Rotarische Grundprinzipien - Quo vadis, Rotary?

Die neu gestaltete Startseite von „rotary.org“ © Foto: Rotary

01.04.2017

Rotarische Grundprinzipien 

Quo vadis, Rotary?

Joachim Reuter

Freundeskreis oder Global Player für die gute Sache? Kritische Nachfragen an das Selbstverständnis unserer Organisation.

Rotary International hat eine neu gestaltete Homepage. Eindrucksvoll zeigt sie, wie rotarische Projekte weltweit segensreich wirken im Rahmen der strategischen Schwerpunktbereiche. Eindrucksvoll ist vor allem der nun bereits 30 Jahre währende Kampf gegen die Kinderlähmung im Rahmen der Global Polio Eradication Initiative (GPEI) gemeinsam mit WHO und der Bill & Melinda Gates Foundation, unterstützt durch viele andere gemeinnützige Institutionen. Das vermiedene Leid durch Reduzierung der jährlichen Neuerkrankungen an Polio von 350.000 im Jahre 1988 auf weltweit 37 Neuerkrankungen in 2016 ist kaum zu ermessen. Das ist unser Rotary.

Unser aller Rotary ist auch die segensreiche Tätigkeit der Clubs und ihrer Mitglieder in ihren eigenen Projekten. Das sind oft auch Hands-on-Projekte auf internationaler Ebene und im eigenen kommunalen Umfeld – zumeist im Stillen, für die Beteiligten dadurch aber gleichermaßen berührend. Auch wenn die Öffentlichkeitswirkung dieser Projekte oft auf das eigene Umfeld beschränkt ist, sind sie in der Summe weltweit nicht weniger wirksam in der Unterstützung der Ärmsten und der Benachteiligten sowie der Unterstützung förderungswürdiger junger Menschen.

Rotarische Grundprinzipien
Rotary will nach Aussage eines Past Präsidenten die dynamischste und erfolgreichste Service-Organisation der Welt werden. Die neue Homepage plädiert praktisch auf jeder Seite für Spenden. „Give!“ ist die überall ins Auge fallende Aufforderung. War das nicht früher „Serve“? Hat sich etwas geändert?

Rotary hat, wenn man von den Ursprüngen ausgeht, die Wertegemeinschaft vorangestellt. Wir haben die Vier-Fragen-Probe, um eigene Verhaltensweisen im Club sowie im Privat- und Berufsleben zu orientieren. Außerdem gibt es die „Principles“. Es waren derer acht, die auf fünf reduziert wurden (siehe rechts). Das fünfte, das die zu starke Verquickung beruflicher Interessen mit der rotarischen Tätigkeit vermeiden sollte („Not seek special business or professional advantages from other Rotarians“), ist kürzlich entfallen; vielleicht passte es nicht mehr, um effektivste Service-Organisation der Welt zu werden mit entsprechendem Mitgliederwachstum.

Eine Frage der Integrität
Vor wenigen Tagen erwähnte die FAZ einen demnächst im „Journal of Political Economy“ erscheinenden Bericht über die Wirtschaftsbeziehungen von Vertretern von Elite-Netzwerken wie z.B. Lions und Rotary: Unternehmen und Banken, deren Vertreter Mitglieder dieser Netzwerke seien, hätten besonders enge Kreditbeziehungen; das habe negative wirtschaftliche Folgen. Ein Vertreter Rotarys bezeichnete das gegenüber den Verfassern als absolut abwegig, und hat damit das fünfte Prinzip quasi wieder reaktiviert, es gilt noch.

Das wichtigste Prinzip ist das erste, es lautet im Original: „I act with integrity and high ethical standards in my personal and professional life.“ Ein gutes Prinzip, das sicher jeder unterstützt und wahre Rotarier für sich gelten lassen. Es wurde von Rotary offiziell wie folgt ins Deutsche übersetzt: „Ich folge privat und beruflich meinen (sic!) moralischen Grundsätzen.“

Dass diese Übersetzung, auf deren Änderung derzeit der Deutsche Governorrat hinwirkt, in die Irre führt, möge folgendes Beispiel zeigen. Stellen wir uns vor, ein Rotarier, Topmanager eines Großkonzerns, wird in einem Verfahren wegen Korruptionsexzessen von der Staatsanwaltschaft gefragt, ob auch er Gelder für Bestechungszwecke in die Hand genommen hat. Seine Antwort war: In diesen unangenehmen Fällen habe er sich dadurch aus der Schlinge gezogen, dass er dies an jemand anderen delegiert habe. Er hat also nach seinen eigenen moralischen Grundsätzen gehandelt. Der wie vorstehend formulierte Grundsatz würde also auch mangelnde Fähigkeit zu Unrechtsbewusstsein decken.


