15.05.2014

Bildungsspecial 

Schlecht erzogen und unbeschulbar?

Christine Eichel

Robin wirft mit seinen Stiften herum, Lilli schreibt eine SMS, Kaspar schläft, Delila fetzt sich mit Tamara, Marc schaut ein Pornovideo auf dem Handy – Alltag in deutschen Klassenzimmern. Immer mehr Lehrer verzweifeln, weil sie sich nicht in der Lage sehen, so etwas wie geregelten Unterricht durchzuführen. Kinder und Jugendliche seien zunehmend „unbeschulbar“, klagen sie, und auch die Verantwortlichen sind schon ausgemacht: die Eltern. In vielen Familien würden nicht einmal mehr die einfachsten Regeln eines zivilisierten Umgangs erlernt, geschweige denn die Fähigkeit, sich auf einen Stoff zu konzentrieren und konstruktiv in der Schule mitzuarbeiten.

Kein Wunder, dass einzelne Lehrer mittlerweile Alarm schlagen. So wie jene Harburger Grundschullehrerin, die vor kurzem einen Brandbrief an die Eltern ihrer Schüler schickte, mit schockierenden Details: Prügeleien, Fäkalsprache, Rülpsen gehörten zur Tagesordnung. „Sie denken: Die redet sicher von meinem Nachbarn?“, heißt es in dem Brief. „Falsch: Gehen Sie davon aus, dass ich auch von Ihrem Kind spreche – es gibt nur sehr wenige Ausnahmen!“ Das Verhalten der Kinder sei unerträglich, erklärt die aufgebrachte Lehrerin, die sich außerstande sieht gegenzusteuern. „Sie denken: Wie putzig, das ist ja auch ihr Job? Falsch: Mein Job ist der, Ihre Kinder zum Lernen zu bewegen. Nur fehlen den Kindern die Basics dafür!“

Die Fronten verhärten sich zusehends, denn auch der Empörungspegel der Eltern steigt. Sie mahnen ihrerseits schulische Erziehungsaufgaben an, wenn sie nicht gleich statt ihrer Kinder die Pädagogen erziehen wollen: Als sogenannte Helikoptereltern fliegen sie dann in die Schule ein, bedrängen die Lehrer oder ziehen vor Gericht, um bessere Zensuren auf dem Rechtsweg zu erstreiten.

DIE NEUEN BILDUNGSVERLIERER

Die eigentlichen Leidtragenden dieser hitzigen Debatte sind die Schüler. Sie drohen als Bildungsverlierer spätestens als Erwachsene den Anschluss zu verlieren. Die Daten dazu sind erschreckend. Aktuelle Studien der OECD und der Stiftung Rechnen ergaben: Etwa 20 Prozent der deutschen Schulabgänger können nur einfachste Texte begreifen und kommen über die Grundrechenarten nicht hinaus. Konkret bedeutet dies, dass sie weder die Gebrauchsanleitung für eine Kaffeemaschine, einen Ratenkreditvertrag noch die Funktionsweise eines Fahrkartenautomaten verstehen. Selbst Abiturienten fehlt es an entscheidenden Kompetenzen: 35 Prozent der deutschen Bachelor-Studenten brechen das Studium ab – wegen mangelnder Motivation und Leistungsschwierigkeiten.

Keine Frage: Es gibt akuten Handlungsbedarf, weil sich die gesellschaftlichen Bedingungen familiärer Kultur in einem tiefgreifenden Wandel befinden.  Immer häufiger leben Kinder mit voll berufstätigen Eltern oder alleinerziehenden Müttern zusammen. Oft sind sie weitgehend sich selbst überlassen, lernen keine familiäre Bildung kennen, vermissen enge Bindungen. Hinzu kommt die überproportional gestiegene Mediennutzung, die Allgegenwart von Computern, Tablets und Handys. Erziehung wird in diesem Umfeld zu einer kräftezehrenden Herausforderung, die Eltern kaum noch allein meistern können. Deshalb sollten diese Faktoren Anlass sein, die Rolle der Pädagogen zu überdenken: Was können, was müssen sie heute leisten? Ist das Selbstverständnis der Lehrer noch zeitgemäß? Wie muss sich die Lehrerrolle ändern, damit die oft katastrophalen Verhältnisse im Klassenzimmer adäquat beantwortet werden können?

Das schlechte Image der Lehrer und die Vorwürfe an die Eltern haben bisher jedenfalls nichts weiter ergeben als Ratlosigkeit. Eltern, die es sich leisten können, schicken ihre Kinder in eine Privatschule – in Bayern sind es bereits 14 Prozent der Schüler. Auf der anderen Seite resignieren Lehrer, die neben dem Bildungsauftrag nun auch einen Erziehungsauftrag erfüllen sollen, und sich damit sichtlich überfordert fühlen. Laut der Potsdamer Lehrerstudie sind 60 Prozent der deutschen Pädagogen Burnout-gefährdet. Nur 40 Prozent erreichen die reguläre Pensionsgrenze, hohe Krankenstände sorgen für vermehrten Unterrichtsausfall.

BEISPIEL RÜTLI-SCHULE

Doch beim desolaten Status quo muss es nicht bleiben. Einige wenige Schulen sind inzwischen selbst aktiv geworden. Sie wollten nicht mehr auf sinnvolle Reformen oder auf den perfekten Schüler warten, stattdessen ergriffen sie selbst die Initiative.

