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Unser Luther

Typisch deutsch – und protestantisch

Mit seinen Lehren für den Gottesdienst und den Alltag prägte der Reformator Martin Luther die Deutschen weit mehr als ihnen heute bewusst ist.

Christine Eichel01.10.2016

Obwohl die Reformation, deren Jubiläum 2017 gefeiert wird, volle fünf Jahrhunderte zurückliegt, ist Deutschland immer noch Lutherland. Wenn man fragt, was typisch deutsch ist, entdeckt man Traditionslinien, die staunen lassen. Denn Vieles, was uns charakterisiert – Fleiß, Sparsamkeit, Lesebegeisterung, ein weltweit einzigartiges soziales Netz –, erweist sich als Resultat typisch protestantischer Haltungen.

Nun könnte man einwenden, dass seit dem Zweiten Weltkrieg eine fortschreitende Säkularisierung eingesetzt hat. Wie sollte in einem Land, dessen Bewohner lediglich zu etwa einem Drittel evangelisch sind, eine protestantische Kultur vorherrschen? Und doch sind wir mentalitätsgeschichtlich Nachfahren der reformatorischen Bewegung, die in den folgenden Jahrhunderten eine immense Prägekraft entwickelte, bis zum heutigen Tag.

Begeben wir uns auf eine Zeitreise in das sechzehnte Jahrhundert. Das Jahr 1517 markiert eine identitätsstiftende historische Zäsur für Deutschland. Luthers Thesenanschlag kündigte mehr als eine religiöse Erneuerungsbewegung an: Es leitete einen Mentalitätswandel ein. Die Reformation war, wie wir heute sagen würden, ein ganzheitliches Konzept. Sie beantwortete neben theologischen auch viele weitere Fragen neu, etwa nach dem Verhältnis von Obrigkeit und Gehorsam, Arbeitsethos und Gemeinwohl, Bildung und Sprache, Vernunft und Spiritualität, Gesellschaft und Familie.

Der Alltag als Gottesdienst

Das bedeutete die Abschaffung jedweder kirchlichen Hierarchien. Ohne priesterliche Vermittlung könne jeder Christ der Gnade Gottes teilhaftig werden, befand Luther. Dieser Frontalangriff auf die Papstkirche sorgte für helle Empörung. Luther sprach ihr sowohl die Interpretationshoheit als auch das Erlösungsmonopol ab. Seine Auffassung des Christentums war radikal individuell: Jeder solle die Bibel selbst lesen und auslegen können, jeder solle selbst einen Weg zum gottgefälligen Leben finden. Sein Menschenbild schloss also Freiheit und Mündigkeit ein, religiöse Autonomie war für ihn jedoch keineswegs gleichbedeutend mit moralischer Indifferenz. Das eigene Handeln müsse reflektiert, das Gewissen permanent überprüft werden.

So formte sich ein protestantisches Selbstverständnis, dessen Ideal die verantwortungsvolle, pflichtbewusste Lebensführung war. Dafür gab Luther konkrete Handreichungen. Vor allem in den nach und nach publizierten Tischreden sprach er ausführlich darüber, wie es denn zu halten sei mit der „Verweltlichung“ des Glaubens. Ehe, Familie, Erziehung waren darin kardinale Themen, so wie die Haltung zu Arbeit, Macht und Bildung.

Ein sinnfälliges Beispiel ist sein Verhältnis zum Geld. Für Luther war es ein Synonym teuflischer Verlockungen. Der ersparte Pfennig sei redlicher als der verdiente, meinte er sogar. Deshalb forderte er keine Honorare, weder für seine Predigten noch für die vielen Nachdrucke seiner Bibelübersetzung, die ihn hätten reich machen können. Stattdessen mussten er und seine vielköpfige Familie von einem mageren Professorengehalt leben.

