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Unser Luther

Luther als nationale Symbolfigur

Unser Luther - Luther als nationale Symbolfigur
Als „Bild für jeden Deutschen“ pries der Evangelische Bund diesen Druck an, der Martin Luther und Otto v. Bismarck „unter einer knorrigen Eiche als Streiter für deutsche Ehre, deutschen Glauben, deutsche Macht“ zeigt. © Bild: Zentralarchiv der Evangelischen Kirche der Pfalz, Speyer

Wie Nationalprotestanten und Kulturprotestanten im Kaiserreich um ein modernes Luther-Bild rangen

Gangolf Hübinger01.10.2016

Mit der Gründung des Deutschen Reiches 1871 und der Errichtung eines geeinten Nationalstaates war in Europa eine neue Großmacht entstanden, die sich erst ein Bild davon schaffen musste, welche historischen Kräfte zu ihrer Entstehung geführt haben, und wohin sie ihre Energien zu richten gedachte. Martin Luther und der Protestantismus spielten dabei eine Schlüsselrolle. Im Gründungsjahr 1871 besaß das Deutsche Reich 41 Millionen Einwohner, im Jahre 1910 waren es 64 Millionen. Davon waren jeweils zwei Drittel Protestanten, ein Drittel Katholiken und etwa ein Prozent jüdischen Glaubens.

In welchen Symbolen und Gedenkfeiern sich die Deutschen fortan ihrer Zusammengehörigkeit versichern sollten, darüber beanspruchte der Protestantismus die absolute Deutungshoheit. Der Historiker Dieter Langewiesche bringt es auf eine knappe Formel: „Wenn die Nation feierte, sang man protestantische Lieder, verehrte Luther und stilisierte die Reformation zur deutschen Revolution, man überhöhte den Sieg der deutschen Truppen 1870 über die französische Armee religiös zum Sieg des protestantischen Gottes auf deutscher Seite über den katholischen Gott, der den Franzosen und zuvor den Österreichern nicht helfen konnte.“

Das zielt weniger auf Luther, die Person, als auf Luther, die Ikone. Seit den Glaubenskämpfen des 16. Jahrhunderts eignete sich jede Epoche „ihren Luther“ aktiv an und versah ihn mit Attributen, die der Rechtfertigung ihrer eigenen politischen Ordnung und kulturellen Orientierung diente. Wie geschah dies im neuen Nationalstaat, dem Kaiserreich, das 1918 unterging? Hier gilt es zu differenzieren zwischen einem Nationalprotestantismus, der breit in der Bevölkerung verankert war, und einem Kulturprotestantismus, wie ihn die bürgerlichen Bildungseliten pflegten. Und es ist ein Blick zu werfen auf das große und sorgfältig inszenierte Lutherjahr von 1917, auf das Reformationsjubiläum mitten im Krieg und an einer welthistorischen Wendemarke.

Deutscher Glaube und deutsche Macht: Die Nationalprotestanten
Zum höchsten deutschen Nationalfeiertag entwickelte sich der „Sedanstag“, das Gedenken an den Sieg über Frankreich am 2. September 1870, der den späteren Kaiser Wilhelm I. danken ließ: „Welche Wendung durch Gottes Fügung“. „Welche Wendung durch Gottes Führung“ machten daraus die nationalprotestantischen Vereine und dekorierten mit dieser aktivistischen Losung zum Jahrestag von Sedan das Brandenburger Tor.

Tonangebend und massenwirksam durch ein verzweigtes lokales Vereinsnetz agierte der „Evangelische Bund zur Wahrung der deutsch-protestantischen Interessen“. Seine Gründung fiel nicht zufällig auf 1886, auf das Jahr, in dem der Kulturkampf offiziell beigelegt wurde und das katholische Zentrum in Bismarcks Herrschaftssystem vom „Reichsfeind“ zum Koalitionspartner avancierte. Mit dem „deutschen Glaubenshelden“ Luther ernannte sich der „Evangelische Bund“ zum Wächter eines nationalprotestantischen Wertekanons und trug den Kulturkampf ins 20. Jahrhundert. Unzählige Traktate und Pamphlete zirkulierten. Aber einprägsamer wirkte das „Bild für jeden Deutschen“, das er im Zeitalter der technischen Massenreproduzierbarkeit in unterschiedlichen Formaten drucken ließ. Erklärt wird die ohnehin schon eingängige Bildsymbolik: „Luther und Bismarck erscheinen auf diesem soeben zur Ausgabe gelangten Kunstblatt unter einer knorrigen Eiche als Streiter für deutsche Ehre, deutschen Glauben, deutsche Macht. Der Gedanke einer gemeinsamen Darstellung der beiden größten Deutschen ist in diesem Kunstblatte so einheitlich und glücklich zur Ausführung gekommen, daß es wohl als eine Festgabe für das deutsche Volk bezeichnet werden darf.“ Wirkungsvoll im nationalen „Wir-Ton“ des deutschen Volkes wurde hier mit den Mitteln der religiös-politischen Ikonographie eine Mentalität erzeugt, in der sich die Nationalisierung christlicher Glaubensbestände und die Sakralisierung der Nation wechselseitig verstärkten.

Es war Deutschlands führende historische Autorität, die den protestantischen Anspruch beglaubigte, die Maßstäbe einer hegemonialen Leitkultur zu setzen. Heinrich von Treitschke, Praeceptor Germaniae und Star der Berliner Gesellschaft, hielt 1883 einen Vortrag über „Luther und die deutsche Nation“. „Luthers Tat“ habe eine „Revolution“ von welthistorischer Wirkungskraft ausgelöst, „darum beginnt die Geschichte der modernen Menschheit nicht mit Petrarca, nicht mit den Künstlern des Quattrocento, sondern mit Martin Luther.“

Gangolf Hübinger
Prof. Dr. Gangolf Hübinger lehrt Vergleichende Kulturgeschichte der Neuzeit an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder). Zu seinen Schwerpunkten zählen Ideen- und Intellektuellengeschichte. Er ist Mitherausgeber der Ernst-Troeltsch-Gesamtausgabe sowie der Max-Weber-Gesamtausgabe. www.kuwi.europa-uni.de