Ein eindrucksvolles Beispiel ist die „1. Gemeinschaftsschule“ in Berlin-Neukölln, die vor einigen Jahren unter ihrem alten Namen „Rütli-Schule“ bundesweit für Schlagzeilen sorgte. Viele Schüler waren notorische Schwänzer, Lehrer wurden angepöbelt und bedroht. Respektlosigkeiten und Gewalt nahmen stetig zu, manchmal flog das Mobiliar aus dem Fenster. Heute hat sich das Bild radikal gewandelt. Jedoch nicht, weil die Schüler unter Polizeischutz zu Gehorsam und Disziplin gezwungen wurden, sondern, weil die Schulleiterin Cordula Heckmann eine neue Parole ausgab: Schulkultur ist Beziehungskultur.

Dafür holte man zunächst alle an einen Tisch, Lehrer, Schüler und Eltern – auch jene Eltern, die man als bildungsfern bezeichnet oder die wegen ihres Migrationshintergrunds kaum Deutsch sprachen. Interkulturelle Vermittler, Schulpsychologen und Sozialpädagogen begleiteten das Projekt. Gemeinsam wurden sinnvolle Regeln verhandelt und verbindlich beschlossen. Seither gibt es regelmäßige Elternfrühstücke und ein Elterncafé, für Lehrer sind Hausbesuche vor Beginn des Schuljahrs obligatorisch. Alle werden konsequent eingebunden, man zieht an einem Strang, statt sich zu bekämpfen. So gelang das schier Unmögliche: Frieden zog in die einstige Chaos-Schule ein, mittlerweile gibt es mehr Anmeldungen als Plätze.

Auch Schulen, die nicht an prekären familiären Verhältnissen scheitern, sondern am demonstrativen Desinteresse ihrer Schüler, können aus diesem Beispiel lernen. Forscher so unterschiedlicher Wissenschaftsdisziplinen wie Bindungsforschung, Entwicklungspsychologie und Neurobiologie betonen: keine Bildung ohne Bindung. Nur dort, wo man sich um stabile, vertrauensvolle  Beziehungen bemüht, entstehen Lernerfolge. Nur dann, wenn Lehrer zu solidarischen Coaches werden, mit Empathie und Verantwortungsbewusstsein, lernen Schüler freiwillig, hochmotiviert und frei von störenden Renitenzen.

SOZIALE KOMPETENZ GEFRAGT

Ohne intensive Einbindung der Eltern ist dieses Konzept allerdings nicht umsetzbar. In der Integrierten Gesamtschule Göttingen setzen sich deshalb Lehrer, Eltern und Schüler viermal im Jahr in kleinen Gruppen zusammen und tauschen sich aus. Viele Konflikte können verhindert werden, weil man sich bereits kennt. Die Lehrer dieser Schule sind immer telefonisch erreichbar, während sich andernorts viele Pädagogen ängstlich abschotten. Stolz verweist Schulleiter Wolfgang Vogelsaenger darauf, dass ein ausgeprägter Teamgeist herrsche. Die Schüler zeigen sehr gute Leistungen, Aufsässigkeit und Vandalismus sind unbekannt, die Identifikation mit der Schule ist hoch. Die Lehrer wiederum fühlen sich wohl und sind kaum krank.

Sowohl die ehemalige Rütli-Schule als auch die IGS Göttingen zeigen: Positive Veränderungen sind möglich, wenn engagierte Lehrer und Schulleiter die Eltern mit ins Boot holen. Der Spielraum für Innovationen ist weit größer als angenommen, unter der Voraussetzung, dass nicht in Zuständigkeiten, sondern in Verantwortlichkeiten gedacht wird. Damit verändert sich die Rolle des Lehrers entscheidend. Neben dem Fachwissen sind vor allem sein Einfühlungsvermögen und seine soziale Kompetenz gefragt. Die Mehrarbeit durch Elternkontakte und Hausbesuche, das versichern sie übereinstimmend, werde dadurch aufgewogen, dass der Unterricht in einer harmonischen Atmosphäre ablaufe.
 
Nicht zufällig gehören Länder wie Kanada, wo Elternbeteiligung eine Selbstverständlichkeit ist, zu den PISA-Siegern. Kanadische Eltern begrüßen abwechselnd die Schüler morgens am Schultor, unterstützen die Lehrer, organisieren gemeinsame Stammtische und dürfen Computerplätze in der Schule nutzen. Sie sind willkommen und gehören dazu. Leider haben wir in Deutschland eine andere Tradition. Der Schulpädagoge Prof. Werner Sacher spricht von einer „Erbfeindschaft“, da sich Lehrer seit der Verbeamtung im 19. Jahrhundert eher als Staatsdiener statt als natürliche Verbündete der Eltern betrachteten. Dies ist einer der Gründe, warum Lehrer-Bashing bei uns Volkssport ist, warum man sie als „faule Säcke“ bezeichnet und ihnen vorwirft, ihr unerträglicher Standesdünkel degradiere die Eltern zu Bittstellern, wenn sie Gesprächsbedarf haben.

Noch ist Schule als Ort einer solidarischen Beziehungskultur die Ausnahme. Solange sich Eltern und Lehrer in Frontstellung befinden, wird sich daran kaum etwas ändern. Deshalb ist an der Zeit, endlich abzurüsten und sich zu verbünden – für die Zukunft unserer Kinder.

Erschienen in Rotary Magazin 5/2014

Christine Eichel

Dr. Christine Eichel ist Journalistin und Schriftstellerin. Von 2004 bis 2010 leitete sie das Ressort Salon des Magazins „Cicero“. 2012 erschien „Das deutsche Pfarrhaus. Hort des Geistes und der Macht“ (Quadriga) und 2014 „Deutschland, deine Lehrer“ (Blessing).

www.quadriga-verlag.de

Rotary Magazin 12/2016

Rotary Magazin Heft 12/2016

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