16.12.2013

Künstler, Kanzler, Terroristen 

Pfarrerskinder zwischen Mythos und Realität

Christine Eichel

Unter den Institutionen, die für die deutsche Kulturgeschichte prägend sind, hat das evangelische Pfarrhaus einen besonderen Rang. Was als revolutionäre Tat begann – der Auszug der Geistlichkeit aus dem Kloster und die Gründung einer eigenen Familie inmitten der Gemeinde – wurde zu einer Heimstatt der schönen Künste, der Auseinandersetzung mit den Erkenntnissen der Wissenschaft und zu einem prägenden Elternhaus. Der allgemeine Wandel der Institutionen geht freilich auch nicht am Pfarrhaus vorbei. Unterdessen rückt das Reformationsjubiläum im Jahre 2017 allmählich näher.

Pfarrerskinder sind anders. Aber warum eigentlich? Ist es die Sozialisation im gläsernen Pfarrhaus, im Musentempel, Wissensspeicher, Bildungshort? Oder wird hier ein bloßer Mythos beschworen? Der Schriftsteller Benjamin von Stuckrad-Barre sagte mir einmal: „Als Pfarrerskind wird man entweder Terrorist oder Kanzlerin. Schriftsteller liegt vermutlich irgendwo dazwischen.“ Er muss es wissen, schließlich ist er selbst Sohn eines Pfarrers.

Dass sie wie Müllers Vieh selten oder nie gelingen, mit diesem Sprichwort werden Pastorenkinder früh konfrontiert. Der herablassende Spott stammt aus Zeiten, als Dorfpfarrer eine sehr öffentliche und doch isolierte Existenz führten: arm an Besitz, reich an Bildung, als Vorbilder geachtet, letztlich aber als Außenseiter beargwöhnt. So wie ihre Kinder. Die wurden vom Vater meist zuhause unterrichtet und sollten im Gegensatz zu ihren Altersgenossen brav und gottesfürchtig auftreten. Sie spielten im Pfarrgarten und sonntags die Orgel, mit den Dorfkindern selten. Wer anders ist, muss mit Ausgrenzung rechnen.
Der Pfarrerssohn Friedrich Dürrenmatt erinnert sich daran, dass er einige Schleichwege zur Schule nehmen musste, weil ihn die Bauernjungen so gern verprügelten. F.C. Delius fluchte heimlich, weil er am Sonntagmorgen in der Kirche des Vaters anzutreten hatte, statt mit seinen Freunden Fußball spielen zu dürfen. Doch Dürrenmatt wie Delius kompensierten ihr Außenseitertum auf eigentümlich Weise – sie wurden Schriftsteller.

Prägend für die Kulturgeschichte

Das hat eine lange Tradition. Denn es sind auffallend viele Kinder aus Pfarrhäusern, die unsere Kulturgeschichte prägen. Wenig bekannt ist, wie der Spruch über die Pfarrerskinder endet: „Wenn dann doch mal eins gerät, ist‘s von größter Qualität.“ Die imaginäre Walhalla berühmter Pfarrerskinder macht in der Tat staunen. Auf dem Mittelweg zwischen Kanzlerin und Terrorist wandelten Schriftsteller wie Gryphius, Gottsched, Lessing und Wieland, Jean Paul und Matthias Claudius. Hermann Hesse und Gottfried Benn setzten den Weg fort, so wie Friedrich Dürrenmatt, Christine Brückner, Gabriele Wohmann oder F. C. Delius. Auch ohne die Philosophen Nietzsche, Schleiermacher oder die Brüder Schlegel wäre deutsche Geistesgeschichte undenkbar. Was machte diese Pfarrerskinder so besonders?
Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein musste der evangelische Pastor von den Pfründen des Amtssitzes leben, oft nur vom kärglichen Pfarracker. Es war ein hartes Leben als geistlicher Landmann, viele Pfarrer hungerten oder verausgabten sich bei der Feldarbeit. Seit Beginn des 18. Jahrhunderts entstanden im Pfarrhaus aber auch Enklaven musischer Interessen und bemerkenswerten Wissens. Zunehmend konnten Pfarrerskinder in einer väterlichen Bibliothek stöbern, wuchsen mit der Sprachmacht von Luthers Bibelübersetzung und der Strahlkraft von Choraltexten auf. Auf diesen Bildungsinseln wuchsen Menschen heran, die kein materielles Erbe antreten konnten, im Gegenzug jedoch eine hohe Affinität zu Sprache und Literatur ererbten. Auch die Musik zählte zunehmend zum Inventar des pfarrhäuslichen Milieus. Bis heute gehört es zum guten Ton, dass Pfarrerskinder ein Instrument erlernen. Vielleicht spielen sie sogar das eine oder andere Werk von Michael Praetorius und Georg Philipp Telemann – Pfarrerskinder wie sie.

