Gelehrtenkultur wurde, mit Max Weber. 1915 trat Troeltsch an der Philosophischen Fakultät der Universität Berlin eine Professur für „Religions-, Sozial- und Geschichts-Philosophie und die christliche Religionsgeschichte” an. Eine lange Lehrstuhlbezeichnung, aber sie bündelt trefflich seine fächerübergreifende Forschung und Lehre.

Während des Ersten Weltkrieges und in der Gründungsphase der Weimarer Republik schwang sich Troeltsch zu einem der markantesten „politischen Professoren“ auf. In der ersten Kriegshälfte warb er für spezifisch deutsche „Ideen von 1914“ und setzte Schlagworte wie „Kulturkrieg” in Umlauf. Gegen Kriegsende beteiligte er sich über den „Volksbund für Freiheit und Vaterland“ entschieden an der Parlamentarisierung der Reichsverfassung. Nach erfolgreichem Wahlkampf für die „Liste Troeltsch“ wurde er 1919 Abgeordneter der Deutschen  Demokratischen  Partei im Preußischen Landtag und versah neben seiner Professur das unbesoldete Amt eines Unterstaatssekretärs im preußischen Kultusministerium. Die Arbeitslast war groß, gleichwohl nahm er sich wöchentlich viel Zeit, um als politischer Publizist in Tageszeitungen und Zeitschriften für eine Legitimierung der Weimarer Verfassung gegen die Zerstörungsabsichten von linken „Bolschewisten“ und rechten „Hakenkreuzlern“ einzutreten. Ernst Troeltsch starb am 1. Februar 1923.

Besonders inspirierend war der Austausch im experimentierfreudigen Heidelberger Gelehrtenmilieu. Der Staatslehrer Georg Jellinek motivierte Troeltsch mit seinen Arbeiten zur „Entstehung der Menschenrechte“, die soziale und politische Wirkung protestantischer Freiheitsideen in der Neuzeit zu untersuchen. Der Nationalökonom und „Soziologe“ Max Weber hielt ihn an, dabei die Wechselwirkungen zwischen Religion und Wirtschaft hervorzuheben.

Zwei Werke sind zu nennen, mit denen Troeltsch sich über sein theologisches Fach hinaus einen bleibenden Rang unter den Klassikern der Kulturwissenschaften erworben hat. 1912 erschienen die „Soziallehren der christlichen Kirchen und Gruppen“, in denen er die soziale Gestaltungskraft christlicher Gemeinschaften untersuchte und als drei maßgebliche Typen die „Kirchen“ als feste Institutionen, die „Sekten“ als freie Vereinigungen und die Mystik als Ausdruck individueller Frömmigkeit unterschied.

„Die ganze Welt wird anders“

Das zweite Werk widmete sich dem vorherrschenden Denkstil seiner Zeit, dem „Historismus“ mit seinen revolutionären Erkenntnischancen wie mit seiner erstickenden Faktenhuberei. „Der Historismus und seine Probleme“ überschrieb Troeltsch das Buch, in dem er 1922 nach eigenen Worten „das Wesentliche meines Denkens und meiner Lebensleistung“ zusammenführte. Ein Problem trieb ihn besonders um: Welche ethischen Maßstäbe lassen sich durch das wissenschaftliche Studium der abendländischen Geschichte von der jüdischen, griechischen und römischen Antike an bis in die „Vielspältigkeit“ der Moderne gewinnen, um zu einer „Erneuerung der europäischen Humanitätsidee“ zu gelangen?

Nach dem Ersten Weltkrieg erschien die Frage nach der Neubelebung der „europäischen Humanitätsidee“ dringlicher denn je. Troeltsch selbst widmete sich ihr nicht nur in philosophischen Reflexionen, vielmehr griff er als „public moralist“ mit engagierten Beiträgen unmittelbar in die aktuellen Kontroversen um den Aufbau einer demokratischen Republik in Deutschland  ein. Berühmt wurde die zu Beginn bereits genannte Kolumne der „Spectator-Briefe“ in der Zeitschrift „Kunstwart“.

Entschieden wandte sich Troeltsch gegen eine nationalistische Kirchturmspolitik. „Die ganze Welt wird anders“ – vom ersten Spectator-Brief an machte er seinen Lesern deutlich, die Perspektive auf die Probleme und Ereignisse könne keine andere sein als eine weltpolitische und welthistorische. Alle Konflikte der deutschen und europäischen Neuordnung seien deshalb konsequent in einen „Welthorizont“ zu rücken. Eine „Amerikanisierung der Welt und Deutschlands“ sei als Kriegsfolge unabweisbar, ob man sie begrüße oder nicht. Für die Zukunft Europas wünschte sich Troeltsch eine „Kultursynthese“ aus westeuropäischer und deutscher Tradition. Bis zu seinem Tod, der eine schon ausgearbeitete Vortragsreise nach England und Schottland verhinderte, schrieb er an der historischen und philosophischen Grundlegung dieser europäischen Kulturidee.  Die Deutschen sah er vor eine besondere Aufgabe gestellt. Im demokratischen Zeitalter der „kapitalistischen Massenkultur“ und des „allgemeinen Männer- und Frauenwahlrechtes“ müsse „das Verantwortungsgefühl der führenden Schichten für die Bildung der öffentlichen Meinung sorgen. (…) Erst Repräsentantenwahl und Bildung der öffentlichen Meinung von kleinen sachkundigen Zentren aus können zusammen die Aufgaben der demokratischen Selbstregierung lösen.“

Über die vier Gründungsjahre der Weimarer Republik hinweg lassen sich Troeltschs Zeitkommentare als ein Dauerappell an das Bürgertum lesen, die von der Verfassung bereitgestellten Institutionen wirksam zu nutzen und die politische Kultur der parlamentarischen Demokratie zu beleben.  Sie bieten die eindrucksvollsten Gegenwartsdiagnosen aus der Werthaltung eines christlichen und liberalen Gelehrten-Intellektuellen, die wir für die Jahre der schwierigen Republikgründung besitzen. 

Erschienen in Rotary Magazin 2/2015

Gangolf Hübinger
Prof. Dr. Gangolf Hübinger lehrt Vergleichende Kulturgeschichte der Neuzeit an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder). Zu seinen Schwerpunkten zählen Ideen- und Intellektuellengeschichte. Er ist Mitherausgeber der Ernst-Troeltsch-Gesamtausgabe sowie der Max-Weber-Gesamtausgabe. www.kuwi.europa-uni.de

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