12.11.2012

Kriechströme, die Europa zusammenführen

Spediteure, Billigflieger und andere Europäer

Karl Schlögel

Europe now“ – das klingt wie: Jetzt erst recht! Das ist mir sympathisch. Ich fühle mich aufgefordert, im allgemeinen Krisengerede dagegenzuhalten, nicht einzustimmen in das Wehklagen, das doch zu spät kommt und allzu wohlfeil ist. Europa gibt es wirklich, es muss nicht – auch wenn mit den besten Absichten – erst ausgedacht werden.

Dieses Europa ist weiter als die Euro-Zone, seine Grenzen verlaufen nicht einmal entlang der Schengen-Staaten. Die Europäer blickten beim Eurovision-Song-Contest 2012 sogar auf den Crystal Palace, der in Baku in die Bay des Kaspischen Meeres hinausgebaut wurde, und bekamen so mit, wie es um Architektur, Land und Leute, Menschen- und Bürgerrechte an dieser anderen Grenze Europas steht. Fans aus vielen europäischen Ländern waren bei der Fußball-Europameisterschaft zu Zehntausenden unterwegs, wohin sie keine noch so raffinierte Aufklärungsveranstaltung gebracht hätte: So haben sie einen Eindruck bekommen von Charkiv und Donezk, aber auch von der alten Metropole Galiziens Lemberg, von Kiew, der „Stadt der Städte“, oder von Boomtown Warschau.

Europäische Ereignisse

Man könnte das Gleiche auch von den Olympischen Spielen in London sagen, dieser gelungenen Show in einer großartigen Stadt, die etwas sagte über die inspirierende und zusammenschließende Kraft der Kultur, die Menschen – über Europa hinaus – zusammenbringt in Zeiten der Krise und der Not. Aber es geht hier gar nicht um das Aufzählen von Highlights, sondern darum gewahr zu werden, dass es europäische Ereignisse gibt, auch wenn sie nichts mit dem Europa-Diskurs im engeren Sinn zu tun haben. Diese Ereignisse stärken oder schwächen den Zusammenhalt der Europäer.

Man könnte hier weitere „europäische Ereignisse“ von Rang hinzufügen: dass sich nach Jahren der Stille, des Rückzugs in Moskau und anderen russischen Städten „die Gesellschaft“ zurückgemeldet hat, einfallsreich, hartnäckig, ihrer Sache sicher. Die Kundgebungen und Spaziergänge wie die Reaktion auf die Prozesse gegen die Frauen von Pussy Riot sind Ereignisse, die etwas mit der Bildung einer europäischen Öffentlichkeit zu tun haben, auch wenn sie sich außerhalb des Europa-Diskurses abgespielt haben. Europa ist auch dort.

Das gilt noch viel mehr für die Studenten. Sie kursieren zwischen der Humboldt-Universität in Berlin oder der Frankfurter Viadrina und den Universitäten in Krakau, Bergen und Salamanca – die Wiederaufnahme der peregrinatio academica aus dem frühneuzeitlichen Europa. Es handelt sich mittlerweile um Hunderttausende von Erasmus-Studenten, die Jahr für Jahr zirkulieren und die, wenn sie schon keine Scheine erwerben, so doch lebensweltlich oft Wichtigeres mit nach Haus bringen: Sprachkenntnisse, Freundschaften, Ehepartner. Es gibt nahezu niemanden von den jungen Leuten, der nicht vertraut wäre mit dem Netzwerk und den Möglichkeiten der Billigfliegerei: Ryan Air, Wizzair, Easyjet und viele regionale Fluglinien haben ein Netz entstehen lassen, das die Karte Europas und die mental maps in unseren Köpfen dauerhaft verändern. Man kann darüber natürlich lächeln oder spotten, dass die Söhne der britischen Arbeiterklasse, die in Riga oder Tallinn gelandet sind, nicht einmal wissen, wo sie angekommen sind. Aber irgendwie bleibt doch etwas hängen, und wenn es – neben vielem anderen – nur die Erfahrung von der Grenzenlosigkeit des einen Kontinents ist.

Diese Fluglinien gibt es nicht aus pädagogischer, sondern kommerzieller Absicht. Sie bringen einen Gewinn, offenbar für beide Seiten, die Unternehmen und die Kunden. Sie fliegen, wenn Nachfrage besteht, sie werden eingestellt, wenn kein Bedarf vorhanden ist. Eine Analyse des Streckennetzes der letzten zehn bis zwanzig Jahre gäbe uns Auskunft über die attraktivsten Destinationen und über Orte, die wieder in Bedeutungslosigkeit zurückfallen. Ein ziemlich guter Indikator für die Neuvermessung Europas. Die neuen Destinationen in der Ukraine, die man von München aus erreichen kann, sagen etwas darüber, dass die geschäftlichen Beziehungen florieren. Erstaunt nimmt man zur Kenntnis, dass die Busse von München-Hackerbrücke nach Breslau und Lemberg im Sommer zwei Wochen im Voraus ausgebucht sind, offenbar sind Schlesien und Galizien im Kommen. Die Billigflieger haben Europa irreversibel verändert. Sie haben dafür gesorgt, dass Hunderttausende von Polen zwischen den englischen Midlands und Danzig, Posen, Lodsch und Warschau pendeln und neue transnationale Allianzen wachsen. Die Besiedlung ganzer Landstriche ist durch sie in Gang gesetzt worden: die englischen und holländischen Rentner, die im Winter an die spanischen oder bulgarischen Küsten ziehen; oder die Toskana-Fraktions-Generation, die sich aus Berlin und Köln bis kurz vor Siena oder Perugia fliegen lässt. Die Urlaubszonen sind europäische Zonen par excellence geworden: im Sand der Strände, wo der Mensch nur Mensch ist, kommen die Europäer sich näher, so war es schon in Zeiten des Kalten Krieges an der kroatischen Küste und an den Ufern des Balaton, und so ist es heute erst recht in Antalya und auf Teneriffa, wo die russische und ukrainische Kundschaft der deutschen längst Konkurrenz macht, im Kampf der Geschlechter und auf dem Immobilienmarkt.

