01.03.2017

Titelthema: Abschied von der Weltpolitik

Was die Welt zusammenhält – und warum sie auseinanderbricht

Ulrich Menzel

Obwohl der Bedarf nach Weltordnung wächst, schwindet die Fähigkeit, diesen Bedarf zu bedienen. Über die Ursachen und Folgen der gegenwärtigen Entwicklung

Die Welt driftet auseinander und wird unregierbar. Die Stichworte dieses seit Jahren zu konstatierenden Trends lauten: Krieg in der Ukraine, Griechenland-Krise, Krieg und Staatszerfall in Irak und Syrien, Ausbreitung terroristischer Organisationen und des organisierten Verbrechens, neue Völkerwanderung, Restauration des sowjetischen Raums, Rückkehr des Rüstungswettlaufs, Krise der EU, „Brexit“, Trump.

Überforderte Institutionen
Ein Problem verdrängt das andere, ohne dass nur eines gelöst ist. Es ist sicher, dass diese Themen in den nächsten Jahren wei­ter auf der Agenda stehen mit der Konsequenz, dass die bestehenden Institutionen überfordert und die USA nicht mehr bereit sind, allein die Lasten einer Ordnungsmacht zu tragen. Obwohl Europa mehr Verantwor­tung übernehmen müsste, wird sich der Trend zur Selbsthilfe statt des Ver­trauens in die EU verstärken und Deutschland in die ungewollte Rolle des Euro-­Hegemons drängen, will es deren Zusammenhalt be­wahren.

Verantwortlich für das düstere Szenario sind langfristige Trends, die keinen linearen, sondern einen exponentiellen Verlauf nehmen, bis sogenannte Kipppunk­te erreicht werden. An einem solchen Punkt können die ökologischen, sozialen, wirtschaftlichen, politischen und administrativen Systeme deren Folgen nicht mehr handhaben und kollabieren.

Eine wesentliche Ursache, dass die Welt einen Kipppunkt erreicht hat, ist paradoxerweise, dass in großen Teilen der Welt nachholende „Entwicklung“ stattfindet und in den alten Industrieländern unvermindert fortschreitet. Dies bedeutet Wirtschafts­wachstum, bessere Ernährung und medizinische Versorgung mit der Konsequenz von Bevölkerungswachstum bei steigender Lebenserwartung und höherem Pro-­Kopf-Einkommen. Im Laufe eines Lebens hat sich die Weltbevölkerung auf mehr als 7,5 Mil­liarden verdoppelt. Alles zusammen führt zu exponentiell steigendem Verbrauch von Böden, Rohstoffen, Energie, Wasser, Luft mit Konsequenzen für den Klimawandel, dem die ariden Gebiete besonders unterworfen sind. Daraus resultieren Verteilungs­konflikte um knapper werdende Ressourcen und neue Formen des Kolo­nialismus.

Während der Bedarf nach Weltordnung wächst, schwindet die Fähigkeit, diesen Bedarf zu bedienen. Es gibt vier Modelle, wie mit der Anarchie der Staatenwelt an­gesichts des nicht vorhandenen Weltstaats umgegangen werden kann. Dem realistischen Denken entspricht das Selbsthilfeprinzip. Jeder Staat versucht so gut er kann, seine Interessen aus eigener Kraft wahrzunehmen. Für mächtige Staaten ist dies eher möglich als für schwache, zumal sie immer die Option des Isolationismus besitzen. Dem idealistischen Denken entspricht die Kooperation der Staaten durch Verträge, internationale Organisationen, das Völkerrecht und normengeleitetes Handeln, das auf gemeinsamen Werten beruht. Das Recht ersetzt die Macht.

Wenn man die Hierarchie der Staatenwelt als wesentlicher ansieht, weil die Staaten in nahezu jeder Hinsicht ungleich sind, bieten sich das hegemoniale und das imperiale Modell an. Die großen Mächte sorgen stellvertretend für den Weltstaat für Ordnung. Der (benevolente) Hegemon stützt sich auf seine überragende Leistungs­fähigkeit und die Akzeptanz der Gefolgschaft, weil er die Ordnung durch die ­Bereitstellung internationaler öffentlicher Güter garantiert, in deren Genuss die Gefolgschaft nahezu kostenlos gelangt. Die USA haben die Rolle des Hegemons nach 1945 über die westliche Welt und nach 1990 über die gesamte Welt eingenommen. Das Imperium nimmt seine Ordnungsfunk­tion über Herrschaft wahr, liefert nur Clubgüter für die Unterworfenen und stützt sich dabei auf deren Ressourcen. Die Sowjetunion gehörte zwischen 1945 und 1990 zu diesem Typ.

Erschienen in Rotary Magazin 3/2017

Ulrich Menzel
Prof. Dr. Ulrich Menzel war bis 2015 Inhaber des Lehrstuhls für Internationale Beziehungen und Vergleichende Regierungslehre am Institut für Sozialwissenschaften der Technischen Universität Braunschweig. Zuletzt
erschien „Die Ordnung der Welt“ (Suhrkamp 2015). ulrich-menzel.de

Rotary Magazin 10/2017

Rotary Magazin Heft 10/2017

Titelthema

Die geforderte Nation

Krieg in Syrien, Griechenland-Krise, Nahost-Konflikt, Brexit - außenpolitische Herausforderungen, die öffentlich kaum diskutiert werden. Kann sich Deutschland eine solche Weltabgewandtheit noch leisten?

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