17.12.2014

Warum Weihnachten der Familie gehört 

Am Lagerfeuer

Christine Eichel

Weihnachten ist das Fest der Familie – der bürgerlichen, wie der heiligen. Die Beiträge dieses Dezember-Titelthemas beschreiben die Rolle von Jesus, Maria und Joseph als abendländische Modell­gemeinschaft und widmen sich der Bedeutung der Institution Familie in einer Zeit, in der diese nicht mehr selbstverständlich ist.

Jetzt werden sie wieder gespielt, die Weihnachtshymnen der Popmusik, im Radio, im Fernsehen, in Kaufhäusern. Allen voran „Driving home for Christmas“ von Chris Rea. Was da aus der rauen Kehle direkt ins festlich gestimmte Herz sickert, ist die alte Sehnsucht, beheimatet zu sein, nach Hause zu kommen, Weihnachten im Schoß der Familie unterzuschlüpfen. Kein anderer Feiertag erinnert uns derart machtvoll daran, wohin wir gehören oder gehören wollen. Selbst wenn man das ganze Jahr über nur spärlichen Kontakt pflegt, in alle Winde zerstreut, absorbiert von Job, Freunden, Hobbys, so genießt man doch an Weihnachten die vertrauten Rituale.

Deshalb hat die Parole „Driving home for Christmas“ nichts von ihrem Zauber verloren. Versammelt um den Weihnachtsbaum wie um ein imaginäres Lagerfeuer, kommt zusammen, was qua Blutsbande zusammengehört. Dafür nehmen wir sogar lange Anreisen in überfüllten Zügen und auf verstopften Autobahnen in Kauf. Die Familie als Sehnsuchtsort ist eben stärker als alle pragmatischen Überlegungen.

Dass wir den weihnachtlichen Sog der Familie überhaupt als etwas Besonderes empfinden, hätte unsere Vorfahren gewundert. Für sie war die Familie ohnehin der sichere Hafen: Notgemeinschaft, Sinnstiftung, kulturelle Identität. Oder ist das nur ein Mythos? Eine bürgerliche Illusion, die ihr Ideal in der Vergangenheit erfüllt wähnt?

Unbestritten ist zumindest der tiefgreifende Bedeutungsverlust der Familie heute. Als Keimzelle der Gesellschaft hat sie immer noch eine basale Funktion. Gefühlt jedoch ist ihr emotionaler Kern durch die Pluralität der Lebensformen erodiert. Abwechslungsreiche Beziehungsbiografien, Ehen ohne Trauschein, „Patchwork“-Familien, Scheidungskinder, Alleinerziehende, gleichgeschlechtliche Partnerschaften – ist das überhaupt noch Familie? Kann man die Spielflächen und Entwürfe unendlich erweitern? Oder zerfällt die Familie irgendwann in beliebige, temporäre Zufallsgemeinschaften?

Vorbild Luther

Pessimisten diagnostizieren bereits einen bedrohlichen Strukturwandel, wenn nicht gleich die Dekonstruktion der Familie, zumindest in der bürgerlichen Version. Doch die lebt von inneren Bildern, weniger von Tatsachen und Traditionen. Mentalitätsgeschichtlich wurzeln die Bilder der heilen Familie im frühen 19. Jahrhundert, der Epoche der bürgerlichen Emanzipation. Historiker und Soziologen sind sich einig, dass man von der Erfindung der bürgerlichen Familie in diesem Zeitraum sprechen kann. Erstmals gestaltete man bewusst diese Lebensform, erstmals widmeten sich weite Bevölkerungskreise ihren Kindern und deren Erziehung. Familiäre Bildung, Menschwerdung, Entwicklung – plötzlich interessierte man sich dafür, was Familie im Innersten bedeuten und leisten kann.