Die oft gelehrten Pfarrer kultivierten darüber hinaus zahlreiche weitere Interessen, auch deshalb, weil ihnen auf dem Dorf geeignete Gesprächspartner fehlten. Einige versuchten sich erfolgreich als Astronomen, betrieben volkskundliche Studien oder ließen sich durch die kirchlichen Geburts- und Sterberegister zu statistischen Theorien anregen. Dieses inspirierende Klima erschuf ein Biotop wissenschaftlicher Neugier und künstlerischer Neigungen, das auch die Kinder ambitionierte. Pfarrerssohn Karl Friedrich Schinkel prägte als Architekt den preußischen Klassizismus; Alfred Brehm, Autor des Klassikers „Brehms Tierleben“, erfand den modernen Zoo. Als Turnvater blieb Friedrich Ludwig Jahn in Erinnerung, Heinrich Schliemann gelangen als autodidaktischem Archäologen spektakuläre Ausgrabungen.

Wenn heute der Architekt Meinhard von Gerkan Großprojekte wie den neuen Berliner Flughafen baut, Hans Werner Geißendörfer die Lindenstraße mit herzwärmenden Schicksalen bevölkert, wenn Peter Lohmeyer vor der Kamera steht oder Katharina Saalfrank als ehemalige Supernanny in Talkshows auftritt, haben wir es ebenfalls mit Pfarrerskindern zu tun.

Frömmigkeit und Zweifel

Das klingt nach der Geburt der Vielfalt aus der Geborgenheit christlicher Harmonie. Eine Idylle aber war das Pfarrhaus meist nur in der Außenwahrnehmung. Was sich aus Luthers antiklerikalem Impuls heraus entwickelte, war die gleichermaßen profane wie heilige Familie. Und damit das Paradoxon einer idealtypischen Gegenwelt, die zugleich mitten ins weltliche Geschehen hineinwirken sollte – im offenen Pfarrhaus, stets den Blicken der Gemeinde ausgesetzt. Vorbild sein zu müssen – was könnte unbequemer sein?
Doch das Pfarrhaus konnte und kann eben vielerlei sein: Insel der Frömmigkeit und Geburtsstätte des Zweifels, Arena des Disputs und Schauplatz von Harmoniezwang, bürgerliche Enklave und antibürgerlicher Reflex. So heil und glaubensgefestigt die Welt des Pfarrhauses wirken mag, bei näherem Hinsehen offenbart sie symptomatische Widersprüche. Protestantische Fröhlichkeit ist ebenso anzutreffen wie finsterste Depression, karge Strenge wie saturierte Bürgerlichkeit.

Diese Ambivalenz ist besonders deutlich an den Pfarrerskindern ablesbar. Nicht selten lautete ihr Fazit, das Pfarrhaus fordere Unterwerfung oder gar Selbstverleugnung. Um sich zu befreien, mussten sie sich distanzieren. „Wenn ich gelegentlich Literaten oder Philosophen mit einer verbissenen Abwehr gegen Kirche und Christentum treffe, denke ich fast automatisch: Das müssen Pfarrerskinder sein“, befand Heinrich Böll.
Im Reizklima des Protests grenzten sich ein Nietzsche, ein Lessing, ein C.G. Jung ab, mit geistesgeschichtlichen Folgen. Ganz verlassen haben sie das Pfarrhaus nie. Nietzsche, der seine Zeitgenossen mit dem Satz „Gott ist tot“ schockierte, schreibt rückblickend über seine Kindheit im Pfarrhaus: „Es ist aber doch das beste Stück idealen Lebens, welches ich wirklich kennen gelernt habe; von Kindesbeinen an bin ich ihm nachgegangen, in viele Winkel, und ich glaube, ich bin nie in meinem Herzen gegen dasselbe gemein gewesen.“ Lessing verwandelte die Theaterbühne in eine Kanzel der Aufklärung, C.G. Jung rang um ein Gottesbild jenseits der theologischen Orthodoxie und um ein Menschenbild jenseits von Schuld und Verdammnis.

