15.10.2014

Debatte 

Tierrechte sind kein Naturgesetz

Jochen Borchert

Obwohl die Jagd die älteste Art der Nahrungsbeschaffung des Menschen ist, steht sie in jüngster Zeit unter massivem Druck. Die Beiträge des Titelthemas im Oktober setzen sich mit der Kritik der Tierschützer auseinander. Sie erläutern, warum Jagd notwendig ist, und hinterfragen zugleich, was sich an der traditionellen Art des Jagens ändern muss, damit das Waidwerk eine Zukunft hat.

Die Diskussion um sogenannte Tierrechte hat Konjunktur. Geprägt wird der Disput leider allzu oft von jener Unversöhnlichkeit, die einen sinnvollen, ergebnisorientierten Dialog unmöglich macht. Diskutiert wird zudem meist auf allzu emotionaler Ebene – leider auch von vielen Jägern, die sich unnötig in eine Enge treiben lassen, in der rationale Argumente kaum noch verfangen.


Im Kern streiten die Kontrahenten nicht um Tierrechte, sondern um die Natur der Schöpfung. Darüber, ob Geschöpfe das Recht haben, einander Gewalt anzutun, einander zu töten. Wahr ist wohl, dass der Mensch die einzige Kreatur ist, die fähig scheint, sich solche Fragen überhaupt zu stellen. Genau diese Fähigkeit zu scheinbar höheren Einsicht wird nun zur Verpflichtung, dieser auch zu folgen. Zum Ende gedacht eine höchst fragwürdige Logik, die Regeln der Natur leugnen will.


Wer mag, kann es sich leicht machen und darauf verweisen, dass auch Tiere Kriege führen, zumal im Reich der Insekten. Er kann sich damit über die eigenen Gewissensbisse trösten, dass Tiere ihre Beute meist weit grausamer jagen als es die Kultur der Waidgerechtigkeit dem Jäger erlaubt. Bis hin zur Hauskatze, die sich am Spiel mit bereits todgeweihten Mäusen ergötzt. Und bis hin zu Wespenarten, die ihren Beutetieren die Beine abbeißen, um diese bis zum Verzehr an der Flucht zu hindern und gleichzeitig frisch zu halten.


Es sind solche Grausamkeiten, die wohl nur der Homo sapiens überhaupt als solche wahrnimmt. Man könnte sogar darüber streiten, ob diese Spezies Mensch schon längst begonnen hat, ihre eigene Überlebensfähigkeit zu mindern, wenn selbst Vernichtungskampagnen gegen krankheitsübertragende Insekten kritisch hinterfragt werden. Wenn Lebensrecht und Überlebensrecht mit einem Mal als konkurrierende Prinzipien erscheinen.


Die Vorstellung von einer Gesellschaft die das Rattengift ächtet und Heuschreckenplagen wehrlos hinnimmt, scheint fast schon greifbar. Eine Gesellschaft, die wachsende Armut selbst in reichen Ländern beklagt und zugleich Millionen ausgeben will, um Nutztiere vor wieder angesiedelten Raubtieren zu schützen, muss zugleich ihre Menschlichkeit hinterfragen. Und nachdenken, was so manche Form der Tierliebe der Natur an Schaden zufügt. Von den durch Menschenhand zur Überpopulation gehätschelten Hauskatzen, die an den Artenschutz keinen Gedanken verschwenden, wenn sie Singvögel jagen (wie es wohl ihre Natur ist) bis zu den Krähen, die den Junghasen die Augen aushacken und so manchen Tierfreunden dennoch als total schützenswert erscheinen.


Zum Ende gedacht, bedeutet der konsequent durchgesetzte Anspruch der ins Absolute überhöhten Tierrechte den Verzicht auf Menschenrechte, die es im Tierreich ohnehin nie geben kann und geben wird. Die Verfechter der Illusion von einer sich selbst überlassenen Natur, in der sich angeblich alles von alleine zum Besten regelt, werden schnell auch an ethische Grenzen geraten: Vom Verzicht auf Arzneimittelforschung bis zur Akzeptanz des Hungertodes – auch unter Menschen.


