Hoffmeisters Empfehlungen - Blau

01.01.2018

Hoffmeisters Empfehlungen

Blau

Martin Hoffmeister

Über Tiefe, Botschaft und Haltung einer Farbe

Blau war und ist stets mehr als eine Farbe: Blau steht für Tiefe, Haltung und Ernsthaftigkeit, ebenso wie es Stetigkeit, Distanz, Zeitlosigkeit, Unendlichkeit und Aristokratismus symbolisiert. Ob in bildender Kunst, Musik oder Mode: Wer im Zeichen des Blau agiert, hat eine Botschaft.

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Spätestens seit Miles Davis‘ stilbildendem Album „Kind of Blue“ und dem entsprechenden Verweis des Trompeters auf den Blau-Kosmos des französischen Malers und Bildhauers Ives Klein zeichnet die Farbe im Jazz als Referenz für Coolness, Reduktion, Klarheit, Melancholie und balladeske Einlassung. Die Quintett-Formation um Saxophonistin Ilona Haberkamp und Flügelhornist Ack van Rooyen zelebriert mit „Lost into the Blue“ eine variantenreiche wie zeigemäße Hommage an die Granden des Cooljazz, ohne deren klangliche Abstraktionswerte zu kopieren. So präsentieren die neun Nummern der CD zwar eine ausgewiesene Affinität zum Weniger-ist-mehr, zu Transparenz, subtilem Interplay und Zwischenton, feiern aber ebenso satte Melodielinien und atmosphärische Schattierung. Die ozeanische Dimension einer Farbe erkennt sich im tönenden Diskurs.

Wenigen Malern des Expressionismus sind Farbempathie und Farbenthusiasmus nachzurühmen wie Emil Nolde. Seine koloristischen Explosionen nehmen durch Strahl- und Suggestivkraft ebenso für sich ein wie durch Unmittelbarkeit und Emotion. In Noldes beredt-betörenden Landschaftsbildern, den Meeres- und Himmelsansichten, opulenten Gärten- und Blumentableaus scheint kontinuierlich eine Referenzfarbe auf: In seinen vielfältigen Schattierungen setzt Blau entscheidende Akzente, definiert die „Mitte“ und markiert magische Anziehungspunkte. Die Kieler Ausstellung anlässlich des 150. Geburtstages des Künstlers zeigt und reflektiert Noldes Schaffen in Korrespondenz mit der Künstlergruppe „Brücke“, deren Mitglied der Maler für 20 Monate war. Die rund 140 Exponate aus der Zeit zwischen 1899 und 1912 bezeugen schillernde Metamorphosen wechselseitiger Abgrenzung und Inspiration.

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© Mare Verlag

Island lädt zum Erkunden und Erzählen ein. Erfahrenen wie wortmächtigen (Reise-)Autoren wie Karl Wetzig bietet die Insel zahllose Ansatzpunkte: Geschichte und Geschichten, Anekdoten, Extrem-Erfahrungen, Surreales wie Existentielles. Mit Sinn für Zuspitzungen, dramaturgische und verbale Kunstgriffe inszeniert Wetzig „sein“ Island. Dabei erweist sich der Text nicht als  touristische Event-Begleitung, vielmehr steht die differenzierte Auffaltung solitärer Eindrücke und Erfahrungen im Zentrum. Im Verein mit tiefgreifenden historischen Einlassungen zeichnet der Autor Landschaftsimpressionen, erklärt Wetterphänomene, reflektiert literarische Aspekte und Sprache, portraitiert Menschen, folgt Naturgeistern und skizziert die Geheimnisse Reykjaviks. Über allem aber steht die Erfahrung des „schieren Blau“ als entgrenzendes Licht- und Farbphänomen.

Kulturgeschichtlichen Aspekten des Sujets „Blau“ ist der gleichnamige Essay des Philosophen Jürgen Goldstein verpflichtet. Eher rhapsodisch umkreist der Autor Wirkkraft und Rezeption einer Farbe, die über Kulturen und Epochen hinweg sich in Kunst, Literatur, Musik und als Alltags-Phänomen manifestierte.

Ob Blue Jeans, Blue Note, die blaue Blume der Romantik oder der Himmel in Caspar David Friedrichs „Mönch am Meer“: Blau schreibt Geschichte.


•  Jürgen Goldstein, Blau. Eine Wunderkammer seiner Bedeutungen, Matthes & Seitz, 235 S., 20 Euro, ISBN: 978-3-95757-383-4

• Karl Wetzig, Mein Island, Mare Verlag, 223 S., 18 Euro, ISBN: 978-3-86648-261-6

• Lost into the Blue, Ilona Haberkamp with Ack van Rooyen/The New Coolnezz, Laika Records,  3510356.2

• Ausstellung Nolde und die Brücke, Kunsthalle zu Kiel, bis 2. April 2018


 

Erschienen in Rotary Magazin 1/2018

Martin Hoffmeister

Martin Hoffmeister publiziert regelmäßig in nationalen und internationalen Magazinen und Zeitungen. Als Redakteur im Kulturressort des MDR-Hörfunk beobachtet er die Musik- und Literaturszene seit mittlerweile drei Jahrzehnten. Im Rotary Magazin empfiehlt er Neuerscheinungen aus dem Kulturleben und Fundstücke von seinen Reisen.

www.mdr.de

Rotary Magazin 6/2018

Rotary Magazin Heft 6/2018

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