Der ehemalige Mönch, der sich im Kloster in der Tugend der Bedürfnislosigkeit geübt hatte, war dennoch äußerst freigiebig zu Bettlern und lud großzügig Gäste an seine Tafel. Kein Wunder, dass ihn zeitlebens Schulden plagten. Für ihn bedeutete das keine Schmach, ganz im Gegenteil. Sein leidenschaftsloses Verhältnis zum Geld betrachtete er als Zeichen geistiger Freiheit, meinte er doch: „Die Sorge darum, wie man sein Geld erhält, ist die schrecklichste Knechtschaft.“ Ein guter Christ müsse arm sein: „Dieser Unterschied ist von Christus gemacht, dass die Frommen nur einen Brocken an leiblichen Dingen in dieser Welt haben und den vollen und ganzen Segen an allen geistlichen Dingen Gottes in jenem Leben, dass die Gottlosen aber alle Fülle an Dingen in dieser Welt haben, aber im ewigen Leben nichts.“ Damit grenzte er sich deutlich von Reformator Johannes Calvin ab, der im finanziellen Erfolg einen Beweis dafür sah, von Gott erwählt zu sein.

Reisen wir zurück in die Gegenwart und schauen uns unser heutiges Verhältnis zum Geld an. Ein gut gefülltes Bankkonto wird wohl kaum mit der Angst vor göttlichen Strafen in Verbindung gebracht. Aber dass Geld den Charakter verderbe, ist ein gängiger deutscher Spruch. Deshalb redet man hierzulande ungern darüber, während man in den calvinistisch geprägten USA bereits beim ersten Drink gefragt wird, wieviel man verdient. Je mehr, desto besser natürlich. Ganz anders in Deutschland. Einkommen und Besitz gelten als die am besten gehüteten Geheimnisse überhaupt. Geprahlt wird schon gar nicht. Wirtschaftspsychologe Florian Becker mahnt jedenfalls zur Vorsicht beim Kollegengespräch übers Einkommen: „In Deutschland ist es ratsam, beim Thema Gehalt eher zu untertreiben. Das wirkt sehr viel sympathischer.“

Das Verhältnis zum Geld
Auch Politiker tun gut daran, bloß nicht über Geld zu sprechen. Als sich Kanzlerkandidat Peer Steinbrück vor Jahren darüber beschwerte, das Kanzlergehalt sei zu niedrig, erntete er erbitterte Entrüstung. Und als er auch noch bekannte, ein Pinot Grigio unter fünf Euro komme ihm nicht ins Glas, schrie die Nation auf. Merke: Wer unter Luxusverdacht gerät, ist politisch nicht erwünscht, wer auch nur den leisesten Anschein von Geldgier ruchbar werden lässt, wird als untauglich für politische Ämter betrachtet. Ein Donald Trump hätte deshalb keine Chance in Deutschland. Im calvinistisch gefärbten Amerika hingegen bewundern ihn viele, weil immer noch die Überzeugung nachklingt, ökonomischer Erfolg sei ein Beweis göttlichen Wohlgefallens.

Die protestantische Sicht aufs Geld wird auch beim Umgang damit deutlich. Dass die Deutschen nach wie vor Sparweltmeister sind, obwohl Sparen heute mit Geldverlust einhergeht und demnächst sogar Strafzinsen für geparktes Geld fällig werden, ist ebenfalls Luther zu verdanken. So wie die Tatsache, dass die Deutschen Aktien misstrauen. Der Reformator verteufelte die Kuxe – Anteilsscheine an Bergwerken, die Aktien seiner Zeit –, weil er anstrengungslose Geldvermehrung für sittenwidrig hielt. Auch jede Art der Spekulation war ihm zuwider. Für jene Bauern, die in der Hoffnung auf steigende Preise ihr Getreide unter Verschluss hielten, forderte er harte Strafen.

Christine Eichel

Dr. Christine Eichel ist Journalistin und Schriftstellerin. Von 2004 bis 2010 leitete sie das Ressort Salon des Magazins „Cicero“. 2012 erschien „Das deutsche Pfarrhaus. Hort des Geistes und der Macht“ (Quadriga) und 2014 „Deutschland, deine Lehrer“ (Blessing).

www.quadriga-verlag.de