Entlarvende Forderungen

Die Tierrechte-Diskussion hat unter Jägern schon begonnen, als diese in der breiten Öffentlichkeit noch ein Außenseiter-Thema war. Wir Jäger sollten die Werte der Waidgerechtigkeit und Nachhaltigkeit offensiv vertreten gegen Schmähkritik und Unwissenheit. Wir haben dabei allen Grund, auch von der Gesamtgesellschaft im Umgang mit Natur und Kreatur jene Werte einzufordern, die unseren über viele Generationen gewachsenen und bewährten Prinzipien genügen. Und die nicht nur kurzfristigen Mode-Trends folgen.


Entlarvend für die meist oberflächliche Natur der Tierrechte-Debatte ist zum Beispiel die Forderung, Tierarten aus dem Jagdrecht zu entlassen. In Wahrheit sind dort zahlreiche Arten enthalten, die seit Jahrzehnten oder gar seit Generationen nicht mehr geschossen, sondern von den Jägern ganzjährig geschont werden. In solchen Fällen wird das Jagdrecht zum praktizierten Artenschutz – oft genug deutlich wirksamer als jagdfremde Schutzverordnungen, die das Aussterben in der Praxis oft genug nicht aufhalten.


Wahr ist, dass den Jägern anvertraute Kreaturen nicht nur durch Verordnungen und Gesetze geschützt werden, sondern auch durch aktive Hege und Pflege. Das gilt auch für von der Jagd verschonte Arten, etwa für das Auer- und Birkwild, dessen Wiederansiedlung in Deutschland maßgeblich von den Jägern mitgetragen wird. Sicher auch in der Hoffnung, eines Tages wieder auf den Spielhahn oder gar den Auerhahn waidwerken zu dürfen, obwohl unsere Zivilisation diesen Vögeln ihren Lebensraum immer mehr verengt und auch mit Abgasen vergiftet hat.


So wie der Mensch die Winterweide des Rotwilds in den Tälern zersiedelt hat, macht er ihnen heute auch ihre letzten Zufluchtsgebiete in den Höhenlagen streitig im Gefolge des Massen-Wintersports mit immer mehr Liftanlagen und Pisten. Die Frage, ob der Rest der Menschheit nicht weit mehr Tiere auf dem Gewissen hat als die gesamte Jägerschaft ist unbequem, aber sie muss ebenso gestellt werden wie die Frage, was die große Masse der passiven Tierfreunde tatsächlich für den Tierschutz unternimmt.


Wenn wir Tierrechte in ihrer radikalen Form tatsächlich ernst nehmen, müssen wir dann nicht auch diskutieren, ob Vegetarier Schuld auf sich laden, weil der Ackerbau massenhaft Bodengetier vernichtet und verstümmelt? Wir werden irgendwann erleben, dass die Frage gestellt wird, ob der Mensch Bäume fällen darf, die doch zugleich Lebensraum für Mitgeschöpfe sind – und Insektennahrung, wenn sie ungenützt verrotten. Und die Schafe werden im Sommer schwitzen, weil wir ihnen das Scheren nicht zumuten wollen und Kleidung aus tierischer Produktion verteufelt haben.


Die Versuchung, solche Zuspitzung als Lächerlichkeit abzutun, ist kurzsichtig: Längst ist die einschlägige Debatte auf diesem Holzweg und so manche Wortführer sind zugleich einander nicht grün, schon gar nicht im Konkurrenzkampf um Spendengelder. Dass Lächerlichkeit droht, die auch höchst sinnvolle Anliegen des Tierschutzes in Misskredit bringt, wird billigend hingenommen im blinden Vertrauen, dass der kurzfristige Beifall einer immer breiteren Öffentlichkeit auch dann anhalten wird, wenn der Durchschnittsbürger Opfer bringen müsste, die gelegentliche Geldspenden an die Tierschutzbranche übersteigen.