Der Kultur- und Kunstbetrieb hat die ästhetischen Konjunkturen und Moden synchronisiert. Wer sich in den Museen, Festivals, Galerien bewegt, bewegt sich in einem Kontinuum des Immerschonbekannten und Immerwiederneuen. Europäisiert und synchronisiert werden die Jubiläen, die Festivals, die Jahrestage: ob 1. September, Oktoberfeste, der 100. Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs, D-Day, 22. Juni und vielleicht noch der 1. Mai. Europäische Museen, europäische Erinnerungsorte, europäische Kulturhauptstädte – wir sind immer eingebettet. Oder sollten wir sagen: Wir entkommen der integralen europäischen Kultur nicht mehr. Aber von dieser intakten, funktionierenden Europäizität spricht man nicht, weil sie immer schon vorausgesetzt wird und gar nicht der Rede wert ist.

Motor der Einigung

Das gilt im selben Maße für das tagtäglich, wöchentlich, monatlich und Jahr für Jahr aufs neue verfertigte Europa des Verkehrs, des Austausches von Gütern, Personen und Ideen. Man muss sich nur für einen Augenblick vorstellen, was geschieht, wenn die Verkehrsströme, die Europa zusammenhalten und zusammenschweißen, für einen Augenblick, sagen wir für eine Woche, angehalten würden. Das wäre ein Moment des Ausnahmezustandes, in dem die ganze Tragweite jener still funktionierenden Routinen und Praktiken ins Bewusstsein rückte. Der europäische Alltag wird aber von jenen Routinen und Praktiken konstituiert, und dann auch von den Wahlen, Parlamenten, Kommissionen und dort verabschiedeten Beschlüssen. Die longue durée der Routinen und der sie verkörpernden Infrastrukturen ist „making Europe“ in Permanenz. Kein Europa ohne Spediteure, keine europäische Kultur des 19. Jahrhunderts ohne Eisenbahn, und keine europäische Kultur des 21. Jahrhunderts ohne Low-Budget-Flyer und Internet. Überall entstehen neue Achsen, neue metropolitan corridors, neue hubs – auch und trotz der Krise. Die Kommissionsmitglieder, die in der Meisterung der Euro-Krise versagen, besteigen nach ihrer Sitzung den TGV, der sie in einer oder drei Stunden zurück nach Amsterdam oder Paris bringt. Die Ware, die von Rotterdam nach Moskau befördert wird, trifft „just in time“ ein, trotz des harten Schlagabtausches zwischen NATO und Russland wegen des geplanten Raketenschutzschildes. Daher wäre die Verschmelzung von russischen und europäischen Eisenbahnstrecken – die fällige Angleichung von Schmal- und Breitspur – ein geradezu epochaler Fortschritt, weitaus bedeutsamer als alle NATO-Erweiterung, von der niemand weiß, wofür und wogegen sie eigentlich noch gerichtet sein soll.

Veränderte Geographie

Neue Korridore verzahnen Länder und lassen Städte zu Nachbarstädten werden: Paris–Köln, Paris–London, Mailand–Rom, Wien–Budapest, Berlin–Warschau. Die transeuropäischen Netzwerke sind vor vielen Jahren von Brüsseler und Straßburger Europäern vorausschauend geplant worden. Die Geographie von Nähe und Ferne ist in Bewegung geraten: Meisterwerke der Ingenieurkunst wie die Brücke zwischen Kopenhagen und Malmö, der Sankt-Gotthard-Tunnel, die Brücken über die Dardanellen sind wie Scharniere und Klammern, die Europa fester denn je zusammenbringen. Und es funktioniert offensichtlich.

 


 

Der Beitrag ist die leicht überarbeitete Fassung eines Vortrags zur Eröffnung des Internationalen Literaturfestivals in Berlin am 14.September 2012.

Erschienen in Rotary Magazin 11/2012

Karl Schlögel
Prof. Dr. Karl Schlögel ist Professor für Osteuropäische Geschichte an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder). Zu seinen zahlreichen Büchern gehören u. a. „Berlin – Ostbahnhof Europas. Russen und Deutsche in ihrem Jahrhundert“ (1998), „Die Mitte liegt ostwärts. Europa im Übergang“ (2002) und zuletzt „Terror und Traum. Moskau 1937“ (2008). www.kuwi.europa-uni.de

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