Dafür gab es ein nahezu perfektes role model, das neu entdeckt wurde: der Pater familias Martin Luther. Zum Vorbild geriet der Reformator freilich durch die nachträgliche Idealisierung seines Wittenberger Haushalts. Gemälde und Stiche beschworen eine heimelige Atmosphäre, retuschiert mit dem Weichzeichner der Verklärung. Da durften auch die Weihnachtsbilder nicht fehlen: Luther mit Laute, die Kinder singend, und die Mutter blicket stumm in der Weihnachtsstub‘ herum. Ein sehr beliebtes Motiv, unzählige Male variiert. Hell leuchten die Kerzen am Weihnachtsbaum, auf den Gesichtern liegt das Glück der Geborgenheit. Und mancher mag noch heute bei diesem Anblick aufseufzen: So könnte es aussehen, das gelungene Leben.

Grundiert von Luthers christlicher Bildungs­ambition und seiner durch Nächstenliebe befeuerten großfamiliären Lebensart, gewannen die Bilder an nahezu auratischer Aussagekraft. Und staunenswert ist es schon, Luthers familiäres Arrangement. Neben den vier Kindern – zwei weitere starben früh – wohnten bis zu zehn Bedienstete und zahlreiche Verwandte im Hause: elf Waisenkinder aus seiner Familie, dazu eine Tante und eine Großnichte seiner Frau, zeitweise auch Hausgäste, durchreisende Theologen, Klosterflüchtlinge, zahlende Studenten. Unter einem Dach vereint, versammelte man sich zu den legendären Tischrunden, mit Essen, Wein und Gesang.

Bürgerliche Innerlichkeit

Luther hatte 1525 geheiratet. Doch knapp vierhundert Jahre später gewann sein Familienmodell neue Attraktivität. Geselligkeit und Zusammenhalt im Rahmen familiärer Zugehörigkeit, das war der Stoff, aus dem sich auch später noch Sehnsüchte und Bedürfnisse nähren ließen. Jedenfalls in der Form, wie Luthers Familie um 1900 wahrgenommen wurde, denn die verklärte Rückschau passte zum Zeitgeist von Romantik und Biedermeier. Passte zur Innerlichkeit, zur Kultivierung häuslicher Intimität, im Kontrast zur bedrohlich empfundenen Industrialisierung und den Umwälzungen des technischen Fortschritts. Eine sich rasant verändernde Welt wurde mit dem familiären Bollwerk beantwortet. Ein emotionaler Paradigmenwechsel kündigte sich an. Je kühler das gesellschaftliche Klima wirkte, desto mehr gewann soziale Nähe an Relevanz. Die Familie schien der ideale Ort dafür zu sein. Eine Gefühlskultur entstand. Ein Gefühlshaushalt gewissermaßen. Im unbehausten Umfeld entstand eine Wärme- und Werteinsel.

Die Werte der Familie, das waren Stabilität, Zusammenhalt, Bildung. Luther wurde aber auch zum Kronzeugen eines patriarchalischen Verständnisses von Familie. Hergeleitet war es von seiner Überzeugung, die wahre christliche Erziehung könne nur durch die Eltern erfolgen, die „Apostel, Bischöfe, Pfarrer“ für ihre Kinder seien. Autoritätsansprüche eingeschlossen. Insofern spiegelte sich auf der Familienebene das theologische Weltbild Luthers wider, die sogenannte Zwei-Reiche-Lehre: Das Reich Gottes sei nicht von dieser Welt, deshalb solle man – sehr verkürzt gesagt – die Politik der Herrschenden akzeptieren. Und so wie diese als verantwortungsvolle Landesväter Gehorsam erwarten dürften, sei auch im Kleinen die Regentschaft der Familienväter unhinterfragbar. Tja. Erst in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts rumorte es dann kräftig in dieser familiären Hierarchie. Eltern, vor allem Väter, wurden in Frage gestellt, das Adjektiv autoritär verkam zum Schimpfwort.