Lebenslügen der Kritiker

Was im Zweifel aber immer zieht, wenn die Diskussion sich gründlich verrannt hat, sind gezielte Schuldzuweisungen an einzelne Gruppen. Im konkreten Fall bieten sich hierzu idealtypisch die Jäger an. Sie stören den Alleinvertretungsanspruch in Natur- und Tierschutzfragen, nicht zuletzt auch durch große eigene Sachkunde. Sie sind in der Lage, auch derzeitig gängige Natur- und Tierschutzparadigmen zu hinterfragen. Aber sie lassen sich zugleich ohne große Mühe als typische Täter beim Verstoß gegen vermeintliche Tierrechte verorten. Und sie erscheinen zunehmend wehrlos, weil sie längst versuchen, den eigentlichen Zweck ihres Tuns zu verschleiern: Wer verschweigt, dass die Jagd auch Freude macht und Wildbret sehr fein schmeckt, hat schon verloren. Und das Wild regulieren dann die frei laufenden Haushunde, denen niemand humanes Verhalten beigebracht hat


Oder wir hängen im Zeitgeist-Trend verbissen an Lebenslügen wie der Mär vom „jagdbefreiten“ schweizerischen Kanton Genf. Dort stellen nun tatsächlich mit Steuergeld bezahlte, staatliche Wildhüter den Tieren nach, die sich ganz offenbar nicht an die Theorie der Selbstregulierung halten. So wie staatsfinanzierte Kommandos die Wildgänse in den Niederlanden vergasen, weil sie zur Landplage werden, seit die Gänsejagd dort strengstens beschränkt wurde. Noch sind Gänse wenigstens für uns Jäger keine Schädlinge, sondern ein begehrter Sonntagsbraten und ein wunderbarer Anblick.


Die Jägerstiftung natur + mensch
Für den Einklang von Naturschutz und Naturnutzung

 Seit dem Jahr 2005 repräsentiert die „Jägerstiftung natur+mensch“ in besonderer Weise das gesellschaftliche Engagement der Jägerschaft, die sich vielfach in die Projekte der Stiftung einbringt und Beiträge zur Finanzierung leistet.


Die Stiftung ist getragen von dem Grundgedanken, dass Naturschutz und Naturnutzung nicht getrennt voneinander betrachtet werden dürfen. Angesichts knapper werdender Ressourcen kann ein Naturschutz, der die Nutzung aus der Betrachtung ausklammert, nur sehr begrenzt Wirkung entfalten.


Die Jägerstiftung entwickelt ihre Projekte im Dialog mit der Jägerschaft und anderen Naturnutzergruppen. Darin sieht sie ihre Stärke. Der Vorsitzende der Stiftung und Ehrenpräsident des Deutschen Jagdverbandes, Jochen Borchert, betont: „Fragen und Probleme rund um die Jagd greifen wir auf, die nicht unbedingt nur mit neuen Gesetzen geregelt werden sollten, sondern durch das eigenverantwortliche und ethische Verhalten der Jäger in Zusammenarbeit mit allen anderen Naturnutzern, den Landwirten, Grundeigentümern, Förstern, Fischern, Imkern und allen, die die Natur lieben und schützen wollen. Darauf sind die Projekte der Jägerstiftung ausgerichtet.“


Vielfältige Projekte wie der Lernort-Natur-Koffer, der Waldrucksack, der Förderpreis Wildtierfreundliche Landwirtschaft, aber auch das Projekt Wald, Wild, Biologische Vielfalt sind Ausdruckskraft der intensiven Arbeit der Jägerstiftung. Seit Sommer 2012 bietet die Kommunikationsinitiative „Natürlich Jagd“ zudem eine Plattform, um Themen rund um den ländlichen Raum an die breite Öffentlichkeit zu vermitteln. Tagesaktuell und multimedial ist „Natürlich Jagd“ neben den Verbänden und zahlreichen Interessenvertretern eine zweite Kommunikationsschiene für den ländlichen Raum und bietet ein starkes und informatives Netzwerk. Die Projekte der Jägerstiftung finanzieren sich zum größten Teil aus Spenden der Jägerschaft.
 
Info: www.jaegerstiftung.de

Erschienen in Rotary Magazin 10/2014

Jochen Borchert
Jochen Borchert (RC Bochum-Hellweg) war von 1993 bis 1998 Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten. Von 2004 bis 2011 war er Präsident des Deutschen Jagdschutz-Verbandes (heute Deutscher Jagdverband). Er ist Vorsitzender der Jägerstiftung natur+mensch.

Rotary Magazin 12/2016

Rotary Magazin Heft 12/2016

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