Als Mitglied von Rotary befolge ich diese Prinzipien:

  1. Ich folge privat und beruflich meinen moralischen Grundsätzen.
  2. Ich verhalte mich stets fair gegenüber anderen und bringe ihnen und ihren Berufen Respekt entgegen.
  3. Ich setze meine beruflichen Fähigkeiten zur Förderung junger Menschen, zur Unterstützung Hilfsbedürftiger und zur Verbesserung von Lebensumständen anderer Menschen ein, zuhause und weltweit.
  4. Ich werde mich so verhalten, dass ich nicht das Ansehen von Rotary und anderen Rotariern beeinträchtige.

Im Jahre 2019 tagt wieder der Council on Legislation (CoL), also jenes rotarische Parlament, das Satzungsbestimmungen ändern und Beschlüsse des Board of Directors beantragen kann. Der letzte CoL trat 2016 zusammen. Schon als dieser vorbereitet wurde, bestand das dringende Bedürfnis, die Tendenzen zur Zentralisierung und zur Ausweitung des Aufwands in der Verwaltung zu bremsen. So  gab es einen von mehreren deutschen und französischen Distrikten unterstützten Antrag, den Board-Direktoren mehr Zuständigkeit bei der Umsetzung der Strategie von RI in ihren jeweiligen Zonen zu gewähren.

Dadurch sollte die Kultur einzelner Regionen stärker berücksichtigt werden, die – ohne dies zu bewerten – nicht überall der amerikanischen oder asiatischen gleich sein muss. Jeweilige Steuergesetze sowie Denk- und Verhaltenskulturen sollten mehr Gewicht erlangen. Auch die Verringerung des Verwaltungsaufwandes bei der Durchführung von Grant-Projekten sowie Vorgehensweisen zur Förderung der Mitgliederentwicklung und der Spendenbereitschaft sollten davon profitieren. Der Antrag wurde nicht zur Vorlage im CoL zugelassen mit der Begründung, dass die Neuformulierung zu unbestimmt und daher deren Erfüllung nicht messbar und einer „Administration“ nicht zugänglich seien. Rotarys höchste Prinzipien seit über 100 Jahren sind aber keine quantitativen, sondern vor allem qualitative. Es mag ja sein, dass dies für Mitgliederwachstum und Wachstum des Spendenvolumens hinderlich sein kann. Was aber ist wichtiger, um in der heutigen Zeit in Clubs und Distrikten weltweit ein Vorbild zu sein?

Qualität vor Quantität
Internationale Konzerne erkennen zunehmend, dass sie nicht nur nach Rendite und Wachstum steuern dürfen, sondern qualitative Ziele – Werte – berücksichtigen müssen, und zwar nicht nur optisch durch Formulierung von Regeln der Corporate Social Responsibility (CSR), sondern auch faktisch, indem sie sich der CSR, und zwar Top Down, verpflichtet fühlen. Rotary darf nicht den umgekehrten Weg gehen, weg von qualitativen Werten und hin zu quantitativen. Es muss sich zu allererst ethischen und moralischen Werten verpflichtet fühlen und quantitative Ziele diesen unterordnen; das muss keineswegs Spendenbereitschaft und Werbung von wertebewussten Mitgliedern beeinträchtigen.

Rotary International ist ohne seine 35.000 Clubs in der Welt nichts. Für die Clubs und Distrikte bedeutet das zugleich eine Verpflichtung: Wir haben Fehlentwicklungen zu erkennen, anzusprechen und Änderungen vorzuschlagen und notfalls darum auch unter Beachtung der rotarischen Vier-Fragen-Probe zu streiten. Clubs, Distrikte oder Mandatsträger, die dies tun, können schwerlich als Feinde in den eigenen Reihen gesehen werden. Rotary braucht Vielfalt, die für bestimmte Entscheidungen im Interesse kultureller Besonderheiten der weltweiten Einheitlichkeit Grenzen setzt.

Erschienen in Rotary Magazin 4/2017

Joachim Reuter
Dr. Joachim Reuter (RC Kamp-Lintfort/Grafschaft Moers) war im rotarischen Jahr 2013/14Governor des Distrikts 1870 und ist Autor mehrerer Schriften
zum Thema Ethik.

Rotary Magazin 12/2017

Rotary Magazin Heft 12/2017

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