Die Ablösung vom Elternhaus war oft ein schmerzhafter Prozess. Hermann Hesse sprach im Roman Demian vom „Schnitt in die Pfeiler, auf denen mein Kinderleben geruht hatte.“ Manchmal verwandelte sich die Rebellion auch in Anarchie. Millionen Deutsche entsetzten sich über die Pfarrerstochter Gudrun Ensslin, die sich mit dem Furor religiösen Eiferertums der RAF anschloss. Und schon meinten viele, die Geschichte von Müllers Vieh habe eine neue, eine erschreckende Dimension gezeigt. Pfarrer und ihre Familien befinden sich permanent im Praxistest. Scheitern sie, so dokumentieren sie damit – von außen betrachtet – die Ermüdungsbrüche ihres Glaubens. Kein Wunder, dass sich statt Auflehnung oft auch starke innere Instanzen ausbilden. Häufig erscheinen Pfarrhausbewohner deshalb vertrauenswürdiger als andere, sogar auf dem politischen Parkett.

Das prominenteste Beispiel ist zurzeit die mächtigste Frau im Staate. Nicht zuletzt haben sich Angela Merkels preußisch gefärbte Pfarrhaustugenden wie Fleiß, Pflichtbewusstsein und ein bewusst bescheidener Habitus in der Machtsphäre bewährt. Im Gegensatz zum übrigen politischen Personal spricht man ihr Glaubwürdigkeit zu. Dabei handelt es sich unter anderem um die freundliche Unterstellung ethischer Integrität aus dem Geist von Hausmusik und Tischgebet. Eine Biografie mehr also, die den Mythos der Pfarrerskinder anreichert. Und die Realität?

Ich selbst bin Pfarrerstochter. Möglicherweise bin ich aber auch Zeugin einer untergehenden Welt. Mein Vater, Jahrgang 1922, repräsentierte noch den typischen Dorfpfarrer, gebildet und aufopferungsvoll. Er kannte die Familien seiner Gemeinde über Generationen hinweg, trennte nicht zwischen Arbeiten und Leben, war rund um die Uhr erreichbar. Meine Mutter leitete als Pfarrfrau Bibelstunden und Kirchenchor, wir Kinder spielten bei Gemeindefesten Klavier und Geige, bastelten für Basare, trugen die Gemeindezeitung aus, öffneten die Haustür jedem, der klingelte. Wirklich jedem.

Nie werde ich den durchreisenden Tippelbruder vergessen, der in abgerissenen Frauenkleidern und mit einem goldenen Ohrring am Frühstückstisch saß. Oder den älteren Herrn aus dem dörflichen Pflegeheim, der auf unserem Klavier hinreißend Walzer spielte. Während ich ihm gebannt zuhörte, raunte meine Mutter mir zu: „Er hat seine Frau mit einem Beil erschlagen.“ Es wäre es ihr nie in den Sinn gekommen, ihn auf Abstand zu halten.

Es sind solche Geschichten, die den Geist des Pfarrhauses heute weit besser charakterisieren als die Erwartung kultureller Spitzenfrequenzen. Das Pfarrhaus als Ort der Toleranz, der Zuwendung, der Barmherzigkeit in einer kälter werdenden Gesellschaft – vielleicht liegt darin seine Zukunft, in diesem Gegenentwurf zum Mainstream. Es hat den Mut, anders zu sein. Und deshalb wird es immer wieder Pfarrerskinder geben, die etwas anders als die anderen sind.

Erschienen in Rotary Magazin 12/2013

Christine Eichel

Dr. Christine Eichel ist Journalistin und Schriftstellerin. Von 2004 bis 2010 leitete sie das Ressort Salon des Magazins „Cicero“. 2012 erschien „Das deutsche Pfarrhaus. Hort des Geistes und der Macht“ (Quadriga) und 2014 „Deutschland, deine Lehrer“ (Blessing).

www.quadriga-verlag.de

Rotary Magazin 12/2016

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