Und wie halten wir es heute mit der Familie? Heiligen wir sie noch wie zu Luthers Zeiten? Spirituell aufgeladen ist unser Familienverständnis ganz gewiss nicht mehr. Doch die inneren Bilder sind immer noch mächtig. So wie die Sehnsucht nach einem befriedeten bürgerlichen Schutzraum, in dem gelebt, geliebt und gelernt wird. In dem eine unverwechselbare Familienkultur den gelungenen Start ins spätere Leben sichert.

Gesellschaftlicher Streitgegenstand

Jeder Entwicklungspsychologe wird bestätigen, dass die ersten Jahre der Kindheit Handlungsmuster, Bindungsverhalten und Interessen verankern. Sei es positiv oder negativ. Davon zeugt die in Deutschland besonders auffällige Abhängigkeit des Bildungserfolgs von Herkunft und sozialem Milieu. Wer in einer prekären, bildungsfernen Familie aufwächst, muss mit einem massiven Handicap rechnen. Noch fängt der Staat nicht auf, was die Eltern versäumen. Aus Gründen wie diesem ist die Familie zum Politikum geworden. Gerechtigkeitsdebatten flammen auf. Hinzu kommen die demografische Wende und das vorhersehbare Debakel des Rentensystems. Da müssen jetzt die Familien ran.


Eine Überlegung wert ist allerdings, ob unsere Vorstellung von der bürgerlichen Familie nicht revidiert werden müsste. Oft ist sie mehr Anspruch als Wirklichkeit, mehr Sehnsucht als erlebbare Realität. Denn mit Bürgerlichkeit wird das klassische Kleinfamilienmodell assoziiert, möglichst im gediegenen Ambiente, mit Flügel und Bücherwand, zu Weihnachten gern ergänzt durch die Großeltern. Bürgerliche Tugenden beschränken sich jedoch nicht auf solch idyllische Inszenierungen. Vielmehr lauten sie Freiheit, Verantwortung, Gemeinsinn. Diese Werte lassen sich auch in neuen Familienkonstellationen verwirklichen. Ob Patchwork oder Alleinerziehende, ob Mehrgenerationenhaushalt oder Kleinfamilie: Entscheidend ist das Bewusstsein, dass Familie mehr sein kann als eine Wohlfühlkulisse für hohe Festtage.


Keine Frage: Eine Renaissance bürgerlicher Werte ist überfällig angesichts eines härter werdenden ökonomischen Konkurrenzkampfs. Die Familie spielt dabei eine kardinale Rolle. Maßgeblich ist das Prinzip Verantwortung. In der Familie verinnerlicht, taugt es später als Ethos der Bürgergesellschaft. Alles andere ist sentimentale Folklore.
Wir sollten die Familie heiligen – in der Form, in der sie nach bestem Wissen und Gewissen zu verwirklichen ist. Das ist ein täglicher Balanceakt. Sie an unerreichbaren Idealen zu messen, wäre verfehlt. Gelungenheit kann auf viele Arten und Weisen entstehen. Die Zeichen stehen günstig. Glaubt man den Trendforschern, nähern wir uns der Epoche des Postmaterialismus – man besinnt sich auf orientierungsstiftende Werte. Nur zu. Denn lange sah es so aus, als ob Hedonismus, Selbstverwirklichung und radikaler Individualismus den im besten Sinne bürgerlichen Familiensinn zerstören könnte. Weihnachten ist ein guter Anlass, solche Konzepte zu überdenken. Es lebe die Familie!

Erschienen in Rotary Magazin 12/2014

Christine Eichel

Dr. Christine Eichel ist Journalistin und Schriftstellerin. Von 2004 bis 2010 leitete sie das Ressort Salon des Magazins „Cicero“. 2012 erschien „Das deutsche Pfarrhaus. Hort des Geistes und der Macht“ (Quadriga) und 2014 „Deutschland, deine Lehrer“ (Blessing).

www.quadriga-verlag.de

Rotary Magazin